Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-04-30 · Heft 18 (30.4.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 18 (30.4.1908)
Date
1908-04-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449317--64440-2507031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

wsjy« w' m *8 es war die Fackel in Perez wahnsinniger Hand. Mit wahnsinnigem Jauchzen streifte er umher, und suchte, ob noch irgend etwas verschont geblieben, . und als er nichts mehr fand — stand er stille, mit wahnwitzigem Entzücken stille, die Fackel zum Himmel streckend, freute sich seines Werkes, freute sich der Nacht ringsum, und daß er das einzige Licht in der Nacht — da stand er stille — und die Fackel die nichts mehr zu verzehren hatte, begann sich selbst zu verzehren — nieder brannte sie, immer niedriger, und Perez merkte nichts — da fand die Fackel noch Einen Gegenstand für ihren Fraß — sie faßte Perez — und aufdmnpste der Unglückliche in dunkler Gluth. So hatte die zerstörende Fackel in wahnwitziger tand, zuerst gegen die Ueberlieferung gewendet, ottes Heiligtum selber vernichtet, mit ihm alles Hohe und Heilige der Menschheit- und zuletzt — nachdem sie die Hand, die sie trug, selber verzehrte — erlosch sie — und hinaus starrte ich in die grausende Nacht — da dampfte der letzte Hauch von Perez Fackel in die Höhe. — Und aufging am östlichen Himmel ein Strahl tagenden Morgens, und hervortrat ein langer Zug hoher Männergestalten in glänzend weißen Gewändern. Es waren Jiffroels Aelteste und Richter, Propheten und die Männer der großen Versammlung und die Weisen des Talmuds und die Rabbinen. Und an der Spitze der großen, erhabenen Reihe stand Mausch6h als Führer, und von seinem Angesichte strahlte wieder der himmlische Abglanz, und an dem Strahl entzündete sich der Leuchter, der einzig übergeblieben in der Zerstörung des Heiligthums. Und wie das Lichtmeer den Leuchter umfloß — siehe, da stand der Tempel wieder in seiner erhabenen Ruhe, und der Altar und der Tisch erhub sich, und der Vorhang wallce vor dem Allerheiligen nieder, un d in der Lade ruhete wieder das göttliche Gesetz, geschützt unter Gottes Kruwim — und die Erde füllte sich wieder mit Segen und Freude. Zu mir aber trat Mauscheh heran : konntest du zagen mein Sohn, als du den Kampf des Wahns gegen die Wahrheit, der Menschen gegen Gott gewahrtest? Den Himmel rückte der Wahnsinn von der Erdenannte mein Werk, was Gottes Werk war, nannte die Täuscher und Lügner, die freie Boten des gütlichen Wortes gewesen! Darum konntest du zagen! Aber sieh, was Gottes Mund mir verkündete, habe treu ich mit Griffel und Wort diesen hier überliefert, und treu haben sie's übergeben von Geschlecht zu Geschlecht — und was Jahrtausende herab mein Volk getragen, es wird —" Da weckte mich ein Klopfen an der Thür — die Post war angekommen, mein Diener brachte mir Ihren Brief, lieber Simon, als dessen vorläufige Beantwortung ich Ihnen nichts Besseres eines Feuilleton. Eine Stunde im £beder Bon Sch. Es war ein Abschiedsbesuch, oen ich heute vor memem Scheiden aus dem Lanoe, der freien schönen Schweizer - Metropole macb-te, und ich folgt? daher gern der Einladung meines Freundes noch einmal der polnisch-jüdischen Religionsschuls Talmudtora, die sich des Interesses und der Unterstützung vieler Kreise der Gemeinde erfreut, einen Besuch abzustatten. Wir gingen durch eine schmale, holperige und nicht übermäßig saubere Straße und kamen in einen dunklen Hos. Ein dumpfer Lärm dringt in unser Ohr und wir erkennen noch zeitig die heiseren Schreie eines Opernsängers aus einer schlechten Pyonographenplatte, eine Arre aus Lohengrin, die mtt gewaltiger Anstrengung nach Luft ringt und in ohr- und herzzerreißenden Tönen sich aus der Tortur, wo Jte ohne Erbarmen gerädert wird, herauszuwinden sucht. „Kum, wir geihen in Cheider!" Wie klang das so schön, so lieblich, so herzerfrischend im Gegensätze zu den dumpfen, ohrverletzenden Jammertönen da oben. Es waren zwei 'Knaben, ärmlich, aber sauber «kleidet im Mter von s i e b e n oder zehn Jahren. Sieben oder