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Der Israelit · 1908-04-15 · Heft 16 (15.4.1908) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Der Israelit. IS. Ar r l I»VS. Sette 20. Rr. 16. liebte, für dich trotze ich dem Tod und der Hölle." „Nein, so arg wird es nicht sein." „Also beginne, Geliebte, spanne mich nicht länger aus die Folter." Und sie begann. Rückhaltlos teilte sie ihm alles mit. Die Erkrankung ihres Kindes, den Besuch ihres Schwiegervaters und ausführlich die Unterredung mit ihrem Vater. Er hatte ihr schweigend zugehört, ohne sie auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen, aber die Falte zwischen seinen Augenbrauen hatte sich fichtlch vertieft. Nachdem sie geendet hatte, war er aufgestanden und ging nun sinnend auf und nieder. Im Ofen war das Feuer noch nicht «loschen, immer wenn er an demselben vorüber kam warfen die glühenden Kohlen ihren feurigen Schein auf sein bleiches Gesicht. Mit einer gewiffen Aengstlichkeit blickte sie zu ihm hinüber. „Was ist Ihnen, lieber Freund?" Er blieb vor ihr stehen und blickte forschend zu ihr nieder. „Was haben Sie Ihrem Vater geantwortet, Malwine?" fragte er gepreßt. „Daß Baron Brandow nicht mein Geld liebt, sondern meine Persönlichkeit, mein ich." Er nickte zustimmend. „Das war die beste, ja, gradezu die einzige Antwort, die Sie geben könnten. Auf den Höhen unserer Kreise spielt das Geld nicht die Hauptrolle." Sie atmete wie erleichtert auf, nach seinem düstern Aeußern hatte sie diese Antwort kaum erwartet. „Morgen verlangt mein Vater meinen entgiltigen Entschluß — ich kann demnach meine Antwort in Ihrem Namen wiederholen?" „Gewiß, Geliebte, ich wüßte absolut nicht nur keine bessere, sondern überhaupt keine andere Antwort." „Dank Ihnen lieber Freund." Er hatte sich wieder neben sie gesetzt, sie lehnte wieder ihr schönes Haupt gegen seine treue Brust, im Zimmer herrschte jetzt vollständige Dämmerung, nur von den verglimmenden Buchenscheitern im Ofen kam hin und wieder ein leuchtender Schein. „Soll ich schellen?" fragte Malwine ohne sich aufzurichten „daß die Gasstammen entzündet werden?" „Nicht doch, Geliebte, das könnte ich auch. Aber wozu brauchen wir überhaupt Licht? ich halte mein Licht in meinen Armen, das Licht meines Lebens. — Sie glaubte draußen Schritte zu vernehmen und richtete sich hastig auf. „Bitte Alex, lasten sie rasch die Flammen im Gaslüster aufleüchten." Er entsprach ihrem Wunsche und heller Glanz erfüllte im Nu den traulichen Raum." „Nun lasten Sie sich vor allem bei Licht betrachten, Malwine. — Nein, von dieser faszinierenden Schönheit hatte ich doch bis heute keine Ahnung. „Also Sie find zufrieden mit mir?" fragte sie lächelnd. „Nur zufrieden? — Malwine, wer kann Sie sehen, ohne daß sein ganzes Sein in Leidenschaft «zittert? — Und nicht nur in Leidenschaft — Ich glaube, wer immer Sie so sehen würde, wäre außerstande, Ihnen irgend etwas zu verweigern." „Ich wünschte, Sie sprächen die Wahrheit." „Ich spreche die Wahrheit. Haben Sie es denn schon einmal versucht, so wie Sie da vor mir find, sich an irgend einen Menschen mit irgend einer Bitte zu wenden, und dieselbe wäre Ihnen verweigert worden?" „Ich trage diese Toilette heute zum ersten mal." „Das dachte ich mir, hätten Sie gestern in dieser Toilette mit Ihrem Vater gesprochen, er hätte nicht so hart sein können, unmöglich." Sie schüttelte trübe den Kopf. „Sie find im Irrtum Alex, Sie kennen meinen Vater nicht." „Ich habe Ihren Vater wiederholt gesehen, er macht keinen solch abstoßenden Eindruck. Versuchen Sie's Malwine, mir zu Liebe versuchen Sie's — in dieser faszinierenden Erscheinung, die