Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1908)
- Date
- 1908-05-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sette 3 14. «ai 1968. Sr. SV __ erlebt, daß man Talmud-Thora-Anstalten gründete und durch äußere Umstände genötigt war, die staatliche Anerkennung für sie zu erwirken. Die Folge davon war, daß sie ihren Charakter derart einbüßten und weder Thora noch profanes Wissen Pflegen konnten, daß man sie an vielen Orten wieder schließen und sie heimlicher Weise in Armenvereine umwandeln mußte! Aber nicht nur Juden, auch Nichtjuden mußten, wenn sie ähnliche gemeinnützige Anstalten gründen wolltenzu diesem Notbehelf der Verheimlichung ihre Zuflucht nehmen. Der große Unterschied war nur der, daß bei Nichtjuden, die große Masse keine Kenntnis davon hatte und keinerlei Notiz davon nahm, daß ferner hochgestellte Beamte selber zu diesen geheimen Bereinigungen zählten. Die Juden dagegen lebten in fortwährender Furcht vor Denunziation bei Beamten, welche die Sachlage vollkommen kannten und sich ihr Schweigen durch ständige große Geldopfer bezahlen ließen! (Forts, folgt.) Kochemyntzschav. 6ew>lien5Mang in Baden. In der Badischen Kammer hat vor wenigen Tagen der demokratische Abgeordnete Dr. Heimburger eine bemerkenswerte Rede gehalten, in der er auch den seit vielen Jahren drückend empfundenen Gewissenszwang beim jüdischen Religionsunterricht zur Sprache brachte. Dr. Heimburger sagte: „Was den Religionsunterricht betrifft, so möchte ich nicht etwa den Antrag stellen, ihn ganz aus der Schule zu entfernen, ich meine aber, man -sollte ihn fakultativ machen, sodrß nur Schüler zur Teilnahme am Religionsunterricht gezwungen werden, deren Eltern es wünschen Ich glaube hierzu auch auf die Zustimmung der Herren aus dem Zentrum rechnen zu können; Sie (zum Zentrum) haben wenigstens im Reichstag einem Antrag zugestimmt, der auch diese Forderung enthält. Im „Toleranzantrag" hieß ein Paragraph: „Zur Teilnahme an einem Religionsunterricht oder Gottesdienst darf ein Kind gegen den Willen der Erziehungsberechtigten nicht angehalten werden." Tas ist, was ich wünsche, und es hat der Herr Abgeordnete Erzberger in seiner Schrift über den Toleranzantrag geschrieben, „vom Standpunkt des modernen Staates könne es einen Zwang in Religionssachen nicht geben, und damit müsse man selbst die schmerzliche Konsequenz hinnehmen, daß Leute religionslos aufwachsen." ^Jch glaube also, daß auch die Herren auf jener Seit? in den großen Tronsaal (Adrasch), der zeitweilig auch als Speisesaal dient. Bevor ich Ihnen über die ganz ausnahmsweisen Ehrungen berichte, die uns zuteil wurden, muß rch Ihnen einige Einzelheiten über den Thronsaal geben. Dieser, vor zehn oder zwölf Jahren erbaut, ist 80 .Meter lang, SO Meter breit, 25 Meter hoch. Trotz seiner harmonischen Architektur macht er durch die zahlreichen Balken, die seine Mauern durchschneiden, und durch die Eisensäulen, die das dreieckige Dach tragen, den Eindruck einer Maschinenhalle. Das außen mit Eisenblech bekleidete Dach ist sehr geschickt, ich möchte sagen, sogar künstlerisch gearbeitet. Die Bambusstauden, aus denen es zusammengesetzt ist, sind symmetrisch geordnet und durch gelbe, grüne und rote — die äthiopischen Farben — Bänder zusammengehalten, was einen reizenden Eindruck macht. Wände und Front sino mit kleinen blauen und roten