Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1908)
- Date
- 1908-05-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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«r 19. Der JSraeltt. Sette 3 7. «Li 19«. einhersegelte, einzig von bem dunkeln Drange geleitet:.Zusammenschluß aller Juden in staatlich anerkanntem Gefüge mit staatlich anerkannter Oberbehörde! Keiner ist auf die Idee gekommen auch nur zu fragen, was denn nun — über die negative Aufgabe der Abwehr hinaus — der einigende Gedanke dieses Zusammenschlusses sein soll! Das Judentum, die jüdische Religion? Die Herren sind bei weitem nicht so naiv, zu glauben, daß zwischen den galizischen Chaffidim und den Wiener Notabeln irgend eine religiöse Gemeinschaft bestehe! Das jüdische Volksbewußtsein? Davon will die erdrückende Mehrheit der österreichischen Juden erst recht nichts wissen, und wenn sie ihre staatliche Organisation der Kultusgemeinden erst haben, dann müssen sie, wohl oder übel, den ganzen Thatendrang ihres „obersten Judenrates" auf das religiöse Gebiet entladen, das heute die einzige gesetzliche Basis einer jüdischen Gesamtorganisation bildet, und das doch leider zugleich die unmöglichste Basis einer solchen Organisation ist. Es beißt einfach Sand in die Augen unpolitischer Beth-ha-midrasch-Juden streuen, wenn durch die Bestimmung, daß „von der Wirksamkeit des oberster: Judenrats alle Fragen des Ritus ausgeschlossen sind", das Vertrauen der Orthodoxie erobert werden soll! Die pfiffige Unterscheidung zwischen Ritus und Religion hat ja auf jüdischem Boden keinerlei Existenzberechtigung; der Lehrplan einer Lehrerbildungsanstalt erwächst rricht in höherem Grade auf dem Boden der R e l i g i o n, als die Kaschruthanstalten einer jüdischen Gemeinde, und Ritus, leere äußere Form, sind diese letzteren ebensowenig, wie die ethischen oder jüdisch-nationaleu Lehren, die der Rabbiner aus der Kanzel oder der Volksredner auf der Tribüne vorträgt. Entweder der „oberste Judenrat" entfaltet feine Positive Tätigkeit, auf einem von der jüdischen Religion fest umgrenzten und geregelten Gebiete, dann wird er ein Instrument der unerhörtesten Vergewaltigung der Gewissen werden, oder er schließt nicht nur den „Ritus", sondern auch die „Religion" aus, dann lohnt er die Kosten nicht, die seine Unterhaltung verursacht. Der österreichischen und vor allem der numerisch einflußreichen galizischen Orthodoxie kann man daher nur den dringenden Rat geben, die allergikädigst nachträglich angebotenen zwei Sitze in dem vorläufig noch privaten Judenrate a b z u l e hit cii, mit umso größerer Energie aber endlich .doch an ihre eigene, selbständige Organisation aus Basis des überlieferten Judentums zu gehen. Erst, wenn die orthodoxen Juden Galiziens organisiert sind, können sie es wagen, an den Gesamtausgaben der österreichischen Judenheit, den sozialen und politischen, mitzuarbeiten, als Einzelpersonen weroen sie unweigerlich an die Wand gedrückt und bei scheinbar bester Behandlung mit tätlicher Sicherheit wie unmündige Kinder jedesmal überrumpelt werden. Das scheint uns vom Standpunkt des gesetzestreuen Judentums die w i ch t i g st e Konsequenz des österreichischen Judentags. Möchten die g alizischen Rabbiner, unter denenes an geistesklaren und energischen Männern nicht fehlt, doch endlich die Notwendigkeit der Stunde erkennen, und die Massen, die heute zwischen polnischem Assi