alle Reize verdoppelt und verdreifacht, reden Sie morgen nochmals, bieten Sie . alles Mögliche auf, ihn unseren Wünschen geneigt zum machen." , Sie schüttelte abermals seufzend den Kopf. „Ich weiß es im Vornhinein, es wird alles vergebens sein." „Glauben Sie vielleicht, daß ich mich persönlich an ihn wenden sollte? — Es würde mir nicht leicht werden, weil ich mich nach Ihren Mitteilungen möglicherweise einer persönlichen Beleidigung aussetzen würde. — Aber wenn Sie glauben—,'was täte ich nicht alles, um Sie mein netzpen zu dürfen —" „Msines Vaters Zustimmung werden wir nie erlangenunter keiner Bedingung. — Aber ich sagte Ihnen doch, selbst mein Vater hat erklärt, daß er nicht die Macht hat unserer Verbindung hindernd in den Weg zu treten." „Aber —" für einige Augenblicke preßte er die Lippen aufeinander, als könne er doch nicht sagen, was er fagen wollte, dann aber sprach er hastig weiter. „Dein Vater hat gedroht, dich zu enterben, wenn du mein wirft." „Er wird seine Drohung ausführen, daran zweifle ich nicht. — Aber er hat gleichzeittg erklärt, daß mein Vermögen groß genug ist, daß eine Familie von den Zinsen desselben leben könnte." Ein höhnisches Lächeln umspielte die fahlen Lippen des Hochgeborenen, er ergriff Malwinens Hand und drückte sie, als wolle er dieselbe zermalmen. „Was ist dir, lieber Freund? — was hast Du?" „WaS ich habe?" wiederholte er mit seltsam heiserer Stimme „nichts habe ich — gar nichts — als die Ehre^ — Und — und darum — ich bin kein Schwindler — Du wirst es mir bestätigen, Geliebte — nie habe ich dir von meinem Vermögen, von meinen Gütern gesprochen —" Malwine ward bald blaß, bald rot. „Du hast mir nur von den Gütern deiner Familie erzählt, die durch die Verschwendungssucht deines Vaters über und über verschuldet sind." Er nickte zustimmend. „So ist's — das habe ich dir gesagt — ich bin kein Schwindler — ich bin ein Ehrenmann — habe dich in keiner Weise getäuscht — das mußt du deinem Vater erklären — jedes Wort aus meinem Munde entspricht der lautersten Wahrheit." Sie zuckte trübe die Achseln. „Es wird nichts nützen, daß weiß ich bestimmt." „Wenn du das mit Bestimmtheit weißt — dann — ja dann —" „Alex!" schrie sie auf „sprich nicht aus, was ich nicht hören kann! — Du tötest mich." „Geliebte! — fasse Mut! — Verlange nicht das Unmögliche! — Wonne, Himmekswonne wäre es mir, könnte ich jetzt mit dir vor den Altar hintreten und dich mir antrauen lasten, ohne einen Pfennig von deinem Vermögen anzurühren. — Aber leider! leider! — Du weißt, das kann nicht sein — ich bin arm — Wenn dein Vater dich enterben würde, falls du dich mit mir verbinden würdest, so dürfen wir unser Verlöbnis nicht veröffentlichen, müssen vielmehr damit warten bis nach deines Vaters Tode. „Dein Vater ist ein alter Mann, wird nicht ewig leben. Wir aber können warten, wir sind jung." > „Wir sind jung?" wiederholte sie flüsternd.— Besonders jung war er ihr nie vorgekommen, mit seinem farblosen Gesicht, der tiefen Falte zwischen den Brauen und dem schon merNich gelichteten Scheitel — Und auch sie kam sich keinesfalls mehr jung vor, wenigstens nicht in diesem Augenblick, sie wußte selbst nicht, warum nicht. „Du weißt nicht, was du sprichst" flüsterte sie „mein Vater ist dreiundfiebzig Jahre alt —" „Na siehst du, da werden wir doch nicht mehr lange zu warten brauchen." „Warum nicht? mein Großvater, der Vater meines Vaters ist fünfundneunzig Jahre alt geworden und mein Urgroßvater sogar achtundneunzig." „Herr Gott! seid Ihr eine langlebige Familie!" „Haben der Herr Baron vielleicht dagegen etwas einzuwenden?" fragte sie etwas gereizt. „Bewahre der Himmel, da