Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1908)
- Date
- 1908-05-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 10 oergsraem 7, Mai 19J8. was jene für heilig gehalten hätte und manches Nene eingeführt, so sei auch ein gewaltiger Unterschied zwischen der polnischen, ungarischen und deutschen Ortho^ doxie, denn die deutsche Orthodoxie sei in Rußland und Ungarn sogar als Reform und liberal verschrien. Redner ' kommt sodann ans die Rabbiner-Versamm lungen und Synoden von Leipzig 18R» und Augsburg 1871 zu sprechen, an welchen er selbst teilgenönnneu hat, aber diese Rabbiner-Versammlung, n konnten nicht alle Schäden des religiösen Gesetzes heilen, sie hätten viel wertvolles gebracht, aber der Boden sei nutzt genügend vorbearbeitet gewesen und so seien schließlich alle Bemühungen dieser liberaler Synoden erfolglos und fruchtlos gewesen. Erst müssen alle Gebildeten die FortentwickUmgsmöglirhkeit des Judentums erkennen. Redner bedauert sodann, das; trotz allem Entgegenkommen aus religiösein Gebiet der Liberalismus' in den letzten Jahren andauernd niedergegangen sei, während andererseits die Orthodoxie ihre Bestrebungen erfolgreich verfolgt und tvie das preußische Schulgesetz erst in letzter Zeit gezeigt habe, zum Schaden des gesamten Judentums es verstanden hat, ihre Wünsche zur Geltung zu bringen: sie habe trotz ihrer Minderzahl es verstanden, sich zu sammeln und ihre Reihen zu schließen. Aber er nenne diese Siege der Orthodoxie nur Pyrrhns-Siege, weil der Abfall in den Kreisen der Orthodoxie ein sehr großer sei. Der Liberalismus sei all ein imstande, d'e Jugend zu erwärmen und das Judentum zu erhalten. „Die Zukunft des Liberalismus ist die Zukunft des Judentums". Man muß sich hüten vor falscher Pietät, die mit Rücksicht aus die Vergangenheit die Gegenwart und Zukunft verliert und mit erhobener Stimme fährt der Redner fort: keine Friedensliebe, wenn es sich um Fortschritt handelt. Wir begehen keinen Einbruch bei den Orthodoxen, wenn wir reformieren, wir verlangen aber aüth für uns das Recht, unsere Institutionen so zu gestalten, daß sie frohe Gedanken an unsere Zukunft in uns erzeugen. Dem Liberalismus muß die Stellung erobert werden, die ihm wegen seiner geistigen Bedeutung zukommt. Dies ist nur möglich durch feste Organisation und Sammlung der einzelnen Liberalen, damit auch diesen das Gefühl der Zusammengehörigkeit gestärkt werde, selbst wenn sie in konservativen Gemeinden leben, und sie wissen, daß noch eine große Anzahl Gleichgesinnter existiert. Tie Freiheit in der Ausübung der religiösen Gebräuche soll Niemandem beschränkt werden, aber wir müssen ein Programm seststclten, das alle einigt und dieses Programm verlangt keinerlei Opfer des Intellekts der Liberalen. Hierauf folgt eine fast IV2 ständige Rede des Herrn Dr. Seligmann, Frankfurt, zur Begründung des Programmes. Er führt aus, daß die westeuropäische Judenheil in ihren obersten Schichten krank sei, die Jugend neige alten modernen Strömungen, wie dem Monismus rc. zu, massenhafte Taufen, 4—500 pro Jahr, wegen Karriere und Strebertum, zu diesen Taufen würde gerade aus den Reihen der Konservativen ein großer Prozentsatz gestellt (!! Red.) Unsere sittliche Not in Deutschland sei größer als die materielle Not Rußlands; man könnte heute nur noch orthodox sein, unter Aufopferung von Stellung und unter Preisgabe jeder Kultur. Um unsere Jugend zu gewinnen, müssen wir eine Religion haben, die zeitgemäß ist und der wahre Liberalismus will nur eine persönliche Religion. Die alten Gebete nennt er mystisch und romantisch und ein Klippenwerk, an dem die Jugend z schellt. Unsere Jugend kann nicht so viel hebräisch, um den Wust von Gedanken zu begreifen, der in diesen Gebeten liegt Die Liberalen glauben nicht an die unabänderliche Perpflichtungskraft der sogenannten Gesetze und legen keinen Wert aus alte uno veraltete, abgestorbene Gebräuche. Der Gottesdienst mutz aus die Dauer die Jugend gewinnen, durch