Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der J-raeltt. Nr. 16. Sette 8. — für die Männer der Refsrm sind und bleiben wir der Feind, der niederHezwungen werde»: muß. Der „Zentralverein für die Internsten der jüdischen" Gemeinde hat nach langem Todesschlaf, wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben und die lange Reihe früher begangener Thorheiten um eine kräftige Fortsetzung bereichert. In der vorwöchentlichen Sitzung wurde eine Resolution angenommen, welche ihre Entrüstung über die definitive Anstellung des Herrn Dr. Kellermann im Dienste der hiesigen jüdischen Gemeinde ausspricht und Protest — natürlich nachträglich — gegen diese Wahl einlegt. (Nebenbei: Die Anstellung erfolgte in der Repräsentanten-Versammlung mit allen gegen eine Stimme!) Es ist doch eine schöne Sache um den Stolz in der rauhen Mannesbrust,- zumal wenn die Affaire so ungefährlich ist, wie in diesem Falle. Denn daß der Vorstand und die Repräsentanten ihren Beschluß unter dem Vollgewicht des Eindrucks dieser Kundgebung ändern würden, das ist, wie den Herren nur zu gut bekannt, schon aus rechtlichen Gründen ausgeschlosten. Glücklicherweise! Denn weiter könnte nichts fehlen, als daß Herr Dr. Kellermann zum Märtyrer gestempelt und für seine „wissenschaftliche" Ueberzeugung mit Geldopfern gestraft würde. Wer es wirklich gut mit dem Judentum — nicht einmal bloß mit dem orthodoxen — meint, kann sich nichts besseres denken und wünschen, als daß sich dieses neueste, vorläufig noch etwas kleine liberale Kirchenlicht sich zu einer recht kräftigen Fackel auswachse und entwickle, die ordi er urbi kundtut, was das ist — liberales Judentum und liberal jüdische Wissenschaft"! — In der „Adaß Jisrocl" zeigt das Gemeindeleben das Bild stetiger und ruhiger Entwickelung und innerer Erstarkung. Die Repräsentanten- Bersammlung hat sich, nachdem ein natürlich anonymer Protest gegen die Wahl des Dr. Biberfeld vom Polizei-Präsidenten zurückgewiesen, konsinuirt und Herrn Prof. Berliner zum Vorsitzenden wieder-, Herrn C. Kn oll er zu seinem Stellverteter und Herrn M. Straus zum Schriftführer gewählt. In eingehender Beratung ist der Etat pro 1908/09 geprüft und beraten und in den Abschlußziffern mit Mk. 112870,75 genehmigt worden. Das Krankenheim hat sein altes Domizil verlassen und sein eigenes Grundstück übernommen. Leider zwang aver der notwendige Umbau, der mit Mk. 86000 veranschlagt ist und bis zum 1. Oktober fertiggestellt sein soll, zu einer einstweiligen Schließung des eigenen Betriebes, so daß in der Zwischenzeit die Patienten in Privatsanatorien untergebracht werden müssen. Hoffentlich erfüllt der Neubau die in ihn gesetzten Erwartungen zum Besten der Leidenden und zur Ehre der Gemeinde! pk Berlin, 7. April. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält über das Fortschreiten des Hilfswerks zugunsten der Abgebrannten in Haskedu folgenden Bericht, der von dem Leiter seiner Schulen Herr Dr. Marcus und von dem Vorsitzenden des Alliancekomitees Herrn Fernandez unterzeichnet ist. Am vergangenen Sonntag fand eine Sitzung des Hilfskomitees in Konstantinopel statt, auf der das Programm, nach dem die Hilfe in praktischer Weise zu leisten sei, festgesetzt wurde. Nachdem man zur Kenntnis genommen hatte, das für das Hilfswerk zur Zeit 2500 türkische Pfund vorhanden seien, wurde beschloffen, vor allen Dingen dafür zu sorgen, die obdachlosen Familien vorläufig für die nächsten zwei Monate in provisorischen Unterkunftsräumen unterzuhringrn. Mit dieser Arbeit hatte man bereits in den ersten Tagen nach dem Brandunglück begonnen. An die 400 Familien, die in den Synagogen und Schulen einen Unterschlupf gefunden haben, sind bereits in dieser Weise provisorisch untergebracht, und auch für die Unterbringung der übrigen, wird bald gesorgt sein. Weiter soll eine Summe dazu verwendet werden, um Kleidungsstücke der verschiedensten Art für die vom Unglück Betroffenen