Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1908)
- Date
- 1908-05-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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«r. 19 «ettr 8. fcheins aufzu treten und zu fordern, daß ln das vorbereitende Komitee für die „Organisation" Rabbiner gewählt werden. Er tat es inwarmen, offenen Worten. Vergeblich. Kein einziger der Wiener Rabbiner unterstützte den allein und verlassen Kämpfendenauch der anwesende Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann unterließ es unbegreiflicherweise, den verzweifelt kämpfenden Kollegen zu unterstützen. Er sah nicht, was hier vorging - fühlte nicht, daß man den Rabbinern Oesterreichs eine Schmach antatempfand nicht, daß es hier gelte, für das Judentum eine Lanze zu brechen - für das religiöse Judentum für das bei der geaeplanten und vom Referenten proponierten Zusammensetzung keine Hoffnung war. Der Vertreter der galizischen Orthodoxen setzte die Aufstellung seiner Kandidaten durch- Dr. Bloch erreichte die Aufstellung chasfidischer Mitglieder des Komitesfür das ganze übrige Oesterreich wurde kein ein zigerwirklich ko nservativer Kandidat akzeptiert. Einige Herren der Wiener Kultusvorstände allerdings, die aufgestellt wurden, können als Vertreter kons erva tiver Richtung ehr betrachtet werden, wenn sie auch vom Standpunkte des traditionellen Judentums nicht als solche angesehen werden könnten. Erst nach einem heißen Kampfe, in dem er von den Rabbinern in Brünn (Dr. Levy), in Holleschau (Dr. Freimann), in Olmütz Dr. Oppenheim) unterstützt wurde, gelang es Feuchtwang die Aufstellung Güdemanns durchzusetzen. Aber erst nachdem er es als Chillal Haschem bezeichnet hatte, wenn bei einer so großen Kundgebung der Juden in Oesterreich die öffentlichen Reliionsvertreter fehlen, und nachdem er afür beleidigt worden war. Es wurde ein 26 gliedriqes Komitee eingesetzt, das, wir wollen es hoffen, seine Arbeit begreifen und verstehen wird. Tut es das nicht, dann ist die Organisation nicht wert, zu de stehenist vielmehr eine eminente Gefahr für das gesamteJudentum in Oesterreich. In jedem Falle aber wird es heißen, auf der Hut sein. Denn,wenn diese „Organisation" der österreichischen Juden so zustande kommt, wie sie der diesmalige Referent, Herr Dr. Sonnenschein sich denkt, dann wird es eine Desorganisation sondergleichen geben und ein Kampf heraufbeschworen werden, der viel gefährlicher werden kann, als die allerdings traurige Lässigkeit und Trägheit in der augenblicklich ein großer Teil des Judentums in Oesterreich lebt. Es war unklug und unpolitisch, die Absicht so deutlich merken zu lassen. Nichtdestoweniger ist der Wunsch berechtigt, daß die Organisation doch gelingen möge- und die Hoffnung, daß das Judentum in Oesterreich sich selbst wieder finden und als seinen Leitstern die Religion der Väter und nicht die fremden Götter der Gegenwart erkennen werde. Wien, 25. April. Nach einer römischen Meldung des „Matin" stattete der österreichische Gesandte beim Vatikan Freitag den Kardinälen Merry del Val und Tripepi Besuche ab, um ihnen mitzuteilen, daß der Wiener Professor Feilbogen wegen des Zwischenfalles in der Sixtinischen Kapelle seines Amtes als Professor enthoben worden sei. Auch der Vorstand der Wiener israelittschen Kultusgemeinde hat wie aus Wien mitgeteilt wird, seinen Vorstand beauftragt, beim Unterrichtsmimster zu erklären, daß die Kultusgemeinde den Vorfall in der Sixtinischen Kapelle aufs tiefste bedauere und aufs schärfste verurteile. Die Kultusgemeinde ersucht den Minister gleichzeitig, diese Erklärung zur Kenntnis des Kaisers zu bringen. Ungar«. Budapest, 28. April. Das „Neue Pester Journal" bringt aus Naahszeben ^(Siebenbürgen) folgenden telegraphischen Bericht: In der Gemeinde Osinka des Komitats Fogaras verschwand am _ Der Israelit. Ostersonntag das zweijährige