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Der Israelit · 1908-05-21 · Heft 21 (21.5.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 21 (21.5.1908)
Date
1908-05-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Ne. 21 _ Natur des Menschen entspricht, eine Liebe, die sich als rein sittliche Forderung des feingebilbeten Menschen logisch exakt begründen läßt. Es ist eine Liebe, die in dem Ausspruch gipfelt, ■por “y">S ronw „Liebe deinen Nebenmenschen, wie dich selber!" '"iS DDK 0U2 „Kinder seid ihr dem Ewigen, eurem Gotte!" Wir Menschen alle, im Ost und West, im Süd und Nord, sind Kinder desselben Vaters, sind also Brüder, die sich lieben sollen wie Brüder. Es ist aber nicht Liebe, im Sinne der Kirchenethik. Ein Haupteinwand, der vom wissenschaftlichen Standpunkt gegen die Kirchenethik gemacht wird, ist aber, daß diese das Gebot der „Liebe" völlig mißverstehe. Wenn uns jemand einen Backenstreich versetzt, so handeln wir nach dem Erkenntnis der wissenschaftlichen Ethik nicht nur dumm, sondertl gar unsittlich, wenn wir dann auch die andere Wange zum Streiche bieten; wenn uns jemand ein Gewand stiehlt, so handeln wir unklug und unsittlich, wenn wir dem Diebe noch ein Gewand dazu schenken. Die jüdische Ethik, die sich nicht bis zu einem derartigen Begriff von Liebe versteigt, berücksichtigt eben, daß ethische Normen vorhanden sind, die dem Sittengesetz in vernünftiger Weise Schranken setzen. Es liegt uns persönlich ferne, etwa aus der Forderung der Kirchcnethik, daß wir dem Widersacher, der uns schlägt, auch die andere Wange darbieten sollen, schon zu folgern, die Kirchenethik erkenne es für recht, das Unrecht ohne Widerspruch gewähren zu lassen, und daß vollends auch die Obrigkeit so verfahren solle. Es dünkt uns vielmehr, daß etwas Unverstand im Spiele ist, wenn man dergleichen behauptet. Bei einigermaßen gutem Willen läßt es sich wohl dahin deuten, daß nur gemeint sei, wir sollen allezeit so frei von Rachsucht sein, daß wir imstande wären, so zu handeln. Wir müssen aber darauf Hinweisen, daß viele wissenschaftliche Bücher, die sich mit dem Problem „Sittlichkeit und Religion" beschäftigen, sich gegen die Kirchenethik wenden, ohne dabei einen Unterschied zwischen Kirchenethik und jüdischer Ethik zu machen. Niemand wird uns verargen, wenn wir deshalb die Aufmerksamkeit darauf lenken, daß just alle Dinge, die von wissenschaftlicher Seite der Kirchenethik hauptsächlich vorgeworfen werden, auch von der jüdischen Ethik abgelehnt werden und die jüdische Ethik nicht das Geringste von dem enthält, was man an der Kirchenethik auszusetzen gesunden. Eine andere Hauptforderung der Kirchenethik ist die „Abtötung des Fleisches", das Ablegen der Sinneslust, wobei das Wort „Lust" nicht bloß in einem engen besonderen Sinne zu nehmen ist. Diese Forderung wird zwar nicht so rigoros gestellt, daß alles Vergnügen verboten wäre, aber sie besteht, und man soll sich so weit wie irgend möglich, nach ihr richten. Und wer sie in seiner Lebensführung so ernst nimmt, dennoch rein Askese zu treiben, der gilt als Vorbild eines wahrhaft ethischen Menschen. Demgegenüber behauptet die wissenschaftliche Ethik, daß man sich zwar der Freude nicht ans bloßem Triebe hingeben solle, aber jedenfalls Freude dem Sittengesetz gemäß sei. Das Vcrmrnft-Sitrengesetz hat gar kein Interesse daran, den Menschen seiner Natur zu berauben. Es ist eine Entwickelung aller Kräfte und Anlagen nötig, um stärker, energischer, wirkungsfähiger zu werden. Nur eine Persönlichkeit, welche die Freude der physischen und geistigen Ausbildung empfindet, ist imstande, mit Leichtigkeit die Naturzwecke und mit frohem Herzen die sittlichen Zwecke zu verfolgen. - So urteilt aber auch die jüdische Ethik. Der TU Enthaltsame muß ein Opfer bringen (VI, 11. 