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Der Israelit · 1908-06-04 · Heft 23 (4.6.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 23 (4.6.1908)
Date
1908-06-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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ftt. 28. Der Israelit. Seite 3. 4. Juni 19«. m'ige erörtert. Wir sind nach wie vor Gegner jedes Zwanges in religiösen Dingen, einerlei ob er von neologer oder von orthodoxer Seite ausgeübt wird, wo aber der obligatorische Religions-Unterricht einmal besteht, halten wir zum mindesten die Erteilung vom Dispens zu Gunsten der Dissentierendcn für unerläßlich. 6in lTIuRerinftifuf. Angesichts der Bemühungen des Verbandes der Sabbatfreunde um die Schaffung einer Darlehenskasse ist es besonders interessant, einen Blick auf ein in New-Aork seit 15 Jahren bestehendes ähnliches Institut zu werfen, das mit außergewöhnlichem Erfolge tätig ist und dessen Jahresbericht uns gerade vorliegt: die Hebrew Free Loan Association. Der Verein hat während des Jahres 1906 insgesamt 14,400 Darlehen im Betrage von 672,000 Dollar gewährt, obgleich er gerade während jenes Jahres sechs Monate lang infolge der Errichtung eines eigenen Vereinshauses nicht in normaler Weise arbeiten konnte. Seit seinem Bestehen beträgt die Summe der gewährten Darlehen 2,285,000 Dollar in 103,000 einzelnen Ausleihungen! Dabei ist zu berücksichtigen, daß das ganze Leih-Kapital des Vereines 87,000 Dollar beträgt, daß er also fein Geld in einem Jahre nicht weniger als 5 mal umgesetzt hat. Der Zweck des Institutes ist in dem Statut wie folgt formuliert: Aufgabe der Gesellschaft ist, bedürftigen Leuten an Stelle von Almosen Darlehen zu gewähren und auf diese Weise respektable Personen, deren Charakter und Selbstachtung es ihnen nicht gestattet, Almosen zu empfangen, die aber ein rückzahlbares Darlehen wohl annehmen, zu unterstützen und ihnen auf diese Weise die Schwierigkeiten im Kampfe um das Dasein zu erleichtern. Der Verein gibt Darlehen in Summe von 5—200 Dollar an Darlehensnehmer ohne Unterschied der Nationalität, Religion oder Nasse, ohne Berechnung von Zinsen und Kosten, irgendwelcher Art gegen Schuldscheine, die von Geschäftsleuten nnterzeichnet sind und unter der Bedingung, daß die Darlehen in wöchentlichen Raten zurückbezahlt werden. Selbstverständlich ist der Betrieb nur dadurch möglich, daß der Verein Geschenke und regelmäßige Beiträge von unterstützenden Mitgliedern empfängt, wodurch die Kosten der Geschäftsführung und die ja unvermeidlichen, wenn auch sehr kleinen Verluste gedeckt werden. Der Verein ist infolgedessen sogar in der Lage, sein Kapital von Jahr zu Jahr zu erhöhen und hat jetzt, wie bereits erwähnt, cin eigenes Gebäude in der Noomi ihren reichen Neffen um Unterstützung bitten? Sie bringt es nicht übers H-rz und wer weiß, wie er's aufnehmen würde. Absichtlich wird der reiche Boas schon B. 1 eingeführt, damit das jo deS folgenden Verses die Situation erhelle. Sie wollen sich nicht der Gefahr aussetzen, der „arme Verwandte" so oft anheimfallen, ebenso entschieden wie verlegen und betreten abgewiefen zu werden. Darum sagt Ruth: Ehe du dich Ungelegenheiten aussetzest, laß' mich doch lieber die uns Armen gesetzlich zustehende Nachlese halten. Ruch ist bereits von ihrer Schwiegermutter über die einschlägigen Armengesetze des Judentums, wahrscheinlich schon auf jener nachdenklichen Wanderung von Moab nach Bethleheni, belehrt worden, und ste weiß, daß kein von Wohlwollen diktiertes Almosen, sondern einen von Gott dem Armen rechtmäßig zuerkannten Pflichtante i bedeutet. Sie weiß aber auch, daß dieser „Pflichtanteil" für die Bedürfniffe einer Npomi nicht ausreichen würde. - ie hofft darum im § tillen, daß ste bei Gelegenheit der Nachlese bas Wohlwollen eines edlen Menschenfreunde finden werde, der ihr mit Rat und Tat zur Seite stände. — Bei dieser Auffassung des Verses ist man der ziemlich unmonvierten Annahme enthoben, daß die „Moabiterin" den Charakter des als eines den Armen zustehenden Pflichlanteils nicht gekannt zu haben brauchte und deshalb diesen Anteil nur von einem erhofft habe, in deffen Augen sie Gunst finden würde. rPDtODPI ist