Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1908)
- Date
- 1908-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4. Jahrgang M 4. üdiecber Volhöfreimd MonatZ-veilage zum „3$raelit“ Ycrantwovtlfcbe Redaktion r Rabbiner Dr. ß. CClolf in Köln. bentt. •! In einem Aufsatz in der „Woche" — in der ersten Januar-Nummer 1908 —, der betitelt war „Zum Kapitel der geschlechtlichen Sittlichkeit" spricht Prof. Paulsen-Berlin über die sittliche Auffassung der praktischen Berufe in unserer Zeit, besonders der sogenannten „Gelehrtenberufe". Ganz in jüdischem Geist — bei manchen Stellen hat man die Empfindung, als wären dem Herrn Professor die Beweisführungen in verschiedenen Artikeln des Jeschurun von Rabb. Hirsch bekannt gewesen — wirft Paulsen der heutigen, medizinischen Wissenschaft vor, daß sie den^ Grundirrtum begeht, die aus der Lehre und dem Befund des toten Menschen gewonnenen Resultate einfach auf den lebenden Menschen zu übertragen, als wäre der Geist, das seelische Leben, für das Leben des Menschen völlig bedeutungslos. Den Juristen hält er vor, haß sie zu mechanisch und schematisch urteilen. Sie fragen zu wenig nach den Motiven, sie suchen nicht, sich in den individuellen Gedankengang, die sozialen Verhältnisse, kurz in die rein menschlichen Beziehungen hineinzudenken, deren Ergebnis der Gegenstand darstellt, der ihrer Beurteilung vorliegt. Er empfiehlt daher für alle Berufe, wie verschiedenartig sie sich auch zu betätigen haben, als notwendige gemeinsame Grundlage das Studium der Philosophie. Die lesenswerten Aufsätze sind nichts als eine große laute Anklage des Materialismus unserer Zeit, von dem auch die Träger der Wissenschaft in bedenklichem Maße angekränkelt sind. Und diese Klage, die sich aus lauter Tatsachen zusammensetzt, liest sich durchaus Feuilleton. Sonnt nnd Mond. (Schluß.) Gerade so wenig sagte ihr die Kindererziehuna dort im Hause zu, die feinen Herrchen und Dämchen, die so gar wohlerzogen mit dem Fräulein daherkamen, schien ihr keine wünschenswerte Gesellschaft für ihre natürlichen Sprößlinge, die so herzhaft in ihr Butterbrot bissen ohne Furcht vor dem verdorbenen Magen zu haben, die so lustig spielen, auch hier und da mal ungezogen sinn konnten. Der Ruf des Rabbiners drang allmählich doch über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus, er galt für einen ebenso großen Lamden (Talmudgelehrten) als ein Musterbild für jeden jungen Raw, bescheiden und anspruchslos für sich, aber unnachgiebig, wenn es sich um die heilige Tauroh handelte, an deren Satzungen kein Vorstand und kein Repräsentant eine modernisierende, schändende Hand legen durfte. Es kamen bald viele Schüler, die seinen Worten lauschten, und so durfte er das kostbare Erbe seines Vaters immer weitere Früchte tragen sehen, unabhängig von allen Einflüssen der Zeitläufte, aefeit gegen jeden Schlag von außen, gegen jede Not der Gegenwart. Denn diese war ernst genug. Jahrelang hatte ein gewaltiger Auffchwung derJndustrie alle beteiligten Kreise mit Reichtum örmüch überschüttet. Der Luxus der LebenShiett damit Zeichen Schritt und so chatte nicht wie eine „Büßpredigt" eines Abraham a Santa Clara, die für uns den Beigeschmack der Weltflucht hat. Wem es ernst ist mit der Ueberzeugung, daß sich die Weltordnung, nicht nur die sittliche, auch die materielle, auf das Wahre und Gute gründet, der müßte rückhaltlos einftimmen in Paulsens goldene Worte: „Nnd doch ist Weisheit nicht möglich ohne die Wissenschaft vom Guten, ohne die Idee des Vollkommenen, das nirgends gegeben, sondern immer aufgegeben ist." Sind das nicht, in jüdisches Gewand mit göttlichem Inhalt übertragen, Sätze wie: „Anfang aller Weisheit ist Gottesfurcht" und „Alles ist Bestimmung, nur nicht Gottesfurcht" —? Sind das nicht Ansätze zum Versuche, die praktische Sittenlehre an die Stelle spekulattver Philosophie zu setzen? Man empfindet, daß aus dem Leben der Gehalt entschwunden ist. Bei allen Bestrebungen auf sozialem und ethischem Gebiet hat sich der Gegensatz zwischen dem eigenen Leben und dem Tribut an die soziale menschliche Forderung nur immer mehr verschärft. Die Hausfrau z. B, die sich für alle möglichen humanen Einrichtungen und „sozialen Reformen" interessiert und womöglich Vereinen, die ethische Zwecke verfolgen, vorsteht, behandelt ihre Dienstboten recht unsozial. Großindustrielle, die alle möglichen sozialen Stiftungen für ihre Arbeiter machen, entlassen den einzelnen Arbeiter, den Vater einer vielgliedrigen Familie von einem Tag zum andern. Kaufleute, die recht viel Sinn für öffentliches Wirken haben> treffen ihren Angestellten gegenüber nicht immer den richtigen Ton des Verkehrs, und in den Gelehrtenftänoen sehen wir die Stellung der Ueberordnung und Unterordnung häufig sehr