Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1908)
- Date
- 1908-05-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19. 7. Mai 1908. Der JSraeUt. Seile 7. stehende Krantenheim der Gemeinde, das bisher in Mietsränmen untergebracht war, hat sich gegenüber dem stetig wachsenden Zuspruch als zu klein erwiesen. Die Baugelder für den Neilbau werden, mit Zustimmung der Repräsentantenversammlung, dem Stiftungsfonds entnommen, von dem bis jetzt nur die Zinsen verwendet wurden. Worms, 1. Mai, Die gestrige Wahl des Gemeindevorstandes zeigte keine sehr große Beteiligung, wie man es bei der lebhaften Agitation wohl erwartet hätte. Kaum 50 pCt. der Wähler beteiligten sich an der Wahl. In die Wahlliste waren 336 Wähler eingetragen, von denen nur 160 ihre Stimme abgaben. Die Kandidatenliste des Wahlausschusses, gebildet in einer Bersammlung der Vorstandsmitglieder sämtlicher hiesiger israelitischen Vereine, fand Annahme. Es sind also gewählt die Herren: Salomon Honig, Max Levy, Jakob Berliner, Rechtsanwalt Siegmund Baruch und Dr. Nickelsburg. München, 30. April. Uuter der Ueberschrift „Keine Aenderung der bayerischen Gesetze in Bezug auf die israelitischen Kultusgemeinden^ brachte letzthin die „Deutsche Israelitische Zeitg." eine Korrespondenz aus München zum Abdruck, die die Behauptung ausstellt, daß man in absehbarer Zeit nicht an eine Neuregelung der gesetzlichen Verhältnisse der jüdischen Gemeinden in Bayern denke,' das sei die selbstverständliche Voraussetzung der München-Nürnberger Friedensverträge gewesen. Dazu schreibt Herr Sigm. Fraenkel- München in der letzten Nummer des genannten Blattes folgendes: Ich erachte es aber tratzdem als meine Pflicht, auf Grund meiner Informationen in Ihrer geschätzten Zeitung darauf hinzuwetfen, daß die bezügliche Angabe Ihres Münchner Korrespondenten den Tatsachen nicht entspricht und daß eS Pflicht aller berufenen Organe in der bayrischen Judenheit — und dazu gehört zweifelsohne auch die Presse — wäre, sich mit dem Gedanken abzufinden, den ich an anderer Stelle in den Satz zusammenfaßte: „Die Revision des bayerischen Judeneditts von 1813 ist dem Anmarschenichts kann sie mehr aufhalten." Es wäre in der Tat eine gefährliche Selbsttäuschung, wenn flch etwa die konservativen und orthodoxen Kreise des bayerischen Judentums in den Gedanken einlullen würden, daß die gesetzgebenden Faktoren in Bayern der Abbröckelung oder richtiger der Umbildung des Edikts von 1813 weiter passiv gegenüber stehen, und schon die allernächste Zeit dürfte Wohl die skeptischen Gemüter darüber ' belehren, daß das bayerischen Judenedikt von 1813 nicht mehr seinen hundertjährigen Geburtstag feiern wirb. Ganz abgesehen von all den anderen Gravamina, die daS Ministerium dazu veranlaßen, endlich einmal einen klaren Rechtsboden für die bayerischen Verwaltungsbehörden und für die Judikatur in dieser Materie zu schaffen, erweist gerade der Wortlaut und der Gedankengang der jetzt in München und Nürnberg zwischen Neologie und Orthodoxie getroffenen Vereinbarungen, daß es sich hier um keinen „Frieden", sondern um Stipulationen transitorischen Charakters handelt, die nur „für die Dau er d er Geltung deS EdiktS vom 10. Juni 1818" gilttg und verbindlich sein sollen, wie ja auch die Redaktion der „Deutschen Israelitischen Zeitung" selbstin ihrer Besprechung des Nürnberger Vertrags s. Zt. daraus hingewiesen hat, daß und warum der Wortlaut dieser Vereinbarung keinen dauernden Frieden garantiert. Diese Garantien könnten aber nur in solchen Vereinbarungen gegeben werden, die dem geltenden Recht Gewalt antun oder dasselbe von neuem künstlich interpretieren, und da die Orthodoxen in München und Nürnberg Bedenken trugen, ein derartiges Verlangen an das Ministerium zu stellen, oder eine Gesetzgebung ad irato zu provozieren, so blieb nichts übrig, als die viel angefeindeten Kompromisse zu vereinbaren, über deren provisorischen Charakter unter den Kontrahenten niemals ein Zweifel bestand, die aber das erfreuliche Resultat zeitigen dürsten, daß nunmehr die beiden Parteien gemeinsam und stieblich an die Lösung der neuen gesetzgeberischen Aufgaben herantreten. Auch die Tatsache, daß