milanten tum und unjüdischem Nationaljudentum hin- und hergeworfen werden, zu einer selbständigen, positiv jüdischen Partei organisieren. Bauern. Wir veröffentlichen im Nachrichtenteil ein an die Redaktion der Regensburger Dtsch. Jsr. Ztg. gerichtetes Schreiben des Führers der Münchener Gesetzestreuen, das wiederholt die Forderung einer sofortigen Inangriffnahme der Revision des bayerischen Judenedikts erhebt. Wir sind mit diesen Ausführungen prinzipiell vollkommen einverstanden und glauben auch, daß sich in der Forderung einer gründlichen Revision des Judenedikts ehrliche und selbstbewußte Reformjuden mit den Vertretern des überlieferten Judentums begegnen sollten. Völlige Bewegungsfreiheit und absolute Unabhängigkeit von einander für die beiden sogenannten Richtungen ist dabei die einzige gerechte Grundlage jeder neuen Gemeindegesetzgebnng, und auf der Basis reinlicher Scheidung in allen religiösen und Erziehungs-Angelegenheiten würden sich dann unschwer die Organisationsformen herausbilden, welche die gemeinsame Lösung sozialer, humanitärer Aufgaben ermöglichen. Aber es wird unverdrossener energischer Aufklärungsarbeit bedürfen, um die Begriffsverwirrung in liberalen und den Kleinmut in manchen orthodoxen Kreisen erfolgreich zu bekämpfen, die einem solchen Programine heute noch entgegenstehen. Beide Teile sollten sich einstweilen nur einmal das Programm der neuen „Liberalen Bereinigung" mit vorurteilslosem Blicke ansehen. Fast möchten wir glauben, daß selbst der liberale Kämpe, Herr Dr. Freudenthal in Nürnberg, dann in stillen Stunden zu der Erkenntnis käme: es ist doch unwürdig und entehrend für mich, wie für das alte, orthodoxe Judentum, daß ich von amtswegen berufen sein soll, über die Erfüllung veralteter Speisegesetze zu wachen, berufen sein soll, im Namen eines Gesetzes, das mein Gerviffen verwirft, Brautpaare einzusegnen und unschuldigen Kindern zwangsweise einen Religionsunterricht zu erteilen, der mich entweder zum Komödianten oder zum Heuchler oder zum Verführer macht! Herr Dr. Freudenthal gilt als ehrlicher Charakter, möge er damit anfangen, der Wahrheit die Ehre zu geben. Latenter Bnfifemifismus. . Der „Frankfurter Generalanzeiger" | bringt in seiner 9!r. 101 einen Artikel: „Ver- J ständigung zwischen den Harrdlungsgehilsenveryj bänden", in dem er über die Tagung des Leip- ""ß ziger Verbandes berichtet. Es heißt darin: | „Die ursprünglichen Abfichten der Leitung der beiden ' Verbände, die zu einer späteren vollständigen 4'erj schmelmng der beiden Organisationen führen sollten, — J und dieser Gedanke hauptsächlich hat zu den Berhandf lungert den Anlaß gegeben — haben nun wohl auf 1 lange Jahre hinaus auf keine Verwirklichung zu rech- | nen. Das ist bedauerlichdenn nun werden die j tüchtigsten Mitarbeiter wieder die eigenen Wege gehen 1 und sich nur in dem gemeinsamen Ziele Vereinen. Also? aus dem einem genialen (? Red.) Kopf entsprungenen Ge- | dan'en einer Vergrößerung der Macht und des Eini flufses des gesamten Standes durch ein Zusammen- | legen der Streitkräste ist nun nichts geworden. Was * bet der ganzen Frage besonders auffallen mußte, war das mangelnde Vertrauen, das seitens der Mitglieder des Leipziger Verbandes dem Vorstände von Anfang ,< an entgegengebracht wurde, obwohl doch zweifellos dieser nur im Interesse des Verbandes die Hand des bisherigen Gegners annahm. Vielleicht waren es auch? hier wieder nur kleinliche Bedenken und Sonderwünsche kleinerer Gruppen, die die Maffe der Mitglieder in ihrem eigenen Urteil eeinflußten und dadurch die Schaffung einer großen nationaj len Organisation verhinderten." Dem „Franks. G.