vielmehr ein e.)ren des Prädi at für ein Weib, das mit einer merkwürdigen Routine si u in die neuen jüdischen Verhältnisse htneinzufindrn wußte und mit einer seltenen Zartheit die Empfindungen ihrer unglücklichen Schwiegermutter zu schonen verstand." Wir wünschen denr Büchlein, das auch äußerlich schmuck ausaestattet istdie verdiente freundliche Aufnahme in «(tat: jüdischen ' Häusern, dem Verfasser aber Kraft Second Avenue errichtet, an dem mit großen Buchstaben in hebräischen und englischen Schriftzeichen sein Namen prangt. Interessant ist übrigens auch ein Blick auf die Verteilung der Darlehen im einzelnen. Von den 14,000 vollzogenen Anleihungen fallen über 8000 auf den Betrag von 25 Dollar, 35 auf je 5 Dollar und 97 auf je 200 Dollar. Das zeigt jedenfalls deutlich, daß die Wirksamkeit des Vereines den wirtschaftlich schwächsten Elementen unter der erwerbstätigen Bevölkerung zugute kommt. / , — .— I—II» — — l > . Der Monismus. Von Dr. I. Wohlgeumth in Berlin. (Schluß.) II. Der Beitrag von Friedrich Steudel*): „Monismus und Religion" zerfällt in zwei Teile: 1. Genesis und Kritik des dualistischen Gottesglaubens und 2. die Religion als Lebens- und ZukunftSglück. Ich kann hier leider nicht wie im vorhergehenden in kurzen Worten das System herausschälen, denn es ist in den Ausführungen Steudels durchaus nichts Originelles zu finden. Es sind die altbekannten Einwände gegen die Lehren der positiven Religion. Das neue ist immer die Bezeichnung: dualistischer Gottesglaube für den Glauben der positiven Religionen, während man früher sagte: Theismus und die Bezeichnung: Monismus für das, was früher Pantheismus hieß. Schon ein flüchtiger Blick in Steudels Ausführungen beweist jedem, daß es sich eben nur um durchaus alte Dinge handelt.' Ganz dasselbe gilt von dem positiven Aufbau, den Stendel in seinem Beitrag gibt, von dem Abschnitt: „Die Religion ' als Leben und Zukunftsglaube." Auch hier haben die neuen Ideen absolut keine Beziehung zum Monismus. Die philosophische Grundlage ist der Pantheismus, wie ihn Spinoza philosophisch und Goethe dichterisch ein für allemal in vollkommenster Weise ausgebildet. Wer sich einmal mit diesen beiden auseinandergesetzt und ein jeder, der überhaupt Sinn und Verständnis für diese Fragen hat und das Bedürfnis, empfindet, in ihnen klar zu sehen, wird mit der Gedankenwelt dieser beiden ringen, *) Ein Pastor, der für den Monismus reist, ist übrigens eine originelle Figur. Stendel hat sich nach den Borträgen Wasmanns in Berlin hören lasten und jetzt wiederum hat er nach Reinke das Wort genommen. Wir leben wirklich in einer der ehrten Welt. Der Naturforscher tritt für den überlieferten Glauben ein und der Theologe sucht ihn zu untergraben. und Aiutze, dieser exegetischen Erstlingsarbeit andere Bücher der Bibel, in gleichem Geiste bearbeitet, recht bald folgen zu lassen. Hel« Meäerseben. Eine Erzählung aus der Gegenwart. (Schluß.) „Bitte, darf ich etwas von Ihrem ungesprochenen Plaidoyer erfahren?" fuhr sie in ihrer ungezwungenen Weise fort. „Kann man denn in einer solchen angenehme Gesellschaft und glänzenden Umgebung an einen Gerichtshof und gar an einen SlHvurgerichtshof denken? frug Schultheiß galant zurück. Und dann vergaß er in der anregenden Konversation, was ihn bisher gefangen genommen hatte. Bald darauf erschienen Aufwärter, welche die Tafel abräumten, während die Gäste sich in die Nebenräume begaben. Schultheiß bot dem Mädchen den Arm; sie begaben sich in das Gesellschaftszimmer, wo sich kleine Gruppen gebildet hatten. In einem Winkel saßen bei den jungen Mädchen die jüngsten der geladenen Herren. Sie rauchten stark und in der animierten Stimmung, wie sie nach Champagner einzutreten pflegt, brannten sich auch einige der Mädchen Cigaretten an. Der Gymnasiast, ein Neffe der Frau Kronweiler, führte in diesem Augenblick das Wort. Er verteidigte Häckel und seine gelösten Welträtsel gegen die hartnäckigen Zweifel einer hübschen blonden Frau, die als höchst belesen galt und Hörerin an der philosophischen Fakultät war. „Alles Unsinn!" lehnte der Gymnasiast, mit der Ungeschlljfenheit eines, achtzehnjährigen Jünglings ich sage, ein jeder, der zu diesen Stellung