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Der Israelit · 1908-04-15 · Heft 16 (15.4.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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«ette 4. «t. 16 Weise ein Ansporn zur wirtschaftlichen Betätigung ge geben wird. 3- Der Nachwuchs beS ^13 ist, soweit der Einstuß der Chaluka-Berwaltung reicht, erwerbender Arbeit zuzuführen. Eine Kommisfion wird darüber zu entscheiden haben, welche jungen Leute im geeigneten Alter - einem Handwerk über sonstiger geschäftlicher Tätigkeit zuzuführen und welche nach Veranlagung und Neigung dauernd für rnmn 1112!- zu bestimmen find. 4. Die Chaluka-Berwaltung hat die Schaffung von Arbeitsgelegenheit, insbesondere der Einführung geeigneter Sletntndustrie und noch nicht übersetzten Handwerks in Palästina ihre besondere Aufmerksam keit zuzuwenden. 5. Ueber die zweckmäßigere Gestaltung der den anderen zufließenden sogenannten «Kleinen Cha lufcT' bleibt im einzelnen spätere Beschlußfassung Vorbehalten. Keinesfalls soll fie bauernd in kleinen Einzelbeträgen pro Kopf verteilt werben. 6. Die Förderung gründlichen und produktivm Thorastudiums im heiligen Lande soll in Zukunst ein besonderes Augenmerk der Chaluka-Berwaltung bilden. Zu diesem Zwecke sollen einerseits hervorragend begabten Jünglingen größere Jahrespenfionen ausgesetzt werden, die ihnen ein sorgenloses Thorastudium gestatten, andererseits find besonders hervorragende höheren Alters in gleicher Weise im größeren Umfange zu unterstützen. Eine Kommisfion hervorragender n*n t er heiligen Städte hat nach noch näher zu bestim- ' wenden Gefichtspunkten die Auswahl unter den für diese Prämien in Betracht kommenden Jünglingen und älteren n"n zu trefstn. 7. In dem Maße als es gelingt, durch die Einführung von Arbeitsgelegenheit und moralische Einwirkung größerer Bettäge der Chaluka, welche zur Erhaltung der erwerbSlosm Famienväter verwendet wmden, frei zu machen, soll die Förderung von mm und die Unterstützung von Witwen, Waisen älteren Personen und Kranken größeren Umfang annehmen. 8. Die Chaluka-Berwaltung und ihr Jerusalemer Bureau wird nach wie vor die engste Fühlung mit dm geistigen Führern der palästtnmfischm Judenheit aufrecht erhalten und fie soll darauf bedacht sein, baß berm Autorität zum Segen der religiösenBerhältntffe aufrecht erhalten bleibt." An alle Diejenigen, die bisher in treuer Liebe zum heiligen Boden der Väter ihre materielle Unterstützung oder ihre tatkräftige Hilfe uns zugewandt, ergeht nun unsre innige Bitte, jetzt mit verdoppelter Energie für die Mchrung der Chaluka-Eingänge allüberall zu wirken. Groß und gewaltig ist die Aufgabe, die wir uns gestellt: es gllt, Generationen in eine neue Zeit hinüber zu führen, ohne die bewährten Grundlagen des Alten preiszugeben. Die Erforschung der Verhältnisse, die Studien sachverständiger Experten zur Erschließung neuer Erwerbsquellen, die Einrichtung und Förderung industrieller Betriebe, die würdige Versorgung Derer, die wahrhaft heilbringendem Thorastuoium gewonnen und erhalten bleiben sollen, die Fürsorge für Kranke und Erwerblose, Sieche und Alte — das alles erfordert bedeutende Mittel, und nur wenn überall der Ernst der Aufgabe erfaßt, wenn auch die Sympathie weiterer Kreise gewonnen wird,wenn die Freunde der echten Tp** 21V in jedem jüdischen Hause die Herzen zum Spenden u begeistern wissen, nur dann kann es gelingen, as angestrebte Ziel zu erreichen. Möchte namentlich fortan bei jeder jüdischen Simcha, nach gutem altem Brauche der ipk "2P, der Armen des heiligen Landes in reichem Maße gedacht zu werden. Das Ergebnis aller Sammlungen ist an die bekannten Gaboim für '"tt in den verschiedenen Orten Westeuropas und Amerikas oder direkt an uns abzuführen. Dm russische Bildnngsproblcifi. I. Seit mehr als 30 Jahren ist das Schicksal unserer Brüder und Schwestern im großen Zarenreiche Gegenstend meiner angelegentlichstell Aufmerksamkeit. Obwohl im südwestlichen Deutschland geboren und erzogen, hatte ich doch frühzeitig das Glück, mit russischen Glaubensgenoffen aller Stände, in einen Verehr zu treten, der im Laufe der Jahre den Charakter gegenseitiger Wertschätzung und Freundschaft angenommen hat. Dieses lebhafte Interesse für russisch-jüdische Anliegen hat mir oft die Frage eingebracht, ob ich vielleicht selber ein Russe wäre oder doch schon in Rußland