-A." ist natürlich sehr wohl bekannt, daß die geplante Fusion in erster Linie i an der antisemitischen Haltung des Hamburger Vereins gescheitert ist, aber er hütet sich i sehr, das seiner: Lesern mitzuteilen. Könnte:: "5 sie doch sonst auf den Gedanken kommen, der; Antisemitismus sei auch in den Augen anftändit ger Christen etwas Verwerfliches. Diese Wirkung wäre natürlich sehr unangenehm für ein Blatt, das lange Jahre von einen: Schüler und | Freunde Stöckers im Sinne des Meisters ge- -Jl leitet wurde und das nur durch die Rücksicht auf j die fetten Inserate seiner jüdischen Kunden davon abgehalten wird, offenen Antisemitismus zu pflegen. Das ganze Vorkommnis ist übrigens * ein drastischer Beweis, was es mit dem großen Einfluß der Juden in Wirklichkeit auf sich hat. -.3 Frankfurt a. M. hat von allen deutschen Großj städten relativ die meiste»: Juden und diese '■< müssen sich als Abonnenten, wie als Inserenten e die Alleinherrschaft eines Lokalblattes gefallen- | lassen, das ihr Geld nimmt, dabei aber seine L antisemitischen Neigungen bei jeder passenden 3 Gelegenheit durchschlmmern läßt. * wahrt ihre Mittel für eine andere ebenso schwierige wie bedeutsame Ausgabe. Diese besteht darin, dem Synagogenbau vom Beginn des Mittelalters an nachzugehen und dessen Wandlungen sozusagen in einer lückenlos verlausenden Kette darzulegen. Hier bleibt noch itncmcin viel sn ergründen, doch scheint vorwiegend Brauch gewesen zu sein, dem herrschenden Baustil sich anzupassen; es sind maurische, romanische, gotische, Renaissance- und Barocksormen bekannt. Dabei zeigt sich aber auch nicht selten, daß der Syna gogenbaumeister verstanden hat, dem gewählten Stil eine wirkungsvolle, von Selbständigkeit zeugende Be sonderheit zu verleihen. Namentlich beweist sich dies auch bei den jahrhutwertealten polnischen Holzsynagogen, die sich, den: Charakter des Gotteshauses entsprechend, dominierend über die sie umgebenden Wohnstätten erheben. Den gleichen Gedanken zum Ansdruck zu bringen, war nicht immer tunlich; gar oft mußre Ine Außenseite unscheinbar gestaltet werden, um das llebelwollen der Unduldsamkeit nicht herauszusordcrn. Dagegen find in den osteuropäischen Ländern trotzig ausragende, wehrhafte Synagogen zu finden, die ber Tatarencinsällen eine Zufluchtsstätte boten und von deren flachem "Dache Geschütze ans die Angreifer gerichtet wurden. Der fromme Drang, der Reichtum und Prunk aus die Stätten und Geräte des likultus zu verwenden trachtet, sah sich also in vielen Fällen aus das Innere des Gebäudes beschränkt. Verzierung und Ausschmückung durch Malerei und Plastik sucht man nicht vergebens, wohl aber Darstellungen der menschlichen Gestatt; sie sind bekanntlich durch das Gesetz verpönt. Aus kostbaren Hölzer::, mit reichem Schnitzwerk und sonstigen Zierarten nach Maßgabe der vorhandenen Mittel pflegt der stets an der Ostwand angebrachte Aron Hakodesch, der.Schrein für die Thorarollen, ansgestattet zu sein. Mbildungen von ihm sind in den jüdischen Katakoinben des kaiserlichen Roms ausgesunden tvorden, auch Buchillustrationen des Mittelalters zeigen solche und ein prächtiges, vierhundert Jahre altes Exemplar ist auf unsere Zeit gekommen. Alle.zeigen die zweislügligen Türen, die noch jetzt üblich sind, im übrigen ist die Ausgestaltung vorwiegend dem Geschrnacke ihrer Entstehnngszeit entsprechend. Vom Alinenror, den: Gehäuse, das das Lesepult überbaut, sind ebenfalls mittelalterliche Abbildungen vorhanden. Von den unbeweglichen Jnventarstücken seien noch erwähnt der Opserstock, von dem es eine originelle Form gibt: ein ausgestreckt?r Arm, in dessen gabeheischender Hand der Schlitz zur Ausnahme der Geldspende angebracht ist; ferner der B:nm:en mit Waschbecken, der sich häufig am Eingang der Synagoge befindet. Außer den Synagogen fordern noch sonstige Baudenkmäler Beachtung: Rat- und Wohnhäuser, Bäder, Grabbauten. Das interessanteste der wenigen bekannten jüdischen Wohnhäuser aus dem Mittelalter dürfte das in Toledo befindliche des Samuel ben Meir sein, der Finanzminister des Königs von Kastilien, Peters des Grausamen, war. Er hatte zu diesem auch im Unglück treu gehalten entging darum aber doch nicht der Verfolgung durch den Tyrannen, der sich der so gemachten reichen Beute noch rühnrte. Er hat auch die schöne Synagoge in Toledo gebaut, die später in eine Kirche umgewandelt wurde; noch gegenwärtig zeigt sie den reichen Schmuck dekorativer Plastik und die Bänder hebräischer Sprüche, die sich die Wände entlang ziehen. Bon der mittelalterlichen Synagoge, die sich zu Regensburg befand und die nach etwa zweihundertjährigem Bestehen in der Verfolgung von 1519 dem Erdboden gleich gemacht wurde, sind zwei Interieurs durch Mtenboefesft Radierung erhalten. Hinsichtlich der dem synagogalen sowohl als auch dem häuslichen Gottesdienst dienenden Gegenstände ist zu beklagen, daß nur selten Stücke aus dem Mittelalter, also aus den Zeiten vor dcrn 16. Jahrhundert vorhanden sind. Nicht allein Raubgier und Zerstörungswut haben gesündigt; Not, Verwahrlosung, Unverstand und die Sucht, ein für „altfränkisch" angesehenes Stück durch ein „modernes" zu ersetzen, haben, wie überhaupt, auch ungezählte kulturhistorsich und künstlerisch wertvolle Hervorbringungen jüdischen Ursprungs den Untergang bereitet. Immerhin darf jedoch erhofft werden, daß cs dem endlich erwachten Sammeleifer gelingen werde, auch Mittelalterliches auszustöbern und durch solche Funde der Kenntnis damaliger Gerätesormen sichere Anhaltspunkte zu geben. Sie ist bis jetzt so ziemlich aus dasjenige beschränkt, was die Miniaturen bildlich wicdergeben. Was später auf kunstgewerblichem Gebiete Entstanden ist, offenbart überwiegend den zeitgenössischen Charakter; oft indeh werden ältere Formen wiederholt oder nachgeahmt, was natürlich leicht Anlaß zur Irreführung über die Zeit des Entstehens werden kann. Ter zugemessene Raum verstattet nicht, über mehr als einige der wichtigsten Kultusgegenstände kurze Mitteilungen zu machen. Ter strengen Schlichtheit, die jeden Zierat an der Thora selbst verbietet, wurde bereits gedacht. Aber das begreifliche Verlangen, dem geheiligten Schriftwerk Verehrung zu bezeigen, hat sich in der .Umhüllung von jeher Genüge getan. Schon dessen Schrein giebt Zeugnis davon; ihn bedeckt ein oft kostbarer, manchmal künstlerisch hoch zu bewertender Vorhang. Einige davon entstammen dem 16. Jahrhundert und erlauben also einen sicheren Schluß, daß derartige Prunkstücke auch in weiter zurückliegenden Zeiten gang und gäbe gewesen sind, und. daß schon damals wi- *mmev noch wohlhabende Gemeind c.utii 4 ■j v,