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Der Israelit · 1908-04-30 · Heft 18 (30.4.1908) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 18 (30.4.1908)
Date
1908-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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' ifc-:&..v ' c ~ ' - ■ ' - griffe ist, ihren dreijährigen Dauerschlaf anzutreten. Das Oberratsmitglied, das Zusicherungen nach dieser Richtung hinter den Kouliffen gab, hat Persönlich gewiß optima fide gehandelt, aber es ist eine kaum begreifliche Selbsttäuschung, jetzt, nachdem es dem Oberrat durch seine geschickte Politik gelungen ist, eine Art „Vertrauensvotum" für sich herauszupressen, noch irgendwelche praktische Zugeständnisse von dem in unverminderter Machtfülle weiter regierenden spirit >u rector des Oberrats zu erwarten. Das „Vertrauensvotum" wird von der dem Oberrat ergebenen Presie schon heute in lauten Kundgebungen zu einer Apotheose der badischen Verfassung ausgeschlachtet, deren Aenderung im Sinne wahrer Gewissensfreiheit der gegenwärtige Oberrat, solange Herr Dr. Mayer regiert, niemals aus freien Stücken konzedieren wird. Das werden unsere badischen Gesinnungsgenoffen zu ihrer Enttäuschung sehr rasch erfahren, so rasch wie's die oberratsfreundlichen Zionisten gemerkt, die nach der Wahl nicht schnell genug von den Orthodoxen abrücken, ihre Loyalität gegenüber dem Oberrat und ihren unverdächtigen religiösen Freisinn versichern konnten, und die jetzt durch die Haltung des Oberrats in der Auslän der frage den verdienten Lohn für ihr Vertrauen empfangen. Wir werden in eine ausfü hrliche Würdigung der Synodalverhandlungen,mit ihren zahlreichen interessanten Momenten in nächster Nummer eintreten. Für heute nur noch ene Frage. Sollte der Gebetbuch-Entwurf nicht einmal definitiv verschwunden sein.? Nach unserem stenographischen Bericht hat Herr Geheimrat Rosin in seiner außerordentlich geschickten Schlußrede folgendes gesagt: „Meine Herren! Sie werdm es mir glauben, baß ich selbst persönlich durch die Erklärung des Oberrats bewegt bin, weil sie eine mühevolle Ai bet, die in guter Absicht unternommen ist, ihres Ergebnisses beraubt. Dagegen will der Berichterstatter unserer Berliner Kollegin, der „Jüdischen Presse" gehört haben, daß der Redner sagte: «weil ste eine mühevollen Arbeit.ihres Ergebnisses einstweilen beraubt." Da uns auch von anderer zuverlässiger Seite versichert wird, daß Herr Geheimrat Rosin das bedeutungsvolle Wörtchen „einstweilen" gebraucht und betont hat, so richten wir hierdurch die ergebene Anfrage an den Großh. Oberrat der Israeliten, ober beabsichtigt, den Kampf fortzusetzen und die Wahlparole für die nächsten Synodalwahlen schon jetzt auszugeben? getan? Es gibt Leute, Die keinen jüdischen Hausierer, ins Haus lassen. Und mißvergnügt setzt sich der Junge auf fernen Platz. „Habt ihr auch Geschichte gelernt?" „Welche Geschichte?" „Natürlich biblische Geschichte." Sie haben aber Bibel so wenig gelernt, wie sie überhaupt von Religion etwas wissen, sie haben CHumes ch und T n a ch gelernt und was darin steht, wissen sie genau, wenn auch m der Art, wie sie dieses zum Ausdrucke bringen, zumal da sie alle möglichen Anstrengunegen machen, gut deutsch zu sprechen, so manches Kuriosum an den Tag tritt. „Adam und Eva haben in Paris gewohnt," behauptet einer aus der hintersten Bank. Wir lachen ans vollem Herzen und wagen es nicht, dem kleinen Bibelforscher sein französisches Paraoies zu zerstören. „Uno Noah flüchtete sich, in die Aare!" teilte uns ein anderer mit. Das Monstrum der Arche ist ihm trotz aller detaillierten Angaben des Pentateuchs unbekannt geblieben, dagegen lst er aus den vieler! Wanderungen mit seinen Eltern bereits über die Aar e gefahren. Es lag auch gewiß nicht in der Absicht des Kleinen, Propaganda für irgend eine Bersicherungsgesellschaft zu machen, als er treuherzig erzählte: „Die Engel kamen zu Lot und nahmen ihn und feine Familie in die Versicherung auf," „Jakob," berichtete ebenfalls einer der Jüngsten, „kochte sich ein Linsengericht. Doch Esau aß es ans. Darob erzürnte Jakob und aß Esau seine Erstgeburt auf." Der Humor kam auf ferne Rechnung, frisch und herzerfreuend, wie er nur aus reinen kleinen Kinderseelen ungewollt hervorquellen kann. Aber die Stimmung hielt nicht an. Emst und