Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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«ette 10. Nr. 16. Der JSraettt. 15. April 1908 London, 12. April. Der bekannte Antrag der jüdischen Colonialbank, ihr Statut gemäß dem Beschlüße des Kongresses dahin ändern zu zu dürfen, daß die Tätigkeit der Bank ausschließlich auf Palästina und die angrenzenden türkischen Gebiete sich erstrecken solle, kam letzten Mittwoch vor dem High Court of Justice zur erneuten Verhandlung. Bekanntlich war der erste Termin vom 23. Juli vorigen Jahres vertagt worden, zu dem Zwecke, eine Umfrage unter den Akionären herbeizuführen, ob die geplante Statuten-Aenderung ihren Wünschen entspreche. Die Opposition gegen die Aenderung geht bekanntlich von den Territorialisten und insbesondere von Herrn Zangwill aus, der die Mittel der jüdischen Colonialbank auch für Colonisations - Projekte außerhalb Palästinas verwendet wissen möchte. Auch in dem diesmaligen Termin trat Herr Zangwill als Opponent auf. Zwar haben sich inzwischen die Inhaber von 50000 Aktien für den Antrag, und nur 10000 dagegen ausgesprochen. Allein Herr Zangwill bemängelt die späte Veröffentuchung der Anzeige und verschiedene Einzelheiten der Umfrage., Er weist außerdem erneut darauf hin, daß die Colonisation in Palästina der gesetzlichen Grundlage entbehre und führt dafür eine Reihe von Belegen an. Den Zangwill'schen Angaben stellen die Anwälte der Bank natürlich entgegengesetzte Aufstellungen gegenüber. Der Richter behielt sich, nachdem die Verhandlung auch noch am Donnerstag fortgesetzt war, die Entscheidung vor. UalSstlna. Jerusalem, 6. April. Die Absetzung des Kamäikan und dir Freilassung der verhafteten Juden in Jaffa haben nicht nur die Ruhe in Jaffa wieder hergestellt, sondern auch.eine voll- Mndige Beruhigung der Gemüter im ganzen Lande bewirkt. Es ist bemerkenswert, daß die ländliche arabische Bevölkerung, insofern sie in ihrem Phlegma überhaupt über die Sache spricht, die Absetzung des Kamaikam als gerechte und wohlverdiente Strafe anerkennt. Der Frühling kündigt sich bei uns durch rauhe Winde an, die oft in tobende Stürme ausarten. Wie alljährlich um die Ofterzeit strömen jetzt Gäste von aller Herren Ländern hierher, leider steht man dieses Jahr nur wenige Juden darunter. Die Verhältnisse in Rußland und die Krisis in Amerika mögen an diesem Ausbleiben, das hier in den jüdischen Kreisen unangenehm empfunden wird, die Hauptschuld tragen. Die Teuerung aller Lebensmittel nimmt in unheimlicher Weise zu, worunter besonders unsere armen Glaubensgenossen in den Städten viel zu leiden haben. Vom Amsterdamer Zentralkomitee ist alles aufgeboten worden, um die dringende Not zu beheben. Die hier seit 38 Jahren erscheinde hebräische Zeitung Chawazeles erscheint seit dem ersten Nissan in vergrößertem Format und schönerer Ausstattung dreimal wöchentlich. In den gefetze.- treuen Kreisen des heiligen Landes ist die Freude ob des Aufblühen ihres einzigen, seit nahezu 4 Jahrzehnten für die heilige Sache des Judentnms kämpfenden Organes sehr groß. vermischter. Berlin, 6. April. Die Reltgionsschule der Israelitischen Shnagogengemeinde (Adaß Jisroel) zu Berlin, hielt vorgestern und gestern ihre öffentlichen Prüfungen ab. Schülerinnen und Schüler bekundeten ihre Kenntnis in Reltgionslehre, im Lesen der hebräischen Gebete, Uebersetzen des Pentateuch, der Psalmen usw. E elbst schwierige Stellen des Talmud wurden von Schülern der Selekta nicht ohne Scharfsinn erklärt. Die Schule wurde von 438 Kindern, 251 Knaben und 187 Mädchen, im letzten Jahre, besucht. Davon waren Schüler höherer Lehranstalten 157 