Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1908)
- Date
- 1908-05-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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d)eNX/art iUerarfs Der Monismus Bon Dr. I. Wohlgemutin Berlin. (Fortsetzung.) Denen, die mit der Geschichte der Philosophie vertraut find, wird es bekannt sein, daß die zwei entgegengesetzten Weltanschauungen, die man heute mit den Worten Monismus und Dualismus bezeichnet, seit Jahrtausenden vertreten worden find, wenn auch das Wort Monismus neueren Gepräges ist, und in früheren Zeiten es sich nicht so sehr um Weltanschauungen, als um erkenntnistheoretische oder metaphysische Systeme handelte. Der Monismus sieht alle Erscheinungen des Universums, die geistigen inbegriffen, als Zustände Eines einzigen, unbekannten Grundwesens an. Der Dualismus nimmt im Gegensatz dazu zwei unterschiedene Grundursachen an: Körper und Geist. Nun läßt sich schon die reine Kärperwelt aus einer monistischen Auffassung schwer erklären. Und in der Tat hat auch in der naturwissenschaftlichen Erklärung diesbezüglich eine dualistische Betrachtungsweise geherrscht. Ich erinnere an die beiden Ausdrücke: Kraft und Stoff. Wenn dieser Gegensatz auch gerade im Materialismus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts eine besondere Rolle gespielt hat, der besonders Anspruch daraus machte, monistisch zu sein, so ist -och klar, daß eben in dieser Entgegensetzung von Kraft und Stoff implicite ein Dualismus enthalten ist. Allein es soll hier angenommen werden — ich bemerke angenommen, nicht zugegeben —, daß für die Körperwelt die monistische Auffassung berechtigt sei, daß Kraft und Stoff nur zwei Abstraktionen von der wirklichen Seinsweise der Dinge sind, denen nichts Wirkliches entspricht. Wir kennen die Materie nur aus ihren Kraftwirkungen, und die Kraft nie anders als all dem materiellen Substrat, an das sie mit ihren Wesensäußerungen unlösbar gebunden ist. Es soll noch mehr angenommen werden: Nicht nur für die unbelebte Statur, für die Welt der mechanischerl, physikalischen und chemischen Erscheinungen soll die monistische Erklärungsweise die gültige sein, auch für die sogenannte organische Welt, für die vegetativen und animalischen Prozesse des Pflanzen- und Tierreichs, einschließlich der physiologischen Vorgänge im menschlichen Körper soll dem Monismus das Feld geräumt werden. Ich betone auch hier, eS soll das angenommen werden, denn ausgemacht ist die Einheit zwischen anorganischer und organischer Natur durchaus nicht. Es bleiben noch so zahlreiche und so unüberwindliche Schwierigkeiten, daß die Mehrzahl der besonnenen Naturforscher, die überhaupt sich mit allgemeinen Fragen beschäftigen, entweder dem Agnostizismus huldigen oder aber zum Neuritalismus sich bekennen.*) Aber ich will diesen naturwissenschaftlichen resp. natnrphilosophischen Streit auf sich beruhen laffen. Das ist aber ganz außer Frage: Das, was wir Bewußtsein und Willensakt nennen, ist aus körperlichen Vorgällgen nicht zu begreifen. Bewußtsein und Willensakt sind überall an Bewegungen in unserem Gehirn geknüpft, sie stehen in unlösbarer Berbindung miteinander, sie korrespondieren miteinander, aber sie sind nicht dasselbe. Das Seelenleben ist, das muß auch dem naivsten Denken einleuchten, nun einmal nicht mit dem zu vergleichen, was in den niederen Organismen sich abspielt. In den höheren Organismen, schon bei den Tieren, in viel höherem Grade noch bei dem Menschen, haben wir zwei scharf sich von einander sondernde Gruppen von Vorgängen, physische und psychische. Sie stehen in einer dauernden und gesetzmäßigen Wechselwirkung zu einander. Dabei ist es aber unmöglich, die einen auf die andern zurückzuführen. Geistiges Leben ist, soweit wir sehen können, immer an körperliches gebunden und doch niemals aus ihm zu begreifen. Das tief in der Anlage des menschlichen Denkens begründete Streben nach Vereinfachung, das Viele auf ein Eines zurückzuführen, wollte nun doch