aufmerksam lauschen . „ lif^ i ■fl Für diese Annahme spricht auch ein offiziöser Artikel der „Allg. Ztg. des Judentums", der — prinzipiell ganz in unserm Sinne — ziemlich deutlich heraussagt, daß die Wahrung idealer Lebensgüter höher stehe als der Friede, worauf dann versichert wird, die Liberalen würden die aus den Gebetbuchkämpfen gewonnenen nützlichen Lehren gewiß nicht vergessen. Das ist die Antwort des Herrn Geheimrats Dr. Mayer auf die Friedensillusionen der Synode. Möge die badische Orthodoxie die Konsequenzen daraus ziehen. öanSIungsgelillken-VerbSnSe. Am letzten Sonntag fand in Leipzig die Generalversammlung des Bervandes deutscher Handlungsgehilfen statt, zu der mehr als 1200 Delegierte erschienen waren. Den Hauptaegenstand der Beratung bildete der Bericht über die Verhandlungen mit dem deutsch-nationalen (antisemitischen) Handlungsgehilfenverband. Bekanntlich hatte der Vorstand des Leipziger Verbandes Anfang d. Js. den alle Welt überraschenden Beschluß gefaßt, mit dem antisemitischen Verband eine Interessengemeinschaft, mit dem Endziel völliger Verschmelzung zu bilden. Die langdauernden, stellenweise stürmischen Berhandlungen über diesen Punkt ließen keinen Zweifel, daß die überwältigende Mehrheit des Leipziger Verbandes dem Projekt seines Vorstandes nicht zustimmt. Herr Hiller, der Vorsitzende, mußte schließlich selbst zugeben, daß sein Vorgehen eine Uebereilung, ja eine Ungeschicklichkeit gewesen sei. In der Diskussion wurde jenes Verschmelzungs- Projekt allerdings noch richtiger, nämlich als Dymmheit, gekennzeichnet. Besonders erfreulich ist es, daß so ziemlich von allen Rednern übereinstimmend betont wurde, daß in erster Linie der judenfeindliche Charakter des Hamburger Verbandes — die Rekrutenschule oer Antisemiten nannte ihn treffend ein Redner — eine Verschmelzung unmöglich mache. Am Schluffe wurde der folgende, vom Vorstand eingebrachte Anttag angenommen: -,Die Generalversammlung des Verbandes der Deutschen Handlungsgehilfen billigt den Versuch einer Verständigung mit dem Deutschnationalen Handlungsgehtlfenverband und hofft, daß auch mit oen andern kaufmännischen Organisationen eine sozialpolitische Verständigung zu erzielen ist." Indessen wurde gegen den Willen des Vorstandes vor „Verständigung" noch das Wort „sozialpolitische" eingefügt. Damit scheint die Gefahr beseitigt, daß die Machtgelüste des Herrn Schack und seine Sehnsucht nach den vollgefüllten Kassen des Leipziger Verbandes in absehbarer Zeit Befriedigung finden. wir bald den geläufigen und verständnisvollen Erzählungen der Größeren von den Richtern, Königen und Propheten, von den Geschicken Israels und voin Untergange des Reiches Juda. Sie haben ihren „Jeschajoh" und „Jeremejohu" im Originale gebräche und können viele Psalmen auswendig. Sie find bei Mischna und Talmrd angelangt. Erhebend und herzerquickend. Und eine alte tal- »nudische Erzählung steigt in meiner Erinnerung auf und steht lebendig vor meinem Geistesauge. Der große rönrische Welteroberer will mit eisernen Klauen auch Jerusalem umfangen. Wer er hört einen Lärm und er schrickt bestürzt zurück. Es ist kein Kriegsgeschrei, kein Pserdegetrappel, kein übermütiges Johlen blutschnaubender Kriegerhorden. Es sind Kinder, jüdische Kinderchen, die vor ihrem Lehrer sitzen und aus ben heiligen Büchern lernen, aus ihnen die ewig dauernde unverwüstliche Bolkskraft schöpfen, sich mit dem heiligen, unvergänglichen und unantastbaren Rüstzeug wappnen, um der Zeiten Stürmen zu widerstehen. Uno der römische Held ist schwach und klein gegen diese unversiegbare Urkraft, der Welteroberer weiß, daß bis zu diesen Regionen feine Macht nicht heranreicht und er weicht erschrocken zurück. — — Arme Kinder armer Eltern, die ihr schon früh des Schicksals härtestes Los erfahren habt — die Heimatlosigkeit! Ihr seid reich, ungemein reich, jo lange ihr solche Lehren euer eigen nennen dürft. So lange rhr diesen Schätzen Raum in euerem Herzen gewährt, kann kein Zerstörer und kein Verfolg er an euch herannahen. Ihr werdet dem Leben trotzen und durchdringen und euch an diesen Schätzen erwärmen und erfreuen, wenn äußere Macht längst gebrochen und innere falsche Kultur, die auf fremdem Boden getoachsen, in ihr zusammengestürzt rst. — Untz reich,ist uns« Volk, so lange es noch Männer Veite 8. 