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Der Israelit · 1908-04-15 · Heft 16 (15.4.1908) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Der Jsraettr. 15. April 1908. mattet zu schlecht, um die «.vu in den Augen der Wähler _ ..v^cn — vergleiche das Pamphlet gegen ^-errn Dr. Hoffmann — und ihre Absichten vor der Welt zu diskreditieren,- so ziemlich alles, was an der Sonne der oberrätlichen Huld sich wärmt, von wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, hat seine Pflicht in vollstem Maße getan, um den Gebetbuchgegnern das Wasser abzugraben. Wenn trotz alledem nicht nur die Mehrheit der Erwählten ausgesprochene Gegner des „Gebetbuchs" sind, sondern in noch höherem Maße die Mehrheit der abgegebenen Stimmen gegen das zum Kampfpreis erhobene oberrätliche Opus votierte, dann sollte man meinen, ein solches Resultat sei'allzu eindeutig, um mißverstanden werden zu können. Dennoch muß man, um ehrlich zu sein, gestehen, daß es schwer, wenn nicht unmöglich ist, die Lehren der Wahl in eine Parteiformel zu bringen. Daß die Liberalen und ihre wüste Agitation einen Denkzettel schlimmster Art erhalten, daß für eine umstürzende Reformtätigkeit im Lande kein Boden vorhanden, daß weite Kreise der Bevormundung durch Herrn Dr. Mayer satt sind, das freilich hat das Wahlergebnis so sichtbarlich dargetan, daß nur diejenigen, die ein Interesse daran haben, diese Zeichen nicht zu verstehen, anderer Meinung zu sein sich gestatten- Zu ihnen gehört als publizistisches Organ des Herrn Dr. Mayer begreiflicherweise die „Allg. Ztg. d. I." Was dieses „unparteiische Organ für alles jüdische Interesse" sich an grotesken O.uersprüngen zugemutet, um nur den Schein für seine Partei zu retten, das überschreitet entschieden das Maß der Knochenelastizität, die seinem ehrwürdigen Alter entspricht. Unter dem unmittelbaren Eindruck der blamablen Niederlage, die das System Mayer an den Märzen-Jdeen erfuhr, fand sie zunächst nur den Mut zu einer Darstellung des Ereignisses, die in Wahrheit völlig „unparteiisch" war,' insofern nämlich, als jede Partei daraus das ihr Zusagende entnehmen konnte. Wie auch anders? Man hatte ja so lange in allen Tonarten beteuert, daß die ganze Bewegung gegen das Gebetbuch das Werk einer Handvoll „Hetzer von außerhalb" sei, die eingeborene Bevölkerung, die von Herrn Geh. Regierungsrat Dr. Mayer in den langen Jahren seiner gesegneten Amtstätigkeit soviel Gutes und Schönes erfahren, nicht daran denke, ihren Wohltäter zu verraten. Man hatte immer wieder im Brustton der Ueberzeugung versichert, daß, was sich orthodox nenne in Baden, wenn nicht imbecile Schwachköpfe, so doch bestenfalls Analphabeten eien, die knapp ihren Namen richtig schreiben önnten, dagegen alles, was zur Intelligenz mi Fug und Recht sich zählen dürfte, der Fahne der Reform unentwegt folge und nichts sehnlicher wünsche, als die zwangsweise Einführung des ebenso Poesievöllen wie gemütsreichen, allerneuesten Gebetbuchs. Und nun sollte man bekennen, daß alles, was man bis dahin beteuert nnd behauptet, erfunden und schlecht erfunden wareingestehen, daß gerade die eingesessene Bevölkerung mit erdrückender Mehrheit gegen das Treiben der Reformdemagogie sich erklärt und zur Fahne des überlieferten Judentums geschworen habesollten die Gewählten mit ihrer Parteibezeichnung Mitteilen und damit erkennen lassen, daß Akademiker