Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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15. «prtl 1908. Der JSraettr. Sette S. Nr. 16 Londoner Volksversammlung gesprochen hat — so beweist das, wie völlig verständnislos Herr Sokolow der Welt des überlieferten Judentums/- dem Fühlen und Wollen seiner Bekenner gegSnübersteht, und was von den „Pßukim und Memras" zu halten ist, mit denen er so freigebig um sich wirft. Wir hatten Ernst gefordert in einer ernsten religiösen Frage. Herr Sokolow zwingt sich, seine lächelnde Talmid-Ehochom-Stirne einen Augenblick in ernste Falten zu legen, seine „großen Märchenaugen" — alle „Talmide-Chachomim haben nämlich nach Herrn Sokolow „Märchenaugen" — sie leuchten in Kinderunschuld — alle „Talmide Chochominn" haben nämlich zur Bequemlichkeit des Herrn Sokolow auch „Kinderherzen" — und er ruft: „Unwahr!" „Die Sabbathruhe ist absolut!" Potztausend! Da sind die unkindlichen Misrachisten und ihr „redliches taktvolles" Organ schön hineingefallen. Die Vergangenheit ist tot, es lebe dre Gegenwart: die Sabbathruhe ist absolut — was wollt Ihr mehr, Ihr lieben Kinder, steckt Eure Märchenäugen in die heiligen Fotlanten, redet kein „loschaun horah" (am besten redet Ihr gar nichts, das ist am redlichsten und taktvollsten) und laßt den heiligen Sokolow für die Sabbathruhe sorgen. Genug des Jammers! Statt offen und ehrlich zu sagen: innerhalb des Zionismus verlange ich für den Abfall vom jüdischen Gesetze, sür die Abschaffung der religiösen Sabbathruhe dieselbe Existenzberechtigung und dieselbe Würde wie für Gesetzestreue und Sabbatthhut, statt die Konsequenzen der eigenen Gesinnungen auch öffentlich zu tragen, dreht und windet sich Herr Sokolow wie eine Schlange, v'vz-v s"p2 intrn riN um schließlich mit dem Rubulistenkunststück zu enden: „Sie ist absolut!" Absolut, seitdem die „guten Sabbathwächter" ganz programmwidrig die Märchenaugen aufgemacht und die fleißigen Sabbatharbeiter entdeckt haben!! * Diese unehrliche Inkonsequenz wäre unbegreiflich, wenn es dem schreibgewandten Herrn Sokolow nicht darauf ankäme, zwei Fliegen mit einer Klappe zu fangen. Er will Gedankenfreiheit, „Jdeenkampf" zu Gunsten der Herren Ben Jeyuda und Genossen — aber er darf doch auch auf die „Traditionellen" nicht verzichten, deren Gutmütigkeit am Ende durch den „am-haarezischen" Israelit und durch die paar „Chelb'- nah"-Misrachisten irregemacht werden könnte. Darum muß die Fiktion aufrecht erhalten werden, als sei die Sabbathruhe im Zionismus ein ganz selbstverständliches Ding, während inWahrheit aus der Gedankenwelt eines Sokolow, wie überhaupt aus jeder rein nationalen Prägung des Begriffes „Judentum" auch nicht im entferntesten eine Verpflichtung zur .absoluten Aufrechterhaltung der religionsgesetzlichen Sabbathruhe hergeleitet werden kann. Das ist's, was den Vorgängen ihre sachliche Bedeutung verleiht, die weit über die Person des Herrn Sokolow hinausragtdas allein hat uns veranlaßt, diesen Vorgängen Zeit und Raum zu widmen, und das auch sollte die gesetzestreuen Zionisten vor allem veranlassen, auf die schärfste theoretische Formulierung und auf die immer wiederholte lauteste Verkündigung ihrer religiösen Prinzipien bedacht zu sein, gerade weil sie — im Gegensatz zu unserer Überzeugung — die Hoffnung hegen, diese Prinzipien innerhalb des Zionismus, als Fraktion in einem großen Ganzen, zum Siege führen zu können. Herr Sokolow allerdings spekuliert ja im Gegenteil darauf, die „Traditionellen" eines Tages zu der Einsicht zu bringen, „daß der Zionismus die Öu intessenz der jüdischen Tradition" sei. Das ist ein hübsch zugespitztes Wort, das die alte jüdische Wahrheit elegant in der Versenkung verschwinden läßt, und dem wir — ob Zionisten oder nicht — als Juden die Losung entgegensetzen müssen: Die Quintessenz des echte« Nationaljudentums ist die das ganze Leben bezwingende Sinaiwahrheit, der nicht in