Mädchen des Sägewerkbesitzers Dobna. Der Umstand, daß die Juden Ostern hatten, schien Dobna genügende Veranlassung zu der Annahme, daß das Kind nur von dem Schächter Perlmutter gestohlen worden sein konnte. Flugs rief er feine Arbeiter zusammen, das Haus des Schächters wurde belagert und die angesammelte Menge forderte drohend die Herausgabe des Kindes. Die'Gendarmerie, von dem Vorfälle benachrichtigt, trieb vor allem die Menge auseinander, und stellte dann Nachforschungen nach dem Kinde an. Man fand schließlich das Kind im elterlichen Hause in einem mit Wasser gefüllten Kübel ertrunken vor. Gegen die Eltern wurde die gerichtliche Untersuchung eingeleitet. §lnßl<mfr. Petersburg, 22. April. Der Vertreter der jüdischen Bevölkerung in der Reichsduma, Nisselowitsch beabsichtigt, einen Gesetzentwurf über die Aufhebung gewisser Rechtsbeschränkungen der Juden in der Duma einzubringeu. Er hat deshalb die Führer aller Parteien der Rechten-wie den Ministerpräsidenten Stolypin über ihre Ansicht befragt und eine Reihe höchst interessanter Aufschlüsse erhalten. Der Führer der äußersten Rechten, Graf A. Bobrinski, erklärte: „Ich kann Ihnen nicht Gleichberechtigung für Ihre Glaubensgenossen versprechen, wohl aber die Aufhebung vieler Einschränkungen, da ich wohl weiß, daß viel Ungerechtigkeiten gegen die Juden be^ gangen werden." Der Führer der gemäßigten Rechten Graf, Wladimir Bobrinski, antwortete: „Ich persönlich habe nichts dagegen einzuwendenich glaube auch, daß meine Frakiion dem Entwurf keine Hindernisse in den Weg legen wird." Weit weniger günstig siel die Antwort der Oktobriften aus, welche bekanntlich in der Judenfrage eine zweideutige Stellung einnehmen und sie bei der Schwierigkeit ihrer Lösung von der Duma ferngehalten wissen wollen. Alexander Gutschkow, der Führer der Oktoberfraktion, Nifsetowitsch folgende Antwort: „Persönlich habe ich nichts gegen eine derartige Behandlung der Frage einzuwenden, doch gebe ich Ihnen den Rat, vor allein mit dem Premierminister Stolypin zu sprechen, um zu hören, wie er die Frage auffaßt. Denn wenn die Regierung die Einbringung des Entwurfs nicht für zeitgemäß hält, so kann ich nicht dafür garantieren, daß Ihr Entwurf einer Kommission überwiesen wird." Daraufhin erwirkte Gutschkow dem Abgeordneten Niffelowitsch eine Audienz bei Stolypinin dieser legte Nisselowitsch dem Premierminister eine Reihe von Briefen vor, nach denen die Juden in der bevorstehenden Osterzeit den Ausbruch von Pogroms in den verschiedensten Teilen Rußlands befürchten. Dabei stellte sich heraus, daß Stolypin über die Agitationsliteratur und die Hetzartikel in der russischen Presse gegen die Juden aufs genaueste informiert war. Er gab dem Deputierten die kategorische Versicherung, daß er von keiner Seite irgendwelche Gewaltakte gegen die jüdische Bevölkerung zulassen werde und alle notwendigen Anordnungen in dieser Hinsicht bereits getroffen wären. Zum beabsichtigten Gesetzentwürfe erklärte er weiter: „Bereits im Herbst 1906 wurde die Judenfrage im Kabinett besprochen. Damals wurde die Aufhebung einzelner Kategorien von Einschränkungen für wünschenswert und notwendig erachtet, ich halte es für vielleicht verfrüht, in der jetzt ablaufenden Tagung der Reichsduma einen derart komplizierten Entwurf einzubringen, da die Judenfrage aufmerksame und allseittge Prüfung erfordert. Besser wäre es, wenn es während der zweiten Tagung geschähe. Sollte aber in der Duma selbst die Absicht laut werden, eine Spezialkommission für die Judenfrage einzusetzen, so wird die Regierung dieser in bezug auf die Besserung der Lage und Lebensweise der armen Klaffen der jüdischen Bevölkerung sowohl im Ansiedelungsrayon als außerhalb derselben entgegenkommen." Diese Antwort des Premiers hat Niffelowitsch weit mehr befriedigt, als Gutschkows Ausflüchte - denn er glaubt darin einen Plan und eine 