Blumen mosaikartig bemalt. Jnl Hintergründe. des Saales, dem großen Portal gegenüber, erhebt sich eine Estrade von 24 Meter Brette und 12 Meter Tiefe auf vier Stufen bis zu einer Höhe von 70 Zentimeter. In der Mitte dieser Estrade steht der angeblich von David herrührende Thron unter einem prächtigen, von einer Krone überragten, von vier vergoldeten Säulen getragenen Thronhimmel. Estrade und Saal sind mit reichen orientalischen Teppichen bedeckt. Der Kaiser gibt in diesem Saal seine feierlichen Auoieuzen und an Sonntagen und hohen Feiertagen allen seinen Großwürdenträgern, Ministern, Heersühren und den Soldaten der Hauptstadt, zusammen etwa 15—16,000 Mann, eine Mahlzeit, die „Gehör" genannt wird. Für diese Mahlzeit werden Ir der Regel etwa 100 Rinder geschlachtet. Die Mahlzeit bietet eines der interessantesten Schauspiele, oenen man in Abessinien beiwohnen kann. Man sticht alle diese Soldaten mit einem Stück rohen Fljeisches in der Hand, das mit Der Israelit. des Hauses (zum Zentrum) angesichts des Schrittes ihrer Rtzichstagsfraktkon nicht allzu große Schwierigkeiten machen werden, wenn'man die Gewissensfreiheit in dieser Beziehung fördert, und roenn das, fvas sie jm Reichstag verlangt haben, nun wenigstens in unserem badischen Staate, der dadurch wieder als Muster der Gewissensfreiheit dastehen würde, durchgeführt werden rann:' Wie jetzt die Dinge gehandhabt werden, ist tatsächlich ein Gewissenszwang und zwar sowohl für die Schüler nkie auch für manch-' Eltern. Sie wissen ja, daß wir in verschiedenen Religionsgemeinschaften eine liberale und eine orthodoxe Richtung haben. Es kann also unter Umstanden für einen Orthodoxen unangenehm sein, wenn sein Sohn von. einem liberalen Relrgivnsleyrer unterrichtet wiro, und umgekehrt. Wir hören gerade hier in Karlsruhe, daß die orthodoxen Juden sich darüber beschweren, daß ihre Kinder gezwungen werden, an einem liberalen Religionsunterricht teilzünehttten, andererseits kann es aber auch einem Liberalen unangenehm sein, wenn sein Sohn zur Teilnahme an einem orthodoxen Religionsunterricht gezwungen wird. Das ist unterUmständen auch ein schwererGewissenszwang sürdie Schüler selb st. Man sage nicht, in den jugendlichen Seelen macht sich das noch nicht so sehr geltend. Ich habe im Gegenteil die Erfahrung gemacht, daß man solche Dinge gerade im Jünglingsalter außeroordenttich ernst zu nehmen pflegt, oaß man schwere Gewissenskämpse durchzumachen hat, bis man sich zu der einen oder der anderen Weltanschauung durchgerungen hat, und wenn da nun ein äußerlicher Zwang eintrrtt, dann wird dadurch die natürliche Entwicklung des jungen Mannes gestört. Er wird dadurch oft gerade in Auflehnung gegen den Zwang in das entgegengesetzte Lager getrieben, in das er vielleicht nicht gekommen wäre, wenn man ihn dcr natürlichen Entwicklung überlassen hätte. Deshalb sollte daraus die Schulverwaltung ihre Konsequenzen z'ehen und sollte im Sinne des Toleranzantrags auch unseren Religionsunterricht behandeln." Der Vertreter des Zentrums, Abgeordneter Dr. Schofer äußerte sich darauf in der Diskussion wie folgt: „Wenn der Vater will, daß ein anders gerichteter Geistlicher seinem Kind Rettgionsunierrick)t gibt, so ist meines Wissens in Baden die Möglichkeit gegeben, daß der Vater sich den Geistlichen auswählt; dieser gibt dann dem betreffenden Schüler