um jeden Preis die unserem Denken gesetzte Grenze überspringen. Und die Geschichte der Philosophie ist zum großen Teil nichts anderes als die Geschichte der verunglückten Versuche, zu einer einheitlichen Auffaffung des Verhältnisses zwischen Körper und Geist zu gelangen. Der möglichen Wege gibt es drei: Entweder muß man dem Geistigen zu Gunsten des Körperlichen die selbständige Existenz absprechen oder dem Körperlichen zu Gunsten des Geistigen oder beide als untergeordnete Erscheinungen oder Modifikationen eines übergeordneten Wesens als Teile einer höheren Einheit zu faffen suchen. Den ersten Weg schlägt der Materialismus ein, den zweiten der Spi ritual ismus,den dritten der psychophysische Parallelismus. Der Materialismus geht aus von einer Re he bekannter im allgemeinen beobachteter Tatsachen: die seelische Entwicklung geht mit der leiblichen Hand in Hand, die geistigen Eigenschaften werden genau so wie körperliche vererbt. In Krankheiten, im Traum, im hypnotischen Zustand wird das Seelenleben durch das körperliche beeinflußt. Im Schlaf, in Ohnmächten und bei Verletzung und Zerstörung des Gehirns ist das Seelenleben zeitweise oder dauernd aufgehoben. Daraus schließt der Materialismus: das Physische hat überhaupt *) Näheres darüber, vor allem die entsprechenden Hinweise auf die Literatur, in dem trefflichen Buche von Rudolf Otto: „Naturalistische und religiöse Weltanschauung" im Kapitel: „Mechanistische LebenSlehre" Seite 145—215. keine Existenz oder keine selbständige Existenz, das seelische ist eine Funktion des körperlichen Lebens. Gegen den Materialismus ist einzuwenden, daß er es sich mit seinem Monismus sehr leicht macht, er dekretiert einfach: düs Seelische ist eine Funktion des Körperlichen, gibt sich aber nicht die geringste Mühe, das zu erklären. Alle obenerwähnten Tatsachen, die der Materialismus für sich ins Feld führt, beweisen nur, daß das Seelenleben dort, wo es der Mensch beobachten kann, untrennbar an physiologische Vorgänge geknüpft ist. Sie bringen aber auch nicht eine Spur der Erklärung dafür, daß und wie das Geistige aus dem Körperlichen entsteht. Angenommen selbst, die Gehirnphysiologie feierte die höchsten Triumphe, wir wüßten ganz genau, welche Veränderungen bei jeder Borstellungstätigkeit, bei jeder Gefühlsregung, bei jedem Willensakt im Gehirn eintreten, wir wissen bekanntlich recht wenig davon, angenommen aber, wir wüßten alles dies, dann wäre noch immer nicht das Geringste gewonnen. Denn alle diese physiologischen Vorgänge sind ja nur mechanische, chemische oder organische Veränderungen. Wie kommt es, daß diese physiologischen Vorgänge für uns je Empfindungen werden? Die Nevenschwingungen sind doch absolut unvergleichbar mit dem Wahrnehmungsbilde, mit den Vorstellungen, Gefühlen und Willensakten, kurz mit dem Seelenleben, dessen wir uns bewußt sind. Doch der Materialismus gilt mit Recht als das unmöglichste, ja törichste aller metaphysischen Systeme. Denn er nimmt das als das Primäre, was in Wirklichkeit zweifellos das Sekundäre ist, er geht von der Körperwelt aus, während diese doch in ihrem Wesen uns völlig verschloffen ist und nur das Geistige allein oder besser die Empfindungen uns bekannt sind. Me Eigenschaften der Körperwelt sind uns nur durch ihre Wirkungen auf unser Ich bekannt. Farbe, Wärme- und Härtegrad, Ausdehnung und alle möglichen anderen Eigenschaften sind uns nur in den Empfindungen gegeben, die diese Eigenschaften in ihrer Wirksamkeit auf uns ausüben. Was die Körper sonst uns in Wirklichkeit find, bleibt uns für immer verschloffen. Selbst das Gehirn existirt für uns nur durch unsere Wahrnehmung, also durch einen seelischen Akt. Es ist also darum stets von allen mit der Sache vertrauten Erkenntnistheoretikern für den größten Jrrrum erklärt worden, die Körperwelt oder nuch nur das Gehirn, das wir nur erkennen können, wenn wir unsere Empfindungen befragen, als Schöpfer und Erzeuger eben dieser Empfindungen anzusprechen. (Fortsetzung folgt.)