Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1908)
- Date
- 1908-06-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3. Nr 23 Der JSraelit 4 Jun 1908. £' % Wenn mit dem Schowuoth ein Hauch des ulten Ahnengeistes durch die jüdischen Reihen geht, der angesichts des flammenden Sinai dem Pater Israels und der Menschheit sein ntryi yotWI entgegen gejauchzt, und aus der Höhe dieses Geistesflugs die kleinen bibelkritischen Stürmer mit ihren Scheitlein, die sie in die Flammen zur Verbrennung ihres eigenen Heilserums tragen, noch kleiner als sonst erscheinen, dann bedarf es nur eines prüfenden Blicks auf sie und ihr aus allen Zeiten und Zonen zusammengelesenes Material, um das Geheimnis ihrer Erfolglosigkeit sofort zu begreifen. Alle Argumente, alle Thesen und Hypothesen, ihr ganzer philologischer archäologischer und historischer Apparat, alle Geschütze, die sie mit ihrer Pygmäenweisheit herbeischaffen können,sind der Zeit und dem Raume, sind der Endlichkeit und Beschränkung entnommen und sie glauben mit solchen Geschossen die Ewigkeit treffen, die Göttlichkeit erreichen und den Himmel stürmen zu können! Die Thora und ihre Wahrheit ist aber über Zeit und Ort so himmelhoch erhaben, daß sie es verschmäht uns über den Tag und den Ort aufzuklären, an dem sie vom Himmel der Erde geweiht wurde. Und sie sehen nicht, wie sie dieses Gesetz nicht bekämpfen und zu gleicher Zeit leugnen können, wie etwas, das man schon über 3200 Jahre bekämpft, doch mit einer Lebenskraft ausgestattet sein muß, die nur der Herr des Lebens seiner Thora des Lebens zu verleihen vermag. Zeit und Raum, die alles menschliche Denken und Handeln begrenzen und tragen, sind selbst zwei schwere Probleme, die weit über unsere Vorstellung und Erkenntnis hinausragen. Wir können uns z. B. keinen Zustand ohne Zeit denken, obwvhl wir wissen, daß Zeit nichts als das Maß der Bewegung der Himmelskörper ist. Wenn bestimmte Gestirne ihren Lauf zurückgelegt haben, so sageu wir, daß ein Tag, ein Monat, ein Jahr also eine gewisse Zeit verflossen ist. Demnach hat es keine Zeit gegeben, als es noch keine Himmelskörper gab, ein Zustand, den sich auch nur vorzustellen unsere Anschauung nicht vermag. Als dem ersten Juden die göttliche Verkündung wurde, daß er der Stammvater des Volkcs werden sollte, das einst das Gotteswort der Menschheit zu bringen berufen sei, wies ihn Gott auf die Sterne am Himmel, diese leuchtenden Zifferblätter der Zeit und sprach: So sollen deine Nachkommen werden!" Die Weisen aber erläutern diesen Hinweis noch durch die Bemerkung: irvaam W "Mno lK'inn MD'Dn 7» nVyoV daß Gott Abraham über über den Raum der Welt hinaushob und ihn über die Sterne stellte. — Damit hat Gott seinem Volke und dem durch es vermittelten Gesetz ihre Stellung hoch über Raum, Zeit und ihren Maßstäben angewiesen. Pie Thora nach den Bedürfnissen von Zeit und Ort umzugestalten, hieße das Ewige, himmlische, Göttliche, von dem Vergänglichen, Irdischen, Menschlichen abhängig machen.' Alles, was uns umgiebt, ist an Zeit und Ort geknüpft, über sie hinaus ragt keine sinnliche Wahrnehmung. Alles wird von Zeit und Ort beeinflußt, ohne sich diesem Einfluß entziehen zu können. Die Thora allein ist unabhängig von Ort und Zeit. Sie ist das Absolute, Feststehende, an dem sich die Flucht der Zeiten bricht und das von keinem Ort beeinflußt wird. Deshalb legt sie Ort und Zeit nicht nur nicht die Wichtigkeit bei, der wir sonst allenthalben begegnen, sondern sie lehrt so ungemein viel, durch, das was sie verschweigt, durch das, worüber sie momentan uns in Ungewißheit läßt, um uns am Feste ihrer Offenbarung die Wahrheit in die Seele zu reden. Wer die Thora an die Zeit knüpfen, die Zeit als' das feststehende und die Thora als etwas ihr Anzupassendes hinstellen wollte, der hat die Thora aufgehoben. Und wie die Zeit so der Ort. Welches auch immer der Ort der Offenbarung der Gottesherrlichkeit sein mag, der von ihr ausgehende Segen ist davon völlig unabhängig. .minn na -psd nt mn min1? crny yaipri .iD'ipDtt 'n to: Tni Kochmr«n§s<Ha«. HJürffembergifches. In Stuttgart fanden dieser Tage Wahlen für das