die betreffenden Vereinbarungen nur für München und Nürnberg gilrig find, während vielleicht schon vinnm weniger Monate in anderen bayerischen Kultusgemeinden ähnliche Konflikte nach einer gesetzgeberischen Initiative drängen, erweist die Absurdität einer Theorie, die die Notwendigkeit einer Revision deS baverischm Judeneditts von 1813 in Abrede stellen will. Unter diesen Umständen erscheint es besonders erfreulich, daß auch die Neologie in den bayerischen Großgemeinden sich der nun einmal geschaffenen, unabänderlichen £ schlage anzupaffen beginnt. Wie die Berhättniffe nun einmal liegen, werden beide Richtungen der bayerischen Judenheit der könial. bayerischen Staatsregierung innigen Dank wiffen, daß sie m Bälde an die wahrlich nicht leichte Lösung trs g> setzgeberischen Problems schreitet. Würden wir, tie Orthodoxen, jetzt wi der versagen, und die Vorarbeiten für dte Revision stören, so wäre dies nicht nur vom politischen Gefichtswinkel aus ein nicht wieder gut zu machender Fehler. Aber noch wichtiger als die politischen Momente, die von uns heischen, c n oem neuen Gesetzgebungswerk freudig mitzuarbeiten, erscheint mir die uns Orthodoxen obliegende Verpflichtung, nunmehr klare Bahn für die Betätigung unserer religiösen Ueberzrugung zu schassen, weil sonst unsere Nachkommen uns einstmals mit Recht den Vorwurf machen könnten, daß wir aus lokalen oter sonstigen, fast hatte ich gesagt „Kirchturmsinn reffen" denjenigen Moment verpaßt habtn, in welchem die ganze politische Konstellation in Bayern uns Ga'.antien dafür flor, daß der Gesetzgeber nur solche Rechtsnormen sanktionieren wird, die je: webe Bedrängnis und Verk mmerung der Rechte der traditionellen Richtung durch die Neologie in aller Zukunft ein für allemal ausschließen. Wir verweisen hierzu auf die Wochenrundschau. <8teftevveidj> Ein öfferreidiifdier Juflenfag. (Von einem gelegentlichen Korrespondenten.) Wien 28. April. Montag, am 17. d. M. hat der „Allgemeine- Oesterreichisch-Jsraelitische Bund" einen Bundestag abgehalten, auf dessen Tagesordnung für den ersten Verhandlungstag das Thema stand: „Beratung über die Vereinigung der Gemeinden zu einer autoritativen Gesamtorganisation." Der Bund hat seit seinem Bestehen bis nun noch keine so große Gelegenheit gehabt, seine Kraft zu bewähren, als diese. Seine Tätigkeit war eine stille, nach innen gerichtete. Präsidium und Vorstand haben bei paffenden Anlässen manchen erfolgreichen Schritt getan. Die Oeffentlichkeit jedoch verlangte dringend und stürmisch nach einer bedeutenden Aeußerung des „Bundes". Die traurige politische Lage in Oesterreich, die Zerfahrenheit der inneren Verhältniffe, die kraftvolle Herrschaft der christlich-sozialen Parteien, die ökonomische Ungunst der Zeiten, ließen die Juden in Oesterreich den schweren Druck doppelt fühlen. — Ein jüdisches, sei es politisches, sei es religiöses Leben in dem Sinne, wie es Deutschland kennt, kennt Oesterreich nicht. Seit Herzl's Tode ist auch der Zionismus nicht mehr das lebendige, treibende Element der Parteien. Die Jüdisch-Nationalen zeigen etwas mehr Kraft und Zielbewußtsein. Sie sind im Parlamente gut vertreten und haben tüchtige Führer. Vollkommen, schlaff, hülflos, führerlos ist das traditionelle Judentum. Hier rührt sich auch nicht der leiseste Hauch. Wien ist die Hochburg des Jndifferentismus. Wenn auch die offizielle Kultusvertretung sich nicht reformatorisch geberdet, sondern gern als konservativ bezeichnet werden will, ist doch die richtunggebende, der großen jüdischen Masse bis nun ungekannte, weil in stiller, sicherer Agitationsarbeit allmählich vordringende Kraft der Oeffentlichkeit die Gesinnung und Ueberzeugung der „Bne-Brith". Kein rechtdenkender aufrichtiger Jude wird die außerordentliche Bedeutung dieser über die S Welt verbreiteten Bereinigung verkennen. and wird die Freude darüber unterdrücken, daß Tausende sich zu gemeinsamem Hilfswerk zusammengefunden haben und sich „Brüder" nennen. Es könnte aus diesem Grunde nur freudig begrüßt werden, wenn die Leitungen der österreichischen „Bne-Brith" Vereine die Aufgabe übernehmen, die Juden Oesterreichs zu einer freien Organisation wachzurufen. Leider