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Der Israelit · 1908-04-30 · Heft 18 (30.4.1908) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 18 (30.4.1908)
Date
1908-04-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Zwischen beiden besteht «ber doch ein gewaltiger Unterschiedkann man sich für die Orgel wenigstens darauf berufen, daß breite Kreise, allerdings solche, die jüdischer Art -und Anschauung entfremdet sind, sich fitr dieselbe einsetzen; kann man für andere Reformen auf ein willfähriges, bedenkenfreies Theologentum als Erfinder und Nährvater Hinweisen und ihm die Verantwortung für diese Verfälschung des alten Judentums zuschieben, so versagen alle diese Erklärungsgründe bei der Frage nach der Vaterschaft der Laiensynode, für die es außerhalb Badens auch nirgends ein Analogon giebt. Weder'ist je in der Badischen Judenheit, bevor die Synode ins Leben trat, ein Verlangen nach derselben in der Oeffentlichkeit bemerkbar ge wesen, noch haben die Rabbiner im Lande je eine dahingehende oder dafür zu deutende Mei nnng geäußert. Im Gegenteil: Der Erste, der die Idee im Jahre 1893 in die Oeffentlichkeit lancirte, Herr Rechtsanwalt Fuchs-Karlsruhe (in Mr. 22 der Zeitschrift'für Badische Verwaltung und Verwaltungsrechtspflege) wollte eine Synode, welche die Rabbiner — risum teneatis — zu zeitgemäßen Reformen zwänge, setzte sich .mit feiner Idee also geradezu in bewußten Gegensatz zu den Rabbinern. Und wie groß anderseits die Anteilnahme der Laienbevölkerung an der zur Tat gewordenen Laiensynode war, erhellt am deutlichsten aus der Tatsache, daß in den Groß städten durchschnittlich 13 Prozent der Wähler an die Urne schritten. Wenn es heute anders geworden, wenn heute die Synode — übvigens auch nur oberflächlich — sich in die Badische Judenheit eingebürgert hat, so beweist das nur, wie auch ernschafte reife Männer an glänzendem Spielzeug Gefallen finden können. Geboren äst die Synode — das verdient schon wegen der historischen Wahrheit wieder einmal festgestellt Zu werden —weder aus den Instinkten der Masse, noch aus rationeller Erwägung der Zeiterfordernisfe und Tagesgebotenein, sie ist lediglich rund allein das Produkt des Geistes des Herrn Geheimrats Dr. Mayer, Fleisch von seinem Fleische, Bein von seinem Beine. In jenen Tagen, als es um die Nachfolgerschaft des „letzten basischen Oberrats" ging, als man noch, allgemein in Laien- und Rabbinerkreisen Badens fest daran glaubte, daß das Erbe des Herrn Millstätter nur eben wieder ein Theologe antreten werde und dürfe, wie ja bis dahin stets nur Theologen und nicht Juristen als geeignet für das Amt d«K „geistigen Mitglieds" des Oberrats gegolten chatten, in jenen Tagen, als man schon den Namen .des zukünftigen theologischen Mitglieds des Oberrats öffentlich nannte, ohne daß damals ein Dementi erfolgte, — da war im stillen Kämmerlein die Denkschrift bereits fertig geworden, die zu beweisen hatte, daß Eppstein lediglich als Jurist, Altmann und Millstätter dagegen eigentlich überhaupt nur irrtümlicherweise Oberräte geworden und gewesen, daß das theologische Element — worin man der Denkschrift unbedenklich beipflichten kann, — durch die Konferenzrabbiner mehr als ausreichend repräsenttert werde und als „geistiges Mitglied" des Oberrats fortan nur ein Jurist in Betracht kommen könne. Die. Pille zu versüßen, weil man nicht wußte, ob das Land sie geduldig schlucken würde, dient der Plan der Laiensynode, der man einen Teil der bisherigen Befugnisse des Oberrats übertrug, während auch die.Befugniffe der Religionskonferenz erweitert wurden. Wozu jetzt noch ein theologisches Mitglied des Oberrats? Die „Fortbildung und Weiterentwickelung der Religion" war fortan Sache der Laiensynode- Ueberwachung des Schulunterrichts, Entscheidungen über Dunkelheiten des Religionsgesetzes u. dgl., gehörte zum Amtsbereich