zehn. Wer konnte es wissen? Die scharfen klugen Augen, der sichere Schritt und die gewandten Bewegungen ließen auf mindestens 10 Jahre schließen, die kleinen schwächlichen Körperchen, die schmalen Händchen und die mageren, spitzen Gesicht- Der JSraelit als Perez Blatt und meinen Traum zu reichen vermag. Leben Sie wohl. Ihr Naphtali. S C.» «t- Mocheursn-schav. Illusionen. Unmittelbar vor dem Feste, das uns alljährlich das Geheimnis des ewigen jüdischen Volkstums lebendig vor die Seele führt, hat sich in der badischen Hauptstadt der letzte Akt des großen Gebetbuch-Kampfes abgespielt, der die Bekenner und die Feinde der alten und der neuen jüdischen Nationalidee seit Monaten in fieberhafte Erregung versetzt hatte. Wir haben über diesen letzten Akt ausführlich berichtet — objektiv, wie es die Bedeutung der Sache erforderte, aber wir müssen es heute aussprechen, mit schmerzlichem Bedauern über die Form dieses Abschluffes. Ein Ringen auf Leben und Tod, das mit — einem Singspiel endet, so hat ein bewährter Gesinnungsgenoffe diese badische Synodaltagung bezeichnet, und von allen Seiten gehen uns Bekundungen lebhafter Unzufriedenheit über die Art und Weise zu, in der die badische Synode ihr ernstes Werk zu verrichten für gut fand. Gewiß wird kein einsichtiger und Politisch geschulter Mann verlangen, daß die Leidenschaft des Wahlkampfes in den Verhandlungen einer parlamentarischen Körperschaft ihren vollen, ungeschwächten Widerhall. findet, und wir sind die testen, die den Wert einer maßvollen, alle persönliche Schärfe meidenden politischen Polemik verkennen möchten. Aber was die badische Synodalmehrheit an Hyperloyalität und Verbeugungen vor dem Oberrat, und vor allem was sie an ängstlichen! Verschweigen und Vertuschen geleistet hat, das übersteigt denn doch die Grenzen des politisch Erlaubten. In keinem Parlament der Welt wäre es möglich gewesen, daß eine vom Volkswillen getragene Mehrheit völlig darauf verzichtet, im Angesichte der Oeffentlichkeit, auf der Tribüne, die sie eben erobert, in ernsten würdigen Worten die Grundsätze darzulegen, die ihr vorgeschwebt, und die sie jetzt in produktiver Arbeit weiter zu betätigen suchen müßte. Die Zurückziehung des chen entsprachen kaum der normalen Entwicklung von sieben Kindesjahren. Die beiden Bürschchen huschten die Treppe hinauf. Wir gingen ihnen nach. Sie haben unsere Absicht nud unser Ziel erraten. Obne ein Wort zu sprechen und ohne jede Aufforderung unsererseits öffneten sie weit die Türe und winkten uns ermutigend und ernladend zu: „Do, do is es!" Wir traten ein. Lehrer und Schüler waren bereits anwesend. Auch einige Damen und Herren aus der Gemeinde. Weihevolle Stille, gehobene, fast festliche Stimmung herrscht im kleinen Raume, die sich besonders auf die Gesichter der Kleinen glänzend und leuchtend ausmalt. Es ist kein gewöhnlicher Chedertag, es ist großes Verhör, eine Prüfung, und jeder kann was, jeder hofft, heute sein Wissen an den Markt zu bringen. Me Prüfung beginnt. Stücke aus dem Chumefch werden korrekt und mit Verständnis vorgetragen und übersetzt. Noch geläufiger geht es mit den Gebeten. „Wieviel Schcmaunoessres haben wir?" fragte ich. Ein achtjähriger Knirps sieht mich von der Seite sehr überlegen an. Er begreift nicht, wie man so dumm fragen kann. Er fängt an zu zitieren, er kann sie alle auswendig. - „Die Brochaus!" — wünscht eine der Damen. Da leuchten auch die Augen der Kleinsten auf der Hinteresten Bank auf. Da können auch sie ein Wort mitreden. Ein Segensspruch nach dem andern wird hergesagt, übersetzt, erläutert und dessen Bestimmung angegeben. „Baure mine mesaunaus", rezitiert ein Sechsjähriger mit großem Nachdruck, etwas schmatzend. „Wann sagst Du diese Berochoh?" frage ich. Zwanzig Händchen erheben sich gleichzeitig und hundert schmale Fingerchen bewegen sich ungeduldig 30. April Ivm. Gebetbuch-Entwurfes selbst, der ja ohnedies abgelehnt worden wäre, bietet keinen Ersatz für den moralischen Wert einer ernsthaften Auseinandersetzung, und die curialen Liebenswürdigkeiten, mit denen sich Synode und