Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1908)
- Date
- 1908-05-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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«ett» L m 81 Der JSraeltt 81 Mat 1908 . Kinder anvertraut hat, die Anerkennenug als eines vollwertigen Ersatzes zu versagen! Wir fragen: gibt esüberhaupteinen modernen Menschen, der ein legitimes Interesse daran haben kann, aus religiösem Gebiete einen so widersinnigen, auf keinerlei moralisches Recht gestützten Zwang aus recht zu erhalten? Hier liegt, nicht in einzelnen Fällen, hier liegt konstant, in der gegensätzlichen Natur - der neologen und der orthodoxen „Richtung" begründet, ein empörender Gewissenszwang vor und nur derjenige kann einem solchen Zustande Dauer wünschen, dem alle Religion nicht Weltanschauung, nicht Gefühl, sondern Lippenwerk und leere Farce ist. Bayern- Durch Entschließung vom 7. Mai hat das bayerische Ministerium des Innern die Vereinbarung zwischen den Orthodoxen in München und Nürnberg und ihren neologen Gemeindeverwaltungen nunmehr genehmigt. Die Entschließung für München- (analog lautet natürlich -diejenige für Nürnberg) hat folgenden Wortlaut : Betreff. Die rechtliche Stellung der orthodoxen Synagogen in den israelitischen Kultnsgemeindcn München und Nürnberg. Zum Bericht vom 9. April d. Js. dir. 19090. Durch die von der Verwaltung der israelitischen Knltusgen.einte München im Einverständnis mit fern 3dlbbinate getroffenen Bcre.nbarung mit fcem „Verein zur Förderung jüdischer Wissenschaft (Ohel Jakob)" e. B. in München vom 15. Januar 1908 soll eine Einigung bezüglich der hauptsächlichsten, auf religiösem Gebiete bestehenden Differenzpuykte zwischen den Anhängern der neologen und orthodoxen Richtung inmrhalb der Kultusgemeinde München herbeigesüh't werden. In der Voraussetzung, daß hiedurch für längere Zeit der Friede in der Kultusgemeinde hergestellt wird, wird gegen die Regelung der eirrschkägigen Verhältnisse im Sinne des bezeincheteu Uebereinkommens vom Standpunkte der obersten Staatsaufsicht bis auf weiteres keine Erinnerung erhoben. , Hievon sind Verwaltung und Rabbinat der israelitischen Kuitusgemeinde sowie der Verein zur Förderung jüdischer Wissenschaft sogleich zu verständigen. gez. Dr. von Wehn er. ' Damit ist die an dieser Stelle wiederholt besprochene Aktion, die nach unserer Ueberzeugung der Orthodoxie nicht die Hälfte dessen gebracht hat, was ihr von rechtswegen gebührt und was ihr kein billig denkender Politiker verweigert hätte, offiziell beendigt. Die bayerische Regierung hat in der ganzen Angelegenheit wie immer eine durchaus wohlwollende Haltung gegenüber den in Frage kommenden religiösen Interessen betätigt, und wenn sie die Verträge, auf; die beide Parteien sich leider nun einmal geeinigt hatten, jetzt einfach bestätigt, so werden darüber nur die wenigen ultraneologen Juristen enttäuscht sein, die geglaubt hatten, die Regierung werde für die eifervoll behüteten Souveränitätsrechte des heiligen, einen, unteilbaren altbayerischen Kultusgemeindebegriffs ex officio schützend in die Schranken treten. . Bemerkenswert ist, daß die Entschließung wohl nicht unabsichtlich die von uns hervorgehobenen Worte „bis auf weiteres" braucht. Das bestätigt die, in dem Frankel'schon Briefe (Siehe Israelit Nr. 19) nachdrücklich bekundete Erwartung einer in Bälde bevorstehenden generellen Revision des bayerischen Judenedikts. Unabhängig von dieser Revision ist die Regelung der verhältnismäßig sehr, einfachen Angelegenheit des obligatorischen Religionsunterrichts, die wir in den beiden letzten Nummern ausführlich behandelt haben. Hier gilt es, ohne kleinliche Rücksichten so rasch wie möglich einen Zustand zu beseitigen, der allem Rechtsgefühl und allem religiösen Empfinden Hohn spricht und der in einem Rechtsstaate nur so lange dauern kann, wie die unter dem Drucke des Gewissenszwanges Seufzenden sich diesen Druck ruhig gefallen lassen Und dennoch! Sefkoh-Gedankeu. D'noKö üb orpn'N \^ü2 onv.