Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 16. IS. April 1908. Der ASraelit. Gelte 7. und grade in diesem Falle besonders, aber ist dies etwas neues, daß es sogen, judenreine Klubs gibt, besonders in kleineren Städten? Ist es etwas neues, daß tausende Liberale, trotz ihres politischen Liberalismus im Innern durchaus nicht judenfreundlich gesinnt sind, und mit Juden nicht verkehren wollen? Diese traurige Tatsache ist alt und wird ewig so bleiben, selbst wenn im ganzen Parlamente lauter liberale Abgeordnete sitzen würden, selbst wenn der Abgeordnete Schräder Reichskanzler wäre. Ich will zu dem vorliegenden Falle durchaus keine Stellung nehmen. Ich zitiere ihn nur, weil er typisch ist und uns beweist, wie groß noch bei uns Juden der Mangel an Selbstachtung ist, das ist der betrübendste Punkt in dieser ganzen Geschichte. Denn dieser Fall ereignet sich sehr oft in mannigfacher Abwechslung in den verschiedensten Städten, aber immer ist das Bild das gleiche, nur der Rahmen ist verschieden. Hier rät der Vorsitzende von der Abmeldung ab, dies erfolgt dennoch und man muß die Blamage eines Durchfalls über sich ergehen lassen. Es mag sein, daß hier der Jude diesen Mißerfolg absichtlich provozieren wollte, um ein Exempel des Widerspruchs zwischen Wort und Tat, Theorie und Praxis zu zeigen, aber ich spreche im Allgemeinen von dergleichen Fällen. Man will häufig die Aufnahme erzwingen, denn die Ehre ist doch gar groß als einziger Jude in einem christlichen Klub ausgenommen zu sein. Man kann in die Tiefe steigen, man kann auch in die Höhe sinken. Nedmen wir an, es erfolgt eine Anfnahme mit Mühe und Not, weil ein paar Nechtlichdenkende im Vereine sitzen, aber welche klägliche Rolle spielen oft solche geduldeten, bevorzugten Juden in solchen urchristlichen Vereinen, sie sind und bleiben Eindringlinge, und fühlen sich isoliert und unglücklich. Aber das macht in den Augen dieser Juden nichts aus, man erträgt willig die Zurücksetzungen und Fußtritte, die Schmach wird reichlich ausgewogen von der hohen Ehre, Mitglied des Clubs zu sein. Ja man verhindert sogar bei etwaiger Anmeldung anderer Inden deren Ausnahme, denn dann ists ja nichts besonderes mehr, im Klub zu sein, wenn andere auch darin sind. Und dann gesellt sich in den Augen der Christen zur Isolierung auch die tiefste Verachtung, denn je tiefer sich die Kanne bückt, desto weniger ist darin. Man ist im christlichen Verein, mair hat christlichen Verkehr, das ist ein Beweis von höchster Bildung, ein Beweis von erhabener Größe Dieses Sichaufdrängen und Hinein drängen in Kreise, wo man nicht hingehört, ist ein Wurm, der am Marke des jüdischen Volkes nagt, der unserem Volke so unendlich schadet, weil er Zeugnis ablegt von Mangel an Stolz und Selbstbewußtsein. Stolz haben diese Art Juden doch, sogar großen Stolz aber nur Stolz gegen andere Juden. Denn gar häufig können wir in kleineren Städten beobachten, daß Juden, die irgend einen Rennomierchristen ihren Verkehr nennen, möglichst sich von jüdischem Verkehr zurückziehen, denn dadurch glaubt man in den Augen der Christen etwas mehr zu repräsentieren. Fast überall, wo in kleineren Städten ein Jude irgend eine Staatsstellung bekleidet als Amtsrichter oder Landrichter (ein Arzt muß ja seine jüdischen Kunden pussieren) wir können es täglich beobachten — um Gotteswillen keinen jüdischen Verkehr, und wenn der Vater in einer kleinen Kille der Provinz Posen ein Schammes war, nur keinen jüdischen Verkehr. Und wenn wirklich das hohe Ideal erfüllt würde, daß einzelne Juden, Kommerzienratssöhne — als aktive Offiziere im Heere dienen könnten, wie viele von ihnen würden in ihrer Garnison sich um jüdische Angelegenheiten oder jüdische Familien kümmern? Würden sie nicht in Gegenwart etwaiger Kameraden so manchen Glaubensgenossen beim Grüßen „schneiden"? Gar oft erreicht man Würden und vergißt dabei feine eigene Würde. Dazu kommt noch, daß mit diesem Hineindrängen der letzte Rest der Jüdischkeit geopfert wird, man will sich bei Festlichkeiten in christlichen Vereinen an der Tafel nicht ausschließen, man muß mitessen, um den Juden nicht zu markieren, man kann auch nicht in die Synagoge gehen, denn das alles patzt ja nicht zu solcher Ehrenstellung, die man im Gegensätze zu den anderen Juden einnimmt. Nein, die Selbstachtung ist das Erste, das uns die Achtung der anderen verschaffen kann, der Jude, der sich selbst und seinen Glauben nicht achtet, wird nie und nimmer sich in den Augen der Nichtjnden Achtung erringen können. Ich betone nochmals, daß diese Ausfiihrungen sich nicht auf obigen Fall beziehen, sondern ganz allgemein auf die Zustände Hinweisen, wie sie leider oft zu finden sind. Es gibt Juden, die auf ihr germanisches Aussehen vertrauend, sich in das antisemitische Nordseebad Borkum einschmuggeln, und dann, wenn sie zufällig von einem Bekannten der Heinmt erkannt werden, oft die schmählichste Erniedrigung über sich ergehen lassen müssen, solche Juden verdienen es nicht besser. Es gibt zahllose Juden, die zuhause — wie sie selbst sagen — rituellen Haushalt führen, aber in den Bädern die jüdischen Restaurants, die doch nur auf jüdische Kurgäste angewiesen sind ignorieren und iln christlichen Restaurant inmitten von Hunde vteu anderer Juden speisen, weil „drüben" ihnen zu viel Juden sind. Viele Juden, die nach Norderney gehen, beklagen sich, daß dort zu viel Juden sind, einer spricht es vom anderen, und jeder ist selbst Jude. Hier haben wir den jüdischen Antisemitismus, die Frucht der mangelhaften Selbstachtung. Der fromme Jude fühlt sich wohl und glücklich im jüdischen Restaurant, im Kreise seiner Glaubensbrüder, weil er wirklich noch Achtung vor seinem Glauben hat und sich freut, zahlreiche Gesinnungsgenossen zu finden, aber der Jude, der die Liebe zu seinem Glauben verloren hat, verliert allmählich auch die Achtung vor seiner Religion und schließlich die Selbstachtung. Wenn der Antisemitismus von außen schwinden soll, dann muß zuerst der j ü d i s ch e Antisemitismus schwinden dann muß zuerst Selbstbewußtsein in unsere Herzen einkehren,' solange dies nicht der Fall ist, nützen keine imposanten Versammlungen und Kundgebungen. Vieles kann der Mann ertragen, Selbst die Fessel dann und wann, Nur die eigene Verachtung, Die erträgt kein wahrer Mann. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Kelch. Frankfurt a. M., 10. April. Das hiesige Lokalkomite der Alliance Jsraelite Universelle hat aus Konstantionipel den Dank für die durch seine Vermittlung dahin gesandte Unterstützung für die unglücklichen Brandopfer von Naskai erhalten. Vorläufig seien nun alle gegen die Unbill des Wetters geschützt und man sei damit beschäftigt, chnen Kleidungsstücke und Einrichtungsgegenstände, die fortwährend einlaufen, zu verteilen, während weitere Unterstützung je nach Eingang weiterer Mittel gewährt werde. Berliner Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) Berlin, 13. April. „Es geht etwas vor, man weiß aber noch nicht, was?" Dieses tiefsinnige Wort Ihres einstmaligen Abgeordneten kommt einem unwillkürlich bei der Lektüre der letzten Nummern der „A. Z. d. I." in den Sinn. Am 6. März brachte sie unter der Ueberschrift „Orthodoxie und Reform im Abgeordneten hause" den sachlich bereits an dieser Stelle von anderer Feder gewürdigten Artikel, der der Orthodoxie die Schuld aufzuhalsen suchte, wenn für den jüdischen Religionsunterricht nur eine