'lonoo) uSy n£31 rs:n Sy K&n T5WD „er soll Sühne erwirken, weil er sich gegen seine Person versündigt," wozu -)Spn iTyStf bemerkt p\“i p Iv8y "iync* feine Sünde bestand darin, daß er freiwillig sich des Vergnügens beraubt hat, sich des Weines zu freuen. Die Welt- und Lebens- und Naturanschauung des Judentums ist eine ernste, aber zugleich eine _verJLraeÜt._ durchaus heitere, nmy lino kS mw naiaan p# (30 b. N2«k) Der göttliche Geist ruht nicht auf dem Menschen, weder iin Zustand der Trübheit noch in dem der Trägheit, sondern allein in der Freudigkeit der Pflichterfüllung, nicht dort wo Trauer und Zweifel, sondern nur wo Begeisterung und frische Tatkraft zu finden sind. So könnten wir noch von vielen Forderungen der wissenschaftlichen Ethik beweisen, daß dieselben sich mit den Forderungen der jüdischen Sittenlehre decken, während sie zu den Forderungen der Kirchencthik im Kontrast stehen. Doch dies würde uns zu weit führen. Ganz besonders wird übrigens der Kirchenethik ihr dogmatischer Charakter vorgeworfen, und man möchte, oberflächlich betrachtet, glauben, daß dieser Borwurf erst recht die jüdische Ethik trifft, denn in gewisser Beziehung scheint es ja, als ob wir Juden aus eigenes Forschen und Urteilen im Gebiete unserer Religion nicht mehr verzichten müssen, als andere Völker. Unsere Weltanschauung beruht ja auf der Ueberzeugung voll der Wahrhaftigkeit der Thora, auf der Tatsache einer göttlichen Offenbarung, die das schriftlich fixierte Wort mit einem mündlich überlieferten Kommentar begleitete. Während bei allen anderen Völkern Maubens- und Rechtslehre verschiedenen Ursprungs sind, kennen wir für beide nur eine Quelle, während bei anderen Völkern die Glaubenslehre als Gotteswerk, aber die Rechtslehre als bloßes Menschenwerk gilt, gilt für uns, daß wir beides aus Gotteshand empfangen haben. ^Ten anderen Völkern gilt nur die Glaubenslehre heilig und unveränderlich, die Rechtslehre aber ist ihnen profan und modifizierbar. Uns aber gilt auch die Rechtslehre als göttlich und unwandelbar; die anderen Völker verdanken ihre Gesetze einer einfachen Konvenienz, unsere Gesetze sind aber von Gott selbst uns vorgeschrieben. Wenn wir uns aber genauer mit dem Wesen des Judentums beschäftigen, so merken wir bald, daß wir es hier mit keinem sacrificium intellectus zu tun haben. Unser Gott wird ja von uns verehrt als der Gott der Liebe und unser Gehorsam gegen Gott ist demgemäß nicht sklavisch. Das Ziel unserer Lebensauffassung ist Glückseligkeit. Daß diese Glückseligkeit aus der Gott gegenüber erfüllten Pflicht entspringt, ist ganz naturgemäß, da der gesunde Menschenverstand erkennen muß, daß die Gesetze der Thora nur zu unserem Heile uns gegeben sind. Auch wenn der Jude sagt: neStf r-.noio poKO uts so ist das nicht anders gemeint, als daß er auch tief innerlich erkennt und davon durchdrungen ist, wie gut es Gott mit uns meint, daß er uns leine Gesetze gab, durch deren Befolgung wir glücklich, durch deren Mißachtung wir unglücklich werden müssen. Mögen Bekenner anderer Religionen Religion und Glauben vermeintlich retten wollen, durch Ausschaltung der Vernunftanwendung. Wir Juden haben keine Geistessklaverei nötig. Jüdische Religion und jüdische Frömmigkeit kann auch bestehen, ohne daß wir unsere Vernunft opfern. - Die sachlichen Bedingungen der Töne sind auch da schon ohne Ohr, aber ohne Ohr wird es nicht zu Tönen. So kann es auch ohne Verstandestätigkeit keine Wahrheit geben und es hieße das Erkennen der Wahrheit unmöglich nrachen, wollte man die Bernunftätigkeit verbieten. Eine göttliche Offenbarung ist ja nur einem Wesen gegenüber möglich, das seine Vernunft gebraucht. Es geht nicht an, sich im Interesse der Töne das Ohr zu verstopfen oder, um nicht Gesichtstäuschungen ausgesetzt zu sein, sich die Augen zu verbinden. Eine Wahrheit existiert nur für den Intellekt und durch ihn. Wer auf den Intellekt verzichtet, muß auch auf die Wahrheit selbst verzichten