Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1908)
- Date
- 1908-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 21. -1. Mai 1908. Der Israelit. Getre 7. Vom Standpunkt unserer philosophischen Forschung ist dieser Monismus viel berechtigter 'als der des Materialismus. Er geht doch wenigstens von einem gegebenen Punkte aus, von dem, was durch Selbstbeobachtung außer Zweifel steht, von dem Umstande, daß als Objekt unserer Untersuchungen immer nur Empfindungen und Vorstellungen, innere seelische Vorgänge gegeben sind, daß wir aber so ein Ding wie Materie unabhängig von den Eigenschaften, die unsere geistige Tätigkeit an sie hercmbringt, nirgends vorfinden. Trotzdem wird es nur wenige geben und hat es immer nur wenige gegeben, die diesen Monismus proklamiert haben. Es fällt selbst dem Philosophen schwer, wenn er an eine Wand rennt und sich ein Loch in den Kopf schlägt, diese Wand als nichtexi stierend zu betrachten und als ein Spiel seiner Vorstellungen. Der dritte Versuch, den Gegensatz zwischen Geist und Materie in eine höhere Einheit aufzulösen, ist in den verschiedenen Systemen gemacht worden, die besonders in neuerer Zeit Anhänger gefunden. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie die geistigen und körperlichen Vorgänge nicht aufeinander zurückführen, sondern beiden die Selbständigkeit zuerkennen. Um nun aber doch die Tatsache verständlich zu machen, daß die Außenwelt Empfindungen auslöft und der Wille Impulse aussendet, die Bewegungen veranlaßen, um von dem Gegensatz zwischen Materie und Geist nun doch zu einem Monismus zu gelangen, nehmen sie eine allgemein herrschende Korrespondenz zwischen geistigen und körperlichen Vorgängen an. Ueberall ist geistiges und körperliches Geschehen mitunter verknüpft, jeder Vorgang hat zwei Seiten, von denen wir bald nur die eine, die geistige, bald nur die andere, die körperliche, sehen. Um diese Theorie einheitlich zu gestalten und konsequent durchzusühren, wird die Behauptung ausgestellt, daß auch dort, wo wir tatsächlich nichts seelisches beobachten können, wie in den animalischen oder vegetativen ja selbst chemischen Prozessen, geistige Vorgänge nebenher laufen. So wird eine einheitliche Kette von den niedersten bis zu den höchsten Vorgängen und Erscheinungen im Universum hergestellt, in denen allen der psycho-physische Parällelismus herrscht, eine auseinander abgestimmte Reihenfolge korrespondierender Vorgänge physischer und psychischer Natur. Auch dieser „psychologische Parallelismus", wie man die Theorie genannt hat, gibt keine Lösung. Zuerst gleicht er den beiden anderen Theorien darin, daß er Behauptungen aufftellt, für die absolut kein Beweis zu erbringen ist, die nur konstruiert werden, um die Theorie zu rechtfertigen. Wir finden nirgends vom Tiere abwärts eine seelische Betätigung, wir haben sie nie beobachtet, wie kommen wir dazu, eine solche anzunehmen? Zum zweiten: er erklärt ja durchaus nichts, er behauptet nur das, was uns schon längst bekannt war, daß geistige und körperliche Vorgänge nebeneinander herlaufen, miteinander verknüpft sind. Aber wie es zugeht, daß sie aufeinander wirken, wie Bewegung zu Empfindung und Wille zu Bewegung wird, das erklärt er ebensowenig wie der starrste Dualismus. Die Lehre von den „zwei Seiten", unter denen uns ein und derselbe Vorgang erscheint, ist nichts als ein Wort. So ist der Psychologische Parallelismus gar kein richtiger Monismus, sondern in Wahrheit ein Dualismus. Es ist nur ein Streit um phylosophische Termini. Der Idealismus spricht von zwei Substanzen, der psycho-physische Parallelismus von einer Substanz . und zwei