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Der Israelit · 1908-05-21 · Heft 21 (21.5.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 21 (21.5.1908)
Date
1908-05-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MW M Wt. 81. __ moderne Technik werden bald im alten jüdischen Viertel alle Spuren einer großen, schweren Zeit verwischen und die grauen Gebäude, an denen jeder Stein eine beredte Sprache führt, schonungslos uiederreißen. Der praktische Sinn des modernen Menschen, welcher neue Bahnen für seine materiellen und ästhetischen Bedürfnisse sucht, kennt keine Pietät und nimmt auf heilige Erinnerungen, die cm altern Holz und Stein haften, keine Rücksicht. Aber in diesem Prager Ghetto, da liegt eine Stätte, die mehr als Holz und Stein, geweiht ist durch den Hauch einer großen, an Siegen und Tränen überreichen Vergangenheit — das „Haus der Lebendigen," der Prager Friedhof. Es ist noch nicht lange her, daß die jüdische Gemeinde Prags in einem Rechtsstreite mit der Stadtverwaltung um die Erhaltung ihres Friedhofes unterlegen ist und es zusehen mußte, wie durch Expropriierung eines Teils des Friedhofes die Toten aus ihrer tausendjährigen Ruhe gestört wurden. Seitdem hat sich auf dem Friedhofe vieles geändert. Die Pietätlosigkeit, die von außen in das Reich des siidischenGottesfriedens h ineingetrageir war, scheinet ansteckend auf die Lebenden zu wirken. Staunend hören wir, daß es jetzt die jüdische Friedhofsverwaltung, die Beerdigungsbrüderschaft selber ist, die auf den aufgewühlten Friedhofsgrund lustig ihren architektonischen Liebhabereien nachgeht. Eine Leichenhalle entstand, und es gehen Gerüchte, die bisher nicht nachdrücklich genug widerlegt wurden, daß der Bau derselben mit einer weiteren Exhumierung von vielen Leichenüberresten verblenden lvar. Jetzt sind zwei neue Gebäude auf dem Friedhofe geplant, die laut „Prager- Tageblatt" vorn 29. v. M. wiederum Friedhofsgrund und neue Exhumierungen erfordern werden! Zur Frage der Exhumierung jüdischer Leichen inl allgemeinen haben bereits in der Gutachtensammlung des Herrn Oberrabbiner Dr. Lerner, □yiy "n, die größten rabbinischen Autoritäten aller Länder gesprochen. Es kann nicht der geringste Zweifel ' darüber herrschen, daß das O'nön '12L aus solchen nichtigen Gründen, wie Erstellung von Gebäuden, deren Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit die nun aris ihrer Ruhe aufgestörten Ahnen zn Lebzeiten gewiß nicht eingesehen hätten, nimmermehr geschehen darf. Es handelt sich hier auch nicht etwa um eine interne Angelegenheit einer jüdischen Gemeinde! Das alte Prager nropn rvn, auf dem nnnn 'p'">2i begraben 'sind,Ist heiliges Gemeingut des ganzen" jüdischen Volkes, lind die weite jüdische Turm von Ensisheim einkerkern. Der Kaiser war' über die Auswanderung der Juden, feiner Kammerknechte, sehr aufgebracht, weil ihm dadurch eine sehrergiebige Finanzquelle versiegte. Durch die Verhastnng des Rabbi Meir von Rothenburg, des Führers der deutschen Juden, glaubte er ein sicheres Pfand zn haben für das Verbleiben seiner Kammerknechte an den bisherigen Wohnplätzen. Darum lvar auch der unfreiwillige Aufenthalt des Rabbi Meir ein ziemlich erträglicher. Er durfte Gesuche empfangen imd rabbinifche Funktionen ausüben. - Rudolf von Habsbnrg hatte ganz richtig gerechnet, wenn er annahm, dag die deutschen Juden alles aufbieten würden, um ihr verdientes Oberhaupt aus