der Religionskonferenz. — Was noch blieb, das war _Der ISraeltt._ wirklich nicht genug, um einem schaffensfreudigen, jüdischen Theologen das Amt erstrebenswert erscheinen zu laffen. Aus diesem Calcul ist die Ämode erwachsenein Geschöpf von Herrn Geheimrath Mayers Gnaden war sie bis zur diesmaligen Tagung ein Instrument in seiner Hand, das nur die Töne wiedergab, die sein Meister hören wollte. Und nun auch diese Stütze geborsten, nun auch dieses getreueste Werkzeug versagt, nun auch die selbstgeschmiedete Waffe sich gegen ihren Verfertiger und Meister wendete, braucht man, kann man da noch fragen, wer die Kosten der Wahlschlacht vom 15. März trägt? Mögen seine Getreuen ihm noch so sehr ihre Ergebenheit beteuern, seine Offiziösen noch so geflissentlich sich bestreben, den Tatbestand zu verschleiernmag selbst die ganze Synode dem „ganzen und ungeteilten" Oberrat die Anerkennung für sein verdienstvolles Wirken attestieren — vor dem unbestechlichen Richterstuhl der Geschichte wird das Urteil anders lauten, wird das Ergebnis der Wahlen vom 15. März. d. Js. als eine ^Niederlage nicht nur, sondern als ein völliger Zusammenbruch jenes Systems bewertet werden, das so lange unbestritten in Baden geherrscht, so unendlich viel zur Verbitterung und Verschärfung der Gegensätze beigetragen hat, als ein Zusammenbruch des „Systems Mayer"! i orrespondenzen und achrichten Deutsches Meteh. Frankfurt a. M., 30. April. Aufruf und Programm der „Liberalen jüdischen Vereinigung", die am Sonntag in Berlin konstituiert wird, lauten wie folgt : Aufruf. „Das liberale Judentum beruht auf der Anerkennung der fortschreitenden Entwicklung des Judentums, die es befähigt, bei Bewahrung seines wesentlichen und dauernden Gehalts überlebte zeitliche Erscheinungsformen zu veränoern, oder, wenn sie unhaltbar geworden, abzustreifen. Fest auf dem Boden jüdischer Treue stehend, vo'.l inniger Liebe zur großen jüdischen Vergangenheit erfüllt und mit unerschütterlicher Hoffnung an seine Zukunft glaubend, lucht es in dev Gegenwart einen Weg, die überlieferten religiösen Gedanken und Satzungen, Formen und Institutionen mit dem Denken, Empfinden und den Lebensmöglichkeiten unserer Zeit pietätvoll auszugleichen. Inmitten der gewaltigen Wandlungen/ welche die Wissenschaft unserer Zeit durch die kritische Philosophie, durch den Fortschritt der Naturwissenschaft und die wissenschaftliche Bibelforschung erfahren, inmitten der angespannten wirtschaftlichen Tätigkeit im großen Weltgetriebe, die eine Absonderung und Lebenserschwerung, wie sie das orthodoxe Judentum fordert, dem weitaus größten Teile der deutschen Juden schon äußerlich unmöglich macht, während sie ihm für die Förderung der Religiosität unwesentlich, ja oft wertlos erscheint, kann das liberale Judentum ohne schweren Schaden nicht theoretisch auf einem Standpunkt verharren, den es im Leben und Denken aufgegeben hat. Viele Glaubensgenossen haben für die eigene Person von der orthodoxen Anschauung und Lebensführung ich losgesagt, nehmen-aber für die Institutionen und >ie religiösen Vertreter den streng orthodoxen Standpunkt ein. Dadurch ist ein innerer Widerspruch und eine religiöse Unsicherheit in das deutsche Judentum gekommen, die zum Jndisfcrentismus der Massen beigetragen haben und zum Borwand für den Abfall dienen. Wenn das Judentum wieder zu einer Lebensmacht bei der großen Mehrheit den deutschen Glaubensgenossen werden, wenn es unseren Kindern als teures Erbe erhalten werden soll, müssen wir uns fest und unzweideutig auf den Boden des liberalen Judentums Sette 7. stellen und dem Judentum neue Werbekraft zuführen durch Verinnerlichung lind wissenschaftliche Vertiefung des Judentums, durch einen anregenden, die Ergebnisse der Wissenschaft berücksichtigenden Religionsunterricht, sowie durch volkstümliche liberale Institutionen, insbesondere durch Einrichtung von Gottesdiensten, die Herz und Geist der heutigen deutschen Juden zu bewegen und zu erheben vermögen. In diesem Sinne rufen wir alle, die mit uns auf demselben Boden stehen, aas zu einer ganz Deutschland umfassenden Bereinigung. Durch sie soll dem liberalen Gedankm ein mächtiger Resonanz- .boden geschaffen, den liberalen Forderungen im Gemeindeleben Nachdruck und Autorität verliehen uno den liberalen Führern der Beweis erbracht werden, daß eine große Gesamthrit hinter ihnen steht. Programm. Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend sortzucntwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert. Hieraus ergibt sich für die (tzegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinilugsforinen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht. Die deutschen Juden müssen unter pietätvoller Anlehnung an die Vergangenheit ihr äußeres Leben mit ihren inneren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen, insbesondere darf kein Gewicht auf die Jnue- Haltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt werden. Ter Gottesdienst ist gemäß, den Bedürfnissen oit Zeit auszugestalten, und es ist in ihm der deutschen Sprache ein breiter Raum zu'gewähren, damit Geist und Gemüt der Besucher des Gotteshauses Erhebung und Erbauung finde. Der Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt, die Entwicklungsfähigkeit des Judentums anerkennt, dadurch die Schüler mit Liebe zum Judentum erfüllt und sie nicht in Gegensatz zum Elternhause bringt. Es muß der Wissenschaft des Judentuins der ihr gebührende Platz und Einfluß eingeräumt werden, damit durch Wort und Schrift die jüdische Religion in ihrer modernen Gestaltung würdig vertreten und verfochten wird. Auf die stärkere Beteiligung der Frau im religiösen und Gemcindeleben ist besonderer Wert zu legen. Zur Vertretung der Interessen des liberalen Judentunls und zur Stärkung des liberalen Gedankens ist eine ganz Deutschland umfassende Vereinigung gegründet. Dieser Vereinigung können Einzelpersonen — Männer und Frauen — und Vereine beitreten; die bestehenden oder neu zu begründenden liberalen Vereine sollen sich der allgemeinen Vereinigung als Ortsgruppen anschließen. Ihre Zwecke sucht die liberale jüdische Bereinigung zu verwirklichen: 1. durch Errichtung und Unterhaltung einer periodisch wiederkehrendc-n Zeitschrift, 2. durch Vorträge und ihre Verbreitung, 3. durch Anregung zur Errichtung liberaler Jugend- Vereins Die Analysierung dieses* Märchens aus uralten Zeiten, das sich stellenweise zu wahren Attentaten auf jden gesunden Menschenverstand versteigt,^behalten wir uns^vor. E- R. Berlin, 26. April. Die heutige Repräsentantensitzung war ganz ausgefüllt von Subventionsangelegenheiten. Herr' Kommerzienrat S. Borchardt hat dem Reichenheimschen Waisenhaus zur Begründung einer Hedwig Borchardt- Berliner Sttstung 1000 Mk. überwiesen. In die Kommission für die festgottesdienstlichen und musikalischen Angelegenheiten wird Herr Ploncker gewählt, in die Veranlagungs-Kommission Herr Richard Aron, in die Alterversorgungsanstalr Herr Ferdinand Neumann. Für die Privatunterweisuna des gelähmten Knaben Julius Israel in der israelischen Religion werden 150 Mark bewilligt, zur Abhaltung von Prüfungen für die Qualifikation von Religions-Lehrern und -Lehrerinnen 160 Mk., zur Beschaffung von Pulten und Schemeln für die Buchhalterei der Versorgungskommission 440 Mk., zur Schaffung eines besonderen Ausganges vom Chorraum der Synagoge Kaiserstraße 8000 Mk., zum Ankauf von Entwürfen der Synagoge Fasanenstraße in drei gleichen Teilen k 750 Mk., dem Verein für Arbeitsnachweis wird eine Subvention von 3000 Mark gewährt. Bei der Bewilligung einer Extraieihilfe an den Luisenstädtschen Bruderverein entsteht eine längere Debatte. Herr Weinberg

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