Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1908)
- Date
- 1908-05-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. 3,'r. 19 Der Israelit 7. Ma 1908. schauen. Machen die Liberalen Ernst mit ihrem Programm, so weit es wirklich besteht, d. h. versuchen sie in den von ihnen beherrschten Gemeinden weitere Reformen in Kultus, Schule und den sonstigen Institutionen auf Kosten der Steuerzahler zu schaffen, so wird sich die Scheidung zwischen Neologie und gesetzestreuem Judentum uni so rascher vollziehen. Bleiben aber, wie wir befürchten, die Führer aus den so viel erwähnten „praktischen Gründen" auf halbem Wege stehen, mm dann wird diese Tagung einen weiteren Beitrag zu der Unfruchtbarkeit der Reform geliefert haben! So oder so: eines haben die Verhandlungen so gut wie Aufruf und Programm vor aller Welt, vor Parlamenten und Regierungen, wieder einmal mit zwingender Klarheit erwiesen: Zwischen Neologie und Orthodoxie gähnt die tiefste, gähnt eine unüberbrückbare Kluft, und nur Gedankenlosigkeit oder religiöser Leichtsinn kann sich beikommen lassen, über diese Kluft, hinweg legislatorische Brücken schlagen, mit Zwangsgewalt geistige Gegensätze, die wie Ja und Nein einander gegenüberstehen, aus der Welt schaffen zu wollen. $ ❖ * Sind wir im Vorstehenden der Bedeutung der Verhandlungen für die Allgemeinheit gerecht geworden, so gebietet es uns der Lokalpatriotismus noch besonders, auf die Ausführungen der Frankfurter Vertreter einzugehen, die durch ihre Zahl, wie durch den starken Anteil, den sie an der Tagung nahmen, dieser eine eigene Note gegeben haben. Da ist zunächst Herr Rechtsanwalt Dr. Blau, wie wir wohl annehmen dürfen, der Vater der von der Siebener Kommission vorgeschlagenen Resolution. In ihrem ersten Absatz sagt sie: I „Der religiöse Liberalismus im Judentum cnmimmt seine Berechtigung aus dem Wesen des Judentums und seiner geschichtlichen Entwicklung und stellt somit neben der Orthodoxie einen vollberechtigten Faktor im Leben der deutschen Juden dar. Dieser Paffus wird nur verständlich, wenn man weiß, daß Herr Dr. Blau, dem sein Amt als Vorsitzender des Vorstandes der Frankfurter Gemeinde die Beschäftigung mit der Geschichte des Judentums zur Pflicht macht, bei seinen Studien eine Entdeckung gemacht hat, die den meisten jüdischer! Forschern bisher entgangen ist. Herr Dr. Blau hat nämlich gefunden, daß es innerhalb des Judentums zwei Traditionen gibt: eine gesetzestreue und eine liberale, die alle beide, auch wenn sie sich von Grund aus widersprechen, keines emlleton. Ausstellung jüdischer Kunst* denkmäler im Kunstgewerbemuseum zu Düsseldorf. Von Hugo Pnttmann. Von seinem „Rabbi von Bacharach" hat Heine gesagt, er beruhe aus einem solch umfassenden Quellenstudium, das; er selber als Quelle dienen könne. Und in der Tat hat der Dichter darin Leben und Heimsuchungen des israelitischen Volkes zu Ausgang des Mittelalters in überzeugender Treue geschildert. So hat er denn auch die in der unheimlich endenden Pcsachfeier erwähnte, reich illustrierte Haggada der Wirklichkeit entnommen, denn nicht nur in den Klöstern des Mitrelalters und in den Werkstätten der Briesmaler tvnrden jene Miniaturen, die noch heute das Entzücken des Beschauers sind, erzeugt, auch in den Mischen Kreisen verstand nian diese Kunst auszuüben und die gleiche Freude au Zierbnchstaben und bildlichem Schmuck zu betätige,:. Im gennssen Sinne ist dem jüdischen Schreiber, anders ivie seinen früheren christlichen Berufsgenossen, noch heute ein Feld für seine Tätigkeit verblieben, denn die Thorarolle muß aus Pergament oder Leder geschrieben sein; aber von den bestehenden strengen Vorschriften für „Worte des lebendigen Gottes" sind. Die liberale Tradition führt in schnurgerader Linie von Hillel dem Aelteren bis zu Herrn Dr. Blau. Leider ist diese Entdeckung, oder sollen wir lieber sagen Erfindung, bis jetzt noch nicht ganz anerkannt worden, und solange das nicht der Fall ist, wird das gesetzestreue Judentum nie und nimnrer