Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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15. Mprl 1908. Rr. 16. Sette 5 „Verband Kneßes Israel" eine hervorragende Stelle ein. Unterzieht man die an dieser Stelle kurz skizzierten statutarischen Bestimmungen dieses Verbands einer prüfenden Durchsicht, so vermißt man darin einen Punkt, dessen Betonung deutsche Beurteiler in erster Reihe zu fordern geneigt sind: Die Verbreitung höherer oder auch allgemeiner Bildung in den zu gründenden Schulen nnd Unterrichtsanstalten. Diese Verbindung von Thora und Derech Erez, der unser großen Weisen das Wort geredet haben und die in den letzten 50 Jahren mit so schönem Erfolg in Deutschland angebahnt wurde, stößt bei den führenden Geisterm der russischen Judenheit und vielfach auch bei dieser selbst auf entschiedenen Widerstand. Oberflächliche Gedankenlosigkeit ist leicht bereit, diesen Widerstand als Ausfluß einer gewiflen Rückständigkeit und geistiger Stumpfheit, wenn nicht gar als ausgesprochene Wissensfeindlichkeit zu beurteilen und zu verurteilen. Ich muß selber gestehen, daß ich in früheren Jahren von demselben Vorurteil befangen war und daß es wiederholter Aussprache mit zeitgenössischen Koryphäen der russischen Judenheit bedurfte, ihnen Gerechtigkeit und volle Würdigung entgegen zu bringen. Daß von einer Geringschätzung weltlichen Wissens und gar von einer Bildungsfeindlichkeit als Motiv dieser ablehnenden Haltung nicht die Rede sein kann, war mir bald klar. Wer jemals Gelegenheit hatte, mit unseren russischen Glaubensgenossen zu verkehren, dem wird ihre große Intelligenz und ungewöhnliche geistige Regsamkeit als erster hervorstechender Zug ausgefallen sein. Sie sind nicht aus dem Holze geschnitzt, aus dem man denkscheue und lichtfeindliche Obskuranten bildet. Diese Ueberzeugung wird cinem noch gefestigt, durch den persönlichen Verkehr mit den Geistesfürsten der Thora, bei welchen jeder Zug ihren Drang nach Wissen und Bildung des Geistes bekundet. Daß es sich be! diesen letzteren nicht etwa um eine Engherzigkeit ihres religiösen Standpunktes handeln kann, der ihnen die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Gegenständen verboten erscheinen lasse, ist zwar bei hellen, klaren Denkern und Kennern ihrer religiösen Pflicht, wie es die in Rede stehenden Männer sind, von vornherein ausgeschlossen. Nichtsdestoweniger mag diese Unterstellung durch ein tatsächlich erlebtes Vorkommnis in ihrer Unhaltbarkeit dargetan werden. Einer der Größten unter den großen Weisen der russischen Judenheit, der durch seine Gelehrsamkeit, seine Gottesfurcht und seinen Gesinnungsanmutend und zugleich packend trieft noch die Bodenständigkeit dieser BolksweiSheit, der kräftige Atem der Heimatscholle weht uns auS den Redensarten, die in ihrem Ghetto-Idiom, im Jargon, uns geboten werden, entgegen. * Wir wollen hier einige Beispiele aus der reichen Sammlung hervorheben, und zwar nur solche, welche aus dem jüdischen Ghetto- und synagogalen Leben zu verstehen sind und dann auch, solche, die in der Umdeutung von Bibel- und Talmudstellen ihren Witz betätigen. Wenn wir so weit als möglich den Jargon hier beibehalten, so tun trir es, um den Eindruck, den die Redensart gerade im Jargon macht, nicht abzuschwächen. , E s sagt keiner nit pn#, aS es is nit,5frü.her miv DO-" Welch eine treffliche Satyre auf diejenig«, die Gott erst danken, nachdem sie sichtbare Wohltaten von ihm empfangen haben. — „Er sieht aus, wie '-n miTU» pIlX" veranschaulicht trefflich eine ausgemerg-lte Gestalt, indem auf jenen R. Zadok hingewiesen wird, der bei seinem täglichen Fasten um die Erhaltung Jerusalems abends an dem Saft einer Feige sich erholte, die er, nachdem er sie ausgefogen, fortwarf. — „6itt Aufgeklärter in a klein Städtle ißtKasche (Grütze) mit The lew (Talg)." Recht bezeichnend; um sich als Aufgeklärter zu gerieren, ißt einer zum Trotz etwas Unappetitliches, um zu zeigen, wie er sich über religiöse Borschristen hinwegsetzt. — — Einen schönen Doppelsinn nutzt die Redensart aus: „As man bläst, wird kalt", soll bedeuten, wenn man im Mul daS Schofar anfängt zu blasen, kommt die kalte Jahrützeit. — Die Unwissenheit, die ein