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Der Israelit · 1908-05-14 · Heft 20 (14.5.1908) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 20 (14.5.1908)
Date
1908-05-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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iz. Mar isos. von dem antisemitischen HarWn Purischkewitsck, unterscheidet, ließ sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen, eine Begründung zu seinem Anträge zu geben, die diesen auch den anderen nicht ganz antisemitischen Parteien annehmbar machen sollte. Dazu mußten erstens die religiösen Gebräuche und Sitten dtr Huden herhalten, die sie angeblich gerade in Rußland zum Militärdienst untauglich machen, und sodann die allgemeine Schädlichkeit des jüdischen Einflusses aus die Armee. Für die Befreiung von der Wehrpflicht sollen die Juden eine Steuer von 10 Rubel » zahlen. Da das den anderen rechtsm Parteien aber zu wenig einbringt, so haben sie so getan, als wollten sie den Juden die Pille versüßen, indem sie beantragten, eine allgemeine Wehrsteuer von IO Rubel jährlich einzuführen. — Her Abgeordnete Roditschew ljatte die Ausgabe übernommen, gegen diesen unerhörten Antrag einzutreten. Interessant ist auS der Rede Roditschews vor allem die zwar auch bisher nicht unbekannte Tatsache, daß die angeblich hohe Ziffer Mischer Deserteure nur dadurch zustande kommt, daß die Aushebungsregister in einer unglaublich liederlichen Weise geführt werden. So werden Verstorbene und seit Jahren Ausgewanderte, die zum großen Teil als kleine Kinder das gastliche Land bereits mit ihren Eltern verlassen haben, ruhig weiter geführt und zur Aushebung beordert. Wenn sie dann, wie natürlich, nicht erscheinen, so werden sie als „fahnenflüchtig" gebucht. Ja, noch mehr: es wird sogar von irgendwie auffindbaren Angehörigen dieser „Deserteure" die Strafe von 300 Rubel einaezogen! Als Roditschew sich auf die westlichen Länder berief, in denen die Juden überall gute Soldaten seien, da konnte ihm, als er Italien, Frankreich, England zitierte, bezeichnender Weise von Antisemiten zugerufen werden: „Und Deutschland?" So weit sind die lügenhaften Hetzberichte der deutschen Antisemiten also bereits gedrungen, daß man in Rußland zu glauben vorgibt, die deutschen Juden erwiesen sich im Militärdienst als untauglich oder gar schädlich! Roditschew führte am Schluffe seiner Rede aus, man solle den Juden Rechte geben und ihnen Pflichten auferlegen wie allen anderen Bürgern. Eine Klaffe vom Militärdienst befreien, fübre zum Sklavenstaat! Der Abgeordnete Purischkewitsch erklärte denn auch mit aller Deutlichkeit, daß der antisemitische Antrag eben der Weg sein soll, um den Juden allmählich »Le Rechte zu nehmen. — Das war aber doch schließlich auch der dritten Duma zu viel und der Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Wilna, 4. Mai. Heute Abend fand im Bereinssaale der npl2ff eine zahlreich besuchte und imposante Versammlung des Verbandes hdid behufs Konstituirung des Verbandes und Wahl des Vorstandes statt. Der Saal war überfüllt. Einstimmig wurde zum Vorsitzenden der Schöpfer der Idee und Einberufer der Versammlung, Rabbi Chajim Oser Grodenski gewählt, der auch im Namen des provisorischen Komitees die Versammlung > begrüßte und in herzlichen, eindringlichen Worten die Ziele und Zwecke des Verbandes, sowie die Mittel und Wege zur Erreichung derselben darlegte. Der Redner stellte auch fest, daß die in vielen Tausenden Exemplaren nach allen Gemeinden des weiten russischen Reiches versandten Statuten und Aufrufe überall Sympathien und volles Einverständnis fanden. All die gesetzes- und regierungstreuen Elemente, die G. L. nicht wenig sind, schloffen sich mit Begeisterung der guten Sache an. In den meisten Gemeinden wurden bereits Ortsgruppen des Verbandes gegründet, die aber zum Teil noch der behördlichen Genehmigung entgegensehen. Sobald aber die Leitung gewählt ist/ und der Zentralverband definitiv sich gebildet hat, wird wohl die Erlangung der Genehmigung durch denselben für alle gebildeten Ortsgruppen auf keine sonderlichen Schwierigkeiten stoßm. Der Vorsitzende schloß seine Ansprache mit dem warmen Appell an die Versammlung, mit aller Energie und vereinten Kräften __DerJSraeltt._, , für die heilige Sache des Judentums