Unterricht, und die Negierung ist damit zufrieden, wenn der Nachweis geführt wird, daß Religionsunterricht überhaupt genügend gegeben wird. (Widerspruch.) Mau hat mir gesagt, daß das bei uns in Baden rechtens sei. Nun, die Regierung wird ja vielleicht Gelegenheit nehmen, ein paar Worte zu jagen, wie sie es in diesem Punkte hält, ob ich richtig unterrichtet bin oder unrichtig." Soweit der jüdische Religionsunterricht in Frage kommt, ist Dr. Schofer zweifellos falsch berichtet. Dort galten sowohl in den Volksschulen als auch in den Mittelschulen die Lehrer bezw. Rabbiner strikte an dem absoluten Zwange zum Religionsunterricht fest, auch dann, wenn Eltern und Schüler auf streng orthodoxem Boden stehen und den liberalen Religionsunterricht als härtesten Gewissenszwang empfinden. Nur der Austritt aus dem badischen Inden- Salz und Pfeffer bestreut ist, und in das die Soldaten mit festen Zähnen hineinbeißen. Das ist das vornehmste Nationalgericht, der Dergo. Wir haben einer solchen merkwüroigen Szene nicht beiwohnen können, denn gegenwärtig ist Fastenzeit. Aus dem Gemach, in dem wir uns anfänglich befunden hatten, führte man uns durch einen Gang auf die Estrade selbst. Nachdem wir uns die Hände nach abessinischem Brauch in einer Schüssel gewaschen hatten, die drei Gardesoldaten uns vor der Tür oräfentierten, begrüßten wir den Kaiser und nahmen an dem Tisch Platz, der uns zu seiner Linken reserviert worden war. Hinter Menelik standen 20 Militärsührer in zwei Reihen, mit Schilden, Krummsäbeln und Gewehren: ihnen gegenüber der Kriegsmmister mit gezogenem Säbel, zu seiner Rechten der Afa Negüs (buchstäblich: Mund des Kaisers,, denn durch ihn gibt er alle seine Befehle kund) und zu seiner Linken der Nagadi Ras (Handelsminister und Minister der Auswärtigen Angelegenheiten) — alle stehend. Auf dem Boden der Estrade saßen alle Großwürdenträger, Provinzgouverneur.', die sich gerade in Addis- Abeba befinden, etwa hundert an der Zahl. Sie hatten vor sich auf sehr niedrigen Tischen ihre Ration Brot, Sardinen und Weißbeerensalat — das ist das Fasten-Menu für den Kaiser und alle seine Untertanen. Wir, die israelitischen Delegierten der Alliance Jsraelite Universelle, saßen aus goldenen Stühlen vor einem königlich geschmückten Tisch. (Hoffentlich auch bei Fastenkost. Red.) Mächtige sammtene 'Vorhänge mit großen Schnüren trennten die Estrade von dem übrigen Saal während des Frühstücks. Die Abessinier glauben, daß während der niedrigen physischen Betätigung das „böse Auge" zu fürchten sei. Darum bedecken auch die Pagen, die den Kaller umgeben, diesen mit ihren Schammas, tum kann vor diesem Zwange retten, und es ist nur zu begreiflich, daß es nicht jedermanns Sache ist, zu diesem äußersten Mittel zu greifen. Uns ist sogar ein Fall bekannt, in dem ein Schüler von auswärts, der in der Familie eines streng orthodoxen, aus der badischen Judenheit ausgefchiedenen Karlsruher Bürgers lebte, dem liberalen Religionsunterricht anwohnen mußte, nicht ohne dabei den schwersten Anfechtungen seiner religiösen Anschauung ausgesetzt zu sein. Nachdem die Angelegenheit erfreulicherweise im Landtag angeschnitten ist, und nachdem bei den letzten Synodalwahlen das Land ein so machtvolles Votum gegen eine zwangsweise Liberalisierung der badischen Judenheit abgegeben hat, halten wir es für ausgeschlossen, daß