aller Fakultäten sich dem Kampf gegen das Gebetbuch an führender Stelle angeschlossen und als lebender Protest gegen den Anwurf geistigen Minderwerts der Orthodoxie in die Synooe ihren Einzug gehalten?! Unmöglichdoch wozu wäre man Journalist, wenn man unbequeme Tatsachen nicht mundgerecht machen und Honig aus alten Blumen saugen könnte? Und — in vollem Ernst! — als journalistische Leistung muß der Bericht imponieren, den die A. Z. d. I. zuerst über das Wahlergebnis brachte. Man höre: „Die gestrigen Wahlen der weltlichen Abgeordneten zur israelitischen Synode vollzogen sich im ganzen Lande unter einer sehr erfreulichen, umfassenden Beteiligung der Wähler. Während sie 1904 nirgends über 50 Prozent, vielfach aber nur 4 bis 10 Proz. betragen hatte, ist sie diesmal durchweg auf 80 bis 90 Prozent gestiegen. Ueberall wurde unter der Parole ,Für oder egen das neue Gebetb idj' gewählt. Dabei haben auch ie Gegner in ihren Wahlaufrufen ihr Festhalten an der Organisation des Oberrats und ihre Anerkennung seiner Tätigkeit nachdrücklich betont. Als Gesamtergebnis läßt sich vorläufig feststellen, daß etwa die Hälfte aller Wähler für, die andere Hälfte gegen das neue Gebetbuch votiert hat." (Folgen einige „geeignete" Zahlen!) „In Karlsruhe, wo eine demonstrative Stellungnahme der kirchlich interessierten gegen die kirchlich gleichaltrigen Kreise zutage trat, sind die Kandidaten der ersttren mit imposanter Mehrheit gewählt. Die Stadtgemeinden Bruchsal, Pforzheim, Konstanz und der Bezirk Heidelberg-Land wählten mit großer Mehrheit Freunde des neuen Gebetbuchs. In den einzelnen Wahlbezirken önncn nach den vorläufigen Ermittelungen die Nachgenannten als gewählt betrachtet werden." -(Folgen die Namen ohne Angabe ihrer Parteibezeichnung!) Ist diese journalistische Leistnng nicht alles Lobes wert? Zunächst die warmherzige Freude über die rege Wahlbeteiligung (die das Verdikt gegen den Oberrat doch um so vernichtender macht!), dann die Feststellung, daß um Himmelswillen niemand dem Oberrat (lies: Herrn Geh. Regierungsrat Dr. Mayer!) ein Leid habe antun wollendann die „vorläufige Feststellung", daß „etwa" je eine Hälfte für und gegen das Gebetbuch votiert habe (während damals bereits längst feststand, daß sich die Zahlen wie 15: 6 stellten!) - dann die köstliche Klassifizierung der Karlsruher Wähler nach „kirchlich interessierten" und „kirchalle Schulo getilgt. Dieser Zehnte ist es, an den wir heilte besonders anknüpfen wollen. Da jeder, dank dein genossenen Schulunterricht, lesen, schreiben und besonders rechnen kann, fällt es nicht schwer, einen lleberblick über die Einnahmen und Ausgaben zu erlangen. Unter Ausgaben versteht inan alles, was zunl Lebensunterhalt erforderlich, alles, was zum Betrieb des Geschäftes nötig ist und was die Stellung des einzelnen in der menschlichen Gesellschaft erfordert, auch was einer als Sparpfcnnig für die alten Tage vernünftigerweise sich zurücklegt. Was Einnahme ist, erklärt sich von selbst. Zieht man das eine vom anderen ab, so hat man den Ueberschnß oder den reinen Gewinn: von diesem nehme man jedes Jahr den zehnten Teil nnd opfere ihn dem Geber alles Guten, dem lieben Gott: dann lvird er gänz gewiß auch ferner seinen Segen geben. An einigen Beispielen wollen wir zeigen, wie sich dieser Vorschlag in Zahlen ausniimnt. Eine Magd verdient jährlich 200 Mk. An Auslagen hat sie für