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Der Israelit · 1908-05-14 · Heft 20 (14.5.1908) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 20 (14.5.1908)
Date
1908-05-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Rt. 60 Der J-raeltt 14. Mai 1908 unerkanten Organe nun seine Wirksamkeit beginnt. Wir haben wiederholt Gelegenheit gehabt, auf die dringende Notwendigkeit und die eminente Bedeutung einer solchen Organisation für die vitalsten Interessen der jüdischen Bevölkerung in Rußland hinzuweisen. Das Wort, das wir heute dem Verbände widmen, soll mithin keine weitere Erklärung nach dieser Richtung sein, sondern lediglich der Ausdruck inniger Freude über das Gelingen und Zustandekommen des schon längst gehegten Planes, über die endlich beginnende Verwirklichung eines schönen Traumes. Was man heutzutage durch eine starke Organisation, durch bedachtes Zusammenarbeiten verein gter Kräfte alles erreichen» kann, hat sich nirgends so sehr gezeigt, als gerade in Rußland. Im letzten Jahrzehnte der politischen Verwirrung leidet das Land vornehmlich darunter, daß sich dort nur die schlechten, zersetzenden Kräfte vereinigten, während die besseren Elemente zerstreut und zersplittert dem Fluche der Untätigkeit verfallen mußten. Das galt bislang sowohl von den allgemein politischen als auch von d n innerjüdischen Verhältnissen. Der echt russische Verband umfaßt nur einen kleinen Bruchteil des russischen Volkes, ist aber organisiert und führt seine schlagenden Beweise geschloffen und im Namen des ganzes Volkes, während die weitaus größere Mehrheit des Volkes ängstlich Tür und Tor schließt. Ein paar Juden, die aus Not oder Uebermut den inneren Halt verloren haben, schloffen sich unter dem Namen des „Bundes" zum Schrecken der Gesamtheit ihrer Glaubensgenoffen den Umsturzparteien an, und die Schlagworte: - „Jüdische Revolution" oder gar „Revoltionäres Judentum" sind geprägt und als Kampfparolen für die „echten Russen" ausgegeben. Der Verband W'W r\D3D wird diese grundlosen Verläumdungen schon durch seine bloße Existenz ad absurdum führen, er zeigt wo und wie die jüdischen Maffen sind. Amr es soll nicht nur bei der Gruppierung und der Repräsentation nach außen sein Bewenden haben. „Die Organisation" — sagte der Initiator und Einberufer der Versammlung, der würdige Rabbiner Grodsenski in seiner Begrüßungs-An'prache — „soll erst das Mittel zum Zwecke sein, das einzig geeignete Instrument, um eine gedeihliche Arbeit zu verrichten. Diese Arbeit soll vor allem mit der Jugenderziehung einsetzen. Von den orthodoxen Organisationen in Deutschland und Ungarn können wir in dieser Beziehung ungemein viel lernen, ob sich auch die durch die russischen Zustände und Verhältniffe bedingte Eigenart unserer Organisation nicht verleugnen läßt. Die Hauptaufgabe des Verbandes wird aber sein und bleiben, die weiten, speziell auch die unteren sozialen Schichten des Volkes dem Judentum zu erhalten, einen Teil der Jugend, insofern er vom Geiste der religiösen und politischen Verneinung durch gewissenlose Agitatoren angehaucht sein sollte, der jüdischen Religion, die Gottesfurcht unfl Königstreue lehrt, wiederzugewinnen. Eine gute, gesunde und vom alten jüdischen Geiste getragene Volksliteratur, gründliche Belehrung durch populäre Borträge und Fortbildungskurse und, nicht zuletzt, materielle Hilfeleistung, durch Gründung von Genossenschaften und Stellenvermittlungsbüros, sind Mittel, die sich allenthalben bewährt haben, die, den jeweiligen örtlichen Verhältnissen angepaßt, auch die Bestrebungen des Verbandes ViOttO nDlD mit Gottes Hilfe zum Ziele führen werden." Es ist ein schwieriger, dornenvoller und mit Rücksicht auf die obwaltenden Verhältniffe selbst nicht ganz gefahrloser Weg, den die tapferen Männer der nDID im Interesse der stark bedrohten heiligen Sache des Judentums in dem Lande, das die größte jüdische Gemeinschaft beherbergt, angetreten haben. Die wärmsten Sympathien ihrer Gesinnungsgenossen aller Länder sollten sie bei dieser schwierigen Arbeit ermutigen, Sympathien, die aber nicht in bloßen Worten verhallen, sondern sich vielmehr in tatkräftiger materieller und moralischer Unterstützung kundgeben müßten. Handelt