gewesen sei. Diese Fragen haben mich immer deshalb unangenehm berührt, weil sie mir zeigten, daß für die Frager die geographischen und politischen Grenzen eines Landes die Schranken bilden, über die auch ihr jüdisches Interesse selten hinausgeht. Die Verneinung der Frage, ob ich schon in Rußland gewesen sei, Pflegte ich in früheren Jahren mit dem Nachsatz zu begleiten, ich sei zwar noch nicht in Rußland, aber Rußland sei schon bei mir gewesen. Aber je länger ich Gelegenheit hatte, mit geborenen Russen und Kennern ihrer sozialen, politischen und religiösen Behältnisse, zu verkehren, desto mehr überzeugte ich mich, daß Rußland noch so wenig bei mir war, wenn ich auch die Auffassungen von 30, 40, 50 Männern und Frauen über die dortigen Zustände erfahren hatte, wie ich den großen Ozean kenne, wenn ich ein halbes hundert Flaschen Seewasser besitze. Wollte man sich bei einem Königsberger über deutsche Zustände unterrichten uno würde nach dieser Information die Verhältnisse in Metz oder Wesel beurteilen, weil doch alle diese Orte in Deutschland liegen, so hätte man ein schwaches Bild von der Unzulänglichkeit und Verkehrtheit )es Urteiles, die sich ergeben muß, wenn man )ie Auffassung Einzelner, und seien sie an und für sich so zuverlässig, als Maßstab für die Beur¬ 16. AprU 1908 teilung der Gesamtheit anlegen wollte. Dabei steht durch den regen Verkehr zu Wasser und zu Land und die direkten Verkehrswege, die ihn vermitteln und von Tag zu Tag mehr auSgestaltet werden, sowie die allgemein obligatorische und überall wesentlich gleiche Volksbildung und einegroße Zahl anderer Momente der fernste Osten dem äußersten Westen in Deutschland tatsächlich viel näher als in Rußland, selbst weniger räumlich weit von einander entfernte Gegenden. Wie der Charakter ganzer Provinzen und einzelner Städte, so unterscheidet sich auch ihre jüdische Bevölkerung in ihren Licht und Schattenseiten, in ihren geschäftlichen und allen übrigen Lebensäußerungen, so daß bei der jüdischen Bevölkerung Lithauens, der Ostseeprovinzen, Russisch-Polens, Südrußlands Beffarabiens, bei den Bewohnern der Grenzdistrikte und denjenigen des Inlandes, man niemals ohne weiteres Schlüsse von den einen auf die anderen ziehen kann. Wer auch nur bei der Beurteilung einzelner Städte einen und denselben Maßstab anlegen und z. B. Wilna und Odessa nach den gleichen Voraussetzungen beurteilen wollte, würde einen verhängnisvollen Irrtum begehen. Dies vorausgesetzt, braucht es nicht erst gesagt zu werden, daß sie dagegen als Zugehörige zu einem und demselben Staatswesen und als Bekenner eines und desselben Judentums ungemein viele Berührungspunkte haben, in welchen sie sich gar nicht oder doch nur sehr unwesentlich unterscheiden. Die schweren Krisen der allerjüngsten Jahre, welche den ganzen russischen Staatskörper durchzuckten und alle Gesellschaftsschichten schmerzlich ergriffen, haben auch die Inden Rußlands stark in Mitleidenschaft gezogen, stärker vielleicht als alle übrigen Volkskreise. Sie haben nicht nur ihren materiellen Wohlstand, sondern auch die idealen geistigen Güter ihres Judentums schwer erschüttert. Durch das materielle Elend einerseits und durch sozialistische, revolutionäre Bestrebungen andererseits find große Teile der Heranwachsenden Generation dem Judentum entfremdet und geradezu feindselig gesinnt worden. Die einsichtigen Führer der russischen Judenheit sinnen schon jahrelang auf Mittel und Wege, wie» diesem schmerzlichen Abfalle mit Erfolg entgegen zu treten fei. Diese betrübende Erscheinung hat aber in den jüngsten zwei, drei Jahren solche Ausdehnung und, einen so geradezu epidemischen Charakter angenommen, daß jeder Verzug eine Verschärfung dieser Gefahr bedeutete. In richtiger Würdigung dieser Erscheinung sind die berufenen Führer des überlieferten Judentums in Rußland zur Beratung zusammen getreten. Von den mannigfachen Maßnahmen, die geplant und zum Teil auch schon ausgeführt wurden, nimmt der lieben Kleinen lernen können! Sollte sich wirklich in per häuslichen Arbeit die ganze Kraft der Frau erschöpfen? Sollten ihre Wünsche und ihre Befriedigung, ihre Sorgen und Hoffnungen nur im Toilettenfchrank wurzeln? Gibt es nicht wirklich noch ein Gebiet außer dem Hause, wo die Frau sich segensreich betättegn kann, wo Neid und Wetteifer anderer zu erzeugen sogar eine gute edle Tat ist? Gewiß gibt