in einem Lande wie Baden der obligatorische Religionsunterricht in seinen äußersten Konsequenzen weiter aufrecht erhalten würde. Zum mindesten muß verlangt werden, daß eine Dispensation ohne weiteres erfolgen muß, sobald der betreffende Vater den Nachweis erbringt, daß der Schüler den Religionsunterricht eines anderen Lehrers oder Rabbiners genießt. Die Erklärung des Regierungsvertreters bei der Parlamentsverhandlung liegt uns zur Stunde noch nicht vor. ver Derban3 9er ßetebestreuen in Rußland. Während an der Spree unsere Neologen die Wiederauferstehung des Liberalismus feierten und, von schönen Worten berauscht, sich der Selbsttäuschung Hingaben, negative Tendenzen in positive Formen fassen zu können, — während unsere Brüder an der Donau — unter dem Eindrücke der äußeren Gefahr sich zu organisieren und die Gemeinden der verschiedensten Landesteile und religiösen Richtungen unter einen Hut zu bringen sich bemühten, fand sich in der alten jüdischen Metropole Littauens, in Wilna, ein Häuflein gleichgesinnter Männer zur positiven Arbeit im Sinne und im Namen Hunderttausender zusammen, um die Grundlagen zu einem Bau zu schaffen, der alle jüdischen Herzen weit über die Grenzen des Zaren-Reiches hinaus mit frischer Hoffnung und froher Zuversicht erfüllen muß. AmMontag, den 4. Mai, hat sich,wie an andererer Stelle ausführlich mitgeteilt, nach jahrelanger Vorbereitung und mit Genehmigung der Regierung derBerband nDJD defintiv konstituiert unq seinen gefchäftsführenden Ausschuß gewählt. Die Gesetzestreuen Rußlands sind also in einem Bunde vereinigt, der durch seine gewählten und staatlich wenn er sich schneuzt, hustet, gähnt oder niest. Während der Mahlzeit ist er nur von der Menge, nicht von den Großen des Hofes gesondert. Große siebenarmigr Leuchter auf vergoldeten Sockeln erhellten die Estrade, während die Vorhänge herabgelassen waren. Nach beendetem Frühstück öffnete man die Vorhänge und die Türen des Saales. Die Tausende Soldaten, die im Hofe gestanden hatten, traten, ihre Führer an der Spitze, unter dem Geschmetter der Trompeten, die an die von Jericho erinnern, an, und nahmen ihren Platz auf der Erde ein, zur Seite ihrer von den Schangallasklaven bedienten Tische. Der Kais/r ließ mich durch Ato Haile Mariam, der zwischen ihm und uns aufrecht stand, fragen, ob ich einen Trinkspruch ausbringen wollte. Ich bcciferte mich, zu bejahen, und wie aus ein zauberisches Zeichen standen plötzlich die 5000 Kiefernpaare still. Ich erhob mich, das Glas in der Hand, und hielt unter tiefer Stille eine kleine Ansprache im Namen meiner Vorgesetzten. Ich ließ die weitherzige Duldsamkeit Ihrer Majestäten, ihre Liübe $um Fortschritt hell erglänzen und schloß mit dem Wunsche für das Geoeihen der Herrschaft Ihrer Majestäten und für die Verlängerung ihrer Tage. — Die kleine Ansprache wurde durch den ersten Dolmetsch Ato Haile Mariam Wort für Wort übersetzt, und Seine Majestät erwiderte, daß er von meinen Worten sehr bewegt sei und lebhaft dafür danke. Einige Minuten später setzte sich ein kleiner kraushaariger Mann, mit einem bis zu den Knien reichenden Hemde bekleidet, an der Taille von einem grünen Gürtel eingeschnürt, dem Kaiser gegenüber auf die Estrade. Er hielt ein kleines dreisaitiges Instrument in der Hand. Es war das einer der Äsmaris oder Troubadoure. Er improvisierte eine