Knaben und 110 Mädchen, in eine Gemeindeschule gingen 88 Knaben und 70 Mädchen, wäh.end 13 Kinder keine Schule mehr besuchten. Der Unterricht fand in 9 Knaben- und 7 Mädchenklassen statt. Außerdem besteht für die Knaben- und Mädchenabtetlung je eine Selekta. Geilenkirchen, 1. April. Die israelitischen Angesessenen des früheren Amtes Ueckendorf, welche bisher zur Shnagogengemeinde Wattenscheid gehörten, find auf Anordnung des Regierungspräsidenten mit dem 1. April zur Shnagogengemeinde Gelsenktrchen zugeteilt worden. Gegen den dadurch bedingten Steuerausfall erhält die Shnagogengemeinde Wattenscheid eine Abfindung von 7f00 Mark, «zahlbar in den nach,len zehn Jahren mit 700 Mark. verelnrveren. Frankfurt a. M., 5. April. Am Samstag 4. April, hat der Verein „Nachlaß Zwi" seine diesjährige Wint°rtätigkeit abgeschlossen. Ein arbeitsaber erfolgreiches Semester hat der Verein hinter sich, und er kann mit Genugtuung konstatieren, daß er sich eine große Anzahl neuer, und worauf wir besonderen Wert legen, junger Freunde erworben hat. Neben einer größeren Anzahl von Borträgen hiesiger Mitglieder bot der Verein seinen Mitgliedern Gelegenheit, auch auswärtige rtthmlichst bekannte Redner zu hören. Rabb. Dr. Hirschfeld, Gießen, sprach über „den neuesten Papyrusfund in Elephantine", Rabb.Dr. Kottek, Ho» bürg, über „Don Jsak Abarbarnell", Rabb. Dr. Cahn, Fulda, über „Judentum und Assimilation" und Herr Leo Munk aus Köln über „d<e drei Glaubensworte Schillers". Außerdem batten sich die Vereinsmitglieder öfters zu Lektüreabenoen eingefunden, an denen, unter Zugrundelegung des Pentateuchkommentars von S. R. Hirsch schwierige Stellen der min eingehend erörtert wurden. Auch zwei Vorlesungen für Damen (Referenten: Rabb. Dr. Bamberger, Hanau, und Prof. Dr. A. Sulzbach, hier) haben im letzten Semester staitgefunden. Durch die Gründung d es neuen Frauer Vereins — dessen konst tuierende Versammlung vom Verein „Nachlaß Zwi" einberufen war, — der in erfolgreicher Weise die geistigen Jnreressen seiner Mitglieder befriedigt, wurde jedoch diese Institution überflüssig. Wie alljährlich wurden am Chanukah und Purim Vereinsfeste arrangiert, die von schönstem Erfolge gekrönt waren. Es erübrigt noch, einer neuen Einrichtung des Vereins, die von allen Seiten aufs lebhafteste begrüßt wurde und sehr schöne Erfolge zeitigte, Erwähnung zu tun. Herr Oberlehrer Dr. I. H. B o n d i hatte es in liebenswürdigster Weise übernommen, insbeso dere der Jugend das Erstlingswerk unseres großen Meisters Samson Raphael Hirsch y'xi, die „Neunzehn Briefe", zu erschließen. In zehn Vorlesungen, die an jedem zweiten rQW in dem Hörsaale der neuen Synagoge stattgefunden haben, bat er es in glänzender Weise verstanden, an Hand der ersten drei Briefe, nach jeweils vorangegangencr Lektüre, Grundprinzipien der jüdischen Weltanschauung zu entwickeln die den zahlt eichen insbesondere den jüngeren Hörern, eine feste Grundlage gaben, um weiter zu denken und den modernen Zeitströmungen mutig und ohne Furcht entgegentreten zu können. Es waren besonders die Thesen des Monismus, auf die Herr Dr. Bondi einging, und deren Haltlosigleit er überzeugend nachwies. Herr Dr. Bondi hat für den nächsten Winter die Fortsetzung seiner Vorlesungen zugesagt, und wir möchten es nicht versäumen, heute schon an die heg anwachsende Jugend die Bitte zu richten, sich diese lehr- und genußreichen Stunden nicht entgehen zu lassen. Frankfurt a. M., 10. April. Der Verein zur Pflege jüdischen Wissens Tifereth Bachurim (Mitglied des Bundes gefttzestreuer Jugendvereine», der am Sonntag den 5. April sein Wintersemester beschloß, blickt