Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1908)
- Date
- 1908-04-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der JLraeltt 80. April 1908: Gelte 4. Nr. 18__ Ein Trost ist es, daß die Kreise, die es am meisten angeht, vor allem das offizielle Organ des Vatikans „Osservatore Romano" die Sache mit aller Ruhe und Gerechtigkeit behandeln. Die letztere Zeitung gibt eine Darstellung des Falles, die beweist, daß die allgemeine Erregung die übliche Vornehmheit ihres Tones nicht zu beeinfluffen vermag und die einen erfreulichen Gegensatz bildet zu den wilden Ausfällen, die jene unberufenen und unverantwortlichen Hüter des Altares, jene wahren und eigentlichen Kirchen schänder, denen die Kirche nichts weiteres ist als ein Mittel für ihre haßerfüllte Parteiagitatiou, der Ehrenrettung ihrer Religion zn schulden glauben. Vas russische Bildangsproblem. n. 1. „Man begegnet oft bei unseren Brüdern in Deutschland und in den übrigen westeuropäischen Ländern der vorwurfsvollen Frage, warum unsere gottesfürchtigen Brüder in Rußland, sich gegen die moderne Bildung abschließen, warum sie nicht auch Lehranstalten gründen, in welcher Thora und profanes Wissen in gleicher Weise ihre Pflege finden, wie es die Gesetzestreuen tun?" Mit dieser Worten leitet die der Beantwortung dieser Frage gewidmete Abhandlung in noin ihre Darstellung ein und knüpft daran folgende Bemerkungen: Unsere liberalen Glaubensgenossen in Deutschland sind vielfach von dem Vorurteil befangen, daß ihre Brüder in Russisch-Polen eine Art rückständiger, lichtscheuer Halbasiaten sind, mit welchen man sich ernstlich gar nicht befassen könne. Das geht so weit, daß ihr bedeutendster Historiker Grätz in seinen elf Bänden jüdischer Geschichte, für sie nicht mehr Raum übrig hat, als etwa für die Juden in Persien. Selbst in seinem elften Bande, der das jüngste Jahrhundert behandelt, als eine Epoche, in welcher das Judentum in Rußland seine höchsten Tritlmphe gefeiert, die jüdische Welt mit dem Licht seiner Thora erleuchtet und eine unendliche Zahl von Koryphäen der Thorawiffenschaft und sonst hervorragender Männer erzeugt hat, für russische Judenheit, die quantitativ und qualitativ diejenige aller anderen Länder der Erde überragte, findet sich in diesem Band kein noch so bescheidenes Plätzchen, während er über Mendelssohn, Henriette, Herz, Rahel, Lewin und ihre Liebeleien sich in einer: Behagen und einer Breite ergeht, als ob das die Säulen wären, welche das Haus Israels tragen. ist 5 Meter hoch, die gothischc Wölbung beträgt ,'n gesähr 7 Meter. Die Wände sind trotz der vielfachen baulichen Veränderungen, denen das Haus in den nachfolgenden Jahrhunderten unterworfen gewesen ist7 gut erhalten. In den Ecken der Mauer sind von sünfarmigen Konsolen ausgehende Rippenbänder zu sehen, welche einen Stern bilden. Auch ist ein bandförmiges Ornament sichtbar, in dessen Mitte sich eine sünfblättrige rote Rose mir gelbem Stempel befindet. Aus den Wänden, besonders auf der Ostseite, sind ziemlich deulich Gratphile zu sehen. Das interessante Vau denkmal ist noch nicht vollständig bloßgelegt, ooB scheint der rechte Flügel als Wohngebäude, der linke als Synagoge gedient zu haben. (Jüdische Münzen.f Das Britische M »» s e u m in London hat die Sammlung antiker Münzen neu Judäa und seinen Nachbarstaaten (Ptzoenicie:,. De.a polis, Galiläa, Samaria und Arabien: erivorb»n. die der verstorbene Numismatiker Leopold Hamburger in Frankfurt a. M. angelegt hätte. Diese aus mehr als 2700 Nummern bestehende Sammlung war die vollständigste Kollektion j ü bischer M ii n - z e n, die überhaupt existiert. Sie umfaßt eine Anzahl Mineake, wie z. B den V iertel - S ch e f e I in Silber, die sonst nirgends Vorkommen. Es ist deshalb sehr bedauerlich, oa>' die Sammlung nickt von einer jüdischen Korporation erworben wnrd". Das Britische Museum ist nunmehr unerreicht in seinem Besitz von Münzen der Könige von Judäa, non Yen Makkabäern bis zum Ausstaud Barkochbas, was Lückenlosigkeit und Seltenheit einzelner Stücke bet'-irrt Namentlich gilt dies für die Zeit des zweiten jüdischen Aufstandes unter Hadrian, die Leopold Hamburger als sein ganz spezielles Stirdium betrachtet hot Aber auch unsere gesetzestreuen Gesinnungsgenoffen in Deutschlands