Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1908)
- Date
- 1908-05-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449318--64461-2507053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
7. Mat 1908. Der Israelit. Nr. 19. Seite ö denzfälle hierfür sind vorhanden bei solchen jüdischen Schülern und Schülerinnen, welche eine Anstalt besuchen in der wegen der kleinen Zahl der israelitischen Schüler ein Religionsunterricht nicht eingerichtet istdieselben erhalten in der Regel von dem Lehrer des betr. Ortes Unterricht und Note. Ganz ähnlich ließe sich die Sache auch in Bezug auf die Abschlußprüfungen regeln. Aber sei dem, wie ihm wolle, wir fragen O schlicht, was ist bisher geschehen, um diesem stand (DilN im wörtlichsten Sinne) abzuhelfen? Ist der Versuch schon gemacht worden? (Forts, folgt.) orrespondenzen und Nachrichten. Deutsches gteidj. Frankfurt a. M., 30. April. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: In den Kämpfen, die das gesetzestreue Judentum auf allen Gebieten des religiösen Lebens gegen das Reformjudentum zu bestehen hat, ist, wie erst die jüngsten Ereignisse in Baden bewiesen herben^. eine umfassende und sofort eingreifende Aufklärungsarbeit von großer Bedeutung. Diese Arbeit, die gegenüber jedwedem Angriff von Neuem zu leisten ist, würde außerordentlich erleichtert, wenn die auf dem gleichen Gebiete von Heimgegangenen Geschlechtern bereits geschaffene Abwehrliteratur stets benutzt werden könnte. Vieles indeffen, was in Angriff und Abwehr gegen die Reform geschrieben worden in, ist nicht in großen Werken, sondern in Broschüren, Flugblättern, Zeitungsartikeln re niedergelegt. Diese sind überallhin zerstreut, befinden sich im Besitze von Privaten oder weniger Bibliotheken, und es giebt bisher keine Stelle, die eine reichhaltige oder gar vollständige Sammlung dieser Broschüren, Flugblätter und Zeitungsjahrgänge aufweist. Es wird daher beabsichtigt, ein Archiv für Gulden. Ter Eindruck der Rede war ein gewaltiger, nicht nur auf die Juden, die nun innerlich gestärkt und frischen Mutes den Dienst des Vaterlandes antraten, sondern auch auf die Offiziere, die unter Tranen und wiederholtem warmen Händedrucke dem Rabbi versprachen, die jüdischen Soldaten möglichst gut zu behandeln. Sie haben auch ihr Versprechen vollauf gehalten. Von Mißhandlungen jüdischer Soldaten, wie sie die Zeitungen heute täglich aus Oesterreich berichten, ist in den weiteren Heften der vor rund 1l8 Jahren erschienenen Zeitschrift nichts zu lesen. der Geschichte der Potockis.) Das blutige Attentat gegen den Statthalter von Galizien erinnert an den gewaltsamen Tod eines Grafen Potocki aus dem 17. Jahrhundert, der freilich nicht politischen«, sondern religiösem Fanatismus zum Opfer fiel. Seine Schicksale sind, wie wir der „Voss. Ztg." entnehmen, in Selewels „Potska", 3. Band, mitgeteilt. Er war in Wilna geboren und widmete sich von seiner frühesten Jugend theologischen Studien. Er prüfte die Dogmen aller bekannten Religionen und unternahm Reisen in verschiedene Länder Europas, um seine Gedanken mit gelehrten Männern auszutaufchen. Nach einer» mehrjährigen Aufenthalt in Paris, wo er häufig mit den Gelehrten der Sorbonne über religiöse Fragen disputierte, ging er nach Italien, um dort zum Judenturn überzutreten. Allein die Rabbiner, die den Papst fürchteten, widcrsetzten sich seinem Wunsche. Daraus verließ er Italien und ging nach Ämsterdam, wo er sich den notwendige,« Vorbereitungen unterzog und die jüdische Religion annahm. Man gab ihm den Rainen Abraham, da der Patriarch Abraham der erste Pröselyt war. Er blieb in Amsterdarn einige Jahre, die er aus die Reformbewegung im Judentum anzulegen. An diese Zentrale soll, was immer innerhalb der Judenheit an Schriften, Broschüren, Aufsätzen und Zeitungsartikeln über die Reform - beweguug im Judentum erschienen ist oder erscheint, eingefandt werden. An diese Zentrale sollen alle die sich wenden können, die gezwungen sind, im Kampfe Stellung zu nehmen und von hier aus soll jederzeit alles Material, das sie benötigen, zur Verfügung gestellt werden. An die Leser dieses Blattes ergeht nun die herzliche Bitte, dieses wichtige Werk ihrerseits zu unterstützen. Viele von ihnen sind zweifellos im Besitze mancher von Baler und Großvater ererbten Flugblätter, Broschüren, einzelner Nummern von Zeitschriften :c., deren Inhalt sich auf die Kämpfe zwischen Reform und Orthodoxie bezieht. Dergleichen literarische Reliquien, die für den Einzelnen von geringem Werte sind, werden für das künftige Archiv von großer Bedeutung sein. Wir bitten daher, alle derartigen Schriften an .das Berliner Bureau der „Freien Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", Artilleriest r«iße 32, einzusenden, wo sich die Zentrale des Archivs befindet. Die Gründung 9er ..Liberalen Vereinigung.