Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1908)
- Date
- 1908-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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21. Mai 1908. Gell- 3. y». 21_ Juden standen und die polnischen geldgierigen, herrschsüchtigen Beamten, die den Juden einen eingefleischten Haß nachtrugen, weil sie sich nicht an der Polnischen Erhebung vom Jahre 1831 beteiligt hatten. Die ersten Anfänge der Bildung und Aufklärung. Mit dieser für die russische Judenheit so unsäglich trüben Zeit am Anfang der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, glaubten die ersten jüdischen Aufklärer' den rechten günstigen Moment gekommen um mit Hilfe der Tyrannei des polnischen Adels und Beamtentums, verbunden mit dem russischen Änutenregiment die ersten Saaten Hrer Bildung und Aufklärung in die jüdischen Reihen zu streuen! Es muß hier noch betont werden, daß bei allem noch so schweren Druck, dieser nur ein äußerer war. Er bedrohte die Existenz der Judenheit, aber das Judentum ließ er unberührt. Auch als die rusfisch-polnische Brutalität ihren höchsten GipfelpuM erreicht hatte, war es ihr niemals in den Sinn gekommen störend in die innere Verwaltung der Gemeinden einzugreifen. Diese waren vollständig autonom. Sie konnten ihre innere Angelegenheiten selbständig verwalten. Tie Rabmuer übten die Gerichtsbarkeit aus und die Gemeinde hatte daS Recht, widerrechtliche Elemente zu bestrafen und so Zucht und Sitte in ihrem Bereich aufrecht zu erhalten. Der erste Eingriff des Staates in die inneren religiösen Anliegen, er sagte damals auf Betreiben der ersten jüdischen Apostel der Bildung und Aufklärung aus Odessa und Wilna. Sie sind nicht davor zurückgeschreckt unter Anwendung von Militärgewalt und kosakischer Roheit ihre Bildtmg und Aufklärung in die jüdischen Reihen zu tragen. Alles mit der Vorspiegelung auf diese Weise würden der Judenheit politische Vorteile gesichert und mit der Zeit die vollständige bürgerliche Gleichstellung erreicht werden. Damals verdichtete sich der maßlose Haß des polnischen Adels gegen die Juden, welche sich bei der Polnischen Insurrektion vom Jahre 1831, ablehnend verhalten hatten, zu der böswilligen Verleumdung, daß die Juden das Vermögen der ländlichen Bevölkerung durch unlautere Praktiken an sich rissen. In Folge dieser Verdächtigung vertrieb der Staat die Juden aus den Dörfern. Welche Not, welches Elend ünd welchen Jammer diese Maßregel allein der russischen Judenheit gebracht hatte, läßt sich nicht in Worte saßen, zumal es für die Vertriebenen nirgends eine Zufluchtsstätte gab, da man von einer Auswanderung nach Amerika und andern überseeischen Ländern damals noch nichts wußte. Kleines Feuilleton. 3$raelitcn in Menburg o. G. Bon Dr. Schweizer-WeikershcIm. Hinter dichten Buchenwäldern, auf dem wasserarmen Hügelrücken über dem schmalen Tauberfluss-' liegt die alte freie Reichsstadt Rothenburg. Die zahlreichen Tore und Türnre künden dem pilgernden Wanderer schon von der Ferne, daß hier eine alte Stadt nrit noch vollkommen mittelalterlichem Gepräge sich befindet. Heute noch umgibt eine gut erhaltene Ringmauer die ganze Stadt, eine Mauer, deren Vollendung schon Kaiser Albrecht geschaut hat. Diese Stadt hat heute eine Weltberühmtheit erlangt durch das Pfingstststspiel „Der Meistertrunk", das alljährlich viele Tausende von Fremden am Pfingstsest zur Wallfahrt nach . Rothenburg lockt, einer der hervorragendsten historischen Städte Deutschlands. Hier hat Herzog Konrao von Franken, Deutscher Kaiser von 911—918, residiert, hier hat Kaiser Barbarossa im Jahre 1171 ans dem Marktplatz den König.von Dänemark mit den Herzogtümerrr Holstein-Dithmarschen und Storinarn belehnt. An zahlreichen Erinnerungstafeln an den Häusern können wir heute noch die hochkliiigend, n Namen von Fiirsten und Adeligen lesen, die Rothenburg einst mit ihrem Besuch beehrten. An verschiedenen Häusern aber treten uns seltsame Schristzeichen vor die Augen, und wenn wir genauer Hinsehen, so merken wir, daß es die bekannten hebräischen Schriftzeichen des alten Testaments sind, die unser Staunen Hervorrufen. Diese stummen und prunklosen Denkmäler Der Israelit