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Der Israelit · 1908-04-24 · Heft 17 (24.4.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 17 (24.4.1908)
Date
1908-04-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette S. 91. 17 _ des Menschen, doch den Wert seines Wirkens nicht in den vergänglichen Erzeugnissen seiner materiellen Bestrebungen erblickt. Ein Zeitgeist, der den Sprachbegriff so verwirrt hat, daß man Bezeichungen für geiftige-und sittliche Grade schlechtweg auf das materielle Gebiet überträgt, ist der schlimmste Verführer für die Gedankenrichtung der Jugend. Wenn der zahlungsfähige „gut" ist und der Vermögende „groß", dann brauchen wir uns über die Sinnesrichtung nicht zu wundern, die von Jugend auf, wo das Herz noch am ehesten für Ideale empfänglich ist, nur lernen will, um zu verdienen, und auch die Geifteswissenschaften nur zu dem Ende betreibt, die Reize des Genusses und der Bequemlichkeit zu erhöhen. Für Idealeres bleibt keine Zeit. „Die Tauroh liegt in einem Winkel" und muß sich mit den wenigen Minuten begnügen, die selbst das Kind, das auch heute „keine Zeit" mehr hat, für sie nur nach völliger Abspannung durch die Erfüllung der Pflichten, die die Zeit an es stellt, notdürftig noch erübrigen kann. Traurig-ernste Ausblicke auf die Zukunft eröffnen sich, wenn man heute häufiger als früher tu den verschiedensten Fragen und Aeußerungen von Kindern schon das Streben nach Besitz als dem Höchsten sich äußern sieht. Und gerade in ärmeren jüdischen Kreisen ist die Erziehung in diesem Punkte so sehr gefährdet, weil dort heute das fehlt, was den Menschen befriedigt, ihn mit seinem Geschick versöhnt, das Bewußtsein von einem unverlierbaren geistigen uud sittlichen Besitztum. Liegt ohnehin dieses Streben schon in der ganzen Zeit und wird bedingt auf der einen Seite durch den ungeahnten und schnellen Fortschrit, den die Technik gemacht hat und auf der anderen Seite durch den durch diese Erfolge des menschlichen Denkens nnd Schaffens heraufbeschworenen Lebenskampf: so wird dieser Materialismus noch in den ärmeren Kreiien dadurch bestärkt, daß die unterstützenden Klassen, selbst in diesem Zeitgeist befangen, eine merkwürdige Auffassung von Unterstützungspflicht an den Aag legen. Unterstützungspflicht deckt sich nicht mit Bevormundungsrecht, und Wohltätigkeitsfragen sind wohl von Machtfragen zu unterscheiden. Die reife Frucht werktätiger Liebe darf nicht nur den Körper des auf diese Liebe angewiesenen Nebenmenschen erquicken. Wir haben vor allem „gebeugte Gemüter", „darbende Seelen" aufzurichren. Zu welcher Gesellschaftsnot soll das führen, wenn wir den Menschen nur als Körper betrachten, für dessen Hunger wir wohl Brot ' Jugendfreund Markus, zu sprechen. Der Arzt wünschte zwar große Ruhe, doch dürfte dem Kranken nicht widersprochen werden. Frau Straußberg empfing den Rabbiner, ehe er zum Patienten geführt wurde. „Sie sind über den Zustand meines Mannes unterrichtet?" fragte sie. „Ja, und weiß niemand, wie diese plötzliche Erkrankung.veranlaßt wurde?" „Das liegt nur zu sehr auf der Hand," erwiderte die Frau, „mein Mann hielt noch im Fallen eine Depesche in der Hand, die den Konkurs einer uns innig liierten Firma anzeigt. Damit ist auch unser Schicksal besiegelt, wie der Prokurist sagt." Und laut aufschluchzend sank sie in den Sessel. Markus wollte sie beruhigen. „Ich hatte ja von nichts eine Ahnung," jammerte die Frau. Der Mann hat sich monatelang mit den schwersten Sorgen gequält, und die Frau neben ihm hatte nichts davon wissen dürfen. Armer Freund, was hast du für Jahre hinter dir in solcher Ehe. Jetzt wurde Markus zum Kranken geführt, der ihn. sehnsüchtig erwartete. „Freund, es geht mit mir zu Ende,"^flüsterte Straußberg. Markus wollte ihn beruhigen. „Laß mich aussprechen," bat der Kranke, „meine Minuten sind kostbar. Meine armen, armen Kinder! Ihre Mutter findet