“ (Bon unserem Spezialberichterstatter.) Berlin, 4. Mai. Die Konstituierung der „Liberalen Bereinigung" erfolgte gestern programmgemäß im großen Saale des Architektenhauses unter mäßiger Beteiligung. Juflrzrat Breslauer eröffnet um 10 Uhr 20 bie Sitzung und begrüßt die erschienenen ca. 180 Herren und Damen, indem er Bezug nimmt auf den erlassenen Anfrui zur lebhafteren Betätigung der liberalen religiösen Anschauungen. Tank diesem Aufrufe hätten sich an eingier« Plätzen bereits liberale Vereine gebildet, aber da solche nur vereinzelt seien, sei ihre Tätigkeit ohne jede Wirkung geblieben. Infolge einer Anregung Dr. Vogel st eins - Stettin und Tr. Seligmanns -Frankfurt, sei inan dem Gedanken nähergetreten, eine große Vereinigung aller liberalen Vereine zu begründen und Delegierte und gute Freunde hätten bereits vor mehreren Jahren die nötigen Vorarbeiten geleistet. Zunächst handelt es sich uin die liberale» Vereine von Berlin. Frankfurt, Breslau, denen sich als neuester Erfolg ein liberaler Verein in Hambltrg zugesellt hat. Er ernennt Rechtsanwalt Plonska zum Protokollführer und erteilt das Wort Herr,« Pros. B l a s ch k e, als Vertreter des liberalen Pereins Berlin. Blaschkc betont, «vieviel verschiedene Schattiermigen die liberale Richtung habe und uninöglich sei es zu sagen, was jeder unter religiösem Gesetz verstehe. Negativ fei eine derartige Beantwortung viel leichter: Gesetz und Lehre sind veränderlich und der Zeit unterworfen. Gefährlich für die relidas Studiuln des Talmuds verwendete, und kehrte alsdann, als polnischer Jude verkleidet, in seine Heinrat zurück. Doch in seiner Geburtsstadt wurde er bald ernannt und durch den Einfluß seiner mächtigen Verwandten in den Kecker geworfen. Anfangs leugnete er, der Gras Potvüi zu sein, aber inan marterte ihn so lange, bis er endlich gezwungen «var, alles Vorgefallene zu gestehen. Hierauf tvurde er, auf Wunsch seiner Angehörige««, zun« .Feuertod verurteilt. Beim Scheiterhaufen augelangt, hatte der unglückliche Gras Potocki noch die Kraft, an seine herzlosen Verwandten folgende Worte zu richten: Glaubet nicht, daß es eine Gerechtigkeit ist, die Ihr ausübt; ich sterbe gern für meine Ueberzeugung, aber mein unschuldig vergossenes Blut wird einst an Euch gerächt werden. (Die Besitzerin des Budapester „Lchadchen- EasH" gestorben. Vor kurzem stakb in Budapest Fräulein Sophie Herzl im 78. Lebensjahre. Fräul. Sophie Herzl ist vielen Budapests«:»« bekannt gewesen, war sie doch Miteigerltü«nerir« eines der ältesten und besuchtesten Kaffeehäuser der Hauptstadt, des in« Ankerhof befindlichen Cafe Herzl. In diesem trauten Lokal, das eine Berühmtheit der Theresienstadt war, wurde in früheren Zeiten zu so manchem Herzensbund der Grund gelegt: hier hatten die Eh> vc «mittler, die „Schadchen", ihr Hauptquartier; hier fanden die ersten Begegnungen und Annäherungen statt, die dann unter Umständen zu ernsten Anknüpfungen führten. Die nunmehr Verblichene war eine Schwester des Begründers des Etablissemenls. Ganze Generationen sah sie heranwachsen, sich verloben und heiraten sie selbst blieb unvcrmählt: sie fühlte sich nicht veranlaßt, ihren Gästen mit gutem Beispiel voranzugehen. Bor einigen Jahren, als das giöse Entwickelung seien die Vorschriften der Weisen, die zu Dogmen werden und Ausgabe des Liberalismus sei es, solche Dogmen, die Urschäden sind, zu bekämpfen. Das liberale Judenturn kennt nur e i n D o g m a, das sei die Einzigkeit Gottes, alles airdere seien von der Zeit für ihre Zeit gegebene Gesetze. Positives G.'s.tz und Lehre sei nur das Gesetz, welches im Einklang n«it unserem Leben stehe, alles arrdere sei nicht verbindlich, die Lehre muß dem Leben entsprechen. Tas Beobachten vor« Geboten ist der größte Schaden für den Liberalisrnus. Justiz rat B r e s l a u e r berichtet über die Propaganda: Beigetreten seien im Ganzen ">04 Mitglieder, von welche«« allein