die deutsche Sprache muß sie erbaut werden. Der Religionsunterricht muß auf Basis moderner Wissenschaft erteilt werden und kein Religionslehrer darf den Kindern Gebräuche lehren oder Belehrungen über jüdische Gesetze geben, die unter Umständen das Kind im Widerspruch mit den Eltern führen könnten. Es ist dem Redner ein entsetzlicher Gedanke, daß das Kind in der Schule gelehrt wird, Speise- und Sabbat h-Gese tze zu beobachten und zu Hause, wo man bereits „aufgeklärt" sei, dadurch Differenzen heraufbcschworcn werden. H err Rechtsanwalt Blau Frankfurt, verlangt gleiche Rechte wi e die Orthodoxen, jeder soll berechtigt sein, seine Anfichr zu vertreten und seine Forderungen zu stellen. Die Orthodoxie sag^, es gibt nur ei n Judentum, und diese Orthodoxie habe mehr Macht, als ihr, der geringen Zahl entsprechend, zukomme. Bon den separatistischen Gemein dm w ill er im allgemeinen nicht sprechen, da diese in sich selbst verkümmern. Die Frankfurter orthodoxe Separat- Gemein de werbe schon sett geraumer Zeit von Fulda geleitet. Einen viel größerm Feind sieht er in den konservativen Gemeinden, welche nicht getrennt find und bei welchen die konservativen Mitglieder bei allen Fragen mttzufvrechen haben und dadurch'Gelegenheit findm, die Liberalen als Poschim und Kofrtm in ihrem Handeln zu bezeichnen. Redner meint, daß in Gemeinden, in denen Orthostoxe und Liberale vereinigt find und welche unter 8 Rabbinern iehen, die Orthodoxen froh sein müßten, wenn qse ihre Institutionen haben und sich um nichts anderes bekümmern sollten, aber diese Orthodoxen beanspruchen zu entscheiden, was Judentum ist und wer Jude ist. Der Wahlsieg in Frankfurt bedeute die Existenzberechtigung und das Selbstbestimmungsrecht der Liberalen neben den Orthodoxen. Die von Dr. Blau begründete Resolution lautet: Wie der religiöse Liberalismus bas Selbstbestimmungsrecht der Orthodoxie in ihren religiösen Angelegenheiten anerkennt und jeden Gewissenszwang ve wirft, so verlangt er das gleiche Recht und die gleiche Freiheit für sich. Die Anerkennung dieser Grundsätze bild t die unverrückbare Grundlage eines friedlichen un) gedeihliche i Zusammenwirkens innerhalb der Gemeinde. Unser Programm enthält 1 ie Forderungen, die der jüdische Liberalismus für s.ch aufstellt und im Gemeindelebcn betätigen willdem liberalen Prinzip der Gewissensfreiheit entsprechen), wird bei seiner Durchführung den lokalen Berhältniffen Rechnung zu tragen sein. Unter Berücksichtigung dieser Erklärung empfiehlt sich die unveränderte Annahme des Programms " In der Generaldebatte bekennt Dr. I. Kaftan- Berlin sich als einer derjenigen, die der Einladung gefolgt sind, ohne gleich zu erklären, daß sie der Vereinigung als Mitglied beittetcn, und gesteht, durch die bisherigen R. den in seinen mannigfachen Bedenken nicht geschwächt worden zu sein. Er fährt dann fort: „Es ist nach den beiden Referaten nicht leicht, hier zu spr chen, und ich werde ziemlich viel Wasser in Ihren Wein . ießen müssen. Zacharias Frankl, der bereits mehrfach hier genannt worden ist, hat einmal gesagt: Ihr Weisen, seid vorsichtig - in Euren Aeußerungen!" Was ist der langen Rede kurzer Sinn? so möchte ich fragen. Was sind wir denn? Wir sollen nach den Worten des einen Redners ein Laienkonzil sein, ein anderer sagte, es ist zum ersten Male, daß Laien und Rabbiner sich zusammenfinden. Im großen ui d ganzen bin ich nicht sehr für Latenkonzilien eingenommen. Doch hat man schon jemals erle t, daß eine Be. sammlung einberufen wir' und auftritt, wir wollen reformieren? Wenn man reformirren will, muß man vrr allen Dingen wiffen, was man reformieren will und wie weit man reformieren will. Daraus folgt mit Notwendigkeit, daß, wenn man sich nicht um seine eigne Logik bringen will, man sagen muß, ich muß bestimmte Punkte herausfinden und muß sagen, in diesen Dingen bedarf eine religiöse Gemeinschaft der Reform. Nehmen Sie es mir nicht übel, mit so allgemeinen Phrasen, wie Sie