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Der Israelit · 1908-05-21 · Heft 21 (21.5.1908) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 21 (21.5.1908)
Date
1908-05-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israel Bi Cntnlirf» für du irtMc« Jiitiiu liirMet m ItLUmi li RbiB 49. Jafiraano. SVI Sranfofurf a. J1T., Öen 21. mal 1908. 20. liar 3668. M21. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements r Gewöhnliche Ausgabe Mt. ILO vierteljährlich, HestauSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise Kr die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 3 Kr., Rußland 1 Bao., England 3 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,30 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt. Inserater 30 Pfennig Kr die sechsgespaltene Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch iuHaasensteiu «. Vogler «onto bet der fl. ft. Postsparkasse «Sie» No. 79605. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Skonto bet der «tWaer «onnnergbank in «tga «onto bet dem ». Postsparkassen««» Bndapest No. 18484. ____ und deren Filialen in DwinSk, Libau, Bialpstok. Reval und Lodz Her NackSmck Ser Artikel unS Correfpon9en?en 3es „Israelif“ iff nur unter genauer Quellenangabe, unö, soweit es ftcti um größere ftuffföe handelt, nur nach vorheriger öenehmigung gestattet Das russisch« Blldunflsproblem. IV. Wie ihre Mitglieder, waren die Gemeinden durch die bestehenden drakonischen Gesetze gezwungen, auch alle ihre, das Gemeinwohl fördernde Institutionen zu verheimlichen. Ihre Benmstaltu gen für Zedoke und Talmud Tora, ihre Krankenvereine, ihre Vereine zur Bekleidung der ArMen, zur Auslösung von Gefangenen, zur Ausstattung von Bräuten, ihre Asyle für Obdachlose, ihre Volksküchen, alle diese gemeinnützigen Bestrebungen konnten nur ausgeführt und erhalten werden, wenn die Regierung keine Kenntnis davon hatte. Für jede Person, welche von den Behörden als zu wenig angegeben konstatiert wurde, mußte die Gemeinde 75 Rubel Strafe zahlen. Der Betreffende selber wurde, wie ein fliehender Auswurf der Menschheit, den mail eigentlich ganz beseitigen sollte, nach Sibirien geschickt. Die fortwährende Angst, die Tag und Nacht die Gemeinden und ihre Mitglieder verfolgte, läßt sich kaum in Worte fassen. Es brauchte sich doch nur ein einziger gewiffenloser Denunziant zu finden! Niemand empfand diese Umgehung d/r bestehenden Gesetze bitterer, als diejenigen welche durch den Druck der Verhältnisse zu diesem unglückseligen Schritt gezwungen waren. Jeder derartige Schritt zog eine Reihe anderer nach sich, von welchen einer immer verhängnisvoller war als der andere. Aber die Tatsache, daß jedes edle Streben im Keime erstickt wurde, sobald sich die Regierung hineinmischte, ließ keinen ai.dern Ausweg offen. Hier e i n Beispiel aus vielen! Bor etwa 100 Jahren führten die Leiter der jüdischen Gemeinden eine indirekte Steuer ein, um aus ihrem Ertrag die Gemeindebedürfnisse, die Wohltätigkeitsanstalten und andere gemeinützige Vereine zu versorgen. Sie bestimmten das Kosäerfleisch zu besteuern, welche Fleischsteuer unter dem Namen Karobke noch heute besteht. Im Laufe der Jahre fanden sich jedoch Denunzianten, welche aus irgend welchen niedrigen Motiven, die Verwalter dieser Steuer als unehrlich bei der Negierung verleumdeten. Infolgedessen hat die Regierung seit 1830 die ganze Steuerfelder in die Hand genommen. Sie stellt Steuerpächter mit vierjähriger Amtsdauer an, diese lieferst die Steuerbeträge der Regierung ab und sie verteilt die Einkünfte an die einzelnen Refforts. Sv lange sich nun der Beamtenstastd. auH, Polen rekrutierte,, teilten sie dm grWM ^Tefl dHGeldes unhrr sich, dm Rest wiesen sie den Gemeinden zu, jedoch nur für solche Gemeindeinstitutionen und Vereine, die regierungsseitig anerkannt waren, z. B. für Synagogen, deren Dasein nicht verheimlicht werden konnte und auch nicht verheimlicht zu werden brauchte. Die Gemeinden waren nun wieder zu der Umgehung gezwungen, das Geld für synagogale Zwecke hinzunehmen, es aber tatsächlich für die Wohltätigkeitszwecke zu verwenden, für die es von Haus aus bestimmt war und die ausschließlich darauf a i gewiesen waren. Bei diesem Verfahren war nun böswilliger Denunziation