genommen hat, ist gegen die Lehren Friedrich Steudels gefeit. Im übrigen sagt er selbst, daß seine Ausführungen nicht den Anspruch machen, originell zu sein, er verdankte Albert Kalthoff in der Ausgestaltung seiner religiösen Lebensauffaffung die kräftigsten und nachhaltigsten Anregungen. Hervorgehoben sei noch, daß er weit davon entfernt ist, sich der naturalistischen Weltanschauung eines Häckel anzuschließen. Er legt seinen diesbezüglichen Ausführungen das Wort Goethes zu Grunde: „Es gibt in der Natur ein Zugängliches und Unzugängliches. Dieses unterscheide und bedenke man wohl und habe Respekt. Es ist uns schon geholfen, wenn wir es überall nur wissenwiewohl es immer sehr schwer bleibt, es zu sehen, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Wer es nicht weiß, quält sich lebenslänglich am Unzugänglichen ab, ohne je der Wahrheit näher zu kommen. Wer es aber weiß und klug ist, wird sich am Zugänglichen halten, und indem er in dieser Region nach allen Seiten geht und sich befestigt, wird er sogar auf diesem Wege dem Unzugänglichen etwas abgewinnen können, wiewohl er hier doch zuletzt gestehen wird, daß manchen Dingen nur bis zu einem gewissen Grad beizukommen ist und die Natur etwas Problematisches hinter sich behalte, welches zu ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht hinreichen." III. Der Aufsatz: „Monismus und Kunst" dann hier ebenfalls nicht ausführlich behandelt werden, obwohl er gerade, tute bereits erwähnt, ein Schulbeispiel dafür wäre, daß rein wissenschaftliche ästhetische Untersuchungen, die mit Monismus und Dualismus wahrlich nicht das geringste zu tun haben, in eine vermeintlich höhere Spare gehoben werden sollen dadurch, daß sie mit monistischen Wendungen verbrämt werden. Karl Wolff behandelt in seinem Aufsatz: „Monismus und Kunst" vor allem das Problem „der Einfühlung". Es ist das ein Fachausdruck der modernen Aesthetlk. Es handelt sich ganz kurz gesagt um folgendes : die Welt der Kunst ist eine Welt des Scheines. Das Körperhafte besteht in beklexter Leinwand und Marmorklötzen, schwingenden Schafdärmen und bedrucktem Papier: In unserem Geiste ersteht daraus die Insel der Seligen und der Apoll von Belvedere, Beethovens Neunte und Goethes Faust. Da ergibt sich die Frage: woher in dieser Scheinwelt die unbegreifliche Fülle des Lebens? Woher die Macht, des Menschen tiefstes Wesen zu Lust und Schmerz emporzurütteln. Die Lösung lautet- Nicht nur in unserem Geist allein leben die aus den besseren Kreisen die Einwände der Dame ab. „Seete, Geist oder wie Sie sonst diese unmeßbare und sinnlich sonst nicht wahrnehmbare Sache nennen wollen, gibts 'einfach nicht. Entspringt einfach dem Zusammenwirken von Nerven und Muskelsubstanz, zwischen denen das Blut die vermittelnde Rolle spielt. Das ist doch furchtbar einfach." Die jüngste Tochter Kronweilers, das bildhübsche Backfisch chen, blickte voller Bewunderung den Augen Vetter an, der im weiteren Verlauf des lebhaften Gespräches schließlich an der Unsterblichkeit angelangt war. Auch hier zeigte er sich bewandert, und erstaunt hörte der hinzugetretene alte Justizrat zu. „Ein nettes Kolnidregespräch", lachte er rücksitchslos dazwischen. Die Gäste fanden diese Bemerkung, zumal in Gegenwart des Herrn Schultheiß unmanierlich. Der alte Herr, dem der Wein und Champagner zu Kopf gestiegen war, und jetzt eine schwere Cigarre rauchte, wandte sich direkt an Schultheiß. „Wissen Sie, was Kolnidre ist, Herr Assessor? Oder Jomkippur?" „Nein, kenne beides nicht," gestand verwundert der junge Mann, während eine peinliche Stille eingetreten war. Nur vier, fünf Sekunden lang. Da versuchte Norbert, der Sohn des Hausesden Justizrat, den er unter dem Arm faßte, sanft hinwegzuziehen. „Sie versäumen Ihren Mokka", unterbrach er den Alten. Doch dieser drängte ihn ruhig zur Seite und rief noch lauter: „warum soll der Herr Assessor von einem alten Kollegen nicht erfahren, was Kolnidre und Jomkippur ist? Heute ist er doch in jüdischer Gesellschaft, selbst und obgleich auch viele verflossene Glaubensgenossen jetzt auf das Kreuz schwören, wSl der Halbmond hier nichts einbringt."

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