Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der JSraeltt HWWWMWWWWMW^?M SW^W «ette 4. Nr. S3__ Gebilde der Kunst, auch von ihm allein. Aus meinem eigenen Innern stammt das Lebendige, das mir im Bild, im Touwerk, in der Dichtung Wiederum entgegentritt, als wäre es ein fremdes. Meine Gefühle werden in das Objekt hineinverlegt („projiziert") und so mit ihm verschmolzen, daß sie mir als „Ausdruck" des Objektes erscheinen. Alle Versuche der Psychologie das zu erklären, sind bisher mißlungen. Das „Geheimnisvolle" bei der Einfühlung besteht in der restlosen Einheit, zu der mein Gefühl mit der Anschauung verbunden ist. Mit dem Ausdruck „Assoziation" ist nicht weit zu kommen. Erweist immer aus eine Verknüpfung anfänglich getrennter Elemente, auch wenn der Vollzug dieser Verknüpfung blitzschnell und unwillkürlich gedacht wird. Aber gerade von einem solchen Zusammenschweißen heterogener^ Bestandteile ist bei der Einfühlung, wenn wir" sie unbefangen beobachten, nichts zu finden. Nehmen wir an, ich betrachte eine Statue der Niobe und ihres schutzsuchenden Töchterchens. Entsteht hier etwa zuerst die Wahrnehmung reiner Linien- und Flächenverhältnisse, alsdann die Vorstellung von Gefühlen der Angst und des Hilfesuchens, und findet schließlich ein Jnbeziehungsetzen dieser Ertebnisie statt? Gewiß nicht! Nirgends in mir entdecke ich ein solches Nach- und Nebeneinander von gefühllosem Wahrnehmen, anschauungslosem Fühlen und endlichem Verknüpfen. Vielmehr ist der Gesichtseindruck mit jenen Gefühlen so innig eins, daß ich sage: die Statue hat den Ausdruck der Angst. Angstgefühle, die irgendwie von dem Gegenstände der Wahrnehmung gettennt wären, kommen in meinem Bewußtsein überhaupt nicht vor. Ich erlebe sie nur als Ausdruck der Niobe. Sie erscheinen mir, obwohl es im Grunde meine Gefühle sind, als das aus den Formen sprechende Leben, gleichsam als die eigene Seele dieser Formen. Darin eben besteht das Wesen dieser Einfühlung. Der Verfasser sucht nun das Problem der Einfühlung für die Berechtigung des Monismus fruchtbar zu machen. „Wir wissen, um welche Elemente es sich handelt. Gegeben ist ein sinnlich Wahrnehmbares, ein Gegenstand der Außenwelt und auf der anderen Seite mein Ich, das die Fülle seines Gefühlsinhaltes in jenes Objekt hinüberströmt. Also ein Körperliches und Geistiges, das sich verbindet und durchdringt? .Es ist nicht anders ... So beruht die Möglichkeit der Kunst aus einer Verschmelzung von Sinnlichem und Geistigem. Liegt nicht darin eine Gewähr, eine mit anschaulicher Kraft erlebte Ahnung, daß es nicht feindliche Substanzen sind, die zu so inniger Gemeinschaft sich vereinen können. Die Materie aufgelöst in Geist (das Geistige) gleichsam die feinsten Adern der Materie durchdringenddieses Wunder erfüllt sich im Tatbestand der Kunst. So bezeugt sie dem tieferen Betrachter die metaphysische Einheit von Körper und Geist." In ähnlicher Weise wird nun gezeigt, daß die Kunst auch „den Abgrund zwischen Natur und Ich überbrückt" und endlich verschwinde vor ihr auch „der Gegensatz zwischen Gott und Mensch." Wie das der Verfasser zeigt, das ist sehr unterhaltlich zu lesen und bereitet dem Ästhetiker durch die Form der Darstellung zweifellos Vergnügen. Aber man greift sich an den Kopf: „Was ist denn mit alledem für den Monismus bewiesen, für die ganz bestimmte Form der Weltanschauung, die von naturwiffenschaftlichen Erkenntnisien ausgehend, sich in Gegensatz zum religiösen Dualismus stellt?" Es ist, man verzeihe den Ausdruck, Bauernfängerei, wenn man mit derartigen ästhetischen Betrachtungen, die absolut unverfänglich und z. T. unantastbar sind, Stimmung macht für eine Bewegung, die den positiven Religionen feindlich entgegentritt. Man kann nur schwer die Ruhe bewahren, wenn man sieht, wie Gedankengänge, die zum Teil recht eigentlich erst eine Schöpfung der religiösen Weltanschauung, des Monotheismus sind, als Ergebnisse des „monistischen Denkens" aller Welt verkündet werden und'.als Stütze des „Monismus" dienen sollen. Die Einheit, die das gesamte All beherrscht, die Harmonie, mit der alles Sein und Geschehen sich ineinander schlingt, die unendliche Mannigfaltigtigkeit der Beziehungen zwischen Körper und