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Der Israelit · 1908-05-21 · Heft 21 (21.5.1908) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 21 (21.5.1908)
Date
1908-05-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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Seite 12. No. 21. Der Israelit. 21. Mai 1908 gelaufen ist, erhielten doch verschiedene Witwen ansehnliche Unterstützungen aus derselben. Der Vorsitzende berichtete ferner über den Erfolg der bei der König!, preußischen Regierung gemachten persönlichen Vorstellungen gelegentlich der Überreichung der Petition vom 22. Oktober v. I., betreffend die Vergütung für das Vorbeteramt und die Anrechnung der im Religionsschuldienst zugebrachten Dienstjahre. Nürnb erg, 13. Mai. Am 3. Mai cr. trat eine Kommission, bestehend aus 3 Delegierten der Freien Bayer. Rabbiner-Konferenz (den Herren Dr. Cohn- Burgpreppach, Dr.Stein-Schweinfurt, Dr.Werner- München) und 3 Vorstandsmitgliedern des Israelitischen Lehrervereins für Bayern (den Herren Goldstein-Heidingsfeld, Mandelbaum - Würzburg, Dingselder-München) zusammen, um über die Mittel zu beraten, wie der immer größer werdenden Notlage des israelitischen Religionslehrerstandes auf dem Lande abgeholfen werben könne. Mit freudiger Genugtuung soll das einträchtige Zusammengehen zwischen den Vertretern des Rabbiner- und des Lehrerstandes besonders hervoraehoben werden. Man war einhellig der Ansicht, daß der gegenwärtige Zustand unhaltbar sei und daß endlich etwas zu dessen Besserung geschehen müffe. Zu diesem Zwecke hat Dingselder-München auf Grund statistischen Materials eine Denkschrift über die israelitischen Kultusgemeinden und ihre Schulverhältnisse ausgearbeitet,- die Ausführungen fanden die volle Zustimmung sämtlicher Kommissionsmitglieder. Die Denkschrift soll nun mit entsprechenden Anträgen dem „Landesverein" in Vorlage gebracht werden. Es besteht begründete Hoffnung, daß dieser Verein seine bisherige segensreiche Wirksamkeit für Schule und Gemeinde auch nach der Richtung hin erweitern werde, die Verhältnisse des israelitischen Religionslehrerstandes so zu gestalten, wie sie der Bedeutung und Würde des Standes entsprechen, damit Bayern in dieser Beziehung nicht hinter den andern deutschen Staaten zurückstehen muß. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn sämtliche hiezu berufene Faktoren sich zu genieinsamer Arbeit vereinigen. Möge diese Angelegenheit einer allseitig befriedigenden Lösung entgegengeführt werden! Ächerscha«. Sexualethik und Sexualpädagogik, eine Auseinandersetzung mit den Modernen von Dr. Fr.W. Förster, Privatdozent für Philosophie und Moral - pädagogtk am Polytechnikum und an der Universität Zürich. Verlag der Kosel'schen Buchhandlung in München. Es ist ein Berireter der alten Ethik, der hier das Wort ergrei t, um in einer Frage, die gegenwärtig die I Gemüter mehr erregt, als der Sache förderlich ist, den Standpunkt der Religion darzulegen. Der katholischen Religion, wie wir sogleich hinzufügen wollen, denn Förster ist strenggläubiger Katholik, der sogar der Askese das Wort redet,- aber der gesetzeßtreue Jude muß doch seine Helle Freude an Förste s Ausführungen haben, denn diese alte Ethik, die hier mit großem Geschick gegen die Vertreter der Auslebe-Theorie, gegen die Ellen Key, Carpenter, Forel u. a. m. verteidigt wird, sie ist doch im Grunde genomen nichts anderes als die am Sinai verkündigte, wenn sie auch übera i in dem Werkchen als die christliche bezeichnet wird. Das geschieht aber mehr gewohnheitsmäßig, denn Förster steht nicht an, einen Ausspruch des jüdischen Philosophen Philo: „Durch den Umgang des Weibes mit dem Manne wird die Jungfrau zur Frau — durch den Umgang der - eele mit Gott wird die Frau wieder zur Jungfrau" als das Schönste zu bezeichnen, was alle Sexualethik und Sexualpädagogik dem Geschlechtsleben gegenüber an geistiger Befreiung zu vollbringen hat,- er ist also keineswegs einseitig. Gegenüber den Aposteln der neuen Ethik behauptet er mit Recht, daß die strengen sittlichen Forderungen der Religion nicht notwendigerweise zu einer Verarmung und Hemmung, vielmehr zu einer Bereicherung des Ltebeslebens führen. Jede Beraniwortltchkeit, welche die Religion dem erotischen Leben auferlegt, hat sich in eine neue Zärtlichkeit verwandelt, jede Entsagung, die fie von der ungestümen Leidenschaft forderte, ist zu