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Der Israelit · 1908-05-28 · Heft 22 (28.5.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 22 (28.5.1908)
Date
1908-05-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Nr. Der JSraeltt 88 Mat 1908 In einer Artikelserie im hebräischen „Haschiloach", die ihre Fortsetzung im „Hoolam" fand, in welcher Herr Hurwitz über den Fortbestand und die Zukunft des Judentums philosophiert, fand Herr Lazar eine Glorifizierung der christlichen Missionsidee und einen Versuch, die Judenfrage nach bekannten Mustern durch die Taufe zu lösen. Das war recht naiv vom Redakteur des „Hamizpoh" und zeugte von einem mangelhaften Verständnis für den Geist, der in den Kreisen, die zu überwachen er sich verpflichtet fühlte, herrscht. In den erwähnten Hurwitzschen Abhandlungen ist überhaupt keine Spur von positiver Ueberzeugung enthalten, weder christlicher noch jüdischer. Es ist die bloße Negation, die auf stumpfer Resignation basierend, vom Nichts ausgeht und zum Nichts führt. Judentum ist für diese Herren Zionismus, nichts mehr und nichts weniger. Und da der nationale Zionismus nach Ansicht des Herrn Hurwitz bankerott ist, so ist mit ihm notwendiger Weise auch das Judentum an dem Konkurs angelangt. Was nun anfangen? „Sich rückhaltlos dem Strome der Zeit hingeben, untertauchen und aufgehen. — Den natürlichen Auflösungsprozeß über sich ergehen lassen und langsam verschwinden." Das hat Herr Hurwitz geschrieben. Aus Verzweiflung, wie er vor Gericht behauptet, mit seinem Herzblut e, mit weinender Seele nach schlaflosen Nächten, wie er mit recht theatralischem Affekt betont. Und, fügen wir noch hinzu, gewiß ohne mit der Londoner Mission Fühlung zu nehmen. Aber geschrieben hat er es, im Sinne vieler Genoffen, die ihm heute rauschende Ovationen darbringen. Das ist vor Gericht sonnenklar erwiesen worden. Herr Dr. Bernfeld aber, der, je nachdem wie es sich trifft, national, antinational, orthodox und liberal ist, der an Hurwitz schreibt: „Auch bei mir regen sich die Zweifel usw." und mit der gleichen Feder an Herrn Lazar: „Wollte ich doch schon längst die Machenschaften des schmutzigen Missionars Hurwitz öffentlich beleuchten usw.", dieser Herr Dr. Bernfeld will, daß die neugegründete hebräische Literaturgesellschaft „Sinai" die Werke Wellhausens ins Hebräische übertragen laffe. Als man aber an die Praktische Ausführung dieses genialen Gedankens geht, läßt er seine Freunde .Hurwitz Breinin, Frischmann im Stich, um in de^ „Jüdischen Preffe" zu erklären, daß mit feinem Willen und Wissen ein solches Attentat auf dgeheiligte Tradition niemals verübt werden dürft T>ie Freunde aber kennen Herrn Dr. Bernfel/ und wissen, daß er den deutschen Ortho" doxen gegenüber nicht anders reden kann und gehen unterdessen weiter an die Arbeit, mit dem Gelde des „Sinai" der hebräischen Literatur die Wellhausen-Perle zu sichern. Auch dies hat die Ehrengerichts Verhandlung in Lemberg sonnenklar dargetan. Weiter. Als vor einigen Jahren der bekannte Bibliothekar der jüdischen Gemeinde zu Berlin Fromer seinen berüchtigten Artikel in der „Zukunft" veröffentlichte, der in allen jüdischen Kreisen soviel Aerger und Ekel erregte, war, wie sich heute ergibt, eine gewisse Gruppe jüdischer Schriftsteller anderer Meinung über die pfiffigen Ratschläge, die Herr Fromer zur Lösung der Jndenfrage machte. Herr Hurwitz richtete, wie er heute zugibt, ein Anerkennungsschreiben an denselben und Herr Barditschewski (einer der bekanntesten neuhebräischen Novellisten) suchte diesen neuen Stern sogar als Mitarbeiter einer vom „Sinai" geleiteten Zeitschrift zu gewinnen. Auch dieses hat die Verhandlung klar und deutlich ergeben. Es sind die hervorstechendsten Momente aus diesem eigenartigen Prozesse, bei deren Anblick sich unser jüdisches Herz förmlich zusammenkrampft. Wir vergessen da den eigentlichen Ehrenhandel und sehen über die paar Beteiligten hinweg. Wir sehen die heilige Sprache der Väter, die Sprache, in der die Thora verkündet, in der die Propheten geweissagt und die Psatmiften gesungen, als Klägerin auftreten gegen ihre Schänder, die sie schonungslos verzerren und entweihen, die sie zur Vermittlerin von Gedanken machen, die dem jüdischen Geiste fremd sind und fremd bleiben, auch wenn sie nicht gerade auf dem Boden der englischen Mission entstanden sind. Iftoralnnterrlcbt