hier in diesem Programm haben, jag n Sie keine Katze hinter dem Ofen hervor! So geht das Reformieren licht. Welches der vorhandenen religiösen Systeme befindet stch denn in einer anderen Lage als bas Judentum? Das Judentum befindet stch nicht allein in dieser Ausnahmestellung. Das ist bas Erbteil aller Religionen, die einen dogmatisch n Inhalt haben, und Sie werden nicht leugnen wollen, daß daS Judentum einen dogmatischen Inh alt hat. Es ist ein Irrtum, zu sagen, baß das Judentum darin seinen Kern hat, daß es an einen einig einzigen Gott glaubt. Wer das behauptet, hat stch um die Geschichte des Judentums zu kümmern keine Zeit oder keine Veranlassung gehabt. Ich sehe ja auch ein, baß es notwendig ist, gewisse Dinge abzuändern, die nicht mehr zu halten find. Aber L ie müssen wenigstens in den Hauptpunkten erklären, was Sie geändert wissen ivollen. Aus die Resolution kann man sich allenfalls stellen, aber auf ein Programm, wie es hier vorliegt, kann m n fich unmöglich v.rpflichten, wenn man wirklich etwas mehr vom Ju e tum und jüdischer Geschichte weiß als das Gros. Das Programm ist nach meiner Auffassung noch lange nicht genügend durchgearbeitet, als daß man fich darüber auch nur verständigen, geschweige denn einigen kann. Eines ist richtig, cs ist notwendig, etwas Positives zu schaffen. In dem ganzen Programm haben Sie jedoch nur einen einzigen positiven Punkt, das ist die Errichtung und Unterhaltung einer periodischen Monatsschrift! Sowie man sich seit Jahrhunderten bemüht hat, die Grenze zwischen Saat und Kirche festzustellen, so, glaube ich, wird eS auch mit diesen Dingen Seh n. Religion und naturwissenschaftliche Anschauung nd zwei Dinge, die miteinander garnichts zu tun haben. Zu brr Anerkennung dieser Tatsache sind di wenigsten Menschen bisher gelangt. Mein Rat, der aus glühend warmem Herren für das Judentum kommt, geht also dahin: Fassen Sie heute noch gar keine Beschlüsse, auch nicht einmal den Beschluß, dieses sehr weite und umfassende Pr.gramm anzunehmen, dagegen könnten Sie die Resolutio - wohl annehmen. Eines haben Sie, das möchte ich noch hinzufügen, nicht bedacht, die Stellung des Judentums in Deutschland zur Außenwelt. Ich halte eS für mehr als bedenklich, eine Spaltung in die jüdische Gememsamkeit hineinzuttagen. Sowie Sie dieses Programm annehmen, ist die Spaltung offiziell da. Die Orthodoxie wird Ihnen die Antwort darauf nicht schuldig bleiben. Ich würbe Sie also bitten, die Resolution anzunebmen und der jetzigen Siebener-Kon misfion auszugeben, die Programmpunkte etwas greifbarer zu gestatten und sie einer späteren Versammlung und zwar einer nur aus liberalen Rabbinern bestehenden Versammlung zur Entscheidung vorzulegen. Herr Rechtsanwalt Auerbach, Frankfurt WM kein Eintreten in Details, sondern er ruft auf zum Kampfe gegen die Orthodoxie.. Die Frankfurter Reform habe mehr geleistet, wie die ganze Ortbodoxie zusammen und der Fehler sei nur der, daß die Reform, die vor 50 Jahren begonnen hat, gleich am' Beginn ihrer Tätigkeit stehengeblteben fei. Seine Forderung lautet, Saß die- Rabbiner mit gutem Beispiel vorangehen und alle Formen und Gebräuche bei sich zuerst abschaffen. Er wünscht keine Resolut on sondern die unbedingte Annahme des Programms. Dr. Dienemann-Ratibor verlangt, daß die liberalen Juden mehr Arbeitslust als bisher zeigen 1 ollen, es fehle in liberalen Kreisen an idealistischer Weltanschauung und er wirft den Liberalen Mangel an Opferfähigkeit vor. Die Orthodoxie hätte außer der Bibel noch den Schulchan Aruch, auf den fie sich stützt und die Liberalen hätten nur die Bibel und die würde von den wenigsten gelesen. Uebung und Betätigung des religiösen Lebens müßte vor allem in die Familie, übergehen. Dr. B aerwald -Frankfurt a. M. erklärt im Namen der Kommisson, daß die Resolution nicht zurückgezogen werde. Er will keinen Kampf gegen die Orthodoxie, sondern Verteidigung gegen dieselbe, er anerkennt das Recht der Orthodoxen in den