Falschwisjer für Wissen hält, wird trefflich gegeißelt in dem Wort: „As is n Wagen, rS pni 'n Schlitten". Tie beiden Worte aus dem __ Der JSraelit.._ adel von allen Zeitgenossen als maßgebende Autorität anerkannt wuroe, war Rabbi Israel Salant V'pIXT. Dieser hat als 70 jähriger Greis während eines längeren Aufenthalts in Berlin, Deutsch- Lesen und Schreiben gelernt und dann sich mit einem Eifer und einem Erfolg auf das Studium der Naturwissenschaften und speziell der Chemie, geworfen, daß sein Lehrer — ein Student der Chemie — mir nach wenigen Monaten erklärte, der alte Herr könne von ihm nichts mehr lernen! Wenn aber diese gefeierte Autorität im Verein mit vielen ebenbürtigen Gesinnungsgenossen, tatsächlich dagegen war, in russischen jüdischen Lehranstalten neben der Thora auch wissenschaftliche Disziplinen und sonstige Bildungszweige zu pflegen, so müssen die Bedenken in der Eigenart der dortigen Verhältnisse ihre Begründung haben. Das ist nun auch in Wirklichkeit der Fall. Diese Verhältnisse und Zustände muß man gründlich kennen um jene Bedenken zu verstehen und richtig zu würdigen. Um das von Tag zu Tag im jüdischen Deutschland mehr erwachende rege Interesse für unsere russischen Brüder und Schwestern in richtige Bahnen zu lenken, hat sich ein hervorragender jüdischer Gelehrter Rußlands bereit erklärt, eine solche Darstellung der eigenartigen russischen Zustände zu geben, um auf Grund dieser Schilderung den Standpunkt zu erklären, der den maßgebenden Kreisen eine /Verbindung von Thora mit den Disziplinen allgemeiner Bildung an den jüdisch-russischen Lehranstalten nicht für wünschenswert erscheinen läßt. Die folgenden Ausführungen sind eine freie Übertragung dieser in hebräischer Sprache als Manuskript vorliegenden Abhandlung, die den Titel noin führt. Sie geht 60 Jahre zurück und schildert zunächst die politische Lage des Landes, der Regierung, des Beamtentums usw., um dann das Verhältnis zu zeichnen, in welchem die russische Judenheit zu dem allen steht. Die Schrift ist von Anfang bis Ende höchst aktuell und zeichnet sich durch offene, freimütige Darlegung aller Mißstände aus, unter welchen die russische Judenheit und die Verwirklichung und Erhaltung des Judentums innerihalb derselben leiden. Dieser Freimut legt dem Verfasser die Notwendigkeit; aus, seinen Namen ungenannt zu lassen. Seine Meisterschaft in der Prüfung der Ideen, seine gründliche Kenntnis aller einschlägigen Verhältnisse und seine aufrichtige, tiefgründige Gottesfurcht, zeigen den Verfasser als so berufenen Wortführer seines Volkes, daß die Nennung seines vollen Namens, die Bedeutsamkeit dieser literarischen Tat kaum steigern könnte.^ . . . * (Forts, folgt.) Kaddischgebete bedeuten „bald und in kurzer Zeit". Diese Formel ist auch dem Unwissenden geläufig, ohne daß er ihren Sinn versteht; er kennt auch das Wort das hebräische, aber nicht das chaldäische des Kaddischgebetes mit dem Endbuchstaben n, das hebräische aber kennt er,' weil es im Jargon Lebräuchlich ist und „Wagen" bedeutet, ist dies aber „Wagen", so muß das anscheinend daneben stehende n'Hp pni auch ein Gefährte sein, also ein Schlitten. So schließt der Nichtwisser aus falsch Verstandenem wieder Falsches und macht sich lächerlich. — Eine praktische Lehre wird aus Umoeutung einer liturgischen Stelle gezogen: „Es is a großer Chiluk (Unterschied) von mW rpn *pi bis ruiolrpn “pr* Die Liturgie des Versöhnungstages schildert den einstigen Gottesdienst im Tempel, bei dem nur der Hohepriester fungierte. Eines der Gebete wird eingeleitet durch, die Worte: „So sprach er", und die Erzählung von der Funktion des Blutsprengens durch die Worte: „So zählte et", (nämlich die Sprengungen), dies wird hier nun an gewendet auf das Verhältnis von Versprechen und Halten: zwischen Geld zusagen und es aufzählen ist ein großer Unterschiä». — Der hellste Humor lacht uns aus dem Witzwort entgegen: „Ueber a Lügner makcht^man a Brache: «nyD PIVW — Daß der Witz an eigenen nationalen Schwächen sich auch übt, und man ihnen gegenüber nicht blind ist, beweist das Wort: „Der Jud antwortet immer verkehrtsagt rnan^z'u ihm: .antwortet er': oiW DD^y"; es ist klar,^daß hierAscherzweise der jüdische