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Der Israelit · 1908-05-21 · Heft 21 (21.5.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 21 (21.5.1908)
Date
1908-05-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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21. Mai 1908. Der JSraeltt. Seite «. No. LI in Breslau, Hotel „Bier Jahreszeiten", Gartenstraße 66/70 statt. Außer den Berichten der Parteileitung stehen zur Debatte die Fragen der Stellungnahme der Zionisten zu den jüdischen Gemeinden und den anderen jüdischen Organisationen in Deutschland. Herr Rechtsanwalt Dr. Ascher-Deffau wird über „Die politische Stellung der Juden in Deutschland" sprechen. Die Herren Professor Warburg-Berlin und Dr. Schemarjah Lewin-Berlin haben Borträge über die wirtschaftliche und kulturelle Gegenwartsarbeit in Palästina zugesagt.. Ungarn. Budapest, 13. Mai. Die Anhänger der Leichenverbrennung erhalten Succurs durch unsere neologen Rabbiner. In Kaffa und in Pecs afsistirten jüngsthin die Herren Rabbiner bei einem Begräbnisakte, wo die Aschenreste solcher Personen im jüdischen Friedhofe beigesetzt wurden, die in einem ausländischen Krematorium verbrannt wurden. Angesichts solcher Tatsachen, die dem jüdischen Gesetze Hohn sprechen, getraut man sich noch von einer Vereinigungsaktion zu schwärmen. Budapest 14. Mai. Drei Abgesandte der englischen MifsioNsvereinigung „Hebrew-Christiom testimony to Israel" befinden sich hier auf det Durchreise nach Rumänien und Bulgarien, um für ihren neuen Glauben Propaganda zu machen. In London haben sie bereits 240 Genossen gefunden. Die Herren Verkünder des Seils derlariren sich als Juden und halten, den Stifter der christlichen Kirche für de« Erlöser des Judentums. Nachdem Ungarn ein schlechter Boden für diese neue Lehre ist, so haben sie sich seitwärts in der Richtung nach dem Orient begeben, um die dortigen Juden für ihr Glaubensbekenntnis zu gewinnen. jgtaftianir. Petersburg, 18. Mai. Der hiesige „Verein zur Regulierung der jüdischen Emigration" verschickt folgenden Aufruf: „Die anormale Entwicklung der jüdischen Auswanderung und der Mangel an jeder Ordnung in derselben, wodurch in den letzten drei Jahrzehnten so viele Leiden entstanden sind, hätten schon längst die Schaffung einer umfaffenden Auswanderungs- Organisation zur Notwendigkeit gemacht. Daß die leitenden Kreise der russischen Judenheit bisher zu diesem Zwecke noch keine praktischen Schritte unternommen haben, rührt nur daher, baß bislang jeder Zusammenschluß auf große Schwierigkeiten seitens der Behörde gestoßen ist. Der genannte Verein, der sich nun der staatlichen Konzession erfreut und des Rechtes, in ullen Teilen Rußlands Ortsgruppen zu bilden und zu unterhalten, kann jetzt als legale Grundlage gelten, auf welche sich eine ersprießlich^ Tätigkeit gründen und aufbauen könnte. Die Auswanderung hat in den letzten Jahren gewaltige Dimensionen angenommen. In den letzten fünf Jahren allein ist aus Rußland eine halbe Million Juden ausgewandert. Es ergibt sich daraus zur Evidenz, welche schwierigen und weitgreifenden Aufgaben des Vereins harren. Die Aufgaben werden aber nur dann voll und ganz erfüllt werden können, wenn alle Kreise der jüdischen Bevölkerung Rußlands die hohe Bedeutung und die Notwendigkeit des Vereins, der endlich Ordnung in die ziellose Auswanderung bringen soll, anerkennen und ihm tatkräftige Unterstützung angedeihen lassen." Der