Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1908)
- Date
- 1908-04-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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WM 34 «prt 1908. Der YOraeltt. 9t. IT. Sette 7 mitternächtlich dunkeln Zeiten des Volkslebens erhob David sich und beschäftigte sich mit Thora, um ihre ewige Welt- und Lebensanschauung und ihre wahre Lebensforderung dem Streben der Zeit mit Nachdruck entgegenzusetzen. Er lernte Thora und verbreitete sie — das einzige Mittel der Wehr gegen den Versuch der Zeiten, sie vergessen zu lassen und zu vernichten — bis das Dunkel wich und das Morgenleuchten eines neuen Tages verkündete, daß die Erkenntnis des Rechts und der Wahrheit zum Durchbruch gekommen sei und dem mächtigen Sonnenball gleich die Geister auf dem Erdenrund erhelle. Aus Zahlengrößen bestehen heute die Werte- Zählt nur, zählt, zählt Tage lang und Wochen — zählt aus die Brote der Chomez-Größen am Schwuoth. Ihr wollt das Brot, doch nicht die Tauroh, die das Brot euch reicht.-Was ihr erreichen werdet, künden, unter Schutt und Moder begraben, die Trümmer einstiger Pracht der Völkerstaaten und der jüdischen Herrlichkeit. So laßt uns denn auf die Tauroh, ihre wirklich hingebungsvolle Aufnahme in unserem Kreise, harrend zählen und jede Zahl wird zur geistigen Größe, zum Messer des Fortschritts der Menschenwürde auf Erden. Und das einzige Brot wahrer Menschenwürde erhalten wir aus der Hand der Täuroh in vollem Maße und nie gekanntem Segen. Israelitische KSnidsgescbicbte. Im Folgenden beabsichtigen wir einen Cyklus von Aufsätzen über die jüdisch-israelitische Königsgeschichte zu begiunen. Die Wahl dieses Themas entsprang der Erwägung, daß einerseits diese für die Geschichte des jüdischen Volkes so hochwichtige Periode in der Regel nicht genügend bekannt ist und daß andrerseits unser Verständnis für die Geschehnisse dieser Zeit infolge der Entdeckungen der letzten Dezennien in den Kulturländern am Nil und Euphrat und Tigris in ungeahntem Maße gewachsen ist. Als Ziel unserer Aufsätze betrachten wir eine Darstellung jener gewaltigen Tragödie, in der das israelitische Volkder hohen Aufgabe, einen idealen Gottes-, staat zu bilden, nicht gewachsen — in langem Ringen zwischen Schuld und Sühne seinem staatlichen Untergänge entgegen geht, aus dem es zwar Königtum und Tempel nicht zu retten vermag, wohl aber Volkskörper und Volksseele, Judenheil und Judentum. Wir werden zu beobachten haben, wie das israelitische Volk, wenn es seiner Aufgabe treu bleibt, das Gottesvolk zu sein, dem Entwickelungsgang der anderen Völker nicht unterworfen ist, sobald es aber strebt, ein Volk zu sein, wie alle anderen Völker, daß es dann unter den gleichen Bedingungen des Blühens und Vergehens steht, wie die übrigen Nationen. Denn es ist ein ehernes Gesetz der Menschheitsentwicklung, daß ein Volk nur so lange existenzberechtigt ist, als es seinen Kultraufgaben erfüllend zustrebt, daß jedem Fehltritt die Heimsuchung folgen muß und dem völligen Aufgeben seines Lebenszieles der Untergang. So sind die Aegypter und Babylonier, so Hellas und Roma dahingegangen, aber Israel besteht noch, wenn auch noch nicht wieder als Staat — ihn zu bilden, hat es sich zweimal als noch unreif erwiesen, — aber als lebender Volkskörper, in dessen edelsten Teilen die Seele, die Tora, lebt. Oft hat es gegen seine Seele gesündigt und tausendfälttge Leiden dafür erlitten, aber immer aab es einen gesunden Teil des Volkes, der seiner Aufgabe, das Gottesvolk zu sein, sich unterziehend, die Judenheit vor dem Untergange bewahrte. Das ist ja vielleicht eine der wichtigsten Lehren unserer Vergangenheit, daß nicht die Zahl den Bestand unseres Volkes