aber ist der Geist, der in diesen Brüderkreisen herrscht, nicht der Geist des überlieferten Judentums. Die leitenden Persönlichkeiten, die stimmführenden Männer stehen absolut außerhalb auch des weitest gezogenen Kreises derjenigen Begriffe und Anschauungen, welche als „jüdisch" bezeichnet werden können. Atheismus ist eines der Hauptzeichen der österreichischen, insbesondere der Wiener „Bne-Brith". Die überwiegende Mehrzahl, ganz gewiß aber die geistigen Berater und Regenten sind aus dem äußersten Flügel des liberalen Judentums. Sie üben Wohltätigkeit und erachten höchstens noch die Kenntnis der jüdischen Ge sch ich t als nötig für die jüdische Erziehung. Di* Phrasen der „jüdischen Ethik" ohne Gott,ohneThora,ohneUeberlieferung, ohne Uebung und lebendige Tat im jüdischen Leben, ist selbstverständlich das Schlagwort auch in diesen Kreisen der Intelligenz. Diese Männer haben die Juden Oesterreichs zur Beratung über die Vereinigung der Gemeinden zu einer autoritativen Gesamtorganisation eingeladen. 150 Delegierte folgten dem Rufe. Sie kamen aus allen Ländern Cieleithaniens. Der oberflächlichste Beobachter mußte sofort merken, daß die „Bne-Brith,, aus allen Gemeinden erschienen waren. — Stark beschickt war der Bundestag durch Galizien. Zionisten, Nationale, Bnc-Brith, alle Schattierungen waren gut vertreten. Den Vorsitz der großen Versammlung führte mit großem Takt und bewundernswerter Ausdauer der greise Präsident der Wiener Kultusgemeinde und des Bundes, Herr Dr. Alfred Stern. Das Hauptreferat über den wichtigsten Gegenstand, die „Organisation", erstattete Herr Dr. Sonnenschein, Advokat in Troppan, einer der einflußreichsten Führer der österreichischen „Bne-Brith"- ein ausgesprochener, eifervoller Assimilant, Reformator und Feind der Tradition sowie ihrer Vertreter. Das kam leider auch in seinem Referat sofort zum Ausdrucke, indem er allsogleich die Behandlung innerer Fragen als ausgeschloffen erklärte und sich zu der unsinnigen Behauptung verflieg, die jüdischen Gemeinden seien seit jeher nur durch die Vorsteher und niemals durch die Rabbiner Vertreter gewesen. Das wäre nicht schlimm. Der Eingeweihte mußte daraus sofort die Richtung erkennen, in welcher sich die künftige Organisation nach der Vorstellung der „Bne-Brith" bewegen sollte. Die Rabbiner mußten von der Schwelle znrückgewiesen werden, weil ja sie die „Religion" vertreten. Und Religion ist den „Bne-Brith" in Oesterreich, speziell in Wien ein Greuel. Ein ebensolcher Greuel wie „Nation" etwa auf das Judentum angewendet, oder „jüdisches Volk". Strenggläubigkeit zumal ist in diesen Kreisen ein untrügliches Zeichen von Dummheit und Kultur- Rückständigkeit. Mit der Erstattung dieses Referates war eigentlich sofort die Sachlage geklärt. Alle Anwesenden waren darüber einig, daß eine Organisation geschaffen werden solle. Alle politischen Parteien machten ihre Ansprüche geltend. Ein vorberatendes Komitee von 17 Mitgliedern sollte gewählt werden. Selbstverständlich traten die „Bne-Brith", die Jüdisch-Nationalen, die Zionisten, die Galizier energisch mit ihren Ansprüchen auf. Auch die Orthodoxen Galiziens waren, wenn auch schwach, vertreten und forderten ihr Recht. Das Hervortreten Galiziens war interessant und bedeutend. Die jüdischen Abgeordneten Galiziens beherrschten das Redeturnier. Mit vollem Rechte forderten die „Ostjuden" eine Majorität im Komitee. In Galizien leben ja auch 800000 Juden. Nur von den galizischen Delegierten hörte man kraftvolle Worteüber jüdisches Leben, über Hebraica, über nationales Empfinden, über religiöses Handeln. Kein einziger der westländischen Delegierten fand in gleichem Maße warme Worte. Allerdings. Auch bei den galizischen Delegierten überwog weitaus das jüdische nationale Momentdie Zionisten fanden aber in ihrem Vertreter Dr. Brände einen wackeren Kämpfer. Die Rabbiner Oesterreichs waren schwach, leider auchschwächlich vertreten. Nur wenige Gemeinden hatten sie zu Delegierten gemacht. Vom Wiener Rabbinat waren erschienen, der Oberrabbiner Dr. Güdemann, Schmiedel, Grünwald, Bauer, Mendel Gelbhaus und Feuchtwang. Feuchtwang allein hatteden Mut gegen die Referat-Erstattung Dr. Sonnen-