Geist, die Möglichkeit des Wirkens der beiden Substanzen aufeinander, dies alles ergibt sich ja dem Gläubigen recht eigentlich aus dem Glauben an den einen Gott, der mit Seiner Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart eben das All durchdringt, Seine Schöpfer- und Erhaltertätigkeit ununterbrochen bewährt, das Ein und All ist, auf das ein jedes . Objekt und jedes Ereignis als Wirkung zurückgeht. Das Problem der „Einfühlung" ist nur ein ganz spezieller Fall des allgemeinen Problems: wie sind die beiden Substanzen, Körper und Geist auseinander zu erklären, aufeinander zurückzuführen. - Wenn aber die „Einfühlung" in uns vom künstlerischen Standpunkt die Ahnung einer höheren Einheit erweckt, wer darf uns hindern, diese Einheit monotheistisch auf den Schöpfer zurückzuführen, statt monistisch ans die Natur? Es wäre eine dankbare Aufgabe, einmal zu zeigen, wie unendlich viel der Monismus besonders unserer Popularphilosophen und Dichter den Anregungen verdankt, die sie aus der religiösen Erziehung gewonnen, wie der besondere Reiz mancher Werke, die hinreißende Form ihrer Darstellung, der dichterische Wert ihrer Gestaltungs- __4. Juni 1908 kraft aus der liebevollen Versenkung in die Natur, aus der andächtigen Betrachtung der Wunder quillt, die sich dem offenen Auge immer von neuem in der Fülle des Seins, in dem bunten Spiels der Erscheinungen bietet. Doch eben wird mir der zweite Band des von mir in diesen Artikeln besprochenen Werkes, der eine Reihe von Abhandlungen zur Geschichte des Monismus enthält, zugesandt. Es wird in der Kritik dieses zweiten Teiles die Möglichkeit geboten sein, auf dies wichtige Moment einzugehen. Scbev«otd-6eäan>ren. Wogende Weizenfelder — nächtliches Thaurostudium! W a r e n es, s i n d es wirklich Gegensätze, wie eine junge Weisheit wähnt? Führt keine Gedankenbrücke vom stillen Forscherglück des Lernenden hinüber zur lauten Freude der die Sichel schwingenden Landleute? Laßt uns der Antwort lauschen, die unser Thorafest auf diese Frage gibt. Nicht in den blühenden Ebenen Sarons, nicht am rauschenden Jordanstrome, auch nicht auf den grünen Höhen Hermons und Tabors offenbarte sich die Majestät des Einzig-Einen Gottes, sondern auf den öden, kahlen Felsen der Wüste npsn oipea mm nana. Nicht in der Heimat Israels, in Palästina, wurde die Thora gegeben, sondern in der herrenlosen, in der Keinem und Allen gleich gehörenden Wüste Sinai. Das Gottesgesetz erschöpft sich nicht in einer Staatsverfassung, die mit dem Untergange des Staates ihre Geltung verloren hätte, nicht in einem nationalen Recht, das mit dem Heimatswechsel außer Kraft getreten wäre. Nicht im Lande der Juden hat die Wiege des Gottesgesetzes gestanden — und es hat darum auch nicht in den Trümmern des jüdischen Staates sein Grab gefunden. — Fern von der Verkehrsstraße der Menschen wurde dem heimatlosen Wanderer das höchste göttliche Glück zuteil- und er zog in die Heimat, getragen vom Gesetz, und nahm sie in Besitz für dieses Gesetz und büßte sie wieder ein, und nun stand er wieder da, einsam und verlassen, heimatloser als je znvor. In der lieblosen Fremde aber harrte seiner das ebenfalls einst in heimatloser Fremde erworbene Gesetz, das ihn begleitete, ihm Kraft gab und Mut und stolz ihn erhielt, solange auch er fest und tteu zu ihm hielt, mann na a^apn dn n'aa:! m on^y nsa .□amaap «nn OV in^> dki aöiD Dlv, nicht aber ns! Dort, wohlgemerkt! nicht hier! Und darin liegt die eindringliche Mahnung und Warnung der unendlichen allumfassenden Liebe Gottes, die schon am Tage der Gesetzgebung Die Umgebung suchte der peinlich werdenden Situation zu entgeh«!, indem sich die Daryen entfernten und Norbert den erregp gewordenen Schwätzer nur mit Anwendung etwas größerer Gewalt sortzuziehen suchte. Zornesröte überzog das fahle Gesicht des Zungen Menschen. „Der Kerl ist besoffen", raunte er Schultheiß zu, der verblüfft dastand. Inzwischen hatten sich die Zeugen dieses Vorganges nnt indignierten Mienen und Blicken entfernt, wobei sie scheu und wie um Entschuldigung bittend, den Assessor anblickten. Der Streit um Gott, Geist und Seele war von dem Gymnasiasten von Neuem ausgenommen worden, fand aber nicht mehr die rechte Beachtung. Nur