Kirchenvor st eheramt statt, die sich unter dem Feldgeschrei: „für und wider den obligatorischen Religions-Unterricht" vollzogen. Im Borjahr erging nämlich auf Veranlassung der israelitischen Oberkirchenbehörde eine Verfügung des Kultusministeriums, die. den bisher fakultativen Religionsunterricht der jüdischen Schüler der höheren Schulen für obligatorisch erklärt. Darob natürlich große Entrüstung unter den liberalen Kämpen der Stuttgarter Gemeinde, die bis zur Drohung mit einer Separation stieg. Bei den erwähnten Wahlen zeigte es sich zur allgemeinen Ueberraschung, daß die Anhänger des obligatorischen Religionsunterrichtes die große Majorität besitzen. Bei ungewöhnlich starker Wahlbeteiligung wurden für die Anhänger des obligatorischen Unterrichtes im Ganzen 688, für die Gegner 377 Stimmen abgegeben. Wohl wurde in Folge von Stimmzersplitterung einer dieser Gegner gewählt, allein von ihm lag die Erklärung vor, daß er zwar prinzipiell gegen den obligatorischen Religions-Unterricht sei, daß er aber nach Lage der Sache jedenfalls im gegenwärtigen Moment gegen jegliche Agitation in dieser Frage sei. So hat er auch eine Petition, die gegenwärtig zirkuliert, und in der die Oberkirchenbehörde und das Kultministerium aufgesordert wird, die Verfügung zurückzunehmen, nicht unterschrieben. Die israelitische Oberkirchenbehörde hat nachträglich einen vermittelnden Entschluß gefaßt, wonach alle Schüler an höheren Lehranstalten vom obligatorischen Religions-Unterricht befreit werden sollen, deren Eltern den Nachweis erbringen, daß ihre Kinder irgendwie einen privaten Religions-Unterricht erhalten. So erfreulich es an und für sich ist, daß auf einem so sterilen Boden, wie es Stuttgart in religiöser Hinsicht seit Jahrzehnten leider war, wieder „religiöses" Leben sich zu regen beginnt, so lächerlich ist es, hier von einem Kampf der. Orthodoxie gegen den Liberalismus zu sprechen, wie es die „Frankfurter Zeitung" in ihrer No. 150 tut. Unsere Leser wissen ja, daß sich in Stuttgart nur ein Häuflein wirklich Gesetzestreuer befindet, das sich außerhalb der Hauptgemeinde, in der Stuttgarter Religions-Gesellschaft seinen eigenen Kreis geschaffen hat. Es ist höchst bezeichnend für den Kurs, deu die „Frankfurter Zeitung" bei der Behandlung jüdisch-religiöser Fragen neuerdings eingeschlagen hat, daß sie hier künstlich einen Kampf oer Orthodoxie gegen den Liberalismus konstruiert, während sie vor einigen Monaten bei Gelegenheit der badischen Synodalwahlen sich zum Schildhalter des Oberrats aufwarf und in dieser Rolle kein Sterbenswörtchen gegen den obligatorischen Religionsunterricht in Baden zu sagen wußte. Daß es in Baden recht häufig zu einem Gewissenszwang in Sachen des Religions-Unterrichts kommt, haben ja die von uns wiedergegebenen Ausführungen des demokratischen Ab geordneten Heimburger anerkannt, allerdings unr einen Zwang der regierenden Neologie gegen die Orthodoxie und deshalb findet die „Franks. Zeitung" — wir betonen immer in ihrem neuen. Kurs — kein Wort des Tadels dafür. -- Unse ren eigenen Standpunkt in der Frage des Religionsunterrichtes haben wir ja schon zur Ge euilleton. gut!?. Es ist ein charakteristisches Zeichen der künstlerischen Lebensharmonie, die das Judentum seiften treuen Söhnen zu spenden versteht, daß der Gedächtnistag der unter Donner und Blitz in den Kreis der Menschheit eingetrctenen übernatürlichen Gottesoffenbarung zugleich das Bild reinster, lieblichster Menschlichkeit, ein hohes Lied jüdischer dumanitL8 uns alljährlich vor die eele zaubert: Ruth. Was am Sinai revolutionierend und zugleich Grund legend ins Dasein trat, das sollte in der hellen TageSstimmung eines ganzen vielseitigen Volkslebens seine lebendige Verwirklichung, seine menschliche Entfaltung finden, und es ist ein Ausschnitt aus der Geschichte des Gottes funkens inmitten der Menschheit, des Gotteswortes inmitten Israels, was uns in den anspruchlosen Blättern der Megillath Ruth in die Form einer leicht dahinflteßenden Erzählung gehüllt, entgegentritt. Kaum ein anderes Buch der Bibel fordert darum von demjenigen, der seinen tiefen Gehalt einem weiteren