Verein schließt mit dem Appell an alle Leiter und Vorstände der Gemeinden und der wohltätigen Vereine, an der Sache mitzuwirken und an ihren Plätzen Ortsgruppen zu gründen. (Nähere Mitteilungen über die an der Spitze des Vereins stehenden Persönlichkeiten bleiben abzuwarten; vielleicht äußert sich der „Hilfsverein der deutschen Juden" recht bald zur Sache. D. R.) Bukarest, 10. Mai. Die Ausweisung der Juden aus den Dörfern hat mit dem Frühling neuerdings begonnen, und mit den traurigsten Gedanken sehen unsere Glaubensgenossen in den Dörfern jedem kommenden Tag entgegen. So erhielten vorige Woche die Juden aus Bivolari (Distrikt Jassy) und die aus Raducaneni (Distrikt Huschi) den Befehl, sofort die Städtchen zu verlassen. Bivolari und Raducaneni sind keine Dörfer, sondern kleine Städtchen, die Comune ruale (Dorfgemeinden) genannt werden. Die Juden aus Bivolari erwählten eine Kommission, um beim Distrikts-Präfekten vorzusprechen und die Zurücknahme des Ausweisungsbefehles zu erwirken. Der Herr Präfekt antwortete einfach: „Man beginnt jetzt mit den Dörfern, aber auch die Städte werden bald an die Reihe kommen." In den Ausweisungsbefehlen heißt es, daß, wenn der betreffende „Fremde" nicht innerhalb einer bestimmten Zeit (diesmal drei Tage) mit seiner ganzen Familie das Dorf verlassen sollte, er „pur iorce publique“ ausgewiesen würde, d. h. die Sachen werden ihm zwangsweise auf- und außerhalb des Dorfes einfach abgeladen. Auch praktische Fälle der Ausübung solcher öffentlicher Macht find vorgekommen, doch lassen es die Juden in der Regel nicht so weit kommen, sondern ziehen es vor, freiwillig cchzuziehen. Die Lage ist eine sehr traurige und die ziellose Maffenauswanderung hat bereits eingesetzt. vemlrchter. Frankfurt a. M., 18. Mai. Unsere Leser wird es interessieren, 'zu erfahren, daß zu Lehmanns „Sprüche der Väter", die s. Zr. als Beigabe zum „Israelit" erschienen, soeben im Berlage von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. die Schlußlieferung erschienen ist. Sie wird Besitzern der übrigen Teile gegen Einsendung von 50 Pfg. auf Verlangen von der Verlagsbuchhandlung, durch dteauch das nunmehr vollständige Werk bezogen werben kann, geliefert. Frankfurt a. M., 20. Mat. In Nr. 12 des „Israelit" berichteten wir über eine Verhandlung vor dem hiesigen Schöffengericht, die durch eine Klage deS Lehrerkollegiums der israelitischen Schule hier gegen Frl. Pappenheim, die Leiterin der „Weiblichen Fürsorge, veranlaßt war. Fräul. P. hatte in einer Sitzung dieses Vereins gegen den neu gegründeten „Jüdischen Frauenveretn" Stellung genommen und htnzugefügt, der neue Verein fände in em„Cheder an der Bären straße" genügend Arbeit. Dieser Aeßerung war noch eine wettere hinzugefügt, dir von der Minderwertigkeit dieser Schule handelte. Das Schöffengericht kam, wie s. Zt. von unS berichtet, zur Freisprechung, weil, wie bas Urteil ausführte, die Angeklagte mit jenem Ausdruck die Kläger nicht herabsetzen, sondern nur das System der auf dieser Schule vertretenen einseitigen orthodoxen Anfichten als minderwertig bezeichnen wollte. Die Kläger erhoben Berufung bei der Strafkammer. Ueber die Bedeutung des Wortes „Eheder" wurde Profeffor Wenl von der Realschule der Israelitischen Reltgionsgesellschaft als Sachverständiger vernommen. Sonst zeigte die Verhandlung, die am 16. cr. stattfand, daS gleiche Bild wie das ftühere. Die Zeugen vermögen fich der mehr alS ein halbes