7. MM ifc.8 bestimmt: Ter den? zu erblicken, welche die Basis künftiger Judengesetze bilden wird. Es ist ihm vor allem wichtig, daß ein Anfang gemacht wird und der Stein ins Rollen kommt, so d)ß eine Reihe schwere Rechtsbeschränkungen fallen, wenngleich der Weg bis zur Erlangung der Gleichberechtigung noch sehr weit ist. Petersburg, 1. Mai. Die in allerküzester ZeiteinzuberufendeRabbinerkommifston wird, laut den neuesten Mitteilungen der kompetenten Stellen einen viel weiteren- Wirkungskreis haben als ursprünglich angenommen wurde. Sie wird sich nicht nur mit denjenigen Angelegenheiten zu befassen haben, welche die jüdische Religion betreffen, sondern auch mit sozialen und organisatorischen Fragen der russischen Juden als Körperschaft. Es wird jetzt das im Gesetze begründete Statut dieser Rabbinerkommission bekannt. Hiernach werden in die Rabbinerkommission 7 Personen — ein Vorsitzender und 6 Beisitzer — gewählt. Die jüdische Bevölkerung wählt insgesamt 40 Kandidaten für die Kommission, aus deren Mitte der Minister des Innern die eigentlichen Kommissionsmitglieder nach eignem Gutdünken ernennt. An der Wahl der Kandidaten können sich nur Juden innerhalb des Ansiedlungsrayons beteiligen. Die vom Minister des Innern ernannten Mitglieder erhalten ein angemessenes Gehalt, das aus der jüdischen Fleisch-Steuer (Korobke) bestritten wird, die Aufgaben der Rabbinerkommission sind: 1.) Zu entscheiden in allen jüdisch-religiösen Fragen- 2.) Entscheidungen und Gutachten in Ehescheideangelegenheiten. Außer diesen feststehenden Agenden har die Rabbinerkommission auch alle anderen mit dem Judentums zusammenhängenden Agenden zu versehen, welche ihr seitens der Regierung zur Begutachtung oder Entscheidung zugewiesen werden. Um die Tagung der Rabbinerkommission zu beschleunigen, gestattete die Regierung die Einberufung von Wählerversammlungen, in welchen die in Betracht kommenden Fragen besprochen werden dürfen. Diese Rabbinerkommission, die als stabile Institution gedacht ist, wird jährlich zumindest drei Monate hintereinander beisammenbleiben und eigene Amtslokalitäten habeu. Als wichtigster Punkt, über welchen die Rabbinerkommission neben den laufenden Agenden zu beraten haben wird, gilt die Regelung der jüdischen Fleisch- Steuer, deren Bemessung und Verwendung jetzt ganz der Willkür der Bureaukratie überlassen ist. Außerdem wird auch die Organisirung der jüdischen Gemeinden nach europäischem Muster und andere ähnliche mehr soziale Fragen ins Auge gefaßt. (Ob es sich dabei um die wirklichen Rabbiner, die Lehrer und geistigen Führer der jüdischen Gemeinden Rußlands handelt oder nur um die Paradegeistlichen, die sogenannten Kronrabbiner, ist der Korrespondenz nicht gu entnehmen Es scheint darüber noch keine volle Klarheit zu herrschen. Die einzige gesetzestreue nnd von Rabbinern geleitete hebr. Zeitung in Rußland ^ipn führt in ihrer letzten Nummer darüber Klage, daß ihr über die ganze Sache offiziell noch nicht ein Wort mitgeteilt wurde, was gewiß nicht dazu angetan ist, die erstere Annahme zu bestärken. Und doch kann man sich eine solche Institution, soll sie ihren Zweck erfüllen und nach innen und außen Ersprießliches wirken, nur unter der Leitung der wirklichen thoragelehrten Rabbiner, zu denen die Gemeinden Vertrauen haben, recht denken. Die Redaktton.) Petersburg, 2. Mai. Telegramme aus Tiflis melden, daß an der türkischen Grenze furchtbare Armenier- und Judenmaffakres stattgefunden haben. Tausende fliehen nach Jelisawethpol und anderen russischen Städten, jedoch auch dort werden sie von Tartaren bedroht. Angeblich sind 10000 bewaffnete Perser im Anmarsch, um die Ordnung wiederherzustellen. Es wird befürchtet, daß sich die Kurden der Bewegung anschließen und daß ein Grenzkrieg auSbricht. Wilna, 4. Mai. Der Kindermord in Schaenoiz ist trotz der mit großer Energie eingeleiteten