der Dämmerung des Sokolowschen Bethhamidrasch mit Märchenaugen und Kindeseinfalt, sondern nur durch kraftvolle Entschiedenheit mit wachem, aufs Leben gerichteten Blicke gedient wird. Jttdifrfies ünterrtdifsmefen in Rufiland. In der russischen Reichsduma ist in der abgelaufenen Woche auch das Bildungswesen der Juden gestreift wordenes war nur ein kurzer, kaum von allzu großem Wohlwollen getragener Hinweis auf die formalen Ungleichheiten in der staatlichen Würdigung der Chedarim, aber er «um zu zeigen, daß über kurz oder lang , deren Fragen, die sich hier aufrollen, von außen angeschnitten werden müssen, wenn sie nicht im Innern ihre Lösung finden. Das empfinden auch unsre russischen Brüder sehr wohl, und mit ihnen empfinden es die an der Erhaltung des russischen Judentums in hohem Grade interessierten orthodoxen Kreise Deutschlands. Sollen wir aber unsren Gesinnungsgenossen im Osten bei der Lösung dieser Probleme etwas leisten können, so müssen wir vor allen Dingen den Standpunkt der russischen Rabbinen eingehend studieren und uns bemühen, ihm dasjenige Verständnis entgegenzubringen, das Männer von ihrer Geisteshoheit und Denkfcharfe auf alle Fälle beanspruchen dürfen. Wir beginnen daher an anderer Stelle mit der Veröffentlichung einer Artikelreihe, welche die Meinungen der zunächst Betelligten und Berufenen, der russischen D'^na, wiederaiebt und die wir darum der Aufmerksamkeit der führenden Instanzen innerhalb der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands besonders empfehlen. Wir selbst können uns keineswegs völlig mit dem Standpunkt des Verfassers jener Aufsätze identifizieren, glauben vielmehr, daß es hier wie anderwärts gelten wird, in eingehender gegenseitiger Aussprache den Weg zu finden, der zu dem von beiden Seiten ersehnten Ziele führt. Da$ neue Palästina-Bureau. Amsterdam, den 9. April Bon seiten der Pekidim und AmarkaliM der Gemeinden des heiligen Landes zu Amsterdam, wird uns geschrieben: Nach sorgfältigen Vorarbeiten wird eS uns nunmehr vergönnt sein, bald nach NvS in der heiligen Stadt unser Palästina-Bureau zu eröffnen, dem wir die Vertretung der von uns zu fördernden Interessen an Ort und Stelle fortan übertragen. Zur Leitung des Bureaus ist Herr I. Hor ov icz, bisher Oberrabbiner in Also-Kubin (Ungarn), ausersehen worden, in dem wir die geeignete Persönlichkeit für die Lösung der audem Wechsel der Zeitverhältniffe sich ergebenden neuen Aufgaben unserer Verwaltung gefunden zu haben glauben. Die Richtlinien der in Aussicht genommenen Reorganisation sind folgende: „1. Nach wie vor erblickt die Chaluka-Berwattung ihre Aufgabe darin, 21V kllUv im Sinne des überlieferten Judenmms zu fördern. Daraus folgt einerseits die Notwendigkeit, der jüdischen Bevölkerung Palästinas ein Existenzminimum zur Fristung des Lebens zu sichern, fie ferner, so weit dies nach dm gegebmm wirtschaftlichen Vorbedingungen möglich ist, auf eigene Füße zu stellen, cmderersettS aber auch die Pflege eines umfassenden, gründlichen und ergebniSreichm ThorastudiumS, sowie die Auftechterhaltung einer gewissenhaften jüdisch-religiösen Lebensführung mit aller Kraft zu fördern. 2. Die Besitz- und ErwerbSverhältniffe der Angehörigen des Y'IH ^12 sollen mit Hilfe unserer Beamtm noch gründlicher und zuverlässiger als bisher festgestellt werdm. Darnach find diejenigen Personen von der Chaluka auszuschlicßen, die ihrer etwa nicht unbedingt bedürsen. Dabet soll jede unnötige Härte natürlich vermiedm und insbesondere so vorgegangm werdm, baß nicht der volle Arbeitsverdienst, sondern nur ein Bruchteil desselben an dem Chalukabetrag abgeht, damit auf diese Käufer, kein freundlicher Landjäger, und keine baren Goldmünzen . . . Nichts als der schwarze Hausierer-, kästen dort in der Ecke und der gewaltige Gliederschmerz, der ihn auch heute, wie immer bei nasser Witterung, ans Bett fesseln wird. Grau und düster wie der bewölkte Himmel steