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Der Israelit · 1908-05-14 · Heft 20 (14.5.1908) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 20 (14.5.1908)
Date
1908-05-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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euilleton Der €nkd. Erzählung vmr Arredrich Rott; (FortMwgl ' . „Warum Wahnsinn? statt daß ich zu deiner Religion übertrete, könntest du dich zu der meinigen bekennen. Das wäre doch im Grunde einerlei. Und — ich weiß es zwar nicht, mit Bestimmtheit, aber für unmöglich würde, ich es gerade nicht halten, daß mein Bater daraufhin seinen Sinn.ändern würde. Jedenfalls werde ich ihn fragen." * „Aber Malwine, um's Himmelswillcn, wie kannst du nur im Ernst eine deraratige Ungeheuerlichkeit in Erwägung ziehen wollen! Ein Mied einer Familie vom ältesten Adel, der überhaspt existiert, das sollte zu der verachtetsten R-ettgionsgenossenschaft übertreten?" Sie wechselte wiederholt die Farbe, ihre Muaeü sprühten. „Unsere Religionsgenosfenfchlfft verachtet Ihr, aber unser Geld wollt Ihr, M D die alte ÄeMschte, Ihr säget non ölet, ßch über sage oled, Pfui!" - .ML-Mte ihm iW Hand entrissen und den , Rücken zugewandt, so hatte er sie noch xi\% ge- L sehen, er begann ernstlich zu fürchten. „Mal- J tvine, um's Himmels willen, wie kannst hu so ' reden! Du sprichst, als ob ich es einzig und allein auf dein Geld abgesehen hätte —" „Und auf was hast du es denn abgesehen, was willst du sonst von mir?" „Was ich von dir will?" Er sprang auf, riß sie mit Gewalt in seine Arme und bedeckte ihr Mund, Wangen, Stirn und Zlugen mil seinen Küssen. „Das will ich von dir! das! das! das! — Du böses, böses Kind! mich derart zu verdächtigen! meine herzlichsten Gefühle in Zweifel zu ziehen!" „Deine heiligsten Gefühle?" sie kräuselte^ verächtlich die Purpurlippen. „Allerdings, meine heiligsten Gefühle, denn ich schwöre dir bei dem ewigen Heil meiner .Seele, daß ich dich nicht weniger lieben würde, als ich dich liebe und lvenn du die Tochter des elendesten Bettlers wärest." Sie blickte ihn noch immer grollend an. „Das heißt — das heißt, daß du mich gar nicht liebst. O, ich kenne dich." „Du kennst mich nicht!" schrie er aus, indem er sie von neuem in seine Arme drückt^ mit einer Kraft, als ob er sie zermalmen wolle, „wenn du mich kennen, mich lieben würdest, so würdest du mir nicht so wehe tun, so unsäglich wehe." „Verzeihe!" flüsterte sie, nun ihrerseits sich an ihn schmiegend. „Wie gern will ich dir verzeihen, wenn ich nur sicher wäre, daß du mich in Wirklichkeit liebst." „Daran könntest du zweifeln, wenn du mich bereit weißt, alles, was ich bin und was ich habe, dir zu opfernum früher mit dir vereint . zu sein, auf den ganzen Nachlaß meines Vaters dereinst zu verzichten." — „Du weißt, ich habe dir das wiederholt erklärt, ich kann und darf ein derartiges Opfer nicht von dir annehmen und eben deshalb sinne ich Tag und Nacht —" .. „Ja richtig, du wolltest doch —" „Bitte 'mich anzuhören, Geliebte — Ich glaube, von dir gehört zu haben, daß dein Bater rn früheren Jahren gar kein solch enragierter Jude gewesen ist." „Gewiß nicht. Obgleich Jude von Geburt, war er ehedem seiner Gesinnung nach weit mehr Antisemit als Jude. Erft durch seine