Widerspruchsgeist gekennzeichnet wird- Wir müssen uns mit dieser Auslese begnügen: Die Lebre« der badiscden Synodalwablen. Bon Dr. Ed. Biberfeld in Berlin. Die Synodalwahlschlacht in Baden ist geschlagen. Die Wählerkurie der Laien hat Freund und Feind eine Ueberraschung bereitet - die Rabbinerkurie dagegen desto weniger. Sogar die optimistischste Schätzung der Wahlaussichten für den 15. März hätte ein unserer Sache so günstiges Ergebnis, wie schließlich erzielt wurde, — 16 Gebetbuchgegner, 5 Freunde — vorherzusagen nicht gewagt - von" den Herren Geistlichen versah sich keiner, der die Herren kennt, eines Andern, als nachher wirklich geschah. Die Laiengemeinde hat sich mit erfrischender Deutlichkeit gegen die Exzesse der Reform und ihrer Wortführer in überwältigender Majorität erklärt; die in ihrer Wählerabteilung im sicheren Besitz der Mehrheit befindlichen Herren Reformrabbiner besaßen nicht genügend Gerechtigkeitsefühl, um der unzweideutigen Stellungnahme er Gemeinden gegen das „Gebetbuch" Steckelmacher - Mayerscher Provenienz dadurch Rechnung zu tragen, daß sie der orthodoxen Seite wenigstens einen Sitz freiwillig einräumten. Die Herren haben eben die Situation richtig ersaßt. Hatten sie es nicht hindern können, daß die von ihrem hochmögenden Gönner im Oberrat so oft totgesagte Orthodoxie sich plötzlich im Lande so lebendig und willenskrästig erwies, so sollte und mußte, soweit es an den Herren Rabbinern lag, die Tatsache wenigstens vor den Augen der Welt cachiert werden, daß es in Baden sogar noch gesetzestreue Rabbiner gibt. Das Wahlergebnis in der Rabbinerkurie ist also eindeutig und die Schlußfolgerung aus demselben zwingend. Desto umstrittener ist die Bewertung des Ergebnisses der Wahlen am 15. März: Bedeuten sie einen Sieg der Orthodoxie oder der Reform oder keines von beiden? Zwar sollte man meinen, es sei auch hierüber ein Streit gar nicht möglich. In dem vorangehenden Wahlkampfe war gerade seitens des Oberrats, d. h. seitens seines maßgebenden Mitglieds, des Herrn Geheimen Regierungsrats Dr. Mayer, die Parole „hie orthodox, hie liberal" ausgegeben und damit dem Ergebnisse die Bedeutung einer .Entscheidung darüber, ob auch ferner noch, und sogar mehr noch als schon bisher, Reform Trumpf sein solle in Baden, beigelegt worden. In der Parteinahme für die Reform ist denn auch das Menschenmögliche — und das will im Reiche des Herrn Dr Mayer schon etwas heißen — während des ganzen Wahlkampfes seitens des Oberrats * wir würden den uns zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten, wenn wir uns nicht die nötige Beschränkung auferlegen wollten. Wer auch aus diesen wenigen Beispielen wird der Leser erkennen, welch erne Fülle kulturgeschichtlichen Materials dieses Buch enthält, wieviel es aber auch dem Nichtforscher an Erheiterndem und Belehrendem bietet. Zudem ist die Einrichtung des Buches und die Anordnung des Materials dadurch eine recht handliche, daß die Redensarten sowohl in hebräischer Schrift gegeben, als auch in lateinische transcribiert und in alphabetischer Ordnung aufgeführt sind. Ein ausführliches Glossar, wie auch in den Text ein gestreute Erklärungen erleichtern die Benutzung. Schließlich wollen wir noch bemerken, daß die weit verbreitete Redensart,: „Er s etzt wie ein Bäcker", sich nicht auf dessen Tätigkeit deS Brotbackens bezieht, sondern auf seine Tätigkeit als „Setzer" des Savbatessens; man sagt nun von einem, der ohne Verständnis betet, die - Wort« also sinnwidrig setzt, daß er verfahre wie der Bäcker, der kleine und große Töpfe durcheinander setzt. Dann wäre zu erwähnen, daß in der Redensart rp^>n ist ein r^D, das erstere Wort nicht Tauschhandel, sondern Wechsel bedeutet: ein Wechsel ist ein Messer, eine beständige Drohung, daß die Ehre abgeschnitten werden könne, weil eS hier bei Nichtzahlung keinen Pardon gibt. 8. iWieviel Almosen soll matt geden?) Ueber diese interessante Frage schreibt die '„Märkische BollSzeitung" in einer ihrer letzten Nummern wie folgt: „In der Geschickte des allen Testamentes, wo Gott selbst durch die Propheten seinem Volke Mahnungen, Lehren, und Gesetze gab, finWt man, daß die In oen den Zehnten geben mußten. Im Jubeljahr wurd''