80. Aprtt 19«. der 3niifdienfall in 9er Sixfinifdten Kapelle. Die Beschuldigung des Ritualmordes und der Hostienschändung war von jeher ein beliebtes Mittel, um zur Osterzeit die fanattsierten Massen gegen die Juden aufzureizen. In den Annalen unserer Geschichte sind diese beiden Worte mit Blut und Tränen verzeichnet. Ein Kind war seiner unachtsamen Mutter entlaufen, in irgend einer Kirche war durch fahrlässige oder böswillige Hand eine Hostie verunreinigt worden, flugs stürzte man sich auf die Juden- Tausende werden getötet, ganze Gemeinden ausgerottet. Die Blutlüge hat sich bis auf den heutigen Tag aufrecht erhalten und sie wird von Aberglauben, Konfessionshaß und Parteileidenschast mit Hilfe der heute mehr als je an Blutereignissen aller Att reichen Tageschronik sorgsam genährt. Dagegen mußte die zweite Anklage der Hostienentweihung iur letzten Jahrhundert der Aufklärung kleinlaut zurücktreten. Man begreift nun den Jubel der christlichsozialen Kirchenwächter ob des an anderer Stelle ausführlich von uns berichteten Zwischenfalles in der Sixttnischen Kapelle zu Rom. Juden bei der Ostermesse des Papstes, Hostienentweihung, Kirchenschändung und das just zur rechten Zeit, am Osterfeste! Das alte und historisch verknöcherte, halbvergeffene Märchen von der Hostienschändung erwacht zu neuem Leben. Der Vorfall ist indessen, abgesehen von seiner tendenziösen Beleuchtung und Ausschlachtung, in der antisemitischen Presse ttef traurig, und er wird auch als solcher allgemein empfunden, nicht nur in den gläubigen Katholikenkreisen,sondern auch, und fast noch mehr, in allen jüdischen Kreisen, die, wie es Oberrabbiner Dr. Güdemann in Wien in öffentlicher Predigt zum Ausdrucke brachte, im Geiste des Judentums, das den religiösen Einrichtungen und Empfindungen Andersgläubiger weitgehendste Achtung entgegenbringt, das oegangene Sakrileg auf das tiefste bedauern und entschieden verurteilen. Eine Entweihung ist von Professor Feilbogen und seinen Angehörigen zweifelsohne begangen worden, auch wenn ihrer Versicherung, daß ihnen jede Absicht zur Aergerniserregung fern lag, voller Glauben geschenkt werden darf. Was baden in aller Welt Juden bei der höchsten kirchlichen Handlung einer anderen Konfession zu tun? Und gab es auch für den Herrn Professor, der an der Schwelle der Taufe steht und innerlich mit seinem Volke längst gebrochen, keine jüdisch religiösen Rücksichten und Bedenken, so hätte ihn, den gebildeten Hochschullehrer, schon das bloße Anstandsgefühl von dieser Zudringlichkeit, so lange er noch äußerlich der jüdischen Konfession angehötte, zurückhalten müssen. und Frauen in seiner Mitte hat, die auch diesen armen fremden jüdischen Kindern gebe», «halten und sichern wollen, was des Juden höchstes und heiligstes Gut ist. „Sie sollen Menschen werden!" sagen andere mit Recht. „Sie sollen aber auch Juden bleiben!" sagen wir mit noch viel größerem Nachdruck. llnd die Prüfung ist längst zu Ende. Die Türe ist weit geöffnet. Die Kinoer strömen lustig und siegessroh heraus. Langsam, in ernste Gedanken versunken, stiegen wir die Treppe hinunter. Drüber treiben und wogen noch die Gesangswellen des Grammophons, Opern, Schwänte, Couplets und Gassenhauer. Draußen empfängt uns das rauschende strahlende Leben. In den Gatten spielen die Orchester, die Tramwagen sind mit geputzten Menschen angefüllt, es rollen die Equipagen an uns vorüber, eine festlich gestimmte Menge strömt den Theatern und Konzerthäusern zu. Aus einer Wirtschaft tönt uns heiterer Gesang entgegen: „O Susana, was ist das Leben doch so schön!" Das Leben ist in der Tat so häßlich noch nicht nnd Israel ist noch nicht verwitwe t vb Diese Musik wird noch lange in meinen Ohren nachklingen. (Eine Synagoge ans de« IS. Jahrhundert.) Aus Budweis wird geschrieben: Eine äußerst interessante Entdeckung wurde anläßlich der Demolierung des Hauses Nr. 17 in der Sterneckgasse gemacht. Dort wurden nämlich, obschon beschädigt, trotzdem deutlich erkennbare Ueberreste einer Synagoge entdeckt, die aus der Zeit der im Jahre 1505 stattgefundenen blutige» Judenverfolgungen in Budlveis stammen dürsten. Das Gotteshaus muß für die damaligen Verhältnisse, Wenn auch klein, doch sehr schön ausgestattet gewesen sein. D« Raum ist quadratisch, hat ö Meter Seitenlange,

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