Dieser Kalamität suchten die ersten jüdischen Aufklärer auch mit ihrer Bildung und Aufklärung zu begegnen. . Sie diente ihnen als günstiger Borwand für ihre Bestrebungen, die Thora aus dem Geist und Gemüte ihres Volkes zu reißen und die vollständige Assimilation anzubahnen, wie aus ihren eigenen Aeußerungen hervorgeht, deren Wortlaut später folgt. Also, um dieselbe Zeit, in welcher rohe Büttel die jüdischen Angesiedelten ans ihren Wohnstätten mit rücksichtsloser Grausamkeit vertrieben, urn dieselbe Zeit sammelten diese „Gebildeten" in Wilna und anderen Städten heimlich Unterschriften für eine Eingabe an den Minister, welche verlangte, daß die Juden gezwungen werden sollten, ihre jüdische Kleidung und Tracht aufzugeben und die landesübliche zwangsweise anzunehmen. Dem Verlangen wurde bald durch einen Nkas der Regierung entsprochen. Mit ungezügelter Wollust stürzten sich darauf die Büttel und Schergen der Polizei auf die wehrlosen Juden auf offener Straße rissen ihnen die Kleider vom Leibe, schnitten ihnen die Haarlocken oft mit einem Stück Ohr ab und verhöhnten/ peinigten und mißhandelten jeden Juden, der es wagte, seine jüdische Eigenart beiznbehalten. Und diese.beispielslose Erniedrigung und. Mißhandlung der gesamten russischen Judenheit verdankt sie diesen ersten Vorkämpfern der Bildung und Aufklärung! Außer den Mistkäfern, ,die im tiefsten Schlamm und Pfuhl am glänzendsten schillern und sich am wohlsten fühlen, wird man sich vergebens nach einem Pendant für diese Niedertracht Umsehen. Dabei mußten die so Gerichteten alle Unbill schweigend ertragen. Hätte Jemand gewagt, gegen dieses unerhörte Gebühren öffentlich aufzutreten, so hätte er neue Tenunziantionen und gesteigerte Angst und Schrecken riskieren müssen. Wie wünschenswert, ja wie unerläßlich notwendig wahre Bildung für jeden Menschen ist, das braucht, weil allgemein erkannt und anerkannt, hier nicht erst betvnt fcit werden. Was aber unserem Volke damals fehlte, war lediglich die allgemeine, konventionelle Bildung. Die russische Spruche war damals nicht Landessprache, sie war nicht einmal Gerichtssprache, auch bei Gericht wurde nur polnisch gesprochen. Die polnische und lithauische Sprache war aber damals jedermann geläufig, da sie schon für den geschäftlichen Verkehr unerläßlich war. Gymnasien gab es nur vereinzelte im ganzen Reiche, selbst unter dem Ahel fanden sich viele, die nicht lesen und schreiben konnten. Von einer Kenntnis und Verbreitung der russischen Literatur selbst unter den Russen, konnte damals keine Rede sein, denn es gab nur ganz vereinzelte russische Schriftsteller. künden uns, daß hier auch einmal Israeliten ansässig waren. Und was künden diese Denkmäler? Sind es Siegestrophäen, Erinnerungen heldenmütiger Taten? Es sind schlichte wohlerhaltene Grabdenkmäler. Grabsteine sind es, die den Namen der Verstorbenen verewigen sollen. Diese Grabsteine befanden sich ursprünglich auf dem israelitischen Friedhof in Rothenburg. Me Zerstörungswut des Pöbels im grausamen Mittelalter machte keinen Halt vor der Stätte des Friedens. Die Gräber tourden entehrt, und die Grabsteine zu praktischen profanen Zwecken verwertet. Als Quadersteine fanden sic Verwendung beim Häuserbau. Im neuen Kornhaus kann man noch vier hebräische Grabinschriften in der Mauer lesen. So merkt der forschende Fremde bei feinem Gang durch Rotheuburg, daß hier eine atttsraelrtische Ansiedlung bestanden hat. Er merkt aber auch an diesen hebräischen Denkmälern die Stille des Friedhofs, die heute oa herrscht, wo einstmals ein buchendes,, israelitisches Gemeindelebcn weithin seinen Zauber ausübte. Er merkt auch, daß Vandalismus und Willkür der Jahrhunderte alten israelitischen Gemeinde Rothenburgs ein schreckliches Ende bereitet haben muß. Die Juden, die im Mittelalter in. jedem einigermaßen bedeutenden Ort sich niederließen, als Vermittler des Handels, müssen schon frühzeitig in Rothenburg sich angesiedelt haben. ' Nicht weit von der breiten Heerstraße zwischen Ansbach ünd Würzburg gelegen, bot Rothenburg für Kaufleute willkommene Gelegenheit zur Niederlassung. Zum erstenmal werden die Juden Rothenburgs zur Zeit des Kaisers Rudolf von Häbsbürg in