es sich doch habet um nichts Geringeres als um die Wahrung der heiligsten Interessen des Gesamt-Judentums. Von der nationalen Reform in Paläftina. Das hebräische Gymnasium in Jaffa ist eine derjenigen Blüten am Baume des modernjüdischen Nationalgefühls, auf die man in den „liberalen" zionistischen Kreisen mit besonderer Genugtuung und in besonderer Hoffnungsfreudigkeit hinzuweisen pflegt.. Jaffa marschiert ohnedies an der Spitze der modernen palästinensischen Zivilisation, und ein Gymnasium ist zwar noch keine Universität, aber es bringt doch mit einem hörbaren Ruck das Erziehungswesen des jüdischen Volkes den unterrichtlichen Organisationsformen der anderen Völker näher. Den wohlmeinenden Adepten, die in ihrer ins Zionistische übersetzten Assimilationssucht keine anderen Heilmittel für die tausendjährigen Schnrerzen des Judenvolkes wissen, als die möglichst gewissenhafte Nachahmung der Bölkerideale ist das Jaffaer Gymnasium aus diesem Grund zu einem leuchtenden Symbole geworden, das als Feuersäule den Weg weist ins gelobte Land der selbstherrlichen, entkonfessionalisierten jüdischen Volkskultur. Daß das Judentum — oder wie man im Zeitalter des „Kultur-Judentums" sagen muß —: die jüdische Religion in diesem Gymnasium trotz aller Begeisterung für die hebräische Sprache systematisch zu Grunde gerichtet werden muß, dafür bedürfte es für jeden vollsinnigen Menschen nur des Hinweises auf die M ä n n e r, die au seiner Spitze stehen. Oder glauben etwa die naivsten Gemüter unter den frommen Zionisten, daß die Herren Scheinkin und Genossen im Stande oder gewillt seien, ihren Schülern die alte jüdische Begeisterung, die alte jüdische Treue zu niXvl mm einzuflößen, die ihnen selbst ja menschliche Knlturprodukte von vergänglichem Werte sind? Wahrlich, wir haben zu viel Achtung vor der moralischen Würde jener entfremdeten Söhne des Judentums, als daß wir ihnen ein solches Uebermaß von Heuchelei oder Komödiantentum zuzuschreiben vermöchten! Trotz alledem hat die politische Vertuschungskunst, die man den „großen Märchenaugen" der „Frommen" gegenüber mit besonderer Vorliebe handhabt, gerade in der Frage des Jaffaer Gymnasiums wahre Orgien gefeiert. Die Männer, welche diese Politik verfolgen, kalkulieren ganz richtig: je länger es gelingt, den radikal unjüdischen Charakter dieser oder jener Institution zu verschleiern, desto weiter wird das, was Herr Sokolow die „Vorbereitung des Volkes" nennt, nämlich die Gleichgültigkeit gegen religiöse Unterschiede, fortgeschritten fein, desto großer ist die Chance, mit Hilfe einer „redlichen und taktvollen" Presse alle religiöse Wärme und Entschiedenheit, die heute hie und da noch aufflackert, völlig zu ersticken. Die religiösen „Stürmer" innerhalb des Zionismus lassen sich eben nur allmählich, einer nach dem andern, mundtot machen, ttnd bis das vollends geschehen, dürfen die in den Organismus des jüdischen Volkes überzuführenden jungjüdischxn antireligiosa und areligiosa nur in langfam ansteigenden Dosen verabreicht werden. So möchte man denn auch den religiöseil Charakter des Jaffaer Bildungs-Instituts' gar zu gerne noch weiter in: Halbdunkel lassen, um mit desto größerem Rechte unbequeme Mahner als „klerikale Gesinnungsschnüffler" der öffentlichen Verachtung preisgeben und in der Pose des unbestechlichen Richters urkundliche „Beweise" für Selbstverständlichkeiten fordern zu dürfen. .. Neuerdings hat nun der große Gönner des Gymnasiums, Herr Moser aus Bradford, der auf t em letzten Kongreß bekanntlich 80 000 Frcs. zur Fundierung des Unternehmens zur Ver- Hhmne zu Ehren des Königs der Könige von Aethiopten und zu Ehren seiner Gäste. Ich habe sehr bedauert, daß ich wegen der Entfernung und wegen des Geräusches,' das die 5000 wiederkäuenden Soldaten machten, nichts von dieser kehllantigen Rhapsodie habe erlauschen können. Wir nahmen nun Abschied vom Kaiser, der uns wirklich mit Liebenswürdigkeit.'n üburhäuste. Er schüttelte mir minutenlang die Hand und dankte mir init huldreichem Lächeln für meine kleine - Ansprache. Er fragte mich — immer durch Vermittlung von Atv Halle Mariam, der uns als Dolmetsch diente —, ob wir nicht noch 20 Tage bleiben könnten, um dein Fest der großen