Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1908)
- Date
- 1908-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Bi Catntorfao lir to irtMnc Jifei BvfrMef in Ir. Lift «m li übte 49. Jahrgang. MS Franhfurf a. HI.. Sen 30. Hprll 1008. 29. Hiffan 5668. M 18. Der JÄraelit erscheint jeden Donnerstag. Rkbornrements r Gewöhnliche Au-gabe Mi. 1L0 vierteljährlich» HestauSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise für die gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn S Kr., RußlandlRno., Englands bIl» Amerika 60 cte.» Niederlande 1.M fl.) Abonnements bei allen Postanstalten. Buchhandlungen,sowie direkt bei der Expedition, HestauSgabe nur direkt. Inserater 80 Pfennig für die sech-gespaltene Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif.'Jnseratenannahme nur dmch inHaase«stein u. Bögler A.-E. «anto »ei der ft. K. Postsparkasse Wien «io. 79605. Frankfurt a. M. und deren Filialen. Conto Sei der Rigaer Commerzbuuk in Riga Conto bei dem ft. Postsparkastenamt BnLapest Ro. 18484.__und deren Filialen in DwinSk, Libau» Bialystok, Reval und Lodz. Her Nachdruck Ser Hrtihel und Correfponden?en des „Israelit“ ist nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fielt um gröbere fluffäbe bandelt, nur nadi vorheriger Genehmigung gestattet Perez. Don Sam so« Raphael Hirsch. Der „Liberalen jüdischen Vereinigung" zu ihrer Konstituierung gewidmet. Die „Liberale jüdische Bereinigung", die am Sonntag in Berlin gegründet wird» ist der geistige Erbe der Männer, die vor 70 Jahren schon durch die gleichen Mittel, wie sie heute angeprtesen werden, das Judentum retten zu können wähnten und die doch so kläglichen Schtffbruch litten. Es ist darum gewiß nützlich und reizvoll, das vor sieben Jahrzehnten geschriebene klassische Einleitungökapitel zu jenen „Mitteilungen aus Naphtalis Briefwechsel" zu reproduzieren, in denen der jugendliche oldenburgische Landrabbiner den Kampf gegen die liberalen Stürmer seiner Zeit eröffnete. 8» Siüttoa. „Neunzehntes Jahrhundert'. Glückliches Jahrhundert des Lichts und der Freiheit! Glücklich wir, die wir in deinem Geiste wandeln! Du hast gebrochen die Ketten der Nacht, dein Strahl hat Licht und Leben geweckt, wo Jahrtausende lang Nacht und Gräberdaseyn gehauset! Deinen schönsten Sieg — feierst du im Judenthum — jetzt! Sehet das Judenthum, Jahrhunderte lang in den Banden pharisäischer Formenstarrheit, Jahrhunderte lang geschmiedet an der Kette einfältiger Menschensatzung, Jahrhunderte lang unter Dolch und Kolbenstoß, unter Druck und Jammer sich sträubend gegen jeden Anschluß an europäische Civilisation — deinen Strahl empfindet's, neunzehntes Jahrhundert, und was Druck und Gewalt nicht vermocht, deiner Milde gelingt's! Du schmelzest das tausendjährige Eis der starren Formen, in deinem Geiste schütteln wir ab die Kette pharisäischer Deutung, setzen uns kühn hinweg über die Schranken, die ein mittelalterlicher Geist gezogen um That und Genuß, wischen ab den orientalischen Staub von Palästina, und — mit Frack und Cravatte, mit Poesie und Logik, mit Aesthetik und Dogmatik, mit Politik und Dramatik, munden uns Speisen, die wir nimmer gekostet, berauschen wir uns mit europäisch-klassischen Gedanken aus Latiums und Gräciens Born, werden wir Prälaten und Schmiede — sind wir nicht jenes altväterliche Volk aus Asien mehr, sind wir Britten und Gallier, Belgier und Deutsche! Jahrhundert der Konstitution! Auch das Judenthum wird konstitutionell. Sonst konntest du Gesetze geben, göttlicher Moses aus Egypten - so lange wir unmündig waren, war dein allein die gesetzgebende Gewalt. Wir sind aber mündig geworden! Nur Vorschläge sind deine Gesetze uns fortan, wir verwerfen, was nicht vor dem Forum unserer Einsichten und Ueberzeugungen besteht- Exegese ltnd Kritik sind unsere Macht und das zweitausendjährige Märchen von Traditionen gängelt uns längst nicht mehr. Jahrhundert der Wissenschaft! Endlich wird doch auch das Judenthum Wissenschaft! Sonst, die Finstern! sonst glaubte man das Judenthum aus dem Judenthum erkennen und aufbauen zu müssen, man ergraute über Folianten und Talmud, und darum