Affenliebe zu meinem Gatten ist dieser Umschwung eingetreten." „So glaubte ich dich auch verstanden zu haben und ich glaubte deinen Worten entnommen zü hüben, daß> falls dein Gatte etwa Mohamedaner gewesen wäre, oder Anhänger des Budhismus, dein Vater jetzt auf diese oder jene Religion schwören würde." „Das halte ich gar nicht für unwahrscheinlich." „Und ich glaube dich auch verstanden zu haben, daß dein Vater seine sogenannte Affenliebe für deinen Gatten auf dessen Sohn, auf deinen Edwin übertragen, hat." „Auch das hat seine Richtigkeit." „Schön, schön. Wenn demnach alle meine Prämissen stimmen, so dürfte ich wohl auch in meiner Schlußfolgerung nicht irre ^ehen, daß um den Sinn deines Vaters unserm Wunsche geneigt zu machen, wir nichts.anderes zu tun brauchen, als deinen Edwin den Lehren unseres heiligen Glaubens zugänglich zu machen." „Herr Gott im Himmel! ich glaube wahrhaftig, du hast Recht." „Ich glaube nicht nur, daß ich Recht habe, ich weiß es sogar mit Bestimmtheit, sobald es uns gelungen sein wird, deinen Edwin zur Taufe zu bewegen, so wird auch dein Vater freudigen Herzens unfern Bund segnen, wenn er nicht vielleicht auch eurem Beispiel folgen und gleichfalls übertreten wird." „Alex, ich bewundere dich aufrichtig." „Siehst du es jetzt ein, daß es für einen Brandow keine Unmöglichkeit giebt?" Sie wiegte den Kopf einige mal hin und her. „Diese Frage kann ich erst dann beantworten, wenn ich einen Weg wüßte, auf dem es möglich wäre, Edwin zur Taufe zu bewegen." „Sollte das gar so schwer sein? ist er denn in Wirklichkeit auch seiner Neberzeugung nach Jude?" „Das weiß ich wirklich nicht. Aber er ist doch noch nicht fünfzehn Jahre, wie kann man da überhaupt von Neberzeugung sprechen? Uebrigens, da fällt mir ein, ich glaube gehört zu haben, daß junge Leute vor vollendetem 18. Jahr ohne Zustimmung der Vaters oder Vormunds ihre Religion nicht wechseln dürfen." „Darauf kommt es nicht an, sobald Edwin ckon der Wahrheit und der Vorzüglichkeit der christlichen Religion überzeugt sein und deinem Bater erklären wird, daß er, sobald er selbständig sein wird, zu derselben übertreten wird, sobald wird dein Vater uns seine Zustimmung nicht mehr versagen." „Das mag sein, aber ich sehe noch immer nicht, wie wir meinen Jungen mit den Lehren der Religion der Liebe vertraut machen könnten." „Das müffen wir in reifliche Erwägung ziehen, du kennst doch das Sprichwort, Rom ist nicht in einem Tage erbaut worden. Vorläufig genügt es, die Neberzeugung gewonnen zu haben, daß es einen Weg zu unserem Ziele giebt. Wie wir zu diesem Wege gelangen — das ist ein zweites." * * * Es war in der zweiten Hälfte Mai, der alte Schröder hatte gestern seinen Enkel besucht, ausnahmsweise um zwei Wochen später als gewöhnlich, und nun war er zu Gotthold gekommen, ihm Grüße zu bringen,, von ihrem gemeinsamen Liebling. „Also es geht ihm gut? er sieht frisch aus?" „Sehr frisch Gottlob! es ist gradezu wunderbar, wie sich das Kind heraus gemacht hat. ' Wenn man bedenkt, wie er ausgesehen hat, als Sie ihn damals Angebracht haben nach V. —" „Freilich er schien damals sehr herunter, aber Sie erinnern sich doch, wie wir sämtlich überrascht waren nach vier Wochen, wie frisch und wohl er uns schon damals vorgekommen