Gl Rabbiner (also 10 Prozent) seicr«. Infolge des Aufrufes Zur heutigen Generalversammlung hätten sich im Ganzen 200 Mitglieder geineldet und weitere 8 Herren hätten ihren ^Beitritt, vorbehaltlich des Ausfalls d«'r heutigen «itzung angcmeldet. Von den 56 theologischen Mitgliedern der Berliner Vereinigung seien 34 heute zur- Versammlung erschienen und beglückwünscht Jirstizrat Breslauer die Versammlung zu dein, «vie er es iiennt, durchschlagenden Erfolge. Von der Freude, die in weiten Kreisen über die Begründung des liberalen Verbandes herrschen soll, gibt ein eirrziger Glückwurrsch zur Tagring Kenntnis. Juftizrat Breslauer schließt mit dem Tank an Gott, daß wir heute sagen können, daß es keinen Unterschied «««ehr zwischen Lehre und Leben gebe. Ter nächste Redner, B o g e l st ein, Stettin, spricht einen Segenswunsch a««s, indem er Gott dafür dankt, daß er ihn diesen Tag habe erleben lassen und dein Wunsche Ausdruck verleiht, daß alle Hoffnungen, die an die liberale Bereinigung geknüpft werden, sich verwirklichen möge««. Es sei die erste Versammlung freisinniger Männer mit Narnen von Klang in Deutschland und es sei yierarrs ersichtlich, daß Israel nicht verwaist fei. Ausgabe der Vereinigung sei, die abseits stehenden «ndlsserenten Juden wieder zu gewirrnei« . Nicht der Antisemitismus lichtet allein unsere Reihen, inehr noch der innere Feind, der Jndif.erentismus. Die Orthodoxie könne über diesen niemals einen Sieg erringen toeil die starre Form ihrer religiösen Anschauungen sich zwischen Lehre und Leben drängt. (? Red.) Die Indifferenten, die nichts mehr halten, glauben auch, sic seien keine Juden mehr und Ausgabe des Liberalismus sei, gerade diesen zu betone««, daß sie iinmer Juden bleiben und zwischen Form und Inhalt unterschieden werden muß, wie zwischen Schale und Kern. Der Liberalismus will die Entwicklung des Judentums, keinen Radikalismus, aber auch keine Inkonsequenz, nur 'dadurch können wir die Verlorene,« wiedergewinnen. Die alten Körperschaften hätten stets Gebräuche abgeändert und neue eingeführt, je nach dem Bedürfnis der Zeit, wie aus dem Talinud hervorgehe. Ja der Talmud erlaube sogar, biblische Vorschriften abzu ändern, wenn diese der Wahrheit des iiutcxen Lebens widersprechen würden z. B. I o ch a n a n Ben 2 a k a i, H i t l e l und Ga in l i e l und von den neueren nenne er n ll r M a i m o n i d c s.*) Als Beweis für die Richtigkeit seiner Auffassung führe er nur an, daß die verschiedenen Länder v.richicdene Riten hätten uird dies keine Gefahr für das Judenturn bedeute, auch fei die heutige Orthodoxie grundverschieden von der vor 100 Jahren, auch die heutige hätte alles abgeschasst. *) Daß ein Mann ivie Bogelstein diese tausendfach widerlegte Geschichtsdichtung immer «vieder vorzutragcn wagt, hätten wir für uninöglich gehalten. D. R. zunehmende Alter ihr die Leitung ihres Unternehmens «innrer schwieriger »nachte, übergab sie das Geschäft jüngeren Händen und zog sich ins Privatleben zurück, um die wohlverdiente Ruhe zu genießen. Nun hat sich ihre zeitliche Ruhe in ewige verwandelt... Das Cafe Herzl führt aber noch immer den Namen „Schadchcn-Cafe" und wird ihn führen, solange es bestehen wird. Ob dies noch lange der Fall sein wird, «st fraglich: der Ankerhos wird demnächst abgetragen und so «nutz sich der Kafseeschank nach einem neuen Domizil umsehen: solch ein Domizilwechsel bringt aber so nranchen anderen Wechsel mit sich. (Ter Seder -er Eiv Wanderer.) Auf der Einwanderungsinsel bei New-Uork wurde für die jüdischen Einwanderer, über deren Einlaß in die Bereinigten Staaten biS dahin noch keine Entscheidung getroffen war, an beiden ersten Pessachabenden eine foLnne Sederfeier veranstaltet. Hunderte saßen im großen Speisesaale um mehrere lange Tische herum un) sangen mehr traurig als freiheitsfreudig die Hagadah. Die verschiedener« jüdischen Einwanderungsvereine sorgten dafür, daß dir Ein Wanderer während der ganzen acht Pesiachtage mit entsprechender Kost und Mazzos versehen wurden. — Einen interrssanten Beleg für die große Zahl der mittellosen Jude«', welche das New-Norker Ghetto beherbergt, bildet die Meldung der New-Aorker Blätter, baß die dortige „United Hebrew Communittes Chari h"in derbem Pessachfeste vorangegangenen Woche täglich durchschnittlich über 50 060 Kilogramm Mazzos an arnre Juden zur Verteilung brachte. Rgg~l