ward's so unheimisch und finster und dumpf! Unser Judenthum wächst aber nicht mehr auf diesem scholastischen Mistbeet nnter Käuzen und Molchenin den lichten Räumen deutscher Philosophie wird unsere Theologie geboren, großgefüttert an europäischer Dogmatik," Kirchengeschichte, Religionsphilosophie und Paftoraltheoloaie! Da bekommt man ganz andere Augen! Kommet) wir dann über die schwerfälligen Folianten des talmudischen Mittelalters, so sehen wir gleich, wie Alles unlogischer Quarkuns macht man kein X mehr für ein U! — Freilich giebt's noch fanatische Alte und heuchlerische Junge genug, die hemmen zu können vermeinen das Rad der Zeit, die den Todeskrampf zur Geburtswehe umstempeln möchten, die in ihrem starren formgläubigen Gemüte nur Freude finden am Starren, und die abgestorbene Vergangenheit wieder in's Leben rufen wollen für die Ewigkeit, und wieder auslöschen möchten das kaum begonnene Licht der Civilisation, und wieder feffeln möchten das im Zeitgeist freigewordeue Volk, — aber das wird ihnen nimmer gelingen! — Seht da, die Schaar der Kämpfer für Licht und Wahrheit! — attesammt die Fackel kritischer Vernunft in der Hand! — sie eilen heran zu mir! — sie rufen mich! — Ich an ihrer Spitze — vorwärts! wir stürmen die talmudische Bastille." — Diese Zeilen fand ich gestern Abend auf dem Tische des unglücklichen Perez. Sie kennen ja, lieber. Simon, den unglücklichen, durch seinen Wahn der Wirklichkeit entrückten, tief- und wahnsmnigen Jüngling in unserm Hause. Ich ging noch vor dem Schlafengehen in seine Kammer, um das Licht zu löschen, was er nimmer thut. Ich fand ihn mit dem Kopfe auf den Tisch gesenkt, schlafend, die rechte Hand weit über den Tisch gestreckt den Leuchter haltend, aufgeschlagen lagen die Bücher seiner einzigen Lectüre, sämmtliche Hefte der „wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie." Das Licht war schon ganz herabgebrannt. Sanft lehnte ich ihn zurück aus sein Lager, nahm das Blatt und löschte das Licht. Lange noch hallte der Inhalt deS Blattes wieder in meinem Innern, lange noch gaukelte mir Perez' wahnsinniges Bild vor den Augen ehe icheinschliesaber auch mein Schlaf war nur eine Fortsetzung meines wachen Traumes. Ich sah Perez an der Spitze seiner nicht minder vom Wahn ergriffenen Leute, mit geschwungener Fackel Hinanstürmen den Weg zum Tempelberg. Hoch und ruhig stand auf dem Gipfel noch die heilige Tempelburg des göttlichen Gesetzes. Bis in die Tiefe hinab deckte den Berg die zahllose Schaar aller der hehren Männer, die nun seit drei Jahrtausenden lehrend und erfüllend, schirmend und kämpfend, blutend und siegreich lebten unb starben für Gottes Gesetz. — Sie sahen die wahnsinnige Schaar, hörten ihren rasenden Jubel, erkannten das Ziel ihres wüthenden teranstürmens — und verhüllten ihr Haupt. ie waren gewöhnt fremde Streiche zu dulden, waren gewöhnt für die eigenen Söhne zu sterben und zu siegen, nicht aber den Streichen der eigenen Söhne die Wange erröthend zu bieten. Sie verhüllten ihr Haupt. Und heran stürmte die Rotte mit geschwungenen Fackeln — Bart und Gewänder sengten sie höhnend den Greisen — zum hohen Scheiterhaufen thürmten sie die Schriften der Alten — weit prasselnd schlug die Flamme darüber zusammen — und Funken flogen himmelan. Noch stand die heilige Veste in erhabener Ruhe, und gerne hätten pe des Tempels geschont, aber das von ihnen entzündete Feuer war nicht mehr in ihrer Macht. Ein wogendes Feuermeer deckte den Tempelbergvon der Hitze sprangen auf die weilen hohen Flügelthüren, und das Heiligthum nahm auf die Flammengluth, die seine eigenen Söhne angezündet. Nieder brannte der Tempel, nieder brannte der Altar und der heilige Tisch, nieder brannte der Vorhang — und zum Allerheiligen drang die Gluth — und verzehrte die Tafeln und das Gesetz — und von Zijauns Höhen strömte das Feuermeer herab durch Länder und Städte, und brannte alles Hohe und Heilige nieder, bis die Erde eine dampfende Wüste ward und auf der großer), weiten, öden Brandstätte das Feuer erlosch. Nacht war es wieder, und Stille in der Nacht, und nur ein Schein flackerte durch die Finsterniß, iÜÜiiki