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Der Israelit · 1908-05-28 · Heft 22 (28.5.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 22 (28.5.1908)
Date
1908-05-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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9hf. 22 Seite 8. Der JSraeltt. 28 Mai 1öt8 . Nürnbergs 25. Mai. Ist kein Dalberg da? Wenn im alten Deutschen Reich eine Kaiserkrönung stattsand, fragte der Herold, ob denn kein Dalberg da sei, aus daß er zur Feier des Tages als erster zum Reichsritter . geschlagen werde! So ähnlich wäre man versucht zu rufen, wenn mattste ßrtgften Mahnrufe liest, welche unter dem"Schlagworte: Diseite mo iti. an die Oeffentlichkeit gerichtet wurden. Ist denn wirklich kein Vater da, der sich bei dieser ernsten. Lage der Zeitläufte als Erster die Palme der lleberzeugungs- Ireue verdienen möchte? Wenn die Eltern warten wollen, bis etwa eine Kollektiveingabe der Gesetzestreuen oder deren Vertretungen sie aus schwerer Gesinnurgsnot befreit, möchte es sehr spät werden. Jst's ja schlimm genug, daß ein solcher Schritt bisher nicht geschehen istallein das dispensiert doch die Väter nicht davon, endlich einmal sett Stoßseufzern und heimlichen Klagen eine mannhafte > Tat folgen zu lasten. Das müßte etwa so geschehen. Ein Vater trägt dem Rektorat seine Beschwerden vor, erklärt sich bereit, für einen adäquaten Religionsunterricht ru sorgen und stellt den Antrag, sein Kind vom Besuch des obligatorischen Religionsunterrichts zu dispensieren. Es ist sichet, daß der betr. Rektor den Antrag wohl zunächst dem nach dem Gesetz zuständigen Rabbiner, dann aber mit besten Meinungsäußerung der hohen Staatsbehörde. unterbreitet. Und von dieser hoffen wir alleswas geistliche Führer nicht gewähren wollen, wird der weite Blick der Staateslenkung gerne spenden. Deshalb mit doppelter Berechtigung rufen wir gerade den bayerischen Vätern zu: cittt2 lirnn, hieran möget Ihr selbst die Kraft Eures Opfermutes erkennen und — bewähren. Und der erste, der es wagt — ein so großes Wagnis ist es ja nicht — wird den Dank von Generationen verdienen 12 'i^n D'2"T! mi*; das aber ist der höchste Grad der Ritter'chaft den Gott seinen Getreuen verleiht. Burg,,14. Mai. Hier wurde der bei einem Landwirte in Niegripp bedienstete Knecht Johann Richter aus Könitz verhaftet, weil er sich durch Aeußerunaen über den noch nicht aufgeklärten Konitzer Mord verdächtig gemacht hat. Eine Zeugenvernehmung hat heute beim Amtsgericht stattgefunden, die aber, wie man hört, nichts von Belang ergeben hat, so daß Richter vorläusig wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Gesterroiih. Wien, 20. Mai. Zu dem Berichte über den „österreichischen Judentag in Wien" in Nr. 19 des „Israelit" erhalten wir vom Präsidenten des »Allgem. Oesterr. Israelitischen Bundes" in Wien, Herrn Dr. Alfred Stern, eine Zuschrift, die folgende tatsächlichen Ausführungen enthält: Die Wahl des Herrn Oberrabbiners Dr. Güdemann in das Komitee stand überhaupt außerhalb jeder Diskussion. Die Debatte hatte sich hauptsächlich um die Frage bewegt, ob die Ausarbeitung des Gesetzentwurfes dem Ausschüsse des Bundes oder aber einem eigens hierzu einzusetzenden Komitee übertragen werden solle. Wäre der erste Antrag angenommen werden, so wäre Herr Oberrabbiner Dr. Güoemann e8 ipso auch Mitglied dieser Kommission gewesen, da derselbe seit Bestand des Bundes Mitglied des Vorstandes in unö auch am letzten Bundestage in den Borstand wiedergewählt wurde. Erst nachdem der Bundestag den Antrag annahm, daß zu dem genannten Zwecke ein Spezialkomitee gewählt und bei der Wahl derselben hauptsächlich darauf Bedacht genommen werde, daß die Juden sämtlicher Grönländer Oesterreichs darinnen vertreten seien, war eine Wahl des terrn Oberrabbiners Dr. Güdemanns in dieses peztalkomitee notwendig geworden und über meine Anregung, conform der Anregung des Präsidenten der Brünner Kultusgemeinde Herrn Dr. Fiada, wurde Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann dann auch ohne jede Debatte einhellig in das Komitee gewählt. Daß , der „Aligem. Oesterr. Jsr. Bund" keine anttrabbtnischen Tendenzen verfolgt, möge die Tatsache beweisen, daß, obgleich der Bundestag von vornherein eine ausschließlich politische Tendenz hatte, trotzdem sämtlich» Gemeinderabbiner von Wien und — a f ihr eigenes An- . suchen — auch die Rabbrnerverbänöe von Böhmen und Mähren-Schlesien zu demselben geladen wurden. Dazu schreibt uns unser Wiener Berichterstatter folgendes: Nicht gegen den „Allgem. Oesterreich. Jsr. Bund" haben sich die Bemerkungen Ihres Berichterstatters gewendet, sondern gegen den Referenten, hinter dem nicht der „Bund", sondern die Wiener „Bne-Brith" standen. Der Vorschlag, die Wahl des Komitees dem Bundes-Ausschuß zu überlasten, dem e8 ip8v Güdemann angehörte, wurde sofort abgelehnt. Im Vorschläge aus dem Plenum, der nach langer Beratung und Debatte stattfand, war Güdemann nicht. Einzig und allein Feuchtwang hat darauf gedrungen, daß ein Rabbiner gewählt werde. Richtig ist, daß dann der Präsident und Dr. Fiada (Brünn) Güdemann vorgeschlagen haben. Den Bundespräfidcnten sollte kein Borwurf treffen, da er ihn nicht verdient. Die Gesamt-Organisation wird aber eine Mißgeburt sein und bleiben, wenn sie unter der von Sonnenschein gehißten Flagge segelt. (Ammerkung der Redaktion: Es kommt für uns nicht so sehr darauf an, ob mehr oder weniger Rabbiner an der Spitze des Verbandes stehen, sondern vielmehr auf die von ihm verfolgten Tendenzen, auf seine Zwecke und Ziele in ihrem Verhältnis zu den Interessen des gesetzestreueu Jlldentums in Oesterreich. Wie Schlimmes wir uns in dieser Beziehung vom Verbände versprechen, haben wir bereits irr. No. 19 unseres Blattes ausgedrückt und dem haben wir auch heute nichts hinzuzufügen.) Lemberg, 10. Mai. Vorige Woche fand .hier eine große Protestversammlung der jüdischen Akademiker aller Parteirichtungen statt, um gegeil die bekannte, vom Budget-Ausschufse angenommene Resolution Stellung zu nehmen. Das Referat hielt Herr Moses Frostig. Nachdem er auf beit Ernst der gegenwärtigen politischen Lage hingewiesen, ging der Redner auf den Inhalt der Resolution über. Die genaue Prüfung der statistischen Daten habe ergeben, daß die Zahl der jüdischen Schüler in den österreichischen Schulen seit dem Jahre 1881 in stetem Sinken begriffen sei. Obgleich die Berhältniszifser der jüdischen Mittelschüler im Vergleiche zu ihrer gesamten Seelenzahl unleugbar zu hoch ist, so dürfte die Aenderung dieses Verhältnisses nicht auf ungesetzlichem Wege erfolgen. Dieses Mißverhältnis würde von selbst aushören, wenn dem jüdischen Bürgertu'me andere, gesunde Lebensbedingungen geboten würden. Im übrigen warten die galizischen Mittelschuldirektoren nicht erst, bis diese Resolution znm Gesetz wird, sie drängen mit Hilfe der Schulinspektoren schon heute die Juden durch alle möglichen Chikanen aus den Mittelschulen. Gegen alle diese offenen und - geheimelt Angriffe auf die Rechte der Juden müssen nun die Juden geeinigt Stellung nehmen und in der vordersten Reihe müsse die jüdische akademische Jugend als Kämpfer für unsere bedrohten Rechte stehen. Hierauf wurde die folgende, vom Referenten vorgeschlaqene Resolution einstimmig angenommen: „$)ic am 1. Mai in Lemberg versammelten jüdischen Akademiker protestieren gegen die Resolution Schmid, welche gegen die Studienfreihei't in Oesterreich im Allgemeinen und die Gleichberechtigung der Juden im Besonderen gerichtet ist. In diesem Protest erklären sich die jüdischen Akademiker mit den Ausführungen der jüdischen Abgeordneten und des jüdischen Bundestages in Wieu in derselben Angelegenheit einverstanden und fordern alle jüdischen Abgeordneten, sowie alte fortgeschrittenen Parteien aus, den antisemitischen Ueberfalt aus die Grundrechte der jüdischen Nation in Oesterreich mit aller Energie abzuwehren." RrrMarrd. Petersburg, 15. Mai. Eine ausführliche Charakteristik der Volksschnlbildung der Juden in Rußland gab der jüdische Abgeordnete Friedemann in der Duma. Friedemann ist Vertreter eines Gouvernements des jüdischen Anstedelungsrayons, wo es weder Semstwoinstitutionen noch Gouvernementskomitees für die Volksschulbildung gibt und dieselbe ganz in das Restort des Ministeriums )er Volksaufklärung