Jahr zurückliegenden Ausdrücke nicht mehr zu erinnern. Frl. P. bestreitet auf das lebhafteste, von einer Minderwertigkeit der Lehrer gesprochen zu haben. Ihr Kampf gelte nur dem Systemdie klerikale Gemetndepolittk, die die Schule mit Hebräisch überlaste, den Kindern Lehren einpräge, wie die Sabbathheiligung rc. und sie damit für das praktische Leben unbrauchbar mache, das sei das Minderwertige. Diese klerikale Politik verschulde auch indirekt die heutige Verhandlung, denn sie habe den neuen Frauenverein ins Leben gerufen, der tatsächlich ein „Männerverein in Frauenkleidern" sei. Die Strafkammer tritt nach beinahe einstündiger Beratung dem fr isprechenden Urteil der ersten Instanz bei. Wenn auch der Ausdruck „Cheder" eine Beleidigung enthalten möge, so stehe der Angeklagten doch der Schutz des § 193 (Schutz berechtigter Jntereffen) zur Seite. * » * Wer den beiden Verhandlungen in der Sache „Jsr. Volksschule contra Frl. Pappenheim" als aufmerksamer Hörer beiwohnte, dem müffen zwei Dinge ausgefallen sein. Wir meinen in erster Linie die Tatsache, daß eine geistig hochstehende Frau, die ihre ganze Tätigkeit in den Dienst der Judenheit zu stellen sich berufen fühlt, dem ttadittonellen Judentum — und ein andres gibt es nicht! — einen fanatischen, geradezu an das Pathologische grenzenden Haß emgegenbringt, der ste völlig unfähig macht zu seinem Gedankeninhalt vorzudringen. Dabei handelt es sich hier nicht um eine momentane. Entgleisung, sondern, wie die Verhandlungen des Jüdischen Frauenbundes vom letzten Herbst bewiesen haben, um Anschauungen, die, wohl überlegt, wohl stilifirt zu Papier gebracht, bei der Verlesung auch von geduldigen Hörern als eine „S ch mä h u n g des Judentums" empfunden wurden. Daß fie aus dem offiziellen Bericht der Tagung ausgemerzt werden mußten, spricht ja Bande! Aber noch weit merkwürdiger scheint uns, daß Frauen, die in ihrem Leben praktisch und theor etisch streng auf dem Boden des gesetzestreuen Judentums stehen, sich willig einer Führung unterordnen, die keine Gelegenheit vorübergehen läßt, dieses Judentum in den Staub zu ziehen! Quosque tandem? Mannheim, 14. Mai. Im Mannheimer Stift der Altersversorgung der jüdischen Gemeinde feiert man heute den 107. Geburtstag von Friedericke Wolfs. Seit fieben Jahren bewohnt fie das Stift. Die Greifin ist am 13 Mai 1801 geboren. Die Anstalt ließ es sich nicht nehmen den 107. Geburtstag ihrer Insassin durch eine angemessene würdige Feier zu begehen. Heidelberg, 13. Mai. Herr cand. med. dent. Mendel Bamberger aus Bad-Kiffinaen wurde für seine an dem zahnärztlichen Institut der hiesigen Univerfität gefertigte Arbeit „Ueber Zusammensetzung und Schleifkrast einiger Zahnpulver" mit dem Kvllm erpresse ausgezeichnet. Die Arbeit wurde in der deutschen zahnär tltchen Wochenschrift veröffentlicht. Wie«, 12. Mai. Dem Tempelverein für den 10. Wiener Gemeindebezirk wurde auf Grund kaiserlicher Ermächtigung die Bewilligung erteilt, den geplanten Tempel «Kaiser Franz Josef-JubiläumStempel für den 10. Wiener Gemeindebezirk" zu nennen. New Bork, 1. Mai. Auf eine von der „Union of American^ H^brew CongregationS" an dm Gouverneur deS Staates Chihuahua, Ermque Creel. ctrichtete Anfrage vetteffs Gründung von jüdischen Gemeinden tn Mexiko, ging von letzterem folgmde Antwort ein: „Sehr geehrter Herr! Ihre geschätzte Zuschrift vo« 31. März wurde mir überreicht. Entsprechend der poltttschm Verfassung der Republik