den Chronikenerwähnt. Damals mutz eine bedeutende israelitische Gemeinde in Rothenburg bestanden haben. Näheres über sie ist urkundlich nicht überliefert. Sie wird wohl dieselbe Stellung der Obrigkeit und Bürgerschaft gegenüber eingenommen haben wie alle übrigen Hätte, man damals die Annehmlichkeit wahrer Bildung unserem Volke zugänglich machen wollen, so hätte sie ihr in einem reinen Gefäße gereicht werden müssen. Wenn damals wissenschaftliche Werke in hebräischer Uebertragung, ohne jede Beimischung von Abfallstheorien, von Profanisierung und Bespöttelung dessen, ivas Israel heilig dasteht, im Volke verbreitetet worden wären, so hätte man der Förderung voll Wissenschaft und Bildung in unseren Reihen eineil großen, unschätzbaren Dieilst leiften können. Die jüdische Gesamtheit stand damals ohne Parttinngen ungeteilt als ein reines, heiliges Volk da, dessen mächtiger Bildungstrieb Jung und Alt, Arm und Reich auf die Wissenschaft der Thora mit einer beispielslosen Hingebung geworfen hatte. Männer und Frauen, Hohe und Niedere hatteil keine angelegentlichere Sorge, als die treue Erfüllung des Gotteswortes. Wenn einem solchen, zur Aneignung von Wissenschaft und Kenntnissen geradezu prädestinierten Volke reine Hällde die Segnungen von Kultur und Bildung damals gereicht hätten, sie hätten wie nirgends sonst Wurzeln schlagen llnd herrliche Früchte zeitigell müssen. Aber einer durch Polizeibüttel und. kosackische Barbarerei aufgedrängten Bildung und Aufklärung standen sie ablehnend gegenüber, obwohl die Aufklärer nicht müde wurden, zu versichern, ihr ganzes Streben sei auf eine harnwnische Verbindung von Thora .und allgemeiner Wissenschaft gerichtet, sie wollten nltv der allgemeinen Unkultur steuern und wie die schönen Versicherungen alle lauteten. Ihre eigenen Worte straften sie Lügen, lvie der Geist des Abfalls, mit^ ätzendem Hohn unb Spott über unsere heiligsten Heiligtümer sich in ihren Flugschriften macht, mag hier durch einige Stichproben gezeigt werden. (Forts, folgt.) mma Vom Prager Srleflhof. Bor einiger Zeit veröffentlichten wir im Feuilleton eine Schilderung des Prager Ghettos, ' seiner schmalen Gassen Und alten, charakteristischen Häuser, die nun eines nach den andern durch die Assanierung der Stadt schwinden und neuen breiten Straßen und Parkanlagen Platz machen müssen. Gerade Baulinic und Judengemeinden in Deutschland. Die Juden waren die sog. Kammerknechte des Kaisers, sie standen rechtlich unmittelbar unter oem kaiserlichen Landvogt, als Schutzbürger wurde ihnen, gegen Entrichtung hoher Gebühren Schirm ünd Schutz zugesichekt. Zur Zeit Rudolfs lebte in Rothenburg der größte Gelehrte des damaligen Judentums, Rabbi Me'ir ben .Baruch aus Worms, gewöhnlich Me'ir aus Rothenburg genannt. Dieser hervorragende Mann war nur das Jahr 1230 in Worms geboren, er (aß als Schüler im Lehrhause des Jechicl in Paris und des Isaak den Moses in Wien. Rabbi Meir hatte fctneit Rabbinatssitz in Rothenburg, wo er eine, außerordentlich reiche und gesegnete - Wirksamkeit entfaltete- Seine wissenschaftlichen Werke, vor allem seine Rechtsbeschei.de, nahezu 300 an der Zahl, werden noch heute m fachmännischen Kreisen sehr hoch gehalten. Seine gottesdienstlichen Gesänge, die er versaßt hat, zeichnen sich durch einen hohen dichterischen Schwung ans. Rabbi Me'ir aus Rothenburg soll von Kaiser Rudolf zum Oberrabbiner Deutschlands ernannt worden sein. Er ist aber nicht nur durch seine ausgezeichnete, sich weit-' hin erstreckende Tätigkeit.berühmt geworden, sondern auch noch durch sein tragisches Geschick, das ihn gegen Ende seiner irdischen Laufbahn ereilt hat. Am Ausgang des 13. Jahrhunderts fanden in vielen Orten Deutschlands grausame Judenverfolgungen statt. Dies traurige Los, das seine Glaubensgenossen traf, veranlaßte Rabbi Meir den mit dem Blute der Juden gedüngten deutschen Boden zu verlassen, um nach -dem heiligen Lande zu pilgern. Schon war er in der Lombardei angelangt, da wurde er erkannt, der Bischof von Basel, der zufällig auf der Durchreise in der Mnbardei sich befand, ließ Rabbi Meir gefangen nehmen. . Kaller Rudolf aber ließ den Oberrabbiner von Deutschland am 19. Juli 1380 in dem