sich in ein- Der JSraelit schaffen müssen — und wäre es auch um den Preis seiner Seele seines bessern Selbst? Welche Schrecken eines gesellschaftlichen Zusammenbruches werden durch sochen blinden Fanatismus gegen alles Jüdisch-Ideale vorbereitet, welches Geschlecht wird durch solche Betonung des Materiellen erzogen, besonders wenn es sich um Menschen hanoelt, deren einziger Bildungsquell — religiöses Wissen und religiöse Betätigung — mit Absicht verschüttet wird, und denen nichts übrig bleibt, als das nackte Leben iit seinen rohesten Formen? Daß aber rein Abstraktes, nur Ideales: Taurohstudium, jüdische Wissenschaft, Verbreitung jüdischer Ideen in der Gegenwart, keine Unterstützung finden, wie sie der Satz dVs “1333 min *T)öSn beanspruchen muß: das ist ein so unverkennbarer Gradmesser der ganzen Gedankenrichtung, daß die begüterten gesetzestreuen Juden der Gegenwart unschwer ihre oberste Pflicht in dieser Zeit erkennen könnten. Mit Nichten kann durch prunkhaften Synagogenschmuck dem Ziel gedient werden, das wir zu erreichen haben. Der Verbreitung der Tauroh müssen die Kräfte sich widmen. Durch die Erfolge des Materialismus ist geradezu eine Verhöhnung des Idealismus eingetreten. Gewiß, der Umschwung vollzieht sich auch wieder als natürliche Reaktion, sobald die Welle des Idealismus, die in der Geschichte des philosophischen Gedankenmeeres stets mit der Welle des Materialismus abwechselt, wieder an der Reihe ist. Wir können die Herrschaft des Zeitgeistes nicht hemmen und nicht verdrängen, wir wollen es auch nicht. Von der Warte des unendlichen Zusammenhanges der Dinqe aus betrachtet, hat unsere Zeit wie jede andere ihre Bestimmung im Lauf der Welt. Ja vielleicht von unserer Zeit dürfen wir sagen, daß sie zum mindesten den Anfang bedeutet für eine geistige Höhe der Menschheit, die im Prophetenwort mit der Fülle des Wassers verglichen wird, die das Meer enthält. Was wir aber wohl können und was wir sollen, ist die Aufrechterhaltung des jüdischen Ideals inmitten solcher Strömung der Zeit, ist die Abwehr der Schäden, welche eine solche selbstbewußte, stolze Zeit mit sich bringt, ist der geistige Ausgleich inmitten der materiellen Verschiedenheit, ist die Nutzbarmachung der gewonnenen Werte und gefundenen Kräfte im Gebiete des Idealen, statt der allgemeinen Verwertung im Dienste der materiellen Bestrebungen. Keine Zeit vor der unsrigen konnte die Tauroh so fördern, weil erst wir das fachen Verhältnissen nicht zurecht, ist der Ausgabe der Erziehung nicht gewachsen." „Sei ruhig Freund," sagte Markus, „ich will mich um Deine Kinder kümmern, als ob es meine eigenen wären. Doch mit Gottes Hilfe wirst Du gesund werden und Dir und ihnen eine neue Existenz schaffen." „Ach nein," seufzte der Kranke, „es ist zu spät, wer nur so dem äußeren Glanze gelebt wie ich, kennt das reine Familienglück nicht. Wie weit stehst Du über mir in Deinem edlen Streben. Nimmst Du Dich meiner Kinder an, sind sie in den besten Händen." „Das verspreche ich Dir, sei ruhig," wiederholte Markus. „Nun gehe ich, morgen komm ich wieder." „Morgen, es gibt für mich kein morgen," flüsterte Straußberg, „doch geh', Dein Versprechen macht mir das Sterben leicht,' Du wirst meine Kinder zu besseren Menschen erziehen, als ich es gekonnt hätte. Lebewohl!" Tieferschüttert verließ Markus das Haus. Der Himmel strahlte purpurn im Glanze der untergehenden Sonne,' es war ein herrlicher Anblick. Geblendet schloß Markus die Augen. „Jetzt ziehst Du alle Blicke bewundernd auf Dich, Sonne," sprach Markus vor sich hin, „in wenigen Minuten bist Du spurlos im Dunkel versunken. Aber am Horizont ist bereits sichtbar der ewig getreue Begleiter der Erde, der milde, strahlende, silberne Mond." 24. Apil 1908. rechte nnp haben, über die äußeren Bedingungen verfügen, welche das festeste Gerüst darstellen für den Bau, den aufzusühren, unsere bleibende Aufgabe