einzutreten, bat, gleich zur Wahl des Borstaiwes zu treten. Es wurden gewählt: Rabbi CH. O. Grodsinski als Vorsitzender, Rabbi CH. Cldisch, Rabbi M. Baffin, M. Epstein, I. Parnaß, I. Leiving, S. Gurland. In den Aufsichtsrat wurden gewählt: I. Leiving, A. Lipitz, und M. Braude. Zu stellvertretenden Aufsichtsräten wurden ferner die Herren M. Berlin und S. Braude gewählt. Die Versammlung dauerte von 8 Uhr abends bis zur Mitternacht. Die Diskuffion ergab in Cinzelpunkten mehrfach Meinungsverschiedenheiten,- doch fanden sich alle in dem heißen Wunsche zusammen, gemeinschaftlich und mit Ausbietung aller Kraft für das wahre überlieferte Judentum, dem unter den heutigen unhaltbaren Verhältnissen in unserem Lande große Gefahr droht, nach außen wie nach innen zu wirken. -i- * * Im Anschlüsse daran wird weiter bekannt gegeben, daß am kommenden iBjn a"1? hier eine von allen Gemeinden des Reiches beschickte Rabhinerversammlung stattfinden wird, die sich vornehmlich mit dem weiteren Ausbau der Tätigkeit des neuen gesetzestreuen Verbandes beschäftigen wird. Auch die Frage, betreffend die von der Regierung einbvrufene Rabbinerkommiffion, soll in der Versammlung zur gründlichen Beratung gelangen. Helsingfors, 8. Mai. Vorige Woche trat hier eine aus agrarischen und kaufmännischen Kreisen sehr zahlreich besuchte antisemitische Versammlung zusammen, um eine Organisatton zu Bekämpfung des jüdischen Einfluffes in Finnland zu bilden. (Bon den finnischen Städten weisen nur die Sädte Helsingfors und Wiborg eine kleine Anzahl Juden auf, denen selbst die russischen Judenrechte zum Teile vorenthalten sind.) Ein gelehrter Finne berichtete in seinem Referate zum Schrecken aller Zuhörer folgendes: „Bor einigen hundert Jahren lebte in Deutschland ein Rabbiner namens „Talmud", der ein Buch verfaßte, das den Namen des Autors trägt. Dieses Werk enthält grauenerregende Dinge, ist aber leider noch von keinem Nichtjuden gelesen worden, da es die Juden vor den Augen Andersgläubiger zu verbergen verstehen. Dagegen ist jedes jüdische Kind verpflichtet, im Alter von sieben Jahren das ganze Buch von Anfang bis zu Ende wörtlich auswendig zu können." Noch ähnliche Blüten der Wissenschaft und Dialektik zierten die illustre Versammlung, die in ihrer Fülle und Mannigfaltigkeit ausgiebigen Stoff für eine ganze Purimnummer bieten würde, wäre nicht bie Sache gar zu ernst und traurig. Die Lachtränen ob der in dieser antisemitischen Ignoranz enthaltenen Komik werden doch bald zu Tränen des Schmerzes für das beteiligte Häuflein der finnischen Juden, die bereits von Menschenrecht und Bürgerfreiheit geträumt haben.. NcrlctstiNlr. Jerusalem, 25. April. Durch Umfallen einer Petroleumlampe brach am 23. April in einem Cafe in der Jaffastraße Feuer aus, das mit Hilfe des gerade stark gehenden Ostwindes bald um sich griff und sechs Häuser einäscherte. — Unter diesen befanden sich auch die Credit Lyonnais, die eine Einbuße ihres Archivs erlitt und das türkische Postgebäude, im dem das Telegraphenamt ganz zerstört wurde, wodurch auch die Kunde der Feuersbrunst im Auslande ziemlich verspätet eintraf. An der Ausdehnung des Feuers haben der chronische Wassermangel, die unzureichenden Löschapparate und )ie ungenügende Organisation der Feuerwehr gleich mitgewirkt. Von den Betroffenen war, wie die meisten Bewohner Jerusalems, die sich in ihren Steinhäusern vor Feuerefahr sicher fühlen, kein einziger versichert. Die ei solchen Gelegenheiten ausbrechende Panik Seite» , Wo., 20 machte sich allerlei Diebesgesindel zu nutze, um auf dem unabgesperrten und völlig unbewachten Brandplatze nach Herzenslust zu plündern. Nachträglich ist jedoch die Polizei auf erfolgte Anzeigen eingetreten und hat einige Verhaftungen vorgenommen. Qerail$cbte$. Berlin, 10. Mat. Die rnDv'Taae haben uns hier Gelegenheit gegeben, eine nviD zu vollziehen, die so recht ttt die Empfindungswelt dieser nachdenklich stimmenden Tage htneinpaßt. Es fand heute auf dem Friedhöfe der «daß Jisroel eine mm HOC nPU statt, deren Vorgeschichte und Vollziehung immerhin über den Rahme« der Gemeinde hinaus Interesse erwecken dürste, da nicht allzuhäufig derartige Begräbnisse von Thorarollen, die unbrauchbar geworden find, stattfinden, und für den einzelnen Fall ein Vorbild umso willkommener sein kann. Beim