von Mexiko, ist allen ftonfefftonen die volle Religionsfreiheit zugestchert. Sie können daher vollkommen beruhigt durch das Land ziehm und von dem konstituttonellm Rechte tn voller Sicherheit Gebrauch machen. Ich bin überzeugt, daß Sie im Staate Chihuahua jnMeser Richtung gar keinm Schwierigket en öegegnm werden. Ich bin mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebenster Dimer Enrique Creel". Qmitwmi. Berlin, 10. Mai. Der Pflanzungsverein „Palästina", hat im Zeitraum vom 15. Februar bis zum 1. Mat 1908 an MitgltedSbeiträgm die Summe von Mk. 125.— eingenommen. Die Gesamtetnnahme des Vereins vettagm biS dato Mk. 10193,79, währenfür die erste BereinSpflanzung in der Kolonie Rechobot Mk. 11812,30 verausgabt wurden. Nach Erledigung deS ersten Kaufs und nach Ansammlung weiterer Gelder besteht die Absicht, eine zweite Pflanzung in größerem Umfange in der Kolonie Chedera in Galltläa anzuleaen, die tekanntlich aus kltmatischm Gründen in der erste« Zeit sehr viel zu leiben hatte, die aber Dank ihrem außerordentlich fruchtbarem Boden und ihrer günstigen geographischen Lage zu dm zukunftSretchstm Kolonien in Palästina gehört. Die Bereinsleituna hofft durch Beitritt neuer ordentlicher Mitglieder, ihr Vorhaben betreffs der Anlage einer zweiten BereinSpflanzung in Chedera noch in diesem Jahre verwirlltchm zu kvnnm. Berlin, 17. Mai. In der am 12. Mai stattgehabten Mitgliederversammlung der hiesigen „MiSracht- Gruppe" berichtete der Vorsitzende, Herr Hermann Struck, über den Fortgang der Arbettm für die tn Palästina zu gründende Schule. CS fand dann eine eingehende Besprechung wichttger Fragen im Hinblick auf den deutschen Delegtertentag statt. Wie allerorts wurde auch hier gegen die betrübenden Vorkommnisse tn Köln lebhafter Protest erhoben. ES kam auch zur Sprache, daß verschiedene Artikel in den offiziellen zionistischen Organen einen enschieden antireligiösen Charakter tragen. Es steht zu erwarten, daß der Delegiertentag hiergegen Stellung nehmen wird und auch die Forderung des Misracht, Garantien zu erballen, daß für die Folge solche Vorkommnisse ausgeschlossen erscheinm, unterstützen dürfte. Hamburg. 11. Mai. Die Sanierung der südlichen Neustadt (Hafenstabtteil), welcher ganze Straßenzüge mit Hunderten von Gebäuden weichen mußten, machte auch die Verlegung der H. B. Oppenheimsche FreiwohnungSstistung zur Notwendigkeit. Nachdem es nun der Verwaltung gelungen war, das Stift dem Staate recht günstig zu verkaufen und einen ln der Ktelortallee (Grindelgegend) sehr günstig gelegenen Bauplatz zu erwerben, wurde daselbst ein monumental ausgestattetes Stistsgebäude mit Synagoge und Lehrsaal in Gemäßheit der Stiftungsurkunde errichtet, deren Einweihung gestern Abend in üblicher würdiger Weise, unter Mitwirkung deS Oberchasans Herrn Süßkind stattfand. Der Architekt Herr Rcgierungsbaumetster Friedheim, übergab mit schönen Worten den 2 chlüssel dem Präses des Curatoriums Herrn Dr. jur. R. L. Oppenheimer, der mit Dank an die Bauleitung und ausdrucksvollem Hinweis auf die trefflichen Anordnungen des sel. Testators die Uebernahme vollzog. Nach den üblichen Gesängen und niDpD mit den Thorarollen bestieg der Overrabbtner die Kanzel, um in vorzüglicher, höchst eindrucksvoller Rede die Wethe des Tagezu schildern und des hochherzigen Testators H. B. Oppenheimer yq, dessen segensreiche Stiftung heute ihr neue-

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