ist. Ich glaube wirklich, wir hätten ihn nirgend besser »nterbringen können, als bei dem Doktor Hafenfeld." Schröder nwegte" dertz KopM „Nun ja, frisch und gesund ist er dort geivordtzn, das läßt sich nicht in Abrede stellen, aber — ich habe Edwin versprochen, mit Ihnen darüber zu reden — „Er hat Ihnen auch wieder geklagt, daß ex keinen Unterricht im Talmud und überhaupt im Jüdischen hat?" „Das eben wollte ich sagen. Immer wenn ich zu ihm komme, mein Erstes und mein Letztes ist, daß ich ihn ermahne, so zu werden, wie fein Vater gewesen ist. Jedes mal versichert er mich, er wolle sein Möguchstes tün, aber er' müsse entsprechenden Unterricht haben. Dieses Ml aber hat er von selbst davon angefangen. Er wäre ja sehr gern bei Hasenfelds, werde auch nie vergessen, wie vielen Dank er ihnen schulde uüd wisse auch sehr wohl, daß er es nirgends besser haben werde. Dennoch glaube er, daß es nicht gut für ihn wäre, länger dort zu bleiben, da er nicht nur nichts zugelernt, sondern sogar schon manches vergessen habe, was er früher gelernt. Neulich hätte er mit dem Gustav Hasenfeld über eine religiöse Frage gestritten, er glaube mit Bestimmtheit, daß er Recht gehabt, aber er habe es nicht beweisen können, und das wäre doch gar nicht gut." „Er ist ein braver Junge" sagte Gotthold „er hat ganz Recht, er muß anderwärts hin, in eine vollständig religiöse Umgebung, wo er auch in religiöser Beziehung entsprechenden Unterricht erhalten muß. So lange fein Gesundheitszustand noch besonderer Aufsicht bedurfte, habe ich ihn nicht von dort wegnehmen wollen, aber jetzt ist es doch an der Zeit. Bis zu den Ferien, das sind noch ungefähr sechs oder sieben Wochen, die soll er noch in B. verbringen, und nach den Ferien werde ich ihn nach Frankfurt bringen, ihn dort dem religiösesten Pensionat übergeben." * » * Wieder waren einige Wochen vergangen, es war im Rosenmonat, im Juni. Der Garten des Doktor Hasenfeld stand in voller Pracht, rote und weiße und gelbe Rosen, alle blühten und dufteten, wie man es sich herrlicher nicht wünschen konnte. Den großen Sonnenhut in die Sttrn gedrückt am Arm ein Körbchen lustwandelte Frau Doktor Hasenfeld in den ktesbestreuten Wegen des wohlgepflegten Gartens, pflückte Erdbeeren für ihre Kinder, zu denen sie auch Edwin zählte, die sie ihnen in Zucker und Sahne zum Vesperbrod reichen wollte. Augenblicklich waren sie in der Schule und auch ihr Mann hatte Nachmittags nochmals fort müssen, doch vier Uhr war bereits vorüber, sie mußten sehr bald kommen. Da ward an der Gittertür des Gartens die Schelle gezogen, Frau Doktor eilte hin und gewahrte einen kleinen Knaben, der ihr durch das Gitter eine Karte zuwars. „Das schickt Ihnen der Herr Doktor," rief er und rannte davon. Sie nahm die Karte und las: „Auf der Bahn einige Stattonen von hier hat ein Zusammenstoß stattgefunden, ich fahre sofort hin, weiß nicht, wann ich zurückkomme, vielleicht erst um Mitternacht. Besten Gruß." Noch las sie die Karte, als abermals die Schelle ertönte. Sie blickte auf, eine Danie stand vor dem Gitter, das sie sofort öffnete. „Guten Tag Frau Doktor! wie geht es Ihnen? ries die Fremde, ihr die Hand entgegenstreckend. (Fortsetzung folgt.) fiMÜÜ WMWWMM

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