Oberrat in geradezu rührender Zärtlichkeit gegenseitig erfreuten, erinnern mehr an' eine Diplomaten-Konferenz als an die Sitzung eines aus allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Volksparlaments. Fragt man nach den psychologischen oder politischen Ursachen, die das seltsame Schauspiel erklären könnten, so ist es in allererster Linie die Macht der G e w o h n h ei t, die hier wieder einmal ihre Triumphe gefeiert hat. Den badischen Juden ist die hundertjährige unumschränkte Hoheit ihrer religiösen Oberbehörde so sehr zu einem G e - sühlswerte geworden, daß auch in den Gemütern der Synodalmehrheit sich während der Tagung offenbar ein fortgesetzter latenter Konflikt zwischen der eigenen Politisch-religiösen Überzeugung und der eingewurzelten ehrfürchtigen Scheu vor der Majestät der Geheimräte abgespielt hat. Diese Situation haben die Vertreter des Oberrats, namentlich der durch eine feine Diplomatie ausgezeichnete Geh. Hosrat Dr. Rosin, vortrefflich auszunützen verstanden. Die gruseligsten Schreckbilder wurden in nebelhaften Umrissen den Synodalen von Ferne gezeigt: Rücktritt des Geheimrats Dr. Mayer, ja des gesamten Oberrats — in ganz Baden kein Ersatz zu finden — Zusammenbruch der Organisation — Mannheim und Karlsruhe zahlen keine Steuern mehr — die Landgemeinden sind ruiniert-—! Kurzum, eine wahre Götterdämmerung, der die Nerven der Synodalen so wenig gewachsen waren, daß sie schon zur Ablehnung des Kompromißvorschlages in der Gebetbuchfrage eines beträchtlichen Kraftaufwandes bedurften. Diese psychischen Illusionen wirkten um so stärker, als innerhalb der Mehrheit keinerlei fest umschriebenes Gegenwartsprogramm vorhanden war: weder die Orthodoxie, noch die Zionisten und noch viel weniger die liberalen Gebetbuchgegner hatten sich klar gemacht, welche gesetzgeberischen Konsequenzen denn nun aus den gemeinsam erlebten Kämpfen mit Notwendigkeit gezogen werden nrüßten Endlich war es eine politische Illusion, die insbesondere die Tatkraft der orthodoxen Gruppe lähmte und neben dem loyalen Herzen den kühl berechnenden Kops gefangen nahm: die Illusion nämlich, es werde bei freundlicherBehandlung des Oberrats allmählich gelingen, auf dem Wege friedlicher Verhandlungen den berechtigten Forderungen der Orthodoxie doch noch Gehör zu verschaffen, ob auch die Synode bereits im Bein der Lust. Alle wissen sie es und möchten cs sagen. Doch das Wort erhält der kleine Referent „Baure nkine. mesaunaus," sagt er stolz und sicher, „macht man am Purim. — —" Allgemeines Lachen. Auch die großen Schüler, die es besser wissen, lachen mit. Mer es ist kein Helles Lachen aus voller Brust, ein bitteres, wehmütiges Lächeln. Wissen doch alle, wie recht der arnie Junge hatte, er sprach die volle Wahrheit. Wann und wo sollte er auch all die schönen Brochaus, die er. gelernt im praktischen Leben üben können? Am letzte»: Purim hatte er dr:rch die Aufmerksamkeit guter Menschen Gelegenheit gehabt, eine Berocho über Mesaunaus zu machen. Vi lleicht nächsten Purim wieder. Sonst ist der tägliche Segensspruch hamauzi leche m. — Und auck dieses nicht allzu häufig. . . Nun kommt Dikduck (bebr. Grammatik) an die Reihe. „Ein S ch w o ist ein Schwo" — doziert ein kleiner Philologe — „und heißt Schewonach, wenn er ruht, oder Schewona, »penn er sich bewegt." Bei de:: letzten Worten schüttelt er das ganze Körperchen, um die Beweglichkeit des Schewona recht anschaulich auzudeuten. „Und ein D o g u s ch k a l ist ein leichter Dogusch und Dogusch chosok iß ein starker, fester Dogusch," referiert ein anderer und ballt die Faust. Es ist ein kleines schmächtiges, aber sehr bewegliches und gewecktes Bürschchen und mir scheintdaß er im Kampfe mit dem Dogusch chosok schon so rnanch unangenehme^ Erfahrung gemacht hat. „Dann," läßt sich ein anderer hören, „gibt es Buchstaben, die keinen Dogusch annehmen "yflina. Es klang wie ein schwerer Borwurf gegen di>? bösen Buchstaben, die dem Dogusch die Gastfreundschaft verkoeigern. Was hat ihnen der arme Dogusch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.