und Religion. Von Dr. M. Ascher in Neuchütel. III. Wenn wir uns auch noch so sehr bemühen wollten zu beweisen, daß unsre Zeit für einen eigentlichen Moralunterricht, der nur auf reine Vernunft basiert, noch nicht reif ist, alle diese Mühen wären vergebens. Man ist in dieser Beziehung schon zu weit vorwärts geschritten, um noch zurückaehen zu können. Wir Juden können ja auch im Grunde nichts dabei verlieren, dem: 'eine einzige Vernunft-Morallehre steht im Widerspruch mit unsrer Religion. So wollen wir denn wenigstens kurz skizzieren, wie es nach unsrer Ansicht vielleicht am ehesten möglich wäre, eine allgemein menschliche auf Vernunft allein gegründete Moral Erfolg versprechend zu lehren, wobei wir jedoch immer wieder betonen müssen, daß das Judentum einer solchen Moral nicht erst bedarf. Grundvoraussetzung , der Moral der Schüler muß natürlich sein, daß der Lehrer Gerechtigkeit, Geduld, Wohlwollen, liebevolle Hingabe an die Schwachen, Gewissenhaftigkeit, Pünktlichkeit, Selbstbeherrschung u. a. zu seinen Eigenschaften zählt. Was die eigentliche Moralwissenschaft anbelrifst, ft gehören zu ihr alle Lehren, roelche imstande sind, den Menschen über sich selbst und seine Bestimmung anfzuklären, die Summe aller Gebote, deren Befolgung den Menschen beglückt und seiner von Gott gewollten Bestimmung zuführt. Alles was veredelno auf die Gesinnung, auf Herz und Gemüt des Menschen ivirkt, gehört in.die Moralwissenschaft. Diejenigen, die die Lehren der Gotteserkenntnis ausgeschlossen habet: wollen, versündigen sich schwer gegen die Regeln der Vernunft. Eine Moralwissenschaft m n ß unter allen Umständen die H a u p t i b e e u der Religion enthalten, weil dies ja doch zum Mcnschenwesen gehört, indem man sich den Menschen nicht ohne Zusammenhang mit Gott und der Etvigkeit denken kann. Die Belehrung über Golt und Unsterblichkeit fällt sogar in erster Linie in das Gebiet der Moral. Der Glaube ait Gott und an die Weisheit seiner Weltregierung sowie der Glaube an ein individuelles Fortleben nach dem leiblichen Tode, das sind ja gerade diejenigen Momente, die dem Menschen vorzüglich einen moralischen Halt fürs Leben verleihen. Gerade die Naturwissenschaft, die noch heute ft häufig dazu dient, atheistische Lehren zu verbreiten, ist aut ehesten geeignet, Gotteserkenntnis zu lehren. Welch großartigen Einblick in die Weisheit Gottes, der die ewigen Naturgesetze geschaffen, gewährt die Lehre vom Schalle, vom Lichte, von der Dainpskrast und der Elektrizität? Was sollte wohl geeigneter sein Ehrfurcht und heilige Scheu vor' der Allmacht und Weisheit Gottes in der Menschenbrust zu erwecken als der Einblick in die' Wunder des Weltalls! Ist es einerseits die Großartigkeit, so ist es anderseits die unwandelbare überall im Weltall waltende Ordnung und Gesetzlichkeit, bie von der Weisheit des Schöpfers zeugt und die deshalb ganz besonders den Schülern zum Bewußtsein zu bringen ist. Aber auch das ganze Unterrichtsgebiet muß, soweit es tunlich ist, mit denr Moralunterricht in organischem Zusammenhang stehen und ill keinem Fache darf etwas gelehrt werden ' was der Moral entgegensteht. Als Zweck eines olchen Moralunterrichts wäre immer im Auge zu halten, daß der Jugend die große Wahrheit beigebracht werden solle, daß die Befolgung der Gesetze Gottes in jedes Menschen eigenem Interesse liegt, daß aber jede Abweichung voll dem das war gut für ihn. Nicht sehr taktvoll hatte der Bräutigam einen Toast mit einer ironischen Anspielung aus den jüdischen Feiertag gesprochen. Die Pointe war aber verschwommen, und wenn auch einige der Gäste laut dazu gelacht hatten, machte er keinen besonderen Eindruck auf die Zuhörer. Schultheiß hatte ihn überhaupt nicht verstanden. Er begann zu vergleichen. Als Sohn eines Stenerbeamten hatte er in seinem Baterhause nwhl auch Gesellschaften mitgcmacht. Aber dort hatte ein solcher Glanz gefehlt. Es ging einfacher dabei her; nicht nur in der Bewirtung der Gäste, obgleich unter denselben sich auch Adelsvertreter befanden. Auch seine Mutter tvar adelig von Geburt, eine geborene von Rechberg. In der Unterhaltung schienen die hier versammelten Gäste ebenso geistig überlegen zu sein, wie die Tafelgcnüsse, die ihm dargeboten, von auserlesenem, sogar raffinierten! Geschmack waren. Derartiges hätte sein Bater niemals seinen Gästen bieten können, es sei denn, er