einer neuen Fähigkeit hingebender Liebe geworden") das entspricht ganz der altjüdischen Anschauung über diesen Punkt. Und nicht minder richtig ist, was Förster weiter sagt: „Die Liebe löst sich nicht ungestraft von den geheiligten Ordnungen des Lebens los, denn diese Ordnungen mit ihrer durchgreifenden Fürsorge und ihrer Verherrlichung der Beständigkeit sind sozusagen selber kristallisierte Liebe." „Es ist wahrlich kein Zufall, daß bei der sogenannten freien Liebe letzten Endes immer die Liebe von der Freiheit getötet wird — von dem Geiste der sinnlichen Unbestä digkeit und i er unritterlichen Selbstsucht, der in der Nichtachtung jener festen Ordnungen liegt." Förster ist darüber erstaunt, daß es vorzugsweise rauen sind, die der neuen Ethik das Wort reden, die rauen, die doch in so außerordent ichem Maße auf eine dauerhafte Verbindung angewiesen find. Die Erklärung für diese auffällige Erscheinung liegt vielleicht recht nahe: die alten Jungfern und die Frauen mi altjüngferlichem Sinn — sie sind ebenso zahlreich wie die Männer, die den Junggesellen nicht l^s werden — gehören in der Frauenbewegung zu den radikalsten Elementen und es ist eine geschichtliche Tatsache, daß diese überall Oberwasser erlangen, wo es sich um Abschüttelung eines wirklichen oder auch nur eingebildeten Joches handelt. Viel wichtiger als die Stellung Försters zur Sexualethik ist für uns seine Sexualpädagogik. Er warnt vor allem vor der Ueberschätzung der sexuellen Aufklärung. Ich möchte cs als einen gefähi lrchen Jrrgang der öffentlichen Meinung in diesen Dingen bezeichnen, daß man mit so großer Einstimmigkeit auf den Gedanken verfallen ist, die sexuelle Verwilderung und Ueberreizung der modernen Jugend sei ein Ergebnis der mangelnden Belehrung über die sexuelle Frage — die wirkliche Ursache liegt doch nur in dem erschreckenden Niedergang der Charakterbildung und in dem allgemeinen Genußtaumel des Zeitalters. Was bedeutet da die bloße Belehrung?" „Die bloße Aufklärung gibt, keinen Schutz, wenn der Gewalt der niederen Impulse nicht durch eine universelle und planmäßige Charakterbildung, vor allem durch eine starke Willensgymnastik vorgebeugt ist. Das sexuelle Verhalten eines jungen Menschen ist oas Produkc seiner ganzen Erziehung — ist diese weichlich und äußerlich oder lediglich intellekruell gewesen, so fällt der Betreffende trotz der schönsten Aufklärung der ersten Versuchung zum Opfer) ist sie dagegen stets bemüht gewesen, sozusagen das geistige Ehrgefühl gegenüber allem Sinnlichen und Gemeinen zu stärken, so weiß er sogar ohne jede Aufklärung ganz genau, was er zu meiden hat." Die Begünstigung der bloßen Wiffenskultur, der rein intellektuellen Erziehung und die Vernachlässigung der Pflege des Willens und Gewissens tragen nach Förster die Hauptschuld an dem schlaffen Sichgehenlassen, dem Sichausleben unserer modernen Jugend und er fordert deshalb vor allem die Erziehung, die Disziplinierung des Willens. Diese erscheint umso notwendiger, da in tausenden von Familien das erhabene „du sollst" der Religion und ihr ergreifender Appell an den geistigen Freiheitstrieb des Menschen verstummt, etwas Neues aber nicht an seine Stelle gesetzt worden ist. Welche Mittel schlägt nun Förster vor, um „die „Sklaverei der Sinnlichkeit" zu beseitigen und den Willen zu stärken? Es ist charakteristisch, daß er vorzugsweise französische Pädagogen wie Dubais, Payot, Levy- Nancy u. a. m. zu Worte kommen läßt. In Frankreich ist der Sittenverfall zu einer nationalen Kalamität geworden und eine ganze Reihe von Psychiatern, Nervenärzten, Heilpädagogen und sogar l berale Politiker stimmen darin überein, daß harte, strenge Uebungen hier am Platze sind, damit der zerfahrene Mensch wieder die Herrschaft über seine Sinne erobere, „die Methode der stoischen Philosophie" und — der katholischen Kirche. Für den gesetzestreuen Juden bedarf es solcher Uebungen nicht. Das jüdische Religionsgesctz stählt den Willen in einer ganz wunderbaren Weise und die früher sprichwörtliche Sittenreinheit der jüdischen Familie basierte eben auf der strengen Befolgung der religiösen Pflichten. Trotzdem wir nun nach dieser Seite hin Försters Anregungen kaum bmötigen, so bleibt immerhin intereffant, was er der Jugend rät: „Uebungen im Ordnungmachen, im Schweigen, in körperlicher Gymnastik, im Frühaufstehen, im Fasten, in der Ueberwindung unangenehmer Dinge, in