Bundesarche brizuwohnen. Ich erwiderte ihm, daß die Zeit dränge, und daß wir vor Beginn der Regenpcriod; unsere Mission beenden müßten. Er bat mich nochmals, mich nach Soddo, südlich drei Tagereisen von der Hauptstadt entfernt, zu begeben, dort die Ruinen zu besichtigen und ihm ausführlichen Bericht zu erstatten. Ich versprach das. Am andern Morgen besuchte uns Ato Haile Mariam und teilte uns mit, daß Seine Majestät noch von meiner Ansprache bewegt sei und der Kaiserin gesagt habe, sie möchte beten, daß inein Trinksprucb>.in Erfüllung ginge. Heute früh erhielt ich durch Vermittlung der Gesandtschaft Schutzbriefe von Seiner Majestät den Kaiser. Addis-Abeba, 27. März 1908. Ich überreiche J;ncn hierin Abschrift und Uebcrisetzung des kaiserlich n Geleitbriefes, dessen Text vom Kaiser selbst diktiert worden ist. Diese Dokumente werden sonst nur den fremden Ministern und den offiziellen Gesandtschaft n gegeben. Im anderen Falte stelü die Polizei eine Art Patz aus, auf dem Rainen und Zahl der Reisenden verzeichnet find, sowie die Zahl der begleitenden Soldaten und Diener. auch die Zahl der Maulesel und das Reiseziel. Uebesetzung des &eteitbxiefc 3 für bie Allianc e-M t f f i o n. (Siegel.) „Der Löwe des Stammes Juda, der Sieger Meneiik II., von Gottes Gnaden, König der Könige von Aethiopicn. Tic Träger dieses Briefes, die Herren Rahum und Eberlin, sind nach Aethiopien gekommen, um die Falaschas zu sehen. Sie mögen überall hingehen, in alle Lande — hindert sie nicht daran. Ihr, Oberhäupter der Provinzen, bringt ihnen alles, was sie zu kaufen nötig haben, geleitet sie in gute Sicherheit, damit sie das Land in ungestörter Gesundheit durchschreiten. Ich befehle, daß es also sei. Geschrieben und gegeben in der Stadt Addis- Äbeba am 9 Maggabit im Jahr der Gnade 1908." (Zufall oder Fügung?' Bon einem Leser in Westfalen erhalten wir folgende Schilderung einer wahren, durch Familiendokumente beglaubigten Begebenheit : . v . „In dem westfälischen Städtchen A., welches damals, irn letzten Viertel des 18. Jahrhunderts, wie auch heute, 12 bis 15 jüdische Haushaltungen zählte, wohnten 2 Brüder, Nebb tzericy und Rebb Leib. Beide waren wohlhabend, nach damaligen Verhältnissen sogar reiche Leute. Sie hatten ein Manufaktnrgeschäft. Dabei wurde Metzgerei betrieben und den Bauern alle lebenden und leblosen Produkte, mit Ausnahme der Borstentiere, abgekaust. Zu ihren Kunden gehörte auch ein Baron v. L., in dem etwa 2*4 Wegestunden von A. entfernt liegenden Flecken D. Dort wohnte auch ein einziger Glaubensgenosse Schmuel D. — Familiennamen gab es damals (bis 1812) unter den Juden nicht. — Dem Baron v. L. lieferte unser Rebb Hersch das ganze Jahr hindurch Fleisch und vieles andere; kaufte dagegen das Bieh, Wildpelze usw. Im Januar jeden Jahres ging Rebb Hersch mir der Rechnung nach D., wo ihm dann ein größerer Betrag ausbczahlt wurde. Nun muß ich bemerken, daß er seinen Metzgerhund nicht leiden konnte. Wie immer trank er lange vor Tag Kaffee, um dann bei Schrnuel in D. das Morgengebet zu verrichten. Seinen „Türk" sperrte er, damit er ihm nicht folgen konnte, im Wohnzimmer ein. Kaum aber war er von A. entfernt, als der Hund bei ihm ankam. Das Tier war, um ihm folgen zu können, durch die Fensterscheiben gesprungen. An ein Nachhausejagen war nicht zu denken. Rebb Hersch rechnete mit dem Baron L. ab und bekam das ihm znstehende Geld ausbezahlt. Er beschäftigte sich noch weiter in der Gemeinde oder wie es heute noch heißt, im Kirchspiel D. und verließ mit Anbruch der Dunkelheit den Flecken. Etwa 3/i Stunden von D. führt der Weg durch eine „Lantver", eine hohe Erdanhäufung von gleicher Breite, zu beiden Seiten von dichten Hecken begrenzt, und etwa in der Mitte von einer „Holwe" unterbrochen. Eine Holwe wurde damals folgendermaßen gebaut. Etwa 90 Zentimeter wurden zwei starke Pfosten in die Erde gestoßen, sooaß sie etwa 70 Zentimeter Höhe hatten, darüber ward ein Balken gelegt. Die Holwe sollte bewirken, daß nicht Reiter oder Biehtreiber die Lanwer benutzen. Als Rebb Hersch ankam, saß auf jeder Seite derselben ein Kerl mit geschwärztem Gesicht. Unser Held dankte dem Attgütigen, daß er ihm

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