anzukaufen. Zwar sind Nahrungsmittel und Kleider in sehr großer Anzahl dem Komitee von 15. April 1808 wohltätiger Seite zur Verfügung gestellt worden, aber die Geschenke reichen bei der Größe des Unglücks doch nicht aus. Dann werden noch weitere 100 türkische Pfund den gesammelten Fonds zu entnehmen sein, um Mazzos für die Osterfeiertage zu kaufen. Des weiteren muß den Handwerkern Handwerkszeug, das sie beim Brande verloren haben, geliefert werden und den kleinen Händlern und Budenbesitzern müssen die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, damit sie ihre Arbeit wieder aufnehmen können. Was nach der Durchführung dieser praktischen Arbeiten von dem Hilfsfonde noch übrig bleibt, wird dazu verwendet werden, um für die unglücklichen Abgebrannten für einige Monate die Miete zu zahlen. Der Rest der Summe, der dann noch übrig bleibt, würde dazu benutzt werden, um einige kleine Häuser aufzubauen. Gießen, 10. April. Das Urteil gegen den antisemitischen hessischen Landtagsabgeordneten Hirschel wurde heute von der Gießener Strafkammer gefällt. Der Angeklagte wurde wegen Unterschlagung in zwei Fällen unter Versagung mildernder Umstände zu fünf Wochen Gesängnis und zur Tragung sämtlicher Kosten verurteilt. Der Oberstaatsanwalt hatte nur eine Geldstrafe von 300 Mark beantragt. Es handelte sich um Unterschlagungen kleinerer Beträge aus der Landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft in Friedberg, deren zweiter Direktor Hirschel war. Die Verteidigung suchte nachzuweisen, daß Hirschel diese Beträge nicht in betrügerischer Absicht unterschlagen, sondern nur aus Nachlässigkeit vergessen habe, sie zu buchen und der Kasse zu überweisen. Da der Gerichtshof aber zu der Ueberzeugung kam, daß es sich um rechtswidrige Aneignung fremder Gelder handle, sah er von der beantragten Geldstrafe ab und erkannte, wie erwähnt, auf Gefängnis. Bremen,-12. April. In den Bremer Auswandererhallen wurde dieser Tage die neueingerichtete Synagoge und Lesehalle feierlich eingeweiht. Im Beisein der Mitglieder des „Bremer Komitees für hilfsbedürftige durchreisende Juden" und der Verwaltung der Auswandererhallen versammelten sich die zur Zeit anwesenden Auswanderer, um an der stimmungsvollen Feier teilzunehmen. Das „Hamburger Zentral-Bureau für jüdische Auswanderungs-Angelegenheiten" hatte Herrn Chastel zu seiner Vertretung entsandt. Nach der gesanglichen Einleitung hielt Herr Rabbiner Dr. Rosenak eine kurze eindrucksvolle Rede, in welcher er aus die Bedeutung dieser Synagogen-Weihe hinwies. Ausgehend von dem Worte: „Diesen Tag, den wir erhofft, wir baben ihn erlebt", kennzeichnete der Redner die Wichtigkeit des Gebetes im allgemeinen und dieser Gebetsstätte im besonderen. Das Gebet in Israel, so führte der Redner aus, ist so alt wie seine Geschichte und so alt wie sein Glaube. Das erste uns bekannt gewordene Gebet ist das des Stammvaters Jakob, welches er auf seiner Reise nach Haran in stiller Einsamkeit unter freiem Himmel hielt. Ein bescheidenes Gotteshaus hatte er dort sich errichtet, einen einfachen Stein zum Tempel geweiht, und doch mit welcher Inbrunst betete er zu seinem Gotte! Nicht das prunkvolle Haus, nicht der stattliche Bau machen das Haus zu einem Gotteshause, sondern die andachtsvolle Seelenstimmung des Menschen. Und gerade hier fehlt es nicht an Gelegenheiten, inbrünstiges Gebet anzuregen, andächttge Seelenstimmung hervorzurufen. Denn wenn es auch wahrhaft fromme Menschen gibt, die auch im Glücke Gott als den Urheber und Spender ihres Glückes preisen, so werden doch die meisten Menschen durch Not und Gefahr zum Gebete angeregt. — Hier aber in diesen Auswandererhallen erblicken wir das Unglück in den mannigfaltigsten Gestalten. Darum ist es mit Freuden zu begrüßen, daß dieses Bethaus errichtet wurde, denn auch der Unglücklichste wird froh aufatmen und sein Gemüt erleichtern, wenn er sein Herz vor Gott ausgeschüttet hat — und zwar im Gotteshause