finden es erstaunlich und unverantwortlich, daß sich vor allen die russischen Rabbiner der Pflege der profanen Bildung gegenüber ablehnend verhalten und besonders bei der heranzubildenden Jugend die ja ohnedies dem vorwärts dringenden Zuge der Zeit folgt, lineiltwegt auf ihrem Standpunkt verharren und sich nicht zur Gründung von Lehranstalten aufraffen, die Thora und allgemeines Wissen harmonisch vereinigen. Die öffentliche Prüfung ulld Widerlegung dieses alten, schweren Vorwurfs, möchten diese Zeilen versuchen. So oft er auch erhoben wurde, so war die Zeit für seine Zurückweisung noch nicht da. Ebenso gebrach und gebricht es an erfahrenen Wortführern, die über das erforderliche Material und die Fähigkeit seiner Ver arbeitung in einer Weise verfügen, wie es ein solcher Versuch unerläßlich verlangt. Er erfordert eine genaue Kenntnis und persönliche Vertrautheit mit allen örtlicher: und zeitlichen Verhältnissen, die hier maßgebend Mitwirken. Wenn die moderne Rechtspflege in allen Kulturslaaten dem noch so schwer Angeschuldigten einen Anwalt anerkennt, der alle Momente zufammenstellt, die zugunsten seines Klienten sprechen, so wird man dieses Recht auch der Gesamtheit der russischen Judenheit nicht versagen und sie nicht verurteilen wollen, ohne genaue Kenntnis aller örtlichen und zeitlichen Einflüsse, die für ihr Verhalten bestimmend sind. Auf Grund einer solchen Klarstellung hoffen wir jeden billig Denkenden, der die Wahrheit redlich sucht, davon zu überzeugen: „Wenn der Zustand der Juden in Rußland bis etwa um 1860 auch wirklich asiatisch war, so waren deshalb die Juden selber auch keine Asiaten. Sie waren Gott behüte niemals lichtscheue, wiffensfeindliche Finsterlinge. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Volk, dessen erdrückende Mehrheit, in so hingebender Weise die Thora, die Kenntnis des Talmud und der Poskim pflegt, ein Volk, in dem selbst die untersten Schichen mit den Midraschim und den ethischen Schriften aufs innigste vertraut sind, in dem die Gelehrten mit dem Studium der Philosophie und der verwandten Disziplinen sich befassen, zu welchem Zwecke sie der Vertiefung in Werken wie der Mora, Kusari, Emnooth Wedeoth, Jkkarim und viele ähnliche, viel Zeit gewidmet haben, ein solches Volk verdient den Namen eines gebildeten, weisen Volkes in: edelsten Sinne des Wortes. Ihre Unkenntnis der verschiedenen Zweige sozialer Bildung, ist nichts weniger als ihre Schuld, sondern ist in zeitlichen und ört- ’ (Jüdische EdclmetattkunstZ Anläßlich des 250 jährigen Gedenktages der Zulassung israelitischer Glaubensgenossen in Dänemark veranstaltete die jüdische Gemeinde in Kopenhagen zusammen mit dein dänischen Jndustrieverein in dessen großen Minnen im Januar eine umfassende jüdische Ausstellung, die, abgesehen -von der Gemäldeabteilung, namentlich zu zeigen sucht wie Kunst und Kunstindustrie in den Dienst ihrer Religion genommen sind. So ivar eine sehr große Anzahl Kulturgegenstände ausgestellt, alte wie neue, aus dem Gotteshause'wie aus dem religiösen Familienleben, ein bedeutender Teil darunter in Edelmetall: z. B. silberne und vergoldete Thorakronen, Chanukka-Lampen und Leuchter, Bescheidungsinstrumente: Jahrzeitlampen auch in moderner Arbeit, z. B. aus Mogens Ballino 3i berschmiede in Kopenhagen . Besamimbüchsen, u. a. ein Prachtstück aus dem 17. Jahrhundert, turmartig, in Silberfiligran mit Emaillen, die Jacobs und San:- sons Geschichte behandeln (Besitzer: ftüh. Oöerrabbin.r Prof. D. Simonsen, Kopenhagen). Eine andere (Gruppe bestand aus Münzen, Medaillen, Plaketten, Petschaften, über deren Verfertiger und Besitzer der ausführliche Katalog genaue Angaben enthält. Die Fertigkeit, in Edelsteinen zu schneiden und die Stemvelschneideknnst ist bei den Juden ja stets sehr verbreitet gewesen. Hier sah man antike Bronze- und Silbermünzen ans der Zeit, wo ein selbständiger jüdischer Staat existierte (ans der Sammlung des Ratsherrn G. Phicipsen, Kopenhagen): weiter von der Firma Jos. Hamburger 'in Frankfurt a. M. gesandt, jüdische Medaillen teils von kulturhistorischer Bedeutung, teils mit Bildnissen berühmter Juden: Arbeiten jüdischer Medailleure, u. a. des Jacob Aorahams in Berlin oder, aus neuerer Zeit, des H. Oppenheim aus Hanau (eine goldene