auch in die em Jahre auf eine siegensreiche Bereinstätigkeit zurück. Der Eifer und die Begeisterung, die die meist jugendlichen Mitglieder entfalteten, ermöglichten es dem Verein, seinen Zielen entsprechend, die meisten Vorträge durch diese selber halten zu lassen, und erfreuten sich die Vereinsabende regen Besuches und lebhaften Interesses weiter Kreise. Es fanden Vorträge über folgende Temata statt: »WelchenWert hat für uns die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte?") „Kohcleth") ,.Raschts Leben und Wirken"; „Ein Tag im Temp el"; „Die Judm in China") ,,Le rgedanken aus den Pialmm ) „Fraucnrecht im altjüdischen Staat") „Geschichte d.r Juden zu Frankfurt im Mittelalter") „Die neuesten Ausgrabungen im Orient ) „Die mündliche Lehre und ihre Codifizierung") „Der Uebertritt des adiabenischen Königshauses zum Judentum") „Kinderspiele im babylonischen Talmud ) Luzatto's Mefllath Jeschortm". Ein Cyclus von vier Borträgen: „Moses Mcndelsohn) Die Emanzipation) Die Anfänge der Reformbewegung in Deutschland) Das Wiederh rvortreten des gesetzestreuen Judentums". Die Geschichte der Frankfurter Judengasse") „Uriel Acosta") „Rabbi Jecheskel Landau") „Esra und Nehemia") Ein Erew Pesach im Tempel". Im Anschluß an den letzte r Bortrag wies der Vorsitzende darauf hin, daß bei allem Wirken des Vereins, nur von Anregungen die Rede sein kann. Laß gemäß der Lehre des Korban Pesach, von dem auch nur die Anfänge sich in breitester OeffentUchkeit vollzogen, alles weitere aber dem Einzelnen als dem Träger der Tradition überlasserr war, es Aufgabe eines jedm Einzelnen sei, im Geiste der Thora auf Grund der gegebenen Anregungen weiter zu wirken. Frankfurt a. M., In der Frankfurt-Loge wurde gestern unter dem Vorsitz von Charles L. Hallgarten ule sechste Hauptversammlung der Gesellschait zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler avgehalten. Den Hauptinhalt der Ansprache des Borste enden bildete die Ankündigung der Ausstellung in Düsseldorf, von der wir unseren Lesern bereits mitgeteilt haben. Die mtSscheidenden Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt. Marburg, 12. April. Die Bereinigung jüdischer Akademiker zu Marburg a. d. L. zäh'te im vergangenen Semester 10 ordentliche und 3 auswärtige Mitgneder. Der Vorstand setzte sich zusammen aus den Herren cand. jur. Isaak Breuer, stud. jur. Carl Cohn und stud. med. Willy Hosmann. Es fanden 10 Vortragsabende statt, an denen folgende Herren sprachen: H. H. Dr. Dc. Schlesinger („Die Wohlgemuthsche Kr.ttk der Wasmannschen Borträge" 2 Abende), stud. med. M. Michael („Das Zeitalter der Amoräer), stud. med. PH. Frank („Sabbathi Zewi"), stud. med. W> Hofmann („Das adiabenische Königshaus"), cand. phil. M. Baer („Die Stellung der Juden unter Napoleon l. cand. jur. I. Breuer („Ein Stück Zeitgeschichte ), cand. med. dent. I. Baer („Ter Sabbath") stud. jur C. Cohn (,Das Münder im Judentum), cand. mach. H. Schloß („Die Prophetie im Judentum"). An sämtliche Borträge schlossen sich rege Diskussionen an. Die Leitung der Schiurim hatten die Herren Provinzialrabbiner Dr. Munk und Oberlehrer Berge! übernommen. Für den Sommer ist eine Znnahme der Mitgliederzahl zu erwarten. Budap ft, 9. April. Der Ausschuß des Ungarischen israelitischen Handwerks- und Ackerbauvereins hielt unter Vorsitz des Präsidenten, Hofrates Dr. Armin Neumann heute eine Sitzung ab. Bor der Tagesordnung gedachte der Präsident pietätvoll des verstorbenen verdienstvollen Ausschußmitgliedes Siegmund Groß und des langjährigen hervorragenden Bereinsmttgliedes Dr. Paul Mandel, deren Andenken im Protokoll verewigt wurde. Hiermit in