und seiner Organe fällt. Die lokalen Selbstverwaltungen haben keine" Stimme in Sachen der Bolksaufklärung. DE Behörden allein haben darüber zu verfügen, wann Schulen und welche Art von Schulen zu eröffnen sind. Jegliche Privatinitiative bei der Eröffnung von neuen Schulen wird auf das schärfste verfolgt. Es wird sofort Untersuchung über die politische Zuverlässigkeit derjenigen Personen eingeleitet, die um die Erlaubnis der Eröffnung neuer Schulen nachsuchen. Es entstehen. hierbei gewöhnlich Reibereien und Scherereien mit den Behörden und am Ende gar Unahnnehmlichkeiten für die betreffenden Personen. Dadurch läßt sich die Tatsache erklären, warum im Westgebiete, wo die Bevölkerung verhältnismäßig aus viel höherer Kulturstufe als das übrige Rußland steht, und wo der Drang nach Bildung viel größer ist, es trotzdem nur eine verschwindende Zahl von Schulen gibt. Den größten Teil der Bevölkerung des TVestgebietes bilden bekanntlich die Juden Gerade sie stoßen auf unüberwindliche Hindernisse beim Unterricht ihrer Kinder. Obgleich die russische Gesetzgebung bei der Aufnahme in Elementarschulen keine Ausnahme kennt, werden jüdische Kinder de facto nur in Ansnahmefällen zum russischen Elementarunterricht zugelaffen. An vielen Orten werden sie überhaupt nicht ausgenommen, an anderen nur für besonders hohes Schulgeld. In Kiew existiert ein Zirkular, nach dem bei der Aufnahme von jüdischen Kindern an die Eltern die Forderung gestellt werden soll, daß ihreKinder am Sonnabend schriftliche Arbeiten verrichten. Zieht man alle diese Umstände in Betracht, so läßt sich die Behauptung aufstellen, daß es faktisch keine Volksschulen für Juden gibt. Allerdings existieren jüdische Religionsschulen, sog. Cheder, deren Zahl sich aus 25000 beläuft. Aber auch in diesen Schulen wird nach dem Gesetz vom 1. März 1893 der Unterricht der russischen Sprache untersagt. Es ist charakteristisch, daß im König - reich Polen eine ganz entgegengesetzte Verordnung existiert. Dort wird die Erlaubnis zur Eröffnung von jüdischen Rel'gionsschulen nur unter der Bedingung obligatorischen russischen Unterrichts erteilt. Außer diesen Religionsschulen existieren noch andere Typen von Elementarschulen, die hauptsächlich durch jüdische Mittel unterhalten werden, deren Zahl aber nur gering ist. Zu denselben gehören Staats-, Gemeinde- und Privatschulen. Sie kosten der jüdischen Bevölkerung mehr als eine Million Rubel. Im Ganzen sind ihrer nur 800, die 6000 jüdische Kinder beherbergen, die den zehnten Teil aller jüdischen Kinder in schulpflichtigem Alter ausmachen. Jüdische Lehrer dieser Schulen erfreuen sich keiner Rechte. Bon ihrem Gehalt wird jährlich 20 % für das sogen jüdische Pensionskapital abgezogen. Merkwürdig ist, daß, trotzdem diese Abzüge schon seit dem Jahre 1873 gemacht werden, jüdische Lehrer bis jetzt keine Pension genießen. Dagegen erhalten Lehrer russische n Glaubens, die an diesen Schulen Unterricht erteilen, aus diesen! angehäuften jüdischen Kapital volle Pension.'! Warschau, 7. Mai. Die „echten Russen" sind aus den genialen Gedanken gekommen, die Angst der Juden vor der Blutbeschuldigung und ihren Folgen zu erpresserischen Zwecken ausznnützen. Als klassisches Beispiel hierfür - wird der folgende interessante Fall erzählt: Bei dem Warschauer jüdischen Kaufmann Zechowitsch steht schon seit längerer Zeit ein christliches Mädchen im Dienst. Der Dienftgeber bemerkte nun einige Tage vor Pesach, daß das Dienstmädchen wie umgewechselt sei und sich gegen seine bisherige Gewohnheit seinem Herrn gegenüber sehr frech benehme. Da Zechowitsch der Meinung war, daß das Mädchen darüber ungehalten sei, weil sie nicht das in Rußland übliche Ostergeschenk erhalten habe, veranlaßte er seine Frau, dem Mädchen eine neue Bluse zum Geschenk zu machen. Das Mädchen wies jedoch die Bluse mit dem Bemerken zurück: „Bon Juden nehme ich keine Geschenke an!" Am zweiten Tage Pesach lief nun bas Dienstmädchen plötzlich mit lautem Geschrei in die Wohnung des Hausbesorgers und rief weinend: Zechowitsch habe sie mit einem Messer verwundet, um ihr Blut für

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