es das. Die kleinen treuen Augen des Benno haben ihr dieses geweihte Gebiet gezeigt. „Hier, liebes Kind, dieses Couvert! bringe es rasch Herrn Schulem hin, bestelle unsere Grütze uno wünsche der ganzen Familie recht vergnügte Feiertage!" „Und den Blumenstrauß bringe ich ihnen auch!" jubelte Klein Benno. Er hat alles begriffen und in Windeseile läuft er seiner Mission nach. So leicht und so freudig schlägt fein Herz. Es scheint ihm, als ob sein Wunsch in Erfüllung ging, als wurde er aus einmal mit Schwingen beschenkt, als könnte er nun wie die Bögelchen da oben so durch oie £uft schweben. Und die Spatzen und die Sperlinge sitzen in bat grünenden Zwergen des alten Birnenbaumes und singe« so munter. Auch Benno spitzt den Mund, um rw Fluge zu singen. „U'sm Bergli - Bin i gefasse." — - Aber nein, nein: nicht das'. Andere Worte, die ihm heute aus dem Munde kommen: .K'do lacdmo anjo- Kol dichfin jesse wejechql! Kol dizrich jesse wejifsach!“ ^7 lüdiscbe Sprach* und Sprucbwcisheit. Nicht von der Spruchweisheit eines Salomo will ich hier reden, auch nicht von der Sprechweisheit eines Jesaja, sondern von den Redensarten, die das Ghetto geprägt hat, von der Holksweisheit, die im Judenviertel geboren wurde. Der Jude ist unter dem Druck der Zeiten nicht geistig verkümmert, das offene Auge ist ihm geblieben, die Lebendigkeit und Beweglichkeit des Geistes hat ihn nicht verlassen, sie dürfte sich vielmehr unter dem Drucke noch gesteigert haben. Wie ist es denn gekommen, daß man den Juden nicht zum Paria Herabdrücken konnte, wie vermochte er sich die Spannkraft des Geistes bewahren, er, der jeden Augenblick einen Angriff des Pöbels auf fein Haus und seine Person erwarten durste? Wie vermochten Unsicherheit der Existenz, Verfolgung, Hohn und Spott ih > nicht geist'g entwerten? Die mannigfachen Pflichten, die ihm seine Religion lehrte und deren Erfüllung ihm als heilige Pflicht gelehrt und ihm Norm für sein Leben wurden, stärkten fein Pflichtbewußtfein: er fühlte die Pflicht zu leben, das Leben einzusetzen für sich und die Seinigen trotz aller Misere, die das Leben ihm bot, nicht wanken und nicht weichen, und in diesem Sichrüsten zum Kampfe mit dem Leben stählte er seine geistigen Kräfte, die er brauchte, um sich vom Geschick nicht niederwerfen zu lassen. Aber das Pflicktleben wäre wohl mit der Zeit schlaff und matt geworden, wenn dem Juden nicht oer Born offen geblieben wäre, der mitten in der Nackt, die das Ghetto von außen umhüllte, seinen Geist schellt und Lickt in die jüdischen Hütten und, Häuser gebracht hätte. Es ist die jüdische Lehre, die inr Ghetto eine Stätte hatte und deren Pflege den jüdischen Geist vor Verkümmerung bewahrt hat. Die dialektischen Gänge, die die Measter bestanden, konnte zwar die große Menge nicht gehen, aber ein fleißiges talmudisches Studium in der Jugend hatte dafür gesorgt, daß die Männer Verständnis für sie hatten und sich an ihnen erfreuten, und diejenigen, denen auch dieses versagt war, wurde in Abendvor trägen oder Sabbatreben manche für sie mundgerecht bereitete Kost geboten, daß ihr Geist frisch und lebendig blieb und ein gewisses Maß von Wissen mach diese ssch aneignen konnten. Daher die kritische Veranlagung des Juden und seine Schlagfertigkeit, Eigenschaften, welche den natürlichen Witz erklären, der dem Juden so oft nachgerühmt — oder der an ihm getadelt wird, je nachdem er harmlos, erheiternd, fatyrifch, beißend oder verletzend ist. Am schärfsten findet sich dieser Witz ausgeprägt in den Sprichwörtern und Redensarten, welche sich inr jüdischeil Kreise im Bolksmnnd gebildet haben. Trtffliche Lehren fürs Leben wechseln hier mit Spott und Scherz in vielseitigen Variationen ab. Die Neuzeit dEoht so vieles von diesem reichen Schatze der jüdischen Weisheit in Vergessenheit geraten zu lassen, und dies wäre für die kulturgeschichtliche Erkenntnis der jüdischen Vergangenheit ein großer Verlust. Darum müssen wir Ignaz Bernstein es Dank wissen, daß er mit großer Mühe 3993 „Jüdische Sprichwörter und Redensarten" gesammelt und in splendider Ausstattung auf den Büchermarkt gebracht hat. *) Welch eine Fülle kerngesunden Bolkstvitzes trttt uns hier entgegen, Mlder, oft in einer Realität und Anschaulichkeit, die zum Entzücken ist. Besonders •) Verlag I. Kauffmairn in Franffurr a M., 1908.

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