erst recht Tür und Tor geöffnet, ffo daß man tatsächlich jeden Tag das Schlimmste zu fürchten hatte. Das bisherige dürfte genügen, um darzutun, daß die bloße Möglichkeit einer Existenz der gesamten Bevölkerung — nicht nur der Juden — unter solchen Gesetzen und solchen Behörden nur auf illegale Weise denkbar war. Das beweisen zum Ueberfluß auch die Vorgänge aus der allerjüngsten Zeit, die noch immer schwer unter den Folgen jener Willkürherrschaft vor 60 Jahren leidet. Inzwischen haben die Reformgesetze Kaiser Alexander IT. ihre wohltätige Wirkung ausgeübt. Neue Erfindungen, der Telegraf, das Telefon usw., die Verbreitung allgemeinen Wiffens, dieNeuregelung des Heerwesens und viele andere Errungenschaften der Neuzeit, machen ihrm segensreichen Einfluß allenthalben geltend und dennoch hat die zügellose Verwilderung von vor 60 Jahren die furchbare Niederlage verschuldet, die das russische Reich in der Mandschurei vor wenigen Jahren erfahren hat, wo der russische Adler, der seine Fittige über 130 Millionen Menschen ausbreitet, von der japanischen Biene in die Flucht geschlagen wurde. Französische Liebesdienrrei mag immerhin für einen goldenen Ehrendegen zur Auszeichnung eines Stößel kollektieren. Die kriegsgerichtliche öffentliche Verurteilung und Degradierung dieses „Helden" und seiner Genoffen läßt die Unfähigkeit und Charakterlosigkeit dieser Beamten, auf welche das russische Reich, seine ganze Hoffnung setzte, nur in einem umso grelleren Lichte erscheinen. Wenn das alles henke noch möglich ist, so wird man begreifen, wie man damals alles Gute und Edle nur anstreben und erreichen konnte, indem man ängstlich darüber wachte, daß Beamte dieses Schlags, .keine Kenntnis davon bekamen, selbst auf die Hefahr hin, das Opfer gewiffenloser DenunziMeN zu werden. Ant^r solchen Verhältnissen muß mast in ehrerbietigem Staunen zu der goldlautern Charaktergröße und dem nirgends sonst erreichten GesinnungSadel jener schweren Zeit aufblicken, welche auch die Juden aus illegale Wege wies. Bei ihnen fanden sich keine Verräter, es ist nicht ein einziges mül vorgekommen, daß jemand eine Gemeinde denunziert hätte, weil sie ihre gemeindlichen Angelegenheiten der offiziellen Kenntnis oer Beerben . entzog. Cs kam schon hier und da v«w, baß vereinzelte übelbeleumundete Subjekte, einen Konkurrenten und sonstigen Gegner durch Denunziation unschädlich zu machen suchten. Wenn Menschen dieses Schlags erwaS von der Gemeinde erzwingen wollten, haben sie sich hier und da nicht gescheut, eine Gemeinde mit solchen Anzeichen zu bedrohen, aber faktisch ist niemals in jener Zeit irgend einer zum Verräter der Gemeinde geworden. Das allein hat den Bestand der Gemeinden unter diesem unerträglichen Druck möglich gewacht. Vergegenwärtigt man sich die trübe, prekäre Lage jener Zeiten, so muß man staunend vor der Tatsache ftillstehen, daß sie trotz dieser Ungunst der Verhältnisse, in jeder Stadt dennoch schön ausgestattete Synagogen und Bote Midrasch mit reichlichen Bibliotheken bauen und erhalten konnten! Die Mittel dazu wurden kopekenweise von Knaben und Frauen gesammelt. Vereine für alle Zweige der Wohltätigkeit wurden so gegründet und in einer Weise organisiert, die selbst heute bei gebildeten, fortgeschrittenen, außerjüdischen Bolkskreffen unerreicht dasteht. Dazu kamen noch die Vereine zur Förderung der Thorastudiums, die Jeschiboth und Krankenvereine. Jede Gemeinde hatte ferner Vereine zur Auslösung von Gefangenen, zur Bekleidung Armer, Vereine zur Unterstützung von Wöchnerinnen, Vereine, deren Mitglieder als Gevattern in armen Familien am Bris-Milv-Tage fungierten, u. a. m. Die Vereine arbeiteten allerdings zumeist mit sehr bescheidenen Mitteln. Wenn man aber die großen Ziele ins Auge faßt, die mit diesen kleinen Mitteln angestrebt und erreicht wurden, so ringt dem denkenden Beobachter gerade diese Unerschrockenheit ehrfurchtsvolle Bewunderung ab. Das war die damalige Lage der Judenheit, als sie aus der polnischen Negierung in die russische überging. Drei Mächte halten sich gegen sie verschworen: Die russische Regierung mit ihren drakonischen Gesetzen, der polnische Adel, unter dessen besonderer Botmäßigkeit die

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