Gemeinden, sofern die Orthodoxen das Recht der Liberalen anerkennen. Dr. Samuel-Essen b ttet um Einigkeit und Annahme des Programms. Die liberale Vereinigung sei der Resonanzboden der ganzen Bewegung der deutschen Juden. Er wünscht Befreiung vom Zwange, fich an bas Programm ha ten zu müssen und meint, daß Inkonsequenz gegebenen Falles kein Sch den sei, wenn sie richtig angewendet würde. Justtzrat H 0 r w i tz beantragt nun Schluß der Debatte, da weitere Worte zwecklos seien. Vogelstein, Königsberg wendet stch gegen den Vorschlag, die Rabbiner sollten mit Abschaffung der Gebräuche und Zeremonien vorangehen und meint, ein solches Vorgehen sei in Gemeinden, die aus Konservativen und Liberalm gemischt seien, ein Schlag für die Liberalen und aus praktischen Gründen nicht empfehlenswert. Er hält einen Mittelweg für das Beste und bittet, keine positiven Vorschläge ins Programm aufzunehmen. Dr. Ri eg er, Potsdam, findet daS Programm unklar und wünscht nur eine teilweise Annahme, nament' lich res letzten Teiles, weil du ch unklare Fassung des Programmes die Orlhodoxie in ihren Bestrebungen nur gefördert wird. Daher sei der Zweck des heutigen TageS nur in der Schaffung einer liberalen Partei, ohne Programm, zu suchen und die strittigen Punkte für eine spätere Tagung aufzubewahren. Gegen den Vorschlag, modernen Religionsunterricht auf wissenschaftlichen Basis, bemerkt er, daß es sichere Resultate einer Wissenschaft überhaupt noch nicht gebe, denn, wie vor einigen Jahren Wellhausen, sei dann Delitzsch gekommen, der heute auch schon wieder überwunden sei. Justizrat Behrend, Danzig, schließt sich dem Vorredner an und findet eine Resolution überflüssig. Der eigentliche Kampf der Liberalen beschränkte fich auf die Gemeinden Berlin und Frankfurt und sei lokaler Natur. Er wünscht eine Ausdehnung der inneren Misfion, um die noch rückständigen orthodoxen Juden zu überzeugen, daß nur durch Erwerbung von Kultnr und Bildung fie dem Judentume nützen könnten. (!) Dr. Brüll betrachtet die liberale Bewegung vom 'geschichtlichen Gesichtspunkte aus und bedauert, daß dieselbe schon in ihrer frühesten Jugend zum Stillstand gekommen sei, es müßte unbedingt neues Leben in ihre Reihen kommen, man muß es zu einem Kämpf gegen den Schulchan Aruch kommen lassen. Die Orthodoxie findet er nicht nötig zu bekämpfen, da die jüdische Wissenschaft mit tbren großen Fortschritten der letzten Jahrzehnten das sicherste Grab der Orthodoxie jei. B 0 g e 1 st e i n, Stettin, bittet w ederholt dringend um Annahme des Programmes und bemertt denjenigen Rednern, die keine positiven Punkte in demselben finden, taß die Gründung der Ze tschrift, die solange die Mittel knapp find, 4 wöchentlich, und wenn stch erst viele Leute beteiligen, sogar wöchentlich erscheinen soll, sowie die Gründung von Jugendvereinen positive. Aufgaben find. Man müßte alle Liberalen zur Unterstützung der Sache auffordern. — Hierauf stellt Justizrat BreSlauer die Frage be züglich Annahme deS Programmes und der Resolution. Es entspinnt sich nun eine ziemlich heftige Debatte über die .Abstimmung bezgl. des Proarammes und der Resolutton. Landgerichtsrat Peltasohn verlangt satzweise Abstimmung. Zum Schluffe nimmt die Majorität gegen 9 Stimmen das Programm vollständig an. Die Resolution wird mit allen gegen eine Stimme angenommen. Berlin, 5. Mai. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält folaendes Telegramm: Die städtischen Behörden in Kiew haben ein städtisches Gebäude für die Opfer der Ueberschwemmung zur Verfügung gestellt. Den Juden, die durch die Ueberfthwemmung gelitten haben, wird die Aufnahme in dieses Gebäude verweigert mit der Motivierung das Gebäude läge in einem Stadtteil, in dem die Juden kein Wohnrecht haben. Berlin, 26. April. Das neue israelitische Krankenheim wird nun, wie bereits mitgeteilt, von der Adas J-roel-Gemeinde auf einem kürzlich erworbenen Grundstück in der Elsasserstraße errichtet. Das seit 6 Jahren be-