der Haft zu befreien. Rach zeitgenössischen Berichten sollen die Juden dem Kaiser, der sich damals in großen (Geldnöten befand, für die Befreiung des Rabbi Meir aus Rothenburg -43,000 Mark Silbers augeboten haben, für die damalige Zeit eine ungeheure Summe. Der Kaiser war bereit, für ein solches Lösegctd den Rabbi aus der Haft zu entlassen. Rabbi Meir aber lehnte diese Hilseseistung seiner glaubensgenössischen Landsleute edelmütig ab, er wolle um einen solchen Preis seine Freiheit nicht annehmen, damit er dem Kaiser nicht den Weg zeige, wie man es machen müsse, um von den Juden Geld zn erpressen. So blieb Rabbi Me'ir ans Rothenburg noch volle fünf Jahre in Haft, standhaft alle Versuche zu seiner Befreiung zurückiveiseud. Im Kerker zu Ensisheim starb er int Jahre 1293. Die Nachfolger des Kaisers Rudolf, Adolf von Nassau mib Al brecht von Oesterreich, gaben nicht einmal die Leiche des Eingekerkcrten frei. Bolle 14 Tage ließen sie beit Leichnam des gefeierten Rabbiner unbeerdigt liegen, unr tLeldsordetnngen von den jüdischen Gemeinden zu erpressen. Erst ein frommer, kntderloser Mann rii$£ Frankfurt, Süßkind Wimpfen, kaufte ___ Der Israelit. Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf, über die Geschicke dieses idealen Nationalbesitzes, der den Händen der Berrdigungsbrüderschaft zu Prag anvertraut ist, Rechenschaft zu fordern. Sie wird auch Herrn Ing. H. Slonitz in Prag Dank wissen, der es unternommen hat, der Beerdigungsbrüderschast die alten Sünden öffentlich vorzuhalten und auf die Tragweite des geplanten Unternehmens aufmerksam zu machen. Slonitz kommt in Nr. 18 der Prager „Selbstwehr", nach einer ausweichenden und nichtssagenden Erwiderung des Vorstandes der Brüderschaft, noch einmal auf die Sache zu sprechen, um nachzuweisen, daß gerade jener Teil, auf dem die Neubauten des Vereines errichtet werden sollen, der älteste sei, in welchem ° sich die meisten übereinander liegenden Gräberschichten vermuten lasten, so daß das Vorkommen einer sehr großen Anzahl von Leichen auf der großen Fläche von. über fünf Qu-adratklaftern mit Gewißheit zu erwarten sei. Mit Recht weist Herr Slonitz noch auf die prinzipielle Seite der Angelegenheit hin, auf die Gefahr, die infolgeffen der Erhaltung und dem Fortbestand hes alten Friedhofes überhaupt droht, indem dadurch ein verhängnisvolles Präjudiz geschaffen würde, auf das sich auch noch später jeder baulustige Vorstand werde berufen können. Auf diese Weise werde wol im Laufe der Zeiten eine Parzellierung des ganzen alten Friedhofes erfolgen. Soweit wird es denn doch hoffentlich in Prag nicht kommen. Wir hoffen vielmehr, daß die sachkundigen und gutgemeinten Slonitz'schen Mahnworte ihre Wirkung auf die Beerdigungsbrüderschaft, deren Pläne an sich ja idealen Motiven entspringen, nicht verfehlen werden. Die Baupläne lassen sich so ändern, daß Friedhofsgrund und Leichenteile unberührt bleiben. Die Juden aller Länder, die gleiches Recht und gleiches Interesse am alten Prager rvmpn rnn haben, dürfen das von seinen berufeuen Hütern als etwas Selbstverständliches erwarten. Her Religionsunterricht im badifdien Landtag. Im Verlaufe der Mittelschuldebatte im badischen Landtag hat sich der Vertreter des Oberschulrats, der bekannte Pädagoge Dr. v. Sallwürck u. a. auch zu den Beschwerden über den beiru Religionsunterricht ausgeübten Gewissenszwang geäußert. Geh. Rat v. Sallwürck sagte: „Eine