Kreise erschließen möchte, soviel Zartheit des Empfindens und taktvolle Beherrschung d.r Anödrucksform, soviel hinborchenben Ernst des Verstaut nsses und psychologische Schulung wie grade Ruth. Solch kongenialen Interpreten hat das Buch Ruth in Tr. Raphael Breuer Frankfurt a. M. gefunden, der soeben im Verlage von A. I,. HofmaW — als erstes Bändchen einer Bearbe tung der mns MWlloth — einen prächtigen' Kommentar des^Ruth- VmheS hat erscheinen laßen. In den Grundzügen der cxegetischen Method Samson Raphael Hi, sch y'xjj folgend, har der t erfass r beim Verständnis des Gedankenganges Talmud und Midrasch zu seinen Führern erkoren, und die Resultate, die er da.ei erzielr find nicht nur von bemerkenswerter gedanklicher Tiefe, sondern ste erhöhen auch den ästhetischen Reiz zahlreicher Stellen in überraschendem Maß. Alles gelehrte Beiwerk erscheint dabei restlos aufge'öst in eine dem Texte innig sich anschmiegende „Einfühlung", die keinen Zug unbeachtet läßt, keine Nüance als gleichgültig empfindet. Zwci kleine Auszüge n ögen die Wesensart des neuen Kommentars veranschaulichen: „Kap. 2 V. 1: TJO IttWV Eine Sprache hat nicht nur grammatische, sondern auch psychologische Feinheiten. Ihnen auf die Spur zu kommen, dazu bedarf es nicht nur der w ffenschaftltchen Schulung, sondern in noch weit größerem Maße der Fähigkeit des Einfühlens in den Gesamtgetst des Volkes, in welchem die Sprache lebendig ist und war. Nach einer Bemerkung des Midrasch heißt es, wie bei allen □’ipqjf der Name erst hinterdrein als Prädi'atsbestimmung folgt, so auch hier jyj DVI und nicht jya 1DW- Warum? iDEP fTQ 3TO1 DNID*? pDVW 'Ul '1/ weil ste ihrem Schöpfer gleichen, vcn dem es Exod. 6, 3 heißt: Mein Naue usw Verzweifelnd an einem heilvollen Ausgang seiner Sendung hatte Moses zu Gott emporgeschaut. Da sprach Gott zu Mosche und sagte ihm: Ich bin /_j auch da ich Abraham, Jizchak und Jakob als der allgenü e de Gott sichtbar ward, und als der, den mein Name 'i bedeutet, ihnen nicht zur Erkenntnis geworden war. Erst in den Tagen Mosche's har fich Gott stchtbarlich allen Augen durch die Schöpfung Israels als der von Anbeginn nitSHP niDDdas Abrahamsvolk durch Not und Fährnis zu einem welthistorischen Wunder gestaltende Gott offenbart. Wohl lebt der Name /ml bereits in den Entwicklungsgängen vergangener Tage. All. in ,/tqw Djn ist ein viel Tieferes, das in sein r Vollendung erst am Ende aller geschichtlich n Erfahrung unser Erbteil wird". (Komm, das) Wie Gott unabhängig von zufälligen Lagen und Verhältnissen unentwegt sein Ziel auf Erden verfolgt, und d.e Bedeutung seines Namens erst allmählich im Bcwuß sein einer späten N achwelt aufzudämmern beginnt, so verläuft auch der Weg der Q'p'PÜ über die Härten, Vorurteile, Anfeindungen einer nichtverstehenden Welt, hinan zur siegverleihenden Höhe eines von Gottgewollten Ziels, mit dessen enstiger Anerkennung auch ihrem Namen Verständnis und Verehrung zu teil werden wird. Durch Boransetzung dcs notp Begriffs vor den N.men — rop^K 1Q2P, ’OnD 1DE>1 u. a. — wird dieses abstrakte OV als Subjekt gefaßt und dann, angedeutet, daß mit den folgenden Namen von diesem an und für sich auch selbständig zu denkenden Subjekt nur etwas prädiziert werten so'.!, während bei ei> er Boranstellung des zufälligen Namens vor öen 22k-begriff — wie iQBr ,DLk n^J u. a. — dcfsen ganze Bedeutung in dem an und für sich hohlen Schall dieses zufälligen Namens erschöpft erscheint. Der wahre eines pqjj ist nicht das lee.e Wo t, das man zu seiner Anrede benutzt, sondern entzieht sich der Kognition einer nach nichtigen Zufälligkeiten ur ei enden Mit. elt, während dieses leere Wort in Wirklichkeit da' einzig unsterbliche ist, das Nicht- D'pqs der Nachwelt hinterlasscn Auch das vulgäre deutsche Sprachgefühl weiß, im Vergleich zu der Form: Boas.war sein Name, in dem Satze: Sein Name war Boas, eine Nuance des Getragenen und Feierlichen zu unterscheiden. V. 2. Nachdem der Ansturm der Begrüßungs- und Kondolenzbesuche vorüber i „ suchen fich Noomi xmd Ruth in der alten und doch so neuen Heimat etnzurichten. Wovon sollen sie leben? Me fiH arme •Sfflb.-.äjL-,