Kronroeilers Jüngste, Adele und zwei Freundinnen, hörten der Unterhaltung, an der sich nun auch Noch andere junge Leute beteiligten, mit unvermindertem Interesse zu. „Jawohl," schloß Felix, der Gymnasiast, „mit der Unsterblichkeit ist's vorbei. Kein Anserstehen, kein Wiedersehen. Daran glauben selbst nicht mehr die fanatischsten Pfaffen. Sie machen's nur andere weiß." „Und dann sieht man sich nicht wieder?" frug Adele schüchtern. „Wo willst du dich denn mit den Toten Wiedersehen?" antwortete der Jüngling mit der Gegenfrage. „Oder , denkst du", fuhr er fort, „wenn Jemand draußen sechs Fuß tief in der Erde liegt, oder sich vernünftigerweise verbrennen läßt, er könnte einem zwischen hier und dem Mond, ober zwischen Mars und Jupiter so lange unsichtbar herumfliegen, bis der andere unsichtbar Gewordene denselben Weg einfchlägt?" „So trennt also der Tod die Menschen auf immer und ewig?" frug mit bebenden Lippen das junge Mädchen. . „Selbstverständlich!" bestätigte Felix. „Ob man sich geliebt oder gehaßt hat, sobald man tot ist, Jft man von den Lebenden abgeschnitten und die Toten kommen erst recht nicht mehr zusammen", schloß der Gymnasiast und blickte triumphierend seine Kousine an. In den dunklen Kinderaugen leuchtete es einen Augenblick lang aus, dann sahen sie erschreckt zur Decke. „Das wäre ja schrecklich, wenn's wahr wäre," kam es dann leise von ihren Lippen. „Ist aber wahr; aber schrecklich? Nee! Man kann sich ja so lang man lebt oft genug sehen, sich zanken oder lieben und, wenn's sein kann — küssen." Der Gymnasiast war, während er sprach auf das Kind zugetreten und suchte sie m umfaßen. Sie stieß ihn unwillig zurück. „Was fällt dir ein?" frug sie unfreundlich. „Da es nun doch einmal kein Auferstehen gibt, so muß man sich hier lieben. Kleine." Der Gymnasiast wollte sich ihr wieder nähern, als der alte Justizrat, etwas schwankend, am Arm des Assessors hinzutrat. „Hab' dem Kollegen alles erklärt. Er wird morgen zur Seelenfeier in die Synagoge gehen. Großartig! Der einzige acht getaufte Christ will am Jomkippur in Schule gehen und wir waschechten Juden denken nicht man daran, daß Bersöhnungstag und Seelenfeier ist. Wir haben ja auck keine Seelen mehr." „Gottlob, könnte man sagen, wenn man an einen Gott glaubte", mischte sich letzt der ebenfalls in Weinlaune geratene Privatdozent hinzu. „Und dennoch haben Sie sich taufen lassen, Herr Doktor?" frug Schultheiß, mit unüberhörbarem Sarkasmus. tete „Nicht dennoch, sondern gerade deshalb!" anttvorjener. Schultheiß, blickte sekundenlang' den sich spreizenden Sprecher mit maßlosem Erstaunen an, dann sagte.,err ate sind unglaublich offenherzig. Haben Sie das bei Ihrem Wechsel auch so gehalten?" ' Nachdem noch ein Stündchen getanzt worden war, entfernten sich die Gäste. Droschken und Antos fuhren davon und noch eine kui^e Weile, da lag das Haus und die Straße im Dunkel der Nacht. Der Festabend war nicht zur vollen Befriedigung der Gastgeber verlaufen. Der alte Justizrat hatte durch sein, wie Frau Margot Kronweiler sagte, UNqualisizierbares Benehmen und in seiner offenbaren Trunkenheit einen Mißton in die Festlichkeit gebracht und, was geradezu als Pöbelhastigkeit empfunden worden war, viele Gäste beleidigt. Er hatte sich über die verflossenen Glaubensgenossen, die unter sich den christlichen Umgang bei anberen getauften Juden suchten, lustig und sie bei dem christlichen Gast verächtlich, und noch schlimmer, er hatte sie lächerlich gemacht. Der Assessor Schultheiß hatte den Privatdozenten in offenbar geringschätziger Weise brüskiert, was einen weiteren Mißton in die Geselligkeit brachte, wenngleich der Assessor mit Geistesgegenwart und Takt sich in den Schranken des guten Tones hielt, was dem Prlvatdozenten nur halb gelungen war. „Hält' ich ahnen können, daß es so käme", sagte der Kommerzienrat nnt schlecht verhehltem Aerger, so hätte die.Geburtstagsfeier schon heute Nachmittag ihr Ende erreicht." „Dir war's wohl um den Jomkippur zu tun?" frug sie gereizt. , „Soviel wie dir selber", gab er in gleichem Ton zurück. Schlaflos lag er dann im Bett. Seine Gedanken schwirrten wie umherstiebende FuyHy zy tyMentz Divgen, ohne flöh klären zu können. . Sein vpp V' */v \ v