und auch auf göttliche Offenbarung. Die Vernunft ist uns vom Schöpfer gegeben, nicht zur Opferung derselben, sondern zur gesunden Entfaltung derselben, zur Erkenntnis unserer selbst und unserer Bestimmung, zur Erkenntnis unserer Thorasatzungen, deren Befolgnng uns beglückt und uns der von Gott ge- _21. Mai 1906. wollten Bestimmung zusührt. — Das Judentum kennt kein Dogma, durch welches die Vernunft geknechtet wird, und das Vorstellungen veranlaßt, welche die Heiligkeit Gottes trüben und die Wesenheit desselben in den Kreis des Irdischen -herabziehen. Das Judentum ist frei von Dogmen, welche das vernünftige Denken in Fesseln schlagen und frei von Vorstellungen, welche der Erhabenheit des göttlichen Wesens unangemessen sind. Freilich lassen sich für die höchsten Religionsbegriffe keine mathematischen Formeln sinbeu im Sinne der sonstigen Wissenschaft. Religion ist ein lebendiges, im Herzen wohnendes, das ganze Gemüt durchdringende Etwas und es hieße das Wesen der Religion zerstören, wollte man dieselbe unter mathematische Bernunftsregeln bringen. Zwar sind die religiösen Ideen, *bie Idee Gottes, der Unsterblichkeit, des sittlich Guten und dergl. in einem gewissen Sinne in der Vernunft begründet und mit ihrem innersten Wesen und ihren tiefsten Bedürfnissen verwachsen. Tenn weil das Herz ein Bedürfnis nach Glückseligkeit hat, so besitzt der Mensch einen instinktartigen Zug nach Gott, der Quelle aller Glückseligkeit, ein unbewußtes Verlangen nach ewiger glückseliger Fortdauer, eine heiße Liebe zum sittlich Guten und Rechten. Ferner ist es klar, daß das, was an sich das erste Sein und Ursache alles andern Seins ist, von uns aus seinen Wirkungen erkannt wird. Aber letzten Endes kann man doch hier nicht von Beweisen reden im Sinne der Beweise des gewöhnlichen menschlichen Erkennen«. Für den Juden ist die Ausübung von Sittlichkeit allerdings Erfüllung eines göttlichen Gebotes. Nicht Menfchenwüle ist Urheber eines Gesetzes, sondern Gott allein ist der Gesetzgeber. Sittliches Gesetz und göttliche Verordnung sind für das Judentum untrennbare Begriffe. Aber wir haben es nicht mit einem blinden Dogma zu tun, vielmehr erfüllen wir das Sittengesetz, weil wir in Gott die Urgeftalt aller Sittlichkeit erkennen, weil er die schöpferische Kraft aller sittlichen Weltordnung und des auf Sittlichkeit gerichteten Weltzwecks ist, weil er das Urbild aller Sittlichkeit und der Urquell aller menschlichen Sittenlehre für uns ist. SSnn’’ HKTO OK '0 iDn nttry uk 2 vn« y-n Sotpn SSnnun ,1 oto Tixsn hSko '2 npw rssVv (IX 23 rpDT) „Nur des rühme sich, wer sich rühmen darf, mich zu erkennnen, der ich Liebe und Recht und Gerechtigkeit auf Erden schaffe." — Wie vermag der Mensch in Gottes Wegen zu wandeln va-n Soa nrSS 'K 'i nK nanaS io npa-iSi? Die Antwort lautet: Knn nmtl Dim Kin 'ui 0'nvn Sou nnw 0"1ON Sou Hin oim „Gott ist barmherzig: so mögest auch Du barmherzig sein; Gott erweist Liebestaten: so mögest auch Du der Liebestaten Dich befleißigen." (Schluß folgt.) Der Monismus. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung.) Gegenüber dem Materialismus nun gibt es eine zweite Form des Monismus. Sie wird bald als Spiritualismus, bald auch ungenauer Idealismus bezeichnet. Man zieht die Konsequenzen aus der Tatsache, daß uns in unserer Beobachtung nur Empfindungen gegeben sind, daß alle Erscheinungen der Körverwett uns nur soweit bekannt sind, als sie Produkte unseres Bewußtseins sind. Da wir von der Körperwett absolut nichts anderes wißen, als was wir in unseren Empfindungen und Bewußtseinserscheinungen über sie an Erkenntnissen finden, so wird die Körperwelt überhaupt nichts anderes sein, als ein Ergebnis unserer geistigen Tätigkeit, die Außenwelt existiert überhaupt nicht, sondern ist nur eine Projektion aus unserem Innern nach außen.

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