Attributen. In der Sache ist dies dasselbe. Wirklich monistisch sind nur der Materialismus und der Spiritualismus, und beide führen, wie wir gesehen, durch ihre Einseitigkeit zum Widersinn. In das eben skizzierte Schema find alle Versuche einzureihen, die man unternommen, um zu einer monistischen Weltanschauung zu gelangen. Nun wird der Leser in den drei erwähnten Artikeln des vorliegenden Buches eine außerordentliche Fülle von Gedanken finden. Aber er darf der sicheren Zuversicht sein, daß er auch nicht um einen Schritt über die in unserem Schema erörterten Gedankengänge hinausgelangen wird. Die drei Mitarbeiter bemühen sich mit dem Aufgebot großer Fachkenntnisse auf dem Grunde des philosophischen Systems Edward von Hartmanns einen unanfechtbaren Monismus zu konstruieren. Edward von Hartmann, den großen und gewaltigen Geist, in allen Ehren! Wer gründlich philosophisch geschult ist, der weiß, daß für die Erkenntnistheorie, speziell sür die Frage des Verhältnisies zwischen der körperlichen und geistigen Welt, Kant das letzte Wort gesprochen hat. Er wird die vorliegenoen Arbeiten mit Interesse lesen, aber «. priori der lleberzeugung sein, daß eine Lösung in rein monistischem Sinne in ihnen nicht gegeben wird, weil sie nicht gegeben werden kann, weil es sich eben hier um ein transcandentes Problem handelt, ein Problem, das die Grenzen des menschlichen Verstandes übersteigt. Alle Versuche, diese Grenze zu überspringen, führen nur zu einem Rückschritt gegenüber Kant, zu einem Rückfall in den Dogmatismus. Das hindert nicht, daß diese Versuche immer wieder werden unternommen werden. Und darum wollen wir auch nicht die in ihrem Vergnügen stören, die sich durchaus zum „Monismus" bekennen wollen. Aber sie haben kein Recht als Vertreter der Wissenschaft auf diejenige herabzusehen, die dem Duualismus treu bleiben. Die Religion nämlich macht sich in den Augen der Monisten dieses Verbrechens schuldig. Durch die Annahme einer inmateriellen Seele, eine Annahme, die keine positive Religion recht entbehren kann, reißt sie eine unüberbrückbare Kluft zwischen Körper- und Geisteswelt. Nach unseren obigen Ausführungen kann die Religion den Vorwurf gelassen ertragen. Die Kluft ist vorhanden und keinem „Monismus" kann es — wie wir sehen — gelingen, diese Kluft zu schließen. Und noch ein anderes: die Religion will ja nicht auf Grund einer dualistischen Erkenntnistheorie die Existenz einer inmateriellen Seele beweisen. Sie findet die Lehre von der inmateriellen Seele vor, und es genügt, wenn dieser Lehre mit wissenschaftlichen Beweisen nicht entgegengetreten werden kann. Wer sich mit dem Begriff der inmateriellen Seele erkenntnistheoretisch auseinandersetzen will, der hat in Deseartes' und Kant's Systemen Stützen genug, der Dualismus dieser Großen ist — das muß immer und immer wieder betont werden — ebensoviel, oder wenn man durchaus will, so wenig wert wie der Monismus der Modernen. (Schluß folgt.) LR-«*. »orrespondenzen und Nachrichten. Berlin, 18. Mai. Der Hilssverein der deutschen Juden bringt soeben seinen sechsten Geschäftsbericht über das Jahr 1907 zum Versandt. Der Bericht konstatiert ein weiteres erfreuliches Wachstum des Vereins, der im Jahre 1908 wieder 4000 neue Mitglieder gewonnen hat und jetzt insgesamt 18,000 Mitglieder zählt. Die ausführlichen Einzelberichte über das Schulwerk des Hilfsvereins in Galizien, Rumänien, Bulgarien, der Türkei geben ein anschauliches Bild von der fruchtbaren Tätigkeit, die der Hilfsverein durch Kindergärten, Elementar-, Ackerbau- und Handelsschulen entfaltet. Was die Arbeit des Hilfsvereins, besonders im Orient, vor derjenigen