brauche ich doch auch nicht zu fürchten, daß meine geliebte Zukünftige mir vorzeitig entrissen werden könnte — Aber im Ernst, Geliebte — du kannst es dir denken, wie über alle Maßen peinlich es' mir ist, dir wiederholt sagen zu müffen, daß wir gegenwärtig nicht heiraten können, falls es dir nicht gelingen sollte, den Widerstand deines Vaters zu überwinden." Sie schüttelte trübe den Kopf. „Das ist unmöglich" flüsterte sie bebend „das" — Tränen ersticken ihre Stimme. '■ „Weine nicht, Geliebte, das zerreißt mir das Herz." Er nahm sie in seine Arme, streichelte ihr die Wangen, trocknete ihr mit seinen Küsten die feuchten Augen. „Sei vernünfttg, Kind, zwinge mich nicht, dir immer und immer wiederholen zu müffen, daß ich arm bin, daß ich nichts habe als meine Ehre, von der allein man doch nicht leben kann." „Aber ich habe doch Vermögen und was mein ist, ist dein." „Gutes Kind. Ich weiß, daß du Vermöge» hast, für bürgerliche Verhältnisse mag dasselbe sogar bedeutend sein, aber nobleffe vorige, was ich als Baron mit den paar mal hunderttausend machen sollte, das wüßte ich wirklich nicht. Sie weinte leise vor sich hin, er bemühte sich umsonst sie zu trösten, indem er ihr vorstellte, wie glücklich sie sein würden, wenn auch erst nach mehrjährigem Warten. Und wer weiß, was die Zeit in ihrem Schoße birgt, vielleicht würde es doch gelingen, den starren Sinn ihres Vaters zu beugen. >,Was soll ich meinem Vater morgen sagen? flüsterte sie endlich mit verhaltenem Schluchzen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und entgegnete achselzuckend. „Die Wahrheit, daß wir nämlich bis nach seinem Tode warten wollen, das kannst du ihm nicht sagen, das versteht sich von selbst." „Baron Brandow empfiehlt mir demnach meinen Vater zu belügen, auf den Höhen eurer Kreise ist das so der Gebrauch?" Es lag eine maßlose Bitterkeit in ihren Worten, er schüttelte mißbilligend den Kopf. „Kind, Liebling, wer wird so reden! — Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben heißt es im Evangelium, oder mit anderen Worten: dränget keinem die ihm unangenehme Wahrheit auf. Aber Lügen —" „Wenn ich die Frage meines Vaters der Wahrheit gemäß beantworte, so habe ich ihm doch nicht die Wahrheit aufgedrängt, wenn ich seine Frage jedoch nicht der Wahrheit entsprechend beantworte, so habe ich gelogen, das ist doch klar." Eine leise Röte stahl sich für einen Moment in sein farbloses Gesicht. „Nun ja, so ganz. Unrecht hast du nicht, das kann ich allerdings nicht in Abrede stellen, wenn ich auch nicht grade eiusehe, weshalb ein solch plebejisch drastischer Ausdruck gebraucht werden müßten" Sie konnte auch eine Art sittlicher Entrüstung zur Schau tragen und richtete sich stolz auf. „Sie vergessen lieber Freund, daß Sie es mit einer Bürgerlichen zu tun haben, und daß dem Bürger Wahrheit und Klarheit als höchstesgilt." „Aber wohin kommen wir mit der Wahrheit? — Malwine, Geliebte, nimm doch Vernunft an! Wenn du deinem Vater sagen wirst, daß wir mit unserer Verbindung auf seinen Tod warten wollen, so wird er seinem Testament die Klausel hinzufügen, daß falls seine Tochter je ihren Glauben abschwören oder sich mit einem Nichtjuden ehelich verbinden würde, das ganze Vermögen, bis auf einen Pflichttell, ihrem Sohne zufallen würde. Was hätten wir dann?" Sie atmete schwer auf. „Das ist's ja, was» ich sage, unser Warten hätte keinen Zweck. Entweder — oder, jetzt ober nie." „Das heißt Einem den Revolver auf die Brust setzen — Ich habe dir doch zur Genüge bewiesen, daß unsere Heirat gegenwärttg unmöglich ist —" (Fsrtsetzung folgt.)

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