bildet. Aber auch vielleicht in keiner anderen Zeit fiel den Trägern der jüdischen Menschheitsidee so sehr die Pflicht zu, an das Ideale zu erinnern, wie in einer Zeit, die in ihrem Hasten und Jagen daran vergißt. Hilty sagt: „Was . . . fehlt, ist gemeinhin bloß der Mut, gut sein, das hinreichende Vertrauen auf eine sittliche Weltordnung, die sicher genug bestehe, um den ihr sich Anvertrauenden auch über die Schwierigkeiten des „Kampfes ums Dasein" hinwegzuhelfen." Nur ein uns allen verständliches Beispiel! Hat Hirsch nicht recht, wenn er schreibt r „. . . unsere Zeit, in welcher die Bezwingung der Natur durch den Menschengeist, die Industrie, fast als der einzige rettende Gott verehrt wird, dessen Altäre allein nie leer stehen — unsere Zeit könnte des Sabbaths entraten? O, wäre uns nicht längst der Sabbath vom barmherzigen Vater im Himmel gegeben, auf unseren Knieen müßten wir ihn uns vom Vater im Himmel erflehen, daß er, der Sabbath, uns vor uns selber rette, rette uns und unsere Kinder vor der Selbstvergötterung, deren Gefahr nie größer als in unseren Tagen gewesen." In der Tat ist's ja nichts anderes als der Schabbosgedanke, dessen tiefe Erfassung und deffen eindringliche Lehre für das Leben fehlt. Es fehlt die Anerkennung des geistigen, das man nicht greifen, nicht wiegen uno nicht messen kann, das Vertrauen zu der Wahrheit, die wir besitzen. Wir sind nicht genug historisch geschult, um aus der Vergangenheit der Weltgeschichte zu lernen, daß der zeitige Erfolg der auf sich selbst vertrauenden Menschheit, ihre Strafe, den Fluch der bösen Tat bedeutet, der fortzeugend Böses gebmen muß. Uns gelten die Güter: Wahrheit, Glück, Furcht und Sorglosigkeit, Friede, nichts mehr, wenn gleißendes Gold dem gegenübersteht. Die inneren, wahren Güter der Menschenbrust liegen uns buchstäblich zu nah, als daß wir uns darum bemühten. Denn „das Gute haben doch die ideellen Güter jedenfalls voraus, daß sie ganz sicher und jedermann zugänglich sind. Man braucht sie nur zu wollen, aber ernstlich und allein zu wollen, sich nicht halb und halb doch auf die Klugheit und den Weltlauf auf der Welt Bahnen zu verlegen, so werden sie unfehlbar erreicht." So läßt sich der Nichtjude Hilty vernehmen. Das Leben unserer Propheten und Größen der jüdischen Geschichte haben uns die Probe aufs Exempel vorgelebt — im Einzelleben. Welche Aufgaben die jüdische Gesamtheit zu lösen hat, das lehrt nichts eindringlicher und wahrer, als die Geschichte des jüdischen Volkes. Die Ziele, die es in der Gegenwart anzustreben hat, können keine anderen sein, als diejenigen, die Beruf und Bestimmung seines Daseins in sich tragen. Mit welchen Mitteln die Gesamtheit zu verhüten hat, daß die Judenheit der Gegenwart sich ihr Grab im Materialismus gräbt, möge an der Hand eines Talmudwortes noch kurz erläutert werden. Im 119. Psalm singt David von sich: „Um Mitternacht, erheb ich mich Dir zu danken, ob der Waltungen Deines Rechts". Die Weisen meinen Bei*. 3a sinnig dazu: „lieber Davids Ruhelager hing seine Harfe, und sobald die Mitternachtsstunde kam, wehte ein Nordwind und bestrich die Senken, dann sing sie von selbst an zu spielen. Sofort erhob sich David und beschäftigte sich mit Thora bis zum Aufgang der Morgenröte." Die Davidsharfe war und ist der mächtigste Herold des jüdischen Geistes, der größte Verbreiter jüdischer Gedanken. Und diese Davidsharfe war bespannt mit den Saiten des Menschenherzens. Es gibt keinen Ton im reichen Empsindungsleben des Menschen, den David nicht anzuschlagen verstanden hätte. Alle Schwingungen des schwankenden Zeitempfindens fanden ihren Widerhall in den Tönen der Davidsharfe. Und wie von selbst fand sie ihren Ton, wenn der kalte Nordwindshauch materieller Zeitrichtung ihre Saiten streifte. Dann wußte David den einzigen Ton zur Antwort zu treffen. In solchen

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