der Alliance Jsraölite auszeichnet, ist die Erkenntnis, daß man den jüdischen Kindern im Orient nicht eine europäische Sprache und Kultur künstlich aufpflanzen darf — das macht sie nur zu heimatlosen Wanderern — sondern, daß sie die Landessprache erlernen müflen, und daß die natürlich gegebene Umgangssprache sür die Juden im Orient das Hebräische ist. Die Kenntnis der Landessprache öffnet ihnen in der Türkei beispielsweise Tür und Tor zu allen Erwerbszweigen und Staatsämtern, ermöglicht ihnen die Ansiedlung im Innern der Türkei und erschließt ihnen ganz neue Gebiete und Arbeitsfelder. Die Pflege der hebräischen Sprache andererseits ist das einzige Mittel, die Kinder im Geiste des Judentums zu erziehen, und sie bietet das einigende Band, das alle die aus verschiedenen Ländern und Sprachgebieten stammenden Kinder ihre Zusammengehörigkeit erkennen und bewahren läßt. Freilich ist's mit der hebräischen Sprache allein — man blicke nur auf Ben-Jehuda — nicht gethan, es kommt auf die religiöse Gesinnung der Lehrer an. Auch in dieser Hinsicht ist der gegenwärtige Leiter des Hülfsvereins sicher von den besten Absichten beseelt und es wäre zu wünschen, daß ihm eine volle Verständigung mit den palästinensischen Rabbinen in allen Schulfragen gelingt. Berlin, 18. Mai. Unmittelbar nach der französischen ist jetzt die deutsche Ausgabe des Jahresberichts der Alliance Jsravlite Universelle für 1907 erschienen. Der Bericht, ein wohlausgeftattetes Bändchen von 232 Seiten Text, legt Rechenschaft ab von der über drei Erdteile sich erstreckenden Tätigkeit der ältesten und größten jüdischen Hilfsorganisation. Der letzte Abschnitt derselben handelt von der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, der besondere Ausgaben hinsichtlich der rumänischen und russischen Glaubensgenossen zugeteilt sind. In stetig wachsendem Maße hat die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft in Uebereinftintmung mit dem Zentral-Komitee in Paris namentlich die Fürsorge sür die Auswanderer und Rückwanderer russischer und rumänischer Staatszugehörigkeit übernommen und selbständig organisiert. Zahlreiche Lücken, die in dem Organisarionsnetz vorhanden waren, sind ausgefüllt worden. Die Zahl der Mitglieder hat sich auch im vergangenen Jahre um Tausende vermehrt. Hamburg, 17 Mai. Das Repräsentantenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt eine Versammlung unter Vorsitz des Herrn I. Alexander ab. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende in tiefempfundenen Worten des Dahinscheidens des Bürgermeisters Dr. Mönckeberg. Bei den nun vorgenommenen Wahlen wurde in die Verwaltung der Theresienstiftung zur Unterstützung kurbedürftiger Israeliten anstelle des ausscheidenden Herrn L. Mathiason, Herr Raphael Ernst May gewählt. Zum Vorstandsmitglied der Talmud-Tora-Realschule wurde Herr A. Wittmund wiedergewählt und in die Verwaltung des Vereins zur Speisung hilfsbedürftiger Kinder Herr L. Mathiason delegiert. Als Mitglied der Armenkommission der Gemeinde wurde anstelle des verstorbenen zweiten Vorsitzenden Herrn Hartwig Haarburger, Herr Albert Meyer gewählt. Der Bericht der Kommission zur Berbefferung der finanziellen Verhältniffe der Gemeinde wurde von Herrn Alex Levy erstattet. Aus dem Bericht geht hervor, daß die Kommision eine ganze Reihe von Anträgen und Vorschlägen zur Besserung der Gemeindefinanzen macht. Für die Anbringung von Orientierungstafeln auf dem Israelitischen Friedhof in Ohlsdorf wurden antragsgemäß 2200 Jt bewilligt. Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf einen Antrag des Gemeindevorstandes, der verlangte, daß im Zusam-