Abbruch eines alten Hufes in der Innenstadt Berlins war eine eiserne Kiste mit 11 o?blDB n"D aufgefunden worden, die bei dieser Gelegenheit in nichtjüdtschen Vefitz übergingen. Herr Prof. Dr. A. Berliner wurde auf diesen Fund aufmerksam - es gelang die Thorarollen auszulösen und die Adaß Jisroel-Gemeinde übernahm die würdige Bestattung. Die n*YQp fand nun heute ouf dem Friedhöfe in Weißensee imter außerordmtlich zahlreicher Beteiligung statt. Nachdem von den aktiven Mitgliedern der Chewra Kadischah an bevorzugter Stelle eine Grabstätte geöffnet worden war, wurden die n"D auf eine Bahre in der Leichenballe niedergestellt. Hier gab nach Rezitation' des Psalms 19 durch den pn Herr Rabbiner Dr. Mun k 1*3 einen tiefen Einblick in das Wesen der vorzunehmenden msß. Seine eindrucksvolle Rede knüpfte an baS Prvphetenwort fJesaia 22, 16) an *Qp nc •p rasn ns p Dl dd p fro Der wiederholte Ausdruck 7D erinnere an die Beziehung welche gerade zwischen der Anzahl von 85 Buchstaoenund der Heiligung einer Thorarolle nach der Mischnah (Jodajim III. 5) bestehe. Besonders betonte der Redner dm Kontrast in der Anschauungsweise von der Helligkeit deS Irdisch-Sinnlichen im Judentum und bei anderen Bekenntnissen. Selbst die Trägerin der höchsten ntPHp, die n"D/ fei nur solange heilig als die Möglichkeit vorhanden fei, fie durch den Geist des Gesetzes zu beleben, fehle diese Möglichkeit, indem Alter und Angenautgkeit tie Zuverlässigkeit des Textes trübe, so sei fie — im sttntesten Gegmsatze zu den Reliquien anderer Bekenntnisse — dem Mutterboden einzuverleiden, aus dein alle- Materielle an ihr stamme, denn fie habe ihre einzige Ausgabe — die Verbreitung des in ihr niedergeleaten Gesetzes — iwll und ganz erfüllt. Nun wurde die Bahre in feierlichem Zuge zur Grabstätte getragen, die einzelnen Rollen wurden in 2 für diesm Zweck berettgestelüen irderen Geräten in das Grad gebettet, worauf dann unter Teilnahme aller Erschienenm das Grab geschloffen wurde. Vorher noch ha te der np Psa m 68 -rezitiert u d nach beendetem Begräbnis wurde noch PMm 24 von ihm &um Bortrage gebracht. Berlin, 12. Mat. den Tagm vom 3. bis 6. Mai hat im hiesigen Krankttchause der jüdischen Gemeinde die erste staatliche Prüfung von 12 Schwestern unter dem Vorsitz des Regterungs- und Geheimen Medizinalrats Dr. Wehmer stattgefunden. Alle Schwestern haben die Prüfung bestanbm, und zwar fünf mtt dem Prädikat „sehr gut" und sieben mit dem Prädikat „gut". Somit find die Schweftem als staatlich geprüfte Krankenpflegepersonen anerkannt worden. , - . . Rogaseitz IO. Mai. Die SttfttWg bon 30000 Mark, die der verstorbene Kaufmann tzÄM Who«kn in GÄclttz -er hiefigen Shnagogen-Gemeiyde teMmentari >ch über» ^sies^hat^nmchchr^bir^mch Umittwsti. Heidelberg, 8. Mai. In der gestrigen ersten C emester-Sitzung der hiesigen V. j. A. wurbm folgende Herren m den Vorstand gewählt: Herr cand. med. Paul Lehmann-Darmstadt zum Vorsitzenden, Herrn stud. med. Carl Levv-Hamburg zum Schriftführer und Herr stud. mach. Levp. Braude- Bierstaot zum Kassierer. Im vergangmm Semester bemühte sich die B. j. Ä. Heidelberg gleich ihren Schwesterveretntgungm, ihrem GründunaSzwecke — Pim b'imh auf - verschiedene Weise gerecht zu werden. Es fanden Schtutim in Y'm und statt. Die ferner von der B. j. A. beranualteten Vortragsabende erfreuten fich regen Besuchs seitens befreundeter Akad.miker, sowie aus den kaufmännischen Kreisen des benachbarten Mannheim und brachten stets erfreuliche, äußerst rege Diskusfionen. Als eminent w chtige und praktische Arbeit für daS geletzestreue Judentum, bettachtete die B. j. A. die Beteiligung an den Wahlvorbereitungen zur badischen LandeSchnooe. ES war natürlich, daß die B. j. A. als einzige Berttetung der gesetzestreuen Studenten in. Baden eS als ihre helltge und unabweisbare Pflicht erachtete, ihre Strafte in einem Kampf einzusetzen, besten AuSgang durch Hatz Kampfobjekt, das oberrätliche Reformgeberbuch, für das ganze gesetzestteue Judentum innerhalb und außerhalb Badens von außerordentlicher Bedeutung werden mußte. Zuschriften und Beittittserklärungm an die B. j. A. Heidelberg, find an die Adreffe deS Schriftführers t»errn stud. med. dent. Carl Levh, Heidelberg-NeuenheiM, adenburgerstraße 52 erbeten.

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