sichert, sondern der innere Wert der dem Gottesgesetze ^Treuen! Jüdische Menschen sollen ja nicht gezählt, sondern ihren Leistungen nach geschätzt (werden. Und keinesfalls ist Wohlstand und Ansehen nach außen ein Beweis für innere Gesundheit. Ein Bild höchsten Wohlstandes und Glückes bot die Regierung Salomos, und ^doch trug sie schon den Kern des Niederganges in sich. Zu ungeahnter Macht hatte David das israelitische Volk emporgehoben,- von der Grenze Aegyptens bis zum Ufer des Euphrats waren Völker und Stämme ihm untertänig. Salomo hatte das Werk seines Vaters durch den Tempelbau gekrönt. In Frieden konnte der Sohn die Früchte der schweren Lebensarbeit des Vaters genießen. Aber er selbst verwundete den Lebensnerv seines Reiches. Hatte David seine Macht lediglich durch göttliche Hilfe gewonnen, so glaubte Salomo das väterliche Reich durch diplomatische Künste erhalten zu müssen. Die Anhänglichkeit der unterworfenen Nationen, die Freundschaft der Nachbarvölker, besonders des westlichen Großstaates Aegyptens, meinte er durch Heirat ausländischer Fürstentöchter gewinnen zu können. Diese fremden Frauen wurden dem alternden Könige zum Verhängnis, sie verleiteten ihn zur Anbetung der heimatlichen Götzen. Der König des Gottesvolkes beugte sich vor den Götzen Moabs und Aegyptens, und die Masse des Volkes stellte sich diesen Untaten nicht entgegen! Die Folgen sollten sich bald genug zeigen. Durch die Verbindung mit einer ägyptischen Prinzessin hatte Salomo die westliche Großmacht zu gewinnen gehofft, und gerade um sie sammelte sich alles, was dem Salomo Feind war. Der Pharao, dessen Tochter Salomos Gattin war, ist aller Wahrscheinlichkeit nach Psammetich H, der letzte König der 21. Dynastie. Er hatte seinerseits wohl durch diese Verschwägerung gehofft, in Palästina friedlichen Einfluß zu gewinnen. So lange er die Macht batte, unterließ Aegypten jede Feindseligkeit. Salomos Herrschaft machte aber ein Heerführer aus lybischem Fürstengeschlecht Scheschack, in der Bibel Scheischack genannt, ein Ende. Dieser meinte in dem Schwiegersohn seines Vorgängers einen persönlichen Gegner zu sehen. Vor allem suchte er ihm im eigenen Lande Schwierigkeiten zu machen, so entließ er den edomitischen Prinzen Hadad, der bei dem Vernichtungskrieg Joab's gegen Edom ein Asyl in Aegypten gefunden hatte, bis dahin aber nicht aus Aegypten herausgelassen war. Hadad verband sich mit einem ehemaligen aramäischen Sklaven Rason, und es gelang den beiden Männern, sich in Damaskus festzusetzen. Mit dem Verlust des reichen Damaskus, des Sitzes des Handels nack Mesopotamien hin, begann das Abbröckeln von dem großen Davidischen Reiche. Immerhin war das nur ein Verlust an der Peripherie des Reiches und eines fremden nur tributpflichtigen Volkes. Schwere Sorgen mußte dem König die Gegnerschaft des Ephraimiten Jerobeam ben Nebat bereiten, eine Gegnerschaft, die geradezu von dem Propheten Ahia aus Silo, veranlaßt war. Dieser hatte furchtlos die Spaltung des Reiches als Strafe für Salomos Abfall verkündet und dem Jerobeam die Herrschaft über 10 Stämme Israels vorausgesagt/ Sobald Salomon hiervon hörte, suchte er den Ephraimiten zu töten. Dieser fand aber ein Asyl beim Pharao in Aegypten, auf eine günstige Gelegenheit wartend, in die teimat zurückzukehren. Daß Salomo den ropheten Ahia unbelästigt ließ, ist wohl ein Zeichen dafür, daß Salomo im Grunde seines Herzens die Berechtigung der Prophetie fühlte. Als Salomo um das Jahr 975 die Augen schloß, mochten einsichtige Männer mit Bangen in die Zukunft schauen, frecher Götzendienst feierte in Jerusalem Triumvhe. Damaskus war dem Reiche verloren, in Aegypten wartete Jerobeam, unterstützt von Pharao, auf die