kleine Staatssuboention bewilligt worden ist. Der Artikel, der im Uebrigen fast nur aus dem stenographischen Bericht der Rede des Abg. Cassel bestand, gipfelte in der ebenso wahren wie gemütvollen „Feststellung, daß durch die Agitation der süddeutschen Orthodoxie das Gesetz für die jüdischen Gemeinden wesentlich verschlechtert wurde". — In der folgenden Nummer (13. März) erschien dann jener, selbst in „liberalen" Kreisen vielfaches Aergernis erregende, „Pyrrhussiege" überschriebene Artikel, der sich von allüberall her Kronzeugen für seine Behauptung, daß die Orthodoxie von Tag zu Tag an Boden verliere und aus dem Aussterbeetat stehe — eine Verleumdung, die übrigens genau so alt ist, wie die „A. Z. d. I." — holte und als besonders „bezeichnend" für unsere desolate Lage hervorhob, „daß von der süddeutschen Orthodoxie in neuerer Zeit sogar Rabbiner, die in Synagogen mit Orgel, gemischtem Chor, Verbot des Tallith, dreijährigem Thorazyklus u. dgl. amtieren, mit weitgehender Toleranz behandelt zu werden pflegen, was man damit entschuldigt, daß jene im Herzen streng konservativ seien und die ernste Absicht hätten, mit den Neuerungen aufzuräumendie Ausführung dieser Absicht oder andernfalls der Rücktritt wird ihnen gar nicht mehr angesonnen. So sehen die vielgefeierten Siege der Orthodoxie in der modernen Welt aus". Das war am 13. März. Plötzlich ein ander Bild. In der Nummer voni 20. März erschien dann plötzlich ein „Seid einig!" überschriebener Leitartikel, der, die Gefahr nicht achtend, an jene berühmte Rütliszene im Reichstage mit ihren interessanten Folgeerscheinungen zu erinnern, in beweglichen Worten zum Frieden mahnte und von der Einigkeit im Innern alles Heil nach Außen versprach.. In derselben Nunimer erschien dann auch noch ein Artikel von Herrn Professor Philipp so n über „die Zentralisation der Juden in Preußen", der nach allen Seiten gut zuredete und die Notwendigkeit einer Gesamtorganisation der preußischen Judenheit — das „preußische Israel" nennt es der Herr Verfasser — zu erweisen unternahm. „Möge man aus manche liebgewordene Eigentümlichkeit. . . verzichten zum Besten des Ganzen. Nur so wird diese wichtige und schöne Schöpfung zu stände kommen zur Ehre und zum Wohle der preußischen Judenheit." Woher dieser plötzliche Kouliffenwechsel? Denn daß es mehr als das ist, das zu glauben übersteigt doch wohl die Grenzen der Naivität, die polizeilich zulässig ist. Die „süddeutsche Orthodoxie", das ist ja eine Zwangsvorstellung, der die „liberalen" Kreise unterliegen, die in ihren Reden und Schriften Satz für Satz, Seite für Seite sich wiederholt — und nun auf einmal der Ruf zur Einigkeit, zum Frieden, zum Verricht auf „liebgewordene Eigentümlichkeiten". Nun, si duo facmnt idem! Wenn Herr Professor Philippson Stimmung für die Gesamtorganisation und gleichzeitig die „A. Z. d. I." für den Segen des Friedens plaidiert, dann müßte man denn doch schon mit einer gehörigen Dosis von- Blindheit geschlagen sein, wenn man da noch immer nicht Absicht fühlen sollte. Vielleicht hat auch der Wahlausgang in Baden die Herren gelehrt, daß es auf die Dauer doch nicht angeht, die Orthodoxie zu brüskieren, und daß selbst eine vorhandene Organisation nicht gegen die gesetzestreuen Elemente regiert, geschweige eine neue gegen sie geschaffen werden kann. Jedenfalls werden unsere Freunde gut um, als wahres Gesicht der Reform jenes festzu halten, das sich in den ersten, durch diplomatische Rücksichten nicht beeinflußten Artikeln der „A. Z. d. I." gezeigt hat. Und da ergiebt sich: Mögen wir tolerant sein oder nicht, mögen wir Konzessionen machen oder sie ablehnen, mögen wir sieghaft fortschreiten oder zum Stillstand verurteilt sein