zugestehen können, daß in dem Wesen des Judentums oder in seiner geschichtlichen Entwicklung auch nur eine Andeutung vorhanden sei, die solch einem Zwitterding, wie es der „religiöse Liberalismus" ist, Daseinsberechtigung verleiht. Ganz etwas anderes ist es natürlich mit dem Wunsche der Liberalen, ihre Angelegenheiten selbst zu ordnen. Diese Berechtigung erkennen auch wir an, sobald und solange sie darauf verzichten, das im Namen des Judentums, im Namen der Gesamtheit zu tun. Hier wäre die Möglichkeit einer friedlichen Entwicklung gegeben, wenn eines Tages die Gemeinden ihren religiösen Charakter aufzugeben gewillt wären, die Ordnung aller religiösen Angelegenheiten selbständigen religiösen Gemeinschaften übertrügen und sich selbst auf die Unterhaltung sozialer, für alle benutzbaren Institutionen beschränkten. Bis dahin bedeutet es für den überzeugungstreuen Juden eine sittliche Unmöglichkeit, die relative Berechtigung „liberaler" Gemeindeinstitutionen, wie Herr Dr. Blau es will, auch nur stillschweigend anzuerkennen und damit — ob gewollt oder ungewollt — seiner unjüdischen Theorie von der Wahrheit mit dem doppelten Boden Vorschub zu leisten. Neben Herrn Dr. Blau kam auch Herr Dr. Ernst Auerbach zu Wort. In diesem Herrn lebt noch die alte Kampfesstimmung der Reformer der vierziger und fünfziger Jahres für ihn gibt es nur eines: „Kampf gegen die böse Orthodoxie" und sehnsüchtig erwartete er das Signal zum Angriff. Aber leider fand dieser heißblütige Streiter nicht das richtige Verständnis. Sein Kollege, Herr Dr. Bärwald, hatte die Aufgabe, ihn zurückzupfeifen und ihm klarzumachen, daß die Liberalen vorläufig gar nicht einen Kampf gegen die Orthodoxie wollen, sondern sich lediglich in einer Verteidigungsstellung befänden. Herr Dr. Selig mann, Gemeinderabbiner Frankfurts, konnte es natürlich nicht unterlassen, seine Fabel neu auszuwärmen, daß der Massenabfall der Juden von dem Glauben ihrer Väter durch die Orthodoxie verursacht werde. — Da wir uns mit dieser Behauptung bereits in Nr. 2 eingehend beschäftigt haben, so genügt es, hier zu registrieren, daß neue Beweise dafür nicht vorgebracht wurden. Als neu ist dagegen aus seinen Ausführungen die Behauptung hervorzuheben, daß Orthodoxie einerseits, Kultur und Bildung andererseits unvereinbar miteinander seien! Wir hoffen, daß die gesetzestreuen Mitglieder der Frankfurter Gemeinde dem Herrn Rabbiner für dies Ehrenzeugnis zum mindesten eine Dankadresse .zukommen lassen werden. Kochenrvnkschav. Her wiener luöenlag. Die jüdische Presse Oesterreichs hallt luiber von begeisterten Kundgebungen ob des in Wien abgehaltenen „Juden tag es," über dessen Verlauf wir an anderer Stelle berichten. Die große Versammlung, an der Vertreter von 90 Kultusgemeinden und zahlreicher jüdischer Verbände teilnahmen, fand unter einem günstigen Sterne statt: alle Gemüter in starker Erregung über den empörenden antisemitischen Reichsrat- Antrag auf Feststellung des Prozentsatzes jüdischer Mittelschüler — ein Gefühl des Grauens vorder drohenden Russifizirung des Rechtsstaates, vor Entrechtung und mittelalterlicher Golusnacht! Was Wunder, daß angesichts einer solchen politischen Konstellation der Gedanke einer energischen Zusammenfassung jüdischer Kraft zur Abwehr des äußeren Feindes auch den Gleichgiltigsten ergreift, daß vor dem Ernst des Augenblicks nicht nur assimilatorische Bedenklichkeiten schwinden, sondern daß auch — und hier liegt die Gefahr — berechtigte Bedenken schüchtern nur und kaum vernehmlich sich hervorwagen. Umso gebieterischer erwächst dem Außenstehenden die Pflicht, unbeirrt vonr Wirbelwind der politischen Tagesleidenschaft zu prüfen und zu wägen und, muß es sein, zu warnen. Genau wie in Deutschland bildet der Zusammenschluß der Gemeinden und der Organisationen in der Oesterreichischen Monarchie nur die Vorstufe zu einer-staatlichen Gesamtorganrsatien der Judenheit, von der man, wie der Referent Dr. Sonnenschein erkennen ließ, nicht nur, was begreiflich wäre, eine ivirksame Bekämpfung antisemitischer Strömungen, sondern geradezu Wunderdinge für die Erhaltung, die Wiederbelebung des Judentums e rwartet! Was Herr Dr. Sonnenschein unter Judentum versteht, ist ihm selbst allerdings wohl ebenso Unklar, wie der ganzen Versammlung, die in einem wilden Gewoge von nationaljüdischen, - religiösen und assimilatorischen Gedankengängen die Schreibweise ist keiner!n Abweichung und darum dem Schreiber auch nicht gestattet, die ihm vorschwebenden Zierarten zur Darstellung zu bringen. Tie oft gar trefflichen Leistungen jüdischer Miniatoren des Mittelalters sind 'in den Haggadett, Machsorim u. a., sowie in Einzelblättern, z. B. reich ausgestatteten Ebeverträgen zu suchen. Erst in unseren Tagen hat man begonnen, diesen, wie auch den sonstigen Erzeugnissen des jüdischen Kunstfleißes Beachtung zu widmen, und zwar 'ckachdem geraume Zeit bereits die Bedeutsamkeit künstlerischer Hervorbringungen vergangener Zeiten erkannt und deren Berinigung und Gruppierung in kunstgewerblichen Museen in die Wege geleitet worden war. In ihnen fanden auch Erzeugnisse jüdischer Kleinkunst u:n ihrer oft sehr originellen und anziehenden Gestalten willen gerne Ausnahme, ohne das; man sich jedoch wegen mangelnder gegenständlicher Vertrautheit über Herkunft und Verwendung di-.scr Stücke zumeist Rechenschaft zu geben wußte. Der Leiter des Düsseldorfer Kunstgeioerbc-Museums, Direktor Frauberger, darf das Verdienst in Anspruch nehmen, als erster Licht in dies Dunkel gebracht und den Anstoß zur Erforschung jüdischer Kunstbestrebungen gegeben zu haben. Es war im Jahre 1895, als er durch einen Einzelfatl darauf aufmerksam wurde, daß die seiner Obhut unterstellte Vorbildersammlung wohl tau sende von Vorlagen für die christlichen Kultus ei nrich-- hntgcit, auch genug für die hierzulande nicht ver-- tretenen Anhänger Mohamcds und Buddhas enthalte, aber fast nichts (ganze fünf Blätter bei einer Gesamtzahl von etwa dreißigtausend!» über das religiöse Leben der Juden, die schon zu den Zeiten, als römische Legionen die Wacht am Rhein und am Limes hielten, auf deutschem Boden sich ansicdelten, schicksalschwere Wechselfälle im Lauf von mehr als anderthalb Jahrtausenden überdauerten und spät genug zur bürgerlichen Gleichberechtigung gelangt sind. Sobald Dierertor Fra u b erg er dieser Lücke sich bewußt geworden war, wandte er mit der oft bekundeten und von schönen Erfolgen gekrönten Tatkraft sich dieser ihm bis dahin fremden Welt zu. "Als er im Jahre 1897 in einem Kreise angesehener Frankfurter Gelehrten und Kunstfreunde Bericht über seine Nachforschungen erstattete, gelang cs ihm, dio Gründung der „Gesellschaft zur Erforschung jüdisches Kunstdenkmäler" anzuregen. Dieser Verein, der «m das zweite Jahrzehnt seines Bestehens angetreten hat, verfolgt den doppelten Zweck, die künstlerischen Reste aus der Vergangenheit und die künstlerischen Leistungen der Gegentvart, soweit sie von Juden oder für die Zwecke becy jüdischen Kultus geschaffen sind, in Abbildungen, Nachbildungen oder- Originalen zu sammeln, sodann die gewonnenen Sammlungen für wissenschaftlich.' und künstlerische Zwecke nutzbar zu machen. Die Bestrebungen gehen also über die Anlage eines kunstgewerblichen Museums hinaus. Diese drei Gebiete werden auch auf der Ausstellung vertreten sein, die die Gesellschaft unter Direktor Fraubergers Leitung im Düsseloorser Kunstgewerbe-Museum während der Zeit vom 3. Mai bis 15. Juni erstmalig veranstalten wird. Im Anschluß an vorstehendes dürfte die Anführung einiger Einzelheiten am Platze sein. Die jüdischen Bauten haben eine besonders rege Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Auf selbständige archäologische Forschungen in Palästina und den angrenzenden Ländern darf die Gesellschaft um so eher verzichten, als - in der „Qrientgesellschast" ein Unternehmen besteht, das dort bereits rüstig am Werke ist. Unsere Gesellschaft wendet den von jenen und von anderen Seiten erzielten Resultaten vollste Beachtung zu und 5e- - 7.