in Gemeinschaft mit anderen gleichgesinnten und gleichgestimmten Betern. Hier fühlen wir uns der Gottheit nähergerückt, hier tritt uns die Gottheit unmittelbar vor die Seele. Das ist der Sinn des Psalmwortes: „Ich habe Gott stets mir ganz gegenübergestellt." Von jemanden sprechen kann man auch in der weitesten Entfernung, aber mit ihm nur in der nächsten Nähe. Wer also nur von Gott redet und nicht unmittelbar m i t ihm, der ist noch fern von ihm. Durch das Gebet treten wir in die innigste, lebendige Gerneinschaft mit Gott. Möchten alle, die hier eintreten, diese Gemeinschaft mit Gott finden, möchte hier jede Träne getrocknet, jeder Seufzer gestillt, jede Hoffnung erfüllt werden und kein Gebet vergebens zu Gott emporsteigen! Möchte das Gebet dieser Armen und Ungücklichen Segen bringen, nicht nur ihnen selbst, sondern auch der Schiffahrtsgesellschaft, die in opferwilliger Bereitschaft diesem langgehegten, berechtigten Wunsche Rechnung getragen hat und Segen dem Hilfsverein der deutschen Juden und allen denen, die in unermüdlicher Arbeit an der Aufbesserung der Lage unserer armen Glaubensgenossen wirksam sind. — Das „ständige Licht" aber, das nun hier zur Ehre Gottes gezündet wird, möge uns immer erinnern an das ständige Walten des ewigen, göttlichen Geistes, an die ewige Fortdauer unserer Seele, sowie die göttliche Lehre uns ein Zeichen sein soll für die fortschreitende Gesittung und allgemeine, ideale Menschenverbrüderung. — Nach dem Anzünden des „ständigen Lichts" wurden einige Psalmen rezitiert und das Abendgebet verrichtet. Die erhebende Feier machte auf die Anwesenden sichtlichen Eindruck. Herr Chassel aus Hamburg gab seiner Ergriffenheit dadurch Ausdruck, daß er einen silbernen Kiddusch-Becher zum dauernden Andenken stiftete, während Herr Schragenheim, Bremen, das Oel für das „ständige Licht" für die Dauer eines Jahres spendete. Sehr erfreulich wäre es, wenn auch tPHp von irgend einer Seite gestiftet würde. In der Lesehalle liegen viele jüdische Zeitungen aus und außer einem D"tr auch viele andere lehrreiche o'ISO', Stiftungen von hebräischen Werken, auch einer min i£D werden dankend angenommen. Hamburg, 8. April. Der „Me kor Chajim, Hamburg, e. V." hielt am 15. März eine außerordentliche Generalversammlung ab, die als Hauptpunkt der Tagesordnung die Beratung über den Eintritt des Vereins in den „Bund gesetzestreuer jüdischer Jugendvereine" hatte. Nachdem die in der Zwischenzeit vorgenommenen Neuwahlen in den Vorstand des Vereines von der zahlreich besuchten Versammlung per Akkamation bestätigt worden waren, ging man zu dem oben erwähnten Punkt der Tagesordnung über. Der Verein selbst war in der konstituierenden Versammlung des neuen Bundes, die derzeit am 25. Dezember vorigen Jahres in Berlin stattgefunden hatte, durch zwei Delegierte der Verwaltung, die Herren Isidor Isaak und Jacob Emanuel vertreten. Letzterer referierte in der Generalversammlung über die Berliner Tagung. Die Verwaltung befürwortete aufs wärmste den Beitritt, da sich die Statuten des Bundes in den wichtigsten Paragraphen mit denen des Vereins decken. Nach kurzer Diskussion wurde diesem Antrag gemäß beschlossen. Somit übernimmt der Verein, gemäß den Berliner Abmachungen, das Präsidium des Bundes gesetzestreuer jüdischer Jugenvereine und wählte zu diesem Zwecke in der Verwaltungssitzung am 25. März in den Präsidial-Vorstand des Bundes drei Herren aus der Verwaltung des Vereins „Mekor Chajim" und zwar die Herren Rudolph Glückstadt, Herbert Gotthold, Eliesar Loebenstein und aus dem Kreise der Mitglieder die Herren Carl Bing und Hermann Schwarz. Am 6. April fand die erste Sitzung des neuen Vorstandes statt, in der Herr Eliesar Loebenstein zum Vorsitzenden ernannt wurde. Das Bureau des Bundes gesetzestreuer Jugendvereeine befindet sich somit in Hamburg und zwar finden sämtliche Mitteilungen und Anfragen unter der Adresse des Vorsitzenden, Herrn Eliesar Loeben-