Verbindung meldete der Präsident, daß Sigmund Groß drm Verein ein Legat von 4000 Kronea derrm chte und überd es seine Erben ans den Namen des Verblichenen eine Stiftung von 10000 Kronen errichteten. An S istungen und S pcnden find dem Verein insgesamt 4.500 Kr. zugekommen. Auf Antrag des Exkutivkomitees wurden an zwei angehende Handwerksmeister aus der Markus und Babette Pollakichen Stiftung ur ersten Einrichtung ihrer Werkstätten Unterstützungen von 1000 und 800 Kronen Votiert. Der Bericht des Sekretärs über die halbjährichen Zeugnisse der in staatlichen Ackerbauschulen untergebrachten Ackerbauzöglinge und Stipendisten der höheren Gewerbe- und Kunstgewerb schulen konstatierte den überaus günstigeu Fortschritt der Vereinszöglinge, was mit besonderer Be sriedigung zur Kenntnis genommen wurde. Pmoiutlkii. Prof. Dr. Josef Werner Frankfurt a. M., 12. April. Stumm und wortlos haben wir ihn, ob auch Freunde und Schüler nach befreienden Worten rangen, zu Grabe getragen — und es war nicht nur die lichte Zeit froher nationaler Erinnerung, die dem Schmerze Schweigen gebot, sondern der ausgesprochene Wille des Heimgegangene, der in diesem letzten Willen selbst sich selber in lapidarer Kürze die Grabschrift geprägt: rPDIl nbiirV-Der äußere Lebensgang Prof. Dr. Werners der in der Nacht zum Freitag seine reine Seele ausgehaucht hat, ist schnell erzählt — es war ein Leben des Lernens und des LehrenS. Im Jahre 1840 in dem benachbarten Hanau geboren, siedelte der Knabe, zwölfjährig schon, mit der Mutter nach Frankfurt über, wo er unter Tycho Mommsen das städtiscr.e Gymnasium besuchte. Hier ward der Grund zu seiner tiefdringenben, alle Feinheiten der Sprache beherrschenden Kenntnis des Lateinischen gelegt, die noch in späteren Jahrzehnten den alternden Mo > msen veraylaßte, auf Werner als einen der besten Lctinisten hinzuweisen. Hier aber auch, auf dem geheiligten Boden, auf dem die junge Religtonsgesellschaft damals emporwuchs, ward der reifmde Jüngling durch S. R. Hirsch u»d B.H. Auer bach-in dieHallen der jüdischen Wissenschaft eingeführt, in denen er sein Leben lang die ihn beglückende geistige Heimat finden soll e. Mit reichem jüdischen Wissen ausgerüstet, bezog er die Universität Berlin, um dorr neben seinem Berufsstudium, der klassischen Philologie, zu dm Füßen R. Mtchoel Landsbergs und Michael Sachs' mit ttimmer erlahmendem Eifer min zu lernen. Wenige Jahre sahen Werner dmm, nach dem Abschluß seiner Untversttätsstudtm, als «hrer an der neu-?gegründeten Bürgerschule in Fürth, dse unter der Leitung eines ehemaligen Lerngenossen, Dr. Selig Auerbachs stand, bis er zu Anfang der siebziger Jahre nach Frankfurt zurückkehrte, um zunächst an der Handelsabteilung, dann in den mittleren und oberm Klaffen der städttschen Wöhlerschule als ordentlicher Lehrer für Latein und Deutsch zu wirken. Gewirkt hat er dort, nicht nur als Beamter, der seines Amtes Pflichten mit peinlicher Selbstzucht wahrt, nicht nur als Gelehrter mit dem Schale eines weltumfassenden, sicheren Wissens — sondern Vor allem auch 'als Jude inmitten einer fremden, oft kaum verstehenden Umgebung, als Jude mit seiner strikten Sabbathruhe und seinen in der Tiefe einer starken Persönlichkeit sestgeankerten Prinzipim. Welche Kämpfe es gekostet haben mag, vis er, der Stille, Bescheidene mtt seiner dm eigenm Wert verschleiernden Ruhe sich die Stellung errang, die ihm gebührte, daS kann -er Außenstehende nur ahnen, und — eS tritt auch zurück hmter dem, was Prof. Werner uns gewesen im inneren jüdischen KreiS, denen, die das Glück hattm, ihn zu kennen, und die an seiner gradliniigm, felbstverstSndlichm, von