hätte ein Viertel seines Jahreseinkammens für einen solchen Abend opfern wollen. Und die geladcnen Gäste. Damen wie Herren, waren nicht imstande, sich mit einer solchen unfehlbaren Sicherheit über Konzerte und Theater, lvie über Kunstausstellungen, M usiker, Maler, Opernsänger und Schauspieler zu unterhalten. wie diese Juden und Neuchristen. Anfangs imponierte das dem jungen Juristen. Es kam ihm vor, als seien die Juden, die sich hier zu einem Geburtstagsfest eingesunden hatten, nicht nur vom Glück begünstigt, sondern auch geistig, ästhetisch und wohl auch in noch manchen anderen Vorzügen höherstehende Menschen. Wie Züchtern kamen ihm die Unterhaltungen im Elternhanse bei gleichen Anlässen mit den hier ungezwungen sprudelnden vor. Und gar erst die oargebotenen künstlerischen Genüsse, die zu Hause stets dankbar ..; > >»,ju: -.Svi; \.i.< ausgenommen worben, nnb eigentlich doch recht dillettantenhast waren. Nein, sagte er sich, eine solche Anspruchslosigkeit, wie zu Hause bei den Eltern, die doch zu den Honorationen der Provinzstadt zählten, konnte niemals kunstsördernd wirken. Aber hier, bei diesen Juden schien jeder Gast, Kenner, Kritiker und Gönner der schönen Künste zu sein. Jeder von ihnen schien Zeit und Enthusiasmus in gleichem Maße für Belletristik, Kunst und Künstler übrig zu haben, wie das nötige Geld, sie sich zu erschließen. Schultheiß, nicht älter wie Kronweilcrs Sohn, besaß noch nicht die Schärfe des Urteils, um bei seinen stillen Beobachtungen und Dergleichen den richtigen Maßstab für den wirklichen Gehalt, der ihn umschwirrenden Unterhaltung anlegen zu können. Er war noch zu jung, um die Hohlheit und die grenzenlose Blasiertheit, die aus jeder Kritik herausklang, und sich hinter wahrscheinlich klingenden Phrasen verbarg, klar zu erkennen. Nirgendwo so als wie in einer glanzvollen Umgebung verriet sich der kritische Verstand in Jrrlnmern. Nur wer lange Jahre hindurch an solchen Glanz gewohnt, und dafür abgestumpft ist, und weiß, wer die Menschen, die sich in diesem Glanz bewegen, in Wirklichkeit sind, und wie sie ganz anders sind, wenn sie gegangen und ebenso die Gastgeber, wenn sie wieder allein sind, wird weder durch die Stimmung, noch durch die Unterhaltung und Redensarten in solchen Gesellschaften an Urteilskraft einbnßen. Etwas wie Schmerz und Neid zugleich drückte auf die Stimmung des jungen Mannes, der sich plötzlich hier sehr vereinsamt und zugleich deplaziert vorkam. Er war, trotz der vielen hier anwesenden getauften und der übrigen von ihrem Volk und Glauben losgelösten Juden, dennoch hier der einzige Christ. Aber war denn das ein Grund, sich hier so ganz und gar nicht wohl zu fühlen? Gewiß nicht. Er fühlte einen Augenblick mit einer gewissen Beschämung, daß er in diesen Räumen sicherlich der einzige von Vorurteilen befangene Gast war. Nun, wo er sich über die Gründe seines unfreien Empfindens Rechenschaft übforderte, drängten sich ihm neue Fragen auf. Wenige Sitze von ihm rechts saß ein Privat-Dozent, der noch vor einigen Jahren Jude tvar. Jude war. Ja, IN aller Welt, war denn dieser Mensch jetzt ein Christ? In welcher Weise? Weil er sich als Protestant bezeichnet?? Und vor allem, warum? Der wollte doch nur Professor werden; dafür ergatterte er Christus? Welch ein freches Spiel mit dein heiligsten Ideal! Nein, ein anständiger Gesellschafter war dieser Privatdozent denn doch nicht. Aber war denn der Gastgeber, der doch seinen Gast genau kannte, etwa ehrenhafter? oder etwa besser? Wie konnte er als anständiger Jude diesem Renegaten sein Haus öffnen? Und ihm gegenüber saß ein blutjunger Mensch, ein Gymnasiast, der schon aus der Oberseknnda das Christentum angenommen hatte. Annahm? Dieser halbe Knabe sollte das Christentum angenommen haben? Mit welchem Recht nahm das Christentum einen unreifen jungen Menschen an, der nichts von ihm wußte, als was ihm in wenigen Stunden davon eingepaukt worden war? Dieses Bürschchen haßte sicherlich, das von ihm angenommene Christentum, weil es ihm freie Spunden geraubt und sein Gedächtnis zum Auswendiglernen einiger Glaubenssormeln gezwungen hatte. Ein Papagei lernt und verlernt schnell. Hier saß ein solcher menschlich aussehender,'innerlich leerer Papagei. Und das sind die neue Christgenossen! Wenn das Christentum solche Menschen heran-

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