Goethe-Medaille ' ober des Wieners Ascher 'Wappenstern: ein Paar Höflichen Hindernissen begründet, die eine üffent liche Beschäftigung in den Lehranstalten uns möglich machen und welche die Einzelnen nötigten und heute noch nötigen, diese Kenntnisse mit derselben lauteren Heiligkeit sich, auf privatem Wege anzueignen. Es wird, hier in einer für jeden billig denkenden Leser überzeugender Weise der Nachweis, geführt werden, daß die Ursache dieser M:ßstände nicht in jüdischer Bildungsfeindlichkeit, sondern der herrschenden, verknöcherten, geistlosen, staatlichen Bureaukraiie zu suchen ist, die mit einer blinden, brutalen Rücksichtslosigkeit schaltet und waltet, wie sie mit einer freien Entfaltung des hellen, wahren Judentums schlechterdings unvereinbar und dazu angetan ist, dasselbe mit Stumpf und Stiel durch Anwendung roher Gewalt aus den Geistern und Gemütern seiner Bekenner zu reißen. Dieser Brutalität waren und sind die russischen Juden gram, nicht dem Wissen; i h r gehen sie aus dem Wege und nicht der Kultur, bis Gottes Gnade die Zeiten günstiger gestaltet." Wir setzen den Anfang der jüdischen Aufklärung in Rußland mit ihren verderblichen Folgen in das Jahr 1840. Erstens, weil in diesem Jahre die russische Regierung Herrn Dr. Lilienthal («inen Bayern) berufen hatte, um in allen Orten, an welchen Juden wohnen, Aufklärung zu verbreiten. Dieser Herr hat bei der russischen Regierung den Antrag gestellt, 200 Reform-- rabbiner aus Deutschland kommen zu lassen und sie als Pioniere der neuen Aufklärung über das ganze jüdische Rußland zu verteilen. Es war eine göttliche Fügung, daß dieser Anschlag vereitelt wurde, wie später gezeigt wird. Wir beginnen aber auch zweitens mit dieser Zeit, weil sie uns noch lebhaft :n der persönlichen Erinnerung steht, weil wir sie und ihre Geschehnisse selber erfahren und miterlebt haben, also nicht aus Ueberlieferung und das Zeugnis anderer angewiesen sind. — Was in jener Zeit 2. die allgemeinen politischen Zustände betrifft, so befanden sich dieselben in einem seit Jahrhunderten unveränderten, stagnierenden Zustand bis ums Jahr 1856 der Zeit des Krimkriegs und der Thronbesteigung Alexanders II., welche dem Lande einige tiefgehende Reformen brachten. Mit dem Jahre 1860 erhielt Rußland die erste Eisenbahn. Bis dahin waren weder die Dampfkrast noch die Elektrizität für Rußland vorhanden; seine erste Chaussee erhielt es erst im Jahre 1840. Etwa 22 Millionen lebten als Leibeigene in ewiger Knechtschaft des Adels ein geradezu tierisches Leben ohne jede höhere Regung. Ihre Kleidung bestand aus einem leinenen Rock zeitsmedaillen der Familie Hamburger und. einige Frankfurter Medaillen aus dem Besitz von E. Lejeune dort. Durch eine größere Reitze Arbeiten bot sich ein Einblick in das Schaffen des ausgezeichneten Medailleurs Salomon Aron Jacobson, dem, als 1784 in Dänemark ein neues großes Käbinattssiegel geschaffen werden sollte, das Schnelden desselben übertragen wurde; von iHm rührt u. a. die kleine goldene Ansstellungsmedäille der däiiischen Kunstakademie her. Einen andern, den Aron Jsaae, brachte seine Tüchtigkeit als Siegelstecher nach Schweden uno mit ihn: die erste jüdische Gemeinde dieses Landes. Von modernen Silberarbeiten ver Ausstellung ver diente unser besonderes Interesse oas eigenartige Tintengeschirr, das von Kollegen zu seinem Jubiläum dem Kopenhagener Bankdirektor I. Glückstadt geschenkt ist, mit Motiven aus der Synagoge, von Gold schmied Peter Hertz daselbst ausgeführt. (Zur Ophirfruge.) lieber diese viel umstrittene Frage entnehmen wir einem Artikel der „Magdeb. Zeitung" folgende interessante Ausführungen: „Die Frage, wie das Goldland Ophir, ans den: Salomo durch seinen Freund Sirene von Tyrns oas Gold zn:n Tempelbau holen ließ, zu suchen haben, hal unsere Geographen und Archäologen schon lange intensiv beschäftigt. Man sucht es in Arabien, Indien uitb Ostasrika, und namentlich letzteres wird von den meisten Forschern dafür in Anspruch genomnun Für dieses ist neuerdings auch der nordische Geograph Skattnm in einem interessanten .Aussätze „Osir Stu dies", der in den Schriften der Norwegischen Gesellschaft der Wissenschaften veröffentlicht ist, eingetreten. Das Ergebnis der Ausführungen läßt sich so zusammenfassen :