-Q n«t. oa ppei /in cnK 'rv-Q ->sn*? cm1?;1? otibyi n*?i Regen zur Zeit, Erntesegen und Fruchtfülle, Frieden und Ruhe, Sieg und Wohlstand. So lauten die Glücksverheißungen, die als natürliche Folge eines vom göttlichen Gesetze geweihten nationalen Lebens dem jüdischen Volke verheißen werden. Aber wie hart grenzt doch die Treue an die Untreue, die Glaubensstärke an die Schwäche und innere Zerfahrenheit, das Glück an das Unglück. Nur durch eine nmnß sind sie int heutigen Thorabschnitte, die beiden Extreme, von einander getrennt, eine Pessucho, eine offene Straße führt den Entkräfteten und Entarteten von der seligsten Gottesnähe in den tiefsten Abgrund menschlicher Verkommenheit, vom Segen zum Fluche, vom Sein zum Nichtsein. O diese nrnns, diese weitgeöffnete Kluft, dieser gähnende Abgrund! Unzählig find die Opfer, die allen Warnungszeichen Und Mahnrufen) allen O'pn und ros» zum Trotze, durch Leichtsinn, Ueberhebuna und Gleichgiltigkeit dargn zu Grunde gingen. Offen ist der Weg zum gottgeweihten Pflichtenleben. Doch eben so offen steht denen, die nicht gehorchen wollen, der Wegder zum Verderben führt: DW nKi’D Ipn DWn'3 feil Und nicht weniger als dreißig Sätze beschäftigen sich damit, das Elend, Leid nnv Ungemach, welche eigene Schuld heraufzubeschwören imstande sei, in den eindrucksvollsten Farben zu schildern. So eingehend und eindringlich warnte die endlose, allumfassende Liebe Gottes, so plastisch und anschaulich führt sie dem Menschen die entsetzlichen Folgen der gesetzlosen Tat vor Augen. Und der offne Weg des üb ipvVN wurde dennoch nicht gemieden, und das angedrohte Verhängnis ward Wirklichkeit in seiner ganzen Mannigfaltigkeit, mit seiner ganzen niederdrückenden Wucht und Schwere. „Und dennoch! Auch im Lande ihrer Feinde habe ich sie nicht verschmäht und nicht verstoßen, sie zu vernichten und meinen Bund mit ihnen aufzuheben, denn ich bleibe der Ewige ihr Gott." Welcher Trost in bitterer Not) ein Sonnenstrahl, der die ftnfteren drohenden Wolken teilt. Es brausen die Stürme und schwer prasseln die Regengüsse hernieder. Fürchterlich dröhnend rollt der Donner und es zucken die Blitze in Feuerglut. Doch siehe, dort heitert es auf, dort teilt sich die Wolke, die schwarze Himmelsdecke wird leichter, leichter, dort leuchtet schon die Sonne, noch blaß und schüchtern durch. Und unn steht der Regenbogen glanzschimmernd, schillernd in Farbenpracht, Frieden verheißend, Ruhe verkündend ..... „Und dennoch im Lande der Feinde, im Leben des Golus-siehe, ich verlasse euch nicht, ich löse meinen Bund mit euch nicht auf." Wenn sie im Lande der Feinde sind Za, wo eigentlich? in welchem Lande, auf welchem Erdteile? Und wann? In welchem Zeiträume, in welcher Epoche der Weltgeschichte? Eine leidige, müßige Frage in der Golusgeschichte Israels. Ueberall und zu allen Zeiten. Israel liebt sein Golusland und arbeitet an seinem Wohle und Gedeihen eifrig mit, gleichwohl ist es ein OiT3'K TpK, stößt es überall und zu allen Zeiten auf Feinde, die ihm das Leben vergällen, die ihm Liebe mit Haß vergelten, die es ohne Grund und Beranlaffung, nur wegen des omTD, wegen seines bloßen „Seins" seiner Existenz unterdrücken und verfolgen. Wo? Ueberall. Am Nil wie am Euphrat, am Rheine, an der Donau und an der Wolga, unter der Pharaonen-Herrschaft der biblischen Zeit nicht weniger als unter dem Zäsarenwcchnsinn des Altertums, unter dem klösterlichen Fanatismus des Mittelalters nicht minder als unter richtete große Verheerung unter der israelitischen Bevölkerung Rothenburgs an. Ein starrer Fanatiker in Glaubenssachen, Dr. Tenschlcin von Frickenhausen, vormaliger Professor an der Universität Wittenberg und Prediger zu Windsheim, begann mit einer Judenhetze und eiferte ben Pöbel zur Verfolgung der bisher wohlgelittenen Juden an. Der Rat der Stadt sah dem Treiben dieses Wüterichs ruhig zu. Das alte Judenviertel (wie irr allen Stödten der damaligen Zeit mußten die Juden für sich in einem ihnen angewiesenen Stadtteil Wohnung nehmen) mit Synagoge und Schule wurde zerstört (es befand sich neben dem Weißen Turm in der alten Stadt), ebenso das Z'tdenrathaus, die Judenherberge und das Judenbad (1997). An der Stelle, wo ihre Synagoge gestanden, auf dem Milchmarkt, baute im Jahre 1401 Peter Ereglinger eine Kapelle „zur reinen Maria" genannt, die im Bauernkrieg zerstört wurde. Der israelitische Friedhof wurde als allgemeiner Friedhof benutzt. Das Rathaus wurde zu einem sog. Seelhaus umgewanvelt, die elende Herberg genannt. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts müssen aber wiederum Israeliten in Rothenburg 'ansässig gewesen sein. In den Urkunden aus dieser Zeit wird ein Jude Jakob zu Rothenburg genannt, dem der Bischof Johann III. von Würzburg, Herzog zu Franken, das Amt eines Oberrabbiners für das ganze Land übertrug. Der Zweck der Ernennung eines Lberrabbiners von seiten der weltlichen und geistlichen Machthaber war nicht nur ein ideeller, zur Förderung des israelitischen Kultus, sondern vor allem ein recht materieller, der Oberrabbi mußte vor allem Sorge tragen, daß der güldene Opserpfennig seiner Glaubensgenossen pünktlich entrichtet wurde, und im Wrigerungsfa t sollte er in des Kaisers Namen diese Judensteuer eintreiben dürfen. Abermals verfinsterte sichrer Horizont der Juden, als der Renegat Pfefferkorn in überaus gehässiger Weise die Bücher der Juden in den Kot zerrte. Zwei Männer ehrenwerten Gedenkens traten damals zugunsten der Juden ein, von christlicher Seite oer kaiserliche Rat und Richter des Schwäbischen Bundes, Johann Reuchlin von Stuttgart, von israelitischer Seite der Sachwalter der Juden Deutschlands, Rabbi Joselmann aus Rosheim. In Frankfurt wurde eine große Versammlung am 29. November 1510 abgehalten, um bei Kaiser Maximilian vorstellig zu werden, daß die angedrohte Konfiskation der hebräischen Bücher nicht ausgeführt wurde. Die israelitische Gemeinde in Rothenburg war in. Frankfurt nicht vertreten, man erklärte das Frrnblcrben mit der Begründung, daß die Reife zu' gefährlich wäre. Ein schweres Unwetter zog wiederum verd-.rbcnbringcnd über die Häupter der Rothenburger Juden hin. Zur Zeit des Deutschen Bauernkrieges war es, als man in der Gegend von Rothenburg den Samen des Aufruhrs ansstreute. .Man stachelte die Bevölkerung zur Ausweisung der Juden an und forderte sie auf, die Synagogen zu zerstören. Im Jahre 1520 mußten bte Juden wieder einmal die Stadt Rothenburg verlassen,' das neue Judenviertel, das seit 1402 wieder bestanden hatte, mit 2 Toren, Synagoge und Friedhof, wurde verwüstet. Seit der erneuten Vertreibung vom Jahre 1520 haben die städtischen Behörden von Rothenburg einen förmlichen Vernichtungskrieg gegen die Juden geführt. Sie verboten ihren Bürgern jeden geschäftlichen Verkehr mit den Juden, und alle Berwendungsfchreiben' für sie von seiten auswärtiger Fürsten und Herren, wie solche noch urkundlich, vorhanden sind, konnten hieran nichts ändern. Mochten einzelne Juden noch so dringend um Einlaß in die Stadt bitten, der Rat büeb unversöhnlich. Zuweilen gejchach sogar das Unerhörte," daß dieses Verbot sich auch ^auf die getauften Juden erstreckte, die doch sonst stets bevorzugt wurden. Darüber klagt einmal ein gewisser Ender, der Sohn des früheren Rothenburger Juchen Hajim, der nach Jerusalem ausgewandert und dort gestorben war. Der Sohn dieses Juden hatte sich mit Weib und Kind taufen lassen. Einmal kam er nach Rothenburg im Gefolge des Edelmannes Adam Bernheimer von Habelstein, um dort einige von seinem Vater ererbte Forderungen einzuziehen. Da wurde ihm vor dem Stadttor der Eintritt verweigert. Vergebens verwandte sich der genannte Edelmann für ihn. „Lieder" soll er zu dem Torwart gesagt haben, „was hebst du an, warum willst du ihn nit herein lassen, ist er doch kein Jud mehr, er sst doch eher ein guter Christ als ich!" Vergebens ward auch der Bürgermeister angcrufen: das Tor wurde dem neuen Christen nicht geöffnet. Eine Ausnahme von diesem Verbot machte man nur dann, wenn Juden zu einer Gerichtssitzung nach Rothenburg geladen waren. Zn solchen Fällen erteilte ihnen der Rat freies Geleite in die Stabt und aus derselben, aber auch dazu war er mehrfach nur durch die Einmischung des kaiserlichen Hofgerichts zu Rottweil und durch die Drohung einer Klage wegen ^Justizverweigerung zu bewegen. Nur einmal ist im 16. Jahrhundert dem eine Ausnahmestellung einnehmenden Arzt Josef Oehringer die Erlaubnis zum Betreten oer Stadt erteilt worden. Das Vorhandensein der israelitstch. n Bevölkerung war kein Nachteil gewesen für die Stadt. Durch die vielen Märkte und Messen daselbst hatte sich der Wohlstand. der Stadt gesteigert. Mit dem Abzug der Inden gaben die Rothenburger höchst unverständig einen wertvollen Steuerzuschuß aus, da sie von den Juden außer der Hälfte der Keichssteuer noch ein be-