stark unterstrichen. auch der Handel auf jedem Gebiet glänzende Jahre. Wohl warnten erfahrene Männer vor dem unausbleiblichen Rückschlag, indessen verhallten ihre Worte fast ungehört, bis plötzlich die Krise hereinbrach. Ein. großes Bankhaus nach dem andern stellte die Zahlungen ein, und die kleinen Geschäfte wurden mitgerissen. In den Fabriken war bald die Nachfrage geringer, als das Angebot, die fertige Ware fand keinen Absatz und die nächste Folge waren zahlreiche Arbeitsentlassungen. Dadurch wuchs natürlich die allgemeine Notlage und teilte sich allen Berufszweigen mit. Die Stadt, in der Rabbiner Markus wirkte, war hart in Mitleidenschaft gezogen. Es bildeten sich schleunigst Hilfsvereine für Armenpflege, die Stadtverwaltung gab Notstandsarbeiten, aber es war alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und nach dem jahrelangen verhältnismäßig leichten Verdienst fiel jetzt das Darben doppelt schwer. Die Privatwohltätigkeit tat auch das ihre, und als einen der Hilfsbereitesten finden wir immer unseren Freund Markus und seine wackere Gattin. Sie ftagten nicht nach der Konfession, sondern der Hungrige war chr Bruder und der Bedürftige hatte das Anrecht auf ihre Hilfe. Die Kinder halfen so gut sie konnten, es war der Eltern Bestreben, der Jugend die Pflicht des Gebens als etwas Selbstverständliches, nicht als besonders Dankenswertes zu lehren. „Was seid Ihr mehr als jene? Ihr müßt Gott dankbar sein, daß Er Euch genug gegeben, ohne daß Ihr etwas Verdienstvolles getan. Und Gott dann man, indem man sehre Gebote erfüllt, bei denen obenan Der Geist der Gleichheit, das Bewußtsein der Pflicht zur Sorge für den Nächsten ist abhanden gekommen. Das fühlen die erleuchteten Geisterder Zeit ebenso sehr wie wir Juden. In den modernen Schriften, und natürlich gerade in den Werken der hervorragenden Meister der letzten Dezennien, setzt die Krittk, die die wahrhaft liberale Gesinnung an den Mißständen der Jetztzeit übt, da ein, wo auch die Tauroh den Hebel ansetzt. Wo wir indes in der Tauroh ein positiv gegebenes Ziel mit positiv gegebenen Aufgaben vor uns haben, sucht und tastet der Menschengeist noch unsicher nach dem Greifbaren. Ueberraschend genug trifft er doch manchmal den Gedanken und triumphiert ob des neu gefundenen Diamanten, der dann in Wahrheit älter ist als die ganze Kulturepoche, die die Geschichte kennt. Immerhin bleiben es einzelne, vereinzelte Ideen, das System fehlt. Die ganze Anschauung will von Gruitd auf an Haupt und Gliedern reformiert werdeil. Das Seelenleben des Menschen muß das Ziel der Bildung und Erziehung der Fürsorge und der Humanität sein. Heute steht auf allen dies es Gebieten das materielle Leben im Vordergrund. Auch auf d dem Gebiete des Denkens und geistigen Schaffens kann man von Materialismus sprechen. Denn nicht die Form, sondern Beweggrund und Ziel gibt der Arbeit das Gepräge. Man bezeichnet z. B. heute die Bildungsmittel des reinen Denkens und Empfindens für zweckl o s, für zweckdienlich nur die, welche Erwerb und Genuß vermitteln. Ist das etwa bei aller Geistesarbeit kein Materialismus? Schon früh hört der Knabe und auch schon das Mädchen die Kunde von der Menschengröße — nicht aber im Sinne des Dichters des achten Psalms, der bei aller Schätzung der fast göttlichen Fähigkeiten Nächstenliebe steht." War es ein Wunder, daß gerade in diesen Tagen der Rat, die Persönlichkeit des Rabbiners wie ein Lichtstrahl bei Nacht wirtte? Anfangs schien es, als ob Straußbergs Haus von der Krise verschont bleiben würde. Er arbeitete mit eisernem Fleiß, sein Geschäft zu erhalten, es galt ja nicht nur seine Famllie, sondern auch die Arbeiter zu schützen. Um seinen Kredit zu erhalten, stand fein Name mit hohen Summen bei jedem wohltätigen Werke obenan, die Hausführung war glänzender denn je, und der Hausherr schien stets in munterster Stimmung. Schien, denn dem Näherstehenden fiel die Ausgelassenheit als nervös und gezwungen auf. Der Hausarzt warnte vor Ueberarbeitung und mahnte zur Ausspannunger hatte die sorgenvolle Miene des Chefs nicht übersehen, wenn dieser sich unbeobachtet glaubte. Eines Abends kam ein Bote zum Rabbiner, der ihn eilends zu Straußberg holen wollte. Beitürzt folgte er der Aufforderung. Der Handels- Herr sei plötzlich schwer erkranktmorgens hätte er in gewohnter Weise im Kontor seine Befehle ertellt, sei dann ins Privatkontor zurückaekehrt. Nach etwa einer Stunde sei einer der Disponenten zum Chef gegangen, aber gleich mit Hilferuf herausgestürzt- Straußberg habe wie tot auf dem Boden gelegen. Der schnell herbeigerufene Hausarzt habe ihn zwar in- Leben zurücherufen, indessen sei der Zustand sehr besorgniserregend, Vorhin war das Bewußtsein zurückgekehrt, da habe der Pattent den Wunsch geäußert, seinen