schwerere Frage ist die des Religio nSunuterrichts. Der Religionsunterricht ist ein obligatorischer Leychegenstand, und nach meiner Auffassung gehört er in einen vollenpädagogisch gedachten Lehrplan unter allen Umständen in dieser «ttfe 3 21. Statt 1908. Qualität hinein. Man sagt manchmal von unserer Zeit, sie sei nicht religiös; ich habe in dieser Beziehuikg eine andere Ansicht: Die religiösen Fragen werden heutzutage viel eifriger diskutiert als in früheren Zeiten. Daraus schließe ich nicht nur, daß die religiöse Frage ein Bedürfnis unserer Zeit ist, sondern daß die Religion überhaupt im Bedürfnis des inneren Menschen liegt. Ich denke mir eine Religionsstunde als eine Gelegenheit, den jungen Menschen, dessen Verstand im übrigen Unterricht durch alle Zeiten und alle Gegenden der Welt hindurchgetragen worden, dessen Gemüt im Leben außerhalb und innerhalb der Schule vielfach erregt woroen ist, wieder zur inneren Rühe zu führen; ich denke sie mir als eine Stunde innerer Erhebung, Beruhigung und Ausrichtung. Ich erwarte auch, daß unser Religionsunterricht in den Schulen diesen Geist immer mehr in sich aufnimmt. Wenn das der Fall ist, so werden die vielen Bedenken, die lautbar werden, und die meistens aus dogmatischen Differenzen Herkommen, nach und nach immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden. Aber wenn irgendwo noch ein Vater das Gewissen seines Sohnes durch den Unterricht in der Religion für bedrängt halten möchte, muß ich bitten, daß der Fall uns vorgetragen wird; es ist der Schulverwaltung möglich, hier z u Helsen. Die Fälle, in denen das eintreten kann, werben ja sehr selten sein; aber au Entgegenkommen von unserer Seite wird es nicht fehlen." Wir sind zwar fest davon überzeugt, daß unsre neologeir Herren Rabbiner mit dem ganzen Aufgebote ihrer theologischen Dialektik grade ihren Religionsunterricht als das Ideal eines zur „inneren Ruhe", zur Erhebung, Beruhigung und Aufrichtung führenden Erbauungsstunde zu erweisen versuchen werden — aber das sollte die berufenen Instanzen der badischen Orthodoxie doch nicht hiirdern, dem Oberschulrat die wahre Sachlage darzustellen. Was dem orthodoxen Vater Religion ist, für sich und für sein Kind, das kann nur er selbst bestiminen und, wer politisch liberal sein will, wird nicht umhin köntren, diese religiöse Autononne des Gewissens rückhaltlos airzuerkennen. Der Karlsruher Stadt-Rabbiner z. B. gehört zu den Unterzeichnern des Programms der „Liberalen Vereinigung", das an die Stelle des alten Judentums eine von „abgestorbenen" Sitten und Gebräuchen gereinigte, „naturwissenschaftliche" Religion setzt, das die „gesicherten Ergebnisse" der die Göttlichkeit des Pentateuchs leugnenden Bibelkritik, also eine nach dem Religionsgesetz als vollendeten Abfall geltende Lehre, zum Ausgangspunkte seiner Religion nimmt! Das hindert aber den ehrwürdigen Herrn nicht, Kinder, deren Elteru nichts von dieser neuen Religion wissen wollen, in seinen Religions-Unterricht zu zwingen und den Religions-Unterricht der orthodoxen Israelitischen Religionsgesettschaft, dem vor Jahren kein Geringerer als der Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer seine -Jä •ri 1 •: die Leiche um eine hohe Summe los und ließ sie in Worms zur ewigen Ruhe bestatten. Der einzige Lohn, den der edle Befteier für sich beanspruchte, war, daß seine Gebeine dereinst neben denen des allverehrten Rabbi Meir von