baldige Erhebung gegen das Davidische Haus und Rehabeam, der Nachfolger Salomos, Sohn einer Ammoniterin, zeigte keinerlei Fähigkeiten, die ihn der schwierigen Lage gewachsen erscheinen ließen. Kaum hatte sich die Kunde von Salomos Tode verbreitet, da forderten Ephraimiten den Jerobeam zur Rückkehr auf. Natürlich folgte er gern der Aufforderung. Aber er vermied es für's erste, eine offene Auflehnung gegen die Davidische Dynastie, wohl um erst die anderen Stämme gegen Rehabeam gewinnen zu können. Es gelang ihm, die Mehrzahl der Stämme dazu zu bewegen, dem neuen König nicht ohne weiteres in Jerusalem zu huldigen, sondern ihn aufzufordern, zu einer großen Versammlung aller Stämme Israels in die ephraimittsche Stadt Sichem zu kommen, um hier die Wünsche des Volkes zu hören. Rehabeam mußte sich der Aufforderung fügen. Jerobeam hatte einen großen Erfolg erzielt. Nun trugen die Vertreter der Stämme Israels — unter ihnen Jerobeam — dem jungen Könige die Forderungen des Volkes vor, sie gipfelten in dem Verlangen, den Steuerdruck zu erleichtern. Es handelte sich hier wohl besonders um die hohen Steuern, die Salomon zur Unterhaltung seines Heeres erhoben hatte. Es liegt im Wesen der Aufwendungen für das Heer, daß sie gerade dann leicht als überflüssig und drückend empfunden werden, wenn sie ihren Zweck, durch ein stets schlagfertiges Heer den Frieden nach außen zu sichern, am besten erfüllen. Die Mißstimmung des Volkes über den scheinbar ganz überflüssigen Steuerdruck, verstand Jerobeam glänzend auszubeuten. Noch war es aber Zeit für Rehabeam, durch kluge Nachgiebigkeit sich die Herrschaft zu retten. Und Rehabeam schien die Klugheit zu besitzen. Er forderte Bedenkzeit, in drei Tagen werde er antworten. Das Volk erkannte die Berechtigung der Bedenkzeit an. Es war also noch nicht entschlossen, um jeden Preis das Haus Davids zu verlassen. Aber Rehabeam verscherzte diese letzte Gelegenheit. Vergebens bestürmten ihn die erfahrenen Ratgeber seines Vaters, dem Volke zu Willen sein, Rehabeam folgte dem unüberlegten Rate seiner eigenen Umgebung, man müßte in Strenge das Volk in Furcht setzen. Und am dritten Tage gab Rehabeam die törichte Antwort: „Hat mein Vater ein schweres Joch auferlegt, so will ich es euch noch mehr erschwerenhat mein Vater euch mit Ruten gezüchtigt, so will ich euch mit Skorpionen züchtigen." Eine schädlichere Antwort hätte Rehabeam nicht geben können. Hatte seine Ruhe vor drei Tagen ihm in den Stämmen Israels Zuneigung gewonnen, so verdarb diese Antwort alles. Entrüstet wandte sich die Mehrzahl der Stämme Israels von dem Fürsten ab, der es wagte, die Männer seines Volkes wie Sklaven zu behandeln. Mit dem Rufe: wir haben nichts zu teilen mit David, nichts gemein mit dem Sohne. Jsai's! Zu deinen Zelten Israel!" verließ der größere Teil des Volkes das Davidische Königshaus. Zu spät erkannte Rahabeam seinen Fehler. Ein alter Beamter seines Vaters, der dem David schon gedient hatte, wollte das Volk beschwichtigen. Adoniram übernahm die schwere Aufgabe, durch Klugheit den Fehler seines Königs wieder gut zu machen. Aber vergeblich, Adoniram bezahlte die Anhänglichkeit an Davids Haus mit dem Tode. Das erregte Volk tötete den Vermittler mit Steinwürfen. Das erste Blut in dem unseligen Bruderzwist war geflossen. Der Unglückstag von Sichem bezeichnet die dauernde Zerklüftung des Volkes Israelniemals mehr hat sich das ganze Volk zu einem staatlichen Ganzen geeint. — Treu zum Hause Davids hielten nur sein eigener Stamm, Juda und Benjamin. Hierzu kamen noch die Leviten, die später fast ganz in das Reich Juda wanderten un) der Stamm Simon, dessen Gebiet von Juda ganz umschlossen war. Die übrigen 10 Stämme — der Stamm