der absoluten Wahrhaftigkeit in der exakten Ausführung reizloser Arbeiten (energischer Betrieb einer neuen Sprache und dgl. m.) Das ist, was Förster Willensgymnastik und Kraftbtldung nennt, si eben diesen empfiehlt er die Pflege der Ritterlichkeit gegen das schwache Geschlecht in dem angehenden Jüngling, von der Beobachtung ausgehend, daß durch die Pubertät zunächst lebhafte Gefühle ritterlicher Hingebung erweckt werden, die, richtig geleitet, als wertvolles Gegenmittel gegen jede rohe Entartung des Trieblebens verwertet werden können. Eine Jugendschrift ist Försters Arbeit wahrlich nicht, sein Schlußwort an die Jugend, ein Gleichnis, aber sei hier unverkürzt wiedergegeben: „Sie kennen alle die Tragödie von König Lear, der sein Ohr den falschen Töchtern leiht, die ihm schmeicheln und die jüngste verleumden, die ihn allein wahrhaft liebt und ihm allein die Wahrheit sagt, b!s er sie verstößt. Zu spät erkennt er den goldnen Schatz in Kordelias Herzen und verfällt in Wahnsinn: Er hat den Falschen alles gegeben, sie haben ihn betrogen und ihm das Kostbarste gestohlen! Der moderne Mensch ist auch so ein Köllig Lear, der sein Ohr den falschen Stimmen leiht, die ihm schmeicheln, uämlich jenen modernen Ansichten, die sein Selbstgefühl streicheln, seinen Begierden Freiheit versprechen und seine Weichlichkeit schonen und rerhätscheln. Cr gibt ihnen alles hin und wird betrogen. Kordelia, die sie ihm verlästern, das ist die geheiligte Stimme der Religion, die das tiefste Erbarmen mit ihm hat, ihn am besten kennt und nur sein wahres Heil im Auge hat — Kordelia, die keine großen Worte macht. Er stößt sie von sich und erkennt zu spät, wen er verstoßen. Das ist zum Wahnsinnigwerden. Wenn ein Mensch erkennt, daß er aus Trug gebaut und das Köstlichste verloren hat, obwohl es ihm angeboten wurde! Möge es den vorliegenden Darlegungen gelingen, auch nur ein wenig den Blick zu schärfen für das, was das Echte und was das Unechte ist, in all den tausend Stimmen, die aus den modernen Menschen eindringen) möge die junge Generation rechtzeitig spüren, daß hinter all den glänzenden Versprechungen moderner Lebensansichten keine wahre Liebe und kein wahrer Geist steht, und daß man das Echte stets daran erkennen kann, daß es in der Sprache unerschöpflicher Selbstüberwindung und grenzenloser Selbstbescheidung redet." För'ters Schrift bedarf keiner Empfehlung; ihr Inhalt empfiehlt sie, wie die Skizzierung zeigt, zur Genüge. N. euilleton Der €nkel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Frau Doktor Hasenseld^erwiderte den Gruß und fügte hinzu: „Mit wem habe ich,das Vergnüge«?" „Sie keninen mich nicht? Sie erinnern sich meiner nicht mehr? — Wir waren doch vor vier Jahren zusammen in Norderney und mein Edwin ist bei Ihnen." „Ach, Frau Gotthold! Seien Sie herzlichst willkommen! was der Edwin für eine Freude haben wird!" „Wo ist er denn, der liebe Junge?" „Augenblicklich ist er noch in der Schule, aber er wird sehr bald kommen, meine Söhne sind auch noch nicht zu Hause, sie kommen gewöhnlich zusammen. Wie gut. Sie aber aussehen, Frau Gotthold, kein Mensch würde Sie für die Mutter des jungen Herrn hallen, der mir längst über den Kopf gewachsen ist." Malwine lachte geschmeichelt. „Sie sehen aber auch vorzüglich aus, Frau Doktor, was macht denn der Herr Gemahl und die lieben Kinder?" „Meine Kinder werden vermutlich sehr' bald mit Edwin kommen, mein Mann aber hat mir eben sagen laffen, daß er schwerlich vor Mitternacht heimkommen durste, da wird er sich wohl erst morgen das Vergnügen machen können, Sie zu begrüßen." „Der Herr Doktor ist nicht zu Hause? ach, wie mir das leid tut, ich hatte mich wirklich darauf gefreut, Sie beide wieder zu sehen." „Nun, Sie denken doch nicht daran, schon heute wieder abzureisen? „Bedaure sehr, für dieses mal mein Hiersein nicht länger ausdehnen zu können, mein Zug geht um acht Uhr, und ich beabsichtige sogar Edwin mitzunehmen." „Edwin mitnehmen?" wiederholte die andere betroffen. „Sorgen Sie nicht, in vier Wochen bringe ich ihn Ihnen zilrück, entgegnete Malwine lachend „besser wie hier ist er nirgend aufgehoben. Aber ich will dem lieben Jungen eine Freude machen, er soll mit mir die Gesellschaftsreise nach dem N.ordkap machen." „Ei du meine Güte, da wird der Junge aber eine Freude haben! Das ist wirklich schön —

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