Rothenburg ruhen sollten. Die beiden Grabstätten sind heute nocü,zu sehen aus dem isrealitischen Friedhof zu Worms. Kaum war der Rabbiner aus Rothenburg gewichen, als auch schon ein furchtbares Blutbad unter seineil Rothenburger Glaubensgenossen angerichtet wurde. Der aufgehetzte Pöbel fiel über die Juden her, diese flüchteten sich, ivohin sie eben kamen. Maach« bestiegen einen festen Turm, wo sie sich gegen ihre Angreifer verteidigten, andere nahmen bei Christen ihre Zuflucht oder verbarrikadierten sich in veischlosseuen Gebäuden. Aber *ie konnten natürlich dem überlegenen Feind auf die Dauer nicht Trotz bieten. Die Festungen wurden eingenommen, Jünglinge und Greise, Frauen und Mädchen wurden ohne Erbarmen uiedergemetzelt und ans dem israelitischen Friedhof verbrannt. Die Israeliten in Rothenburg hatten im Laufe eines Monats dreimal den Uebersall ihrer Feinde zu erdulden. Ain 25. Juli 1298 sielen 53 und an zwei anderen Tagen desselben Monats die übrigen Gemeindemitglieder nach verzweifelter Gegenwehr; etwa 450 Menschen, darunter die beiden geistlichen Führer der Gemeinde, fielen einem unheilvollen Irrwahn zum Opfer: Ein Klagelied aus jener Zeit enthält die Strophe: „Wehe, wehe, Mutstadt! rufe und schreie ich über Rothenburg, das freventlich von Blut gerötete. Ach, wie Nnd die Helden gefallen und verloren die Kriegswafsen! Ach, wie ward durch ihre Großen und Bedrücker die Stadt so fluchbeladen!" Bald jedoch mach dieser ersten Judenverfolgung siedelten sich wieder verschiedene israelitische Familicn in Rothenburg an, die Gemeinde hatte bald wieder ihre früher- Größe erlangt, wenn auch nicht wehr ihre frühere Bedeutung. Im Jahre 4349 würden wie in vielen Städten Deutschlands auch in Rothenburg die Juden wieder verfolgt und vertrieben. Als Hauptmotiv wirkte die blinde Habgier der Bevölkerung. Das innige Heimatsgefühl der Juden veranlagte sie, trotz der bösen und grausamen Erfahrungen, die alte Heimat immer wieder aufzusuchen, sobald sich eine günstige Gelegenheit dazu bot. Nachdem der Gewittersturin verbraust war und die Sonne wieder aus den Wolken hervorbrach, folgten die Juden den sie freundlich lockenden Strahlen und kehrten wieder iit ihre trauten Wohnplätze zurück. Im Jahre 1352, drei Jahre nach der zireiten Verfolgung, finden wir schon wieder Juden in Rothenburg angesiedelt. Karl IV. überließ am 30. September 1352 der Stadt den Friedhof und die Hofstätten der. Juden zur freien Verfügung, uno diese Schenkung nmrde nach seiner Kaiscrkrönung am 13. Juli 1357 nnederholt. Er regelte auch die Steuerangelegenheiten der in Rothenburg wieder ansässigen Jud.n zugunsten der Stadtgemeinde. Unter seiner Regierung vermehrten sich die vom Kaiser ausgestellten Freibriefe der Juden von 13 auf 28. Das Beispiel des Rabbi Meir aus Rothenburg, vornehme oder wohlhabende Juden in Haft zu nehmen, um durch ihre Loskausung sich Geld zu verschaffen, wiederholte sich in Rothenburg im Jahre 1365. Ein reicher Jude Namens Abraham von Mergentheim wurde in Rothenburg verhaftet, nur aus dem Grunde, um von ihm eine namhafte Geldsuinme erpressen zu können. Das Ziel wurde erreicht. Mit einem Löscgeld von 11,000 Gulden erkaufte er sich seine Freiheit. Nicht allzu lange durften sich die Jrwen in Rothenburg ihrer Freiheit erfreuen. Zum drittenmal erwachte die Leid.nschaft des Pöbels gegen sie und ■-1 I "i

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