sich nnd ihre Eltern 180 Mark, bleibt also 20 Mark. Der zehnte Teil — 2 Mark wäre ihr Almosen. Ein Handwerker verdient 900 Mark; es fällt ihm schwer, auszutommen, auch muß er einen Notpfennig zurücklegen für Frau und Kind. Bon dem erwähnten Gelde rann er also kein Almosen geben. Ein Wirt dagegen hat ein schönes, ausgedehntes Geschäft, das Geld fließt reichlich, 3000 Mark hat er am Ende des Jahres rein verdient, so wären 300 Mark ein nicht so großes Opfer für ihn. Der Landmann hat ebenfalls aus seinem großen oder kleineren Betrieb am Ende des Jahres einen Ueberschnß in der Kiste; ihm wttb es ganz besonders schwer, sich davon zu trennen, Wetzl an jedem verdienten Groschen ein saurer Schweißtropfen klebt. Bedenkt er aber, daß gerade sein ganzer Verdienst beständig von dem abhängt, der Sonnenschein und Regen spendet, so wird er gewiß gern das Opfer geben und fernen Zehnten opfern. Am schwersterr ist es demreichen Mann, sei er Kapitalist, Kaufmann, Fabrikant oder Grundbesitzer. Hier sind es oft 10,000, ja 100,000 Mark, die am Ende des Jahres verdient sind. Hiervon 1000, ja 10,000 Mark denr lieben Gott zum Opfer zu bringen, kostet Pein: je größer der Schatz, desto mehr hängt das Herz an demselben. Allein ein fester, entschlossener Charakter rrimmt den Kamps gegen den Mammon auf, und die Liebe zu Gott, um dessentwillen er den notleidende,r Bruder unterstützt, hilft zum Siege. — Nun wäre norb die Frgae zu begntworten: „An wen sollen wir das Zehntel Almosen verabfolgen?" Auch darüber muß jeder gewisfcnhaft mit sich zu Rate gehen. Zunächst kommen arme Verwandte, Freunde und Bekannte in Betracht, dann aber fehlt es auch an anderen Werken der Barmherzigkeit, die unsere Beihilfe verdienen, nicht: ja es gibt sehr viele gemeinnützige Institute, Waisen- und Krankenhäuser, die der Unterstützung bedürftig sind, nnd namentlich in der gegenwärtigen Zeit braucht man nicht lange zu fragen, wo finde ich Gelegenheit, Gutes zu tun. Darum dürste sich denn die Befolgung des gegebenen Rates sehr empfehlen: zugleich sei noch bemerkt, daß derjenige, welcher nach dem mitgeteilten Rezept verfährt, nicht nur eine hehre Pflicht erfüllt, sondern auch eine innere Befriedigung bezüglich gerechter Verwaltung der ihm von Gott anvertrauten Güter erlangt, die mehr wert ist, als irgend ein irdischer Schatz." Enthalten auch diese Ausführungen nichts Neues und viel Falsches, so ist es doch erfreulich und erhebend zu sehen, wie der Geist der altjüdischen Armengesetze nach und nach auch in fremden Kreisen Eingang und volle Würdigung finden. lich gleichgiltigen" Kreisen und die freudige Betonung der „imposanten Majorität", welche — den Gegnern zugefallen war! Und schließlich die wohlgemute Aufzählung der drei Stadtgemeinden, die „mit großer Mehrheit" Freunde des Gebetbuchs wählten — ich glaube mich aufs Lesen und Interpretieren von Zeitungsdeutsch etwas zu verstehenaber es wäre Größenwahn, wollte ich zu behaupten mich erdreisten, daß ich aus diesem Gallimathias etwas anderes als, bestenfalls, eine unentschiedene Schlacht herausgelesen hätte! So las rnan's am 20. März. Es kam nun der glorreiche Sieg in der Rabbinerkurie - der erste Schrecken hatte sich längst verflüchtigt und so fand sich der Mut zu größerer Tat. In der Nummer vom 27. März fand die A. Z. d. I. ihr Selbstvertrauen schon so vöüständig wieder, daß sie die unleugbare Tatsache des Sieges der Gebetbuchgegner als unbequem einfach zu bestreiten wagte. Man höre und staune: „Wenn man die orthodoxen Blä ter dieser Woche gelesen so könnte man zu der Meinung kommen, baß in Baden nunmehr eine neue Epoche >ufrichtiger, wahrer, altjüdischer Frömmigkeit und Traditionstreue angebrochen sei! Mit Hellem Jubei wird der Sieg der Orthodoxie verkündet. Mit 15 gegen 6 Mandaten sollen (!) angeblich (!) die Ge ner des vom Oberrat herousgegebenen Gebetbuchs über die Anhänger desselben gestegt haben . . . Freilich, wenn man die Verhältnisse unseres Landes kennt, steht die Sache etwas anders aus. Eine in ihren vMtteln durchaus nicht wählerische Agitation hat, wie so oft schon, den Sieg davon getragen, nicht das strenggläubige Judentum, das mit dieser häßlichen Agitation nicht das Geringste zu tun hat. Bon den 15 Siegern sind im ganzen 6 wirklich ortho ox, die anderen stehen im Leben genau aus demselben Standpunkt der Reform wie ihre Gegner. Es kommt hinzu, daß die Opposition durch die Zionisten verstärkt wurde, die in den Hauptstädten ihre Anhänger haben. Die „Gesetzestreue" dieser Partei ist zur Genüge bekannt. Bon einem Siege des orthodoxen Judentums kann also in keiner Weise gesprochen werden Und ebensowenig weiß heute schon jemand, welchen positiven Erfolg dieser Wahlausfall haben wird." Ex ungue leonem! Konnte das erste Entrefilet noch die Arbeit eines Bureau-Journalisten sein, so ist diese Karlsruher Korrespondenz wirkliches Originalprodukt. Wer kennte nicht d i e Feder,' die gewöhnt ist an die Stelle sachlicher Kontroverse die vergiftete persönliche Polemik zu setzen? Wer nicht die lehrhafte, unfehlbare Tonart, die mit einer dem Sachkundigen imponierenden Sicherheit über Dinge und Menschen zu urteilen sich unternimmt, zu deren Bewertung ihr dabei jede Legitimation und alle Vorbedingung fehlt?! Doch genug davon. Ein Schlußartikel soll gegenüber dieser irreführenden Feststellung es nachzuweisen unternehmen, wer der Besiegte in diesem Kampfe ist, in dem der Sieger freilich schwerer zu eruieren ist. Selbstachtung! Von Großh. Landrabbiner Dr. Mannheimer m Oldenburg. Durch sämtliche jüdische Zeitungen der letzten Wochen wird die Kunde von dem großen welterschütternden Ereignis getragen, daß ein jüdischer Fabrikant zu 150 Mark Geldstrafe verurteilt worden ist, weil er einen „liberalen" Amtsrichter „Antisemit" genannt habe. Der jüdische Fabrikant hat die Kandidatur des Amtsrichters früher unterstützt und verlangte als Belohnung, daß seine Frau und Tochter nun in den urchristlichen Tennisklub ausgenommen werden. Der Jude besuchte den Amtsrichter, der Voxsitzender jenes Vereines war, trug ihm seine Bitte vor, doch der Amtsrichter riet ihm von einer Anmeldung ab, da eine Aufnahme nicht erfolgen könne, weil der Verein keine Juden aufnehme, er betonte dabei, daß gegen die Ehrenhaftigkeit usw. absolut nichts einzuwenden sei, aber der Verein wolle ein judenreiner bleiben. Die Anmeldung erfolgte dennoch, und die Aufnahme wurde abgelehnt — Soweit das Vorspiel des Prozesses. Darüber große Aufregung bei den Juden! Ich habe mich auch aufgeregt, doch nicht über den Amtsrichter, sondern über den Juden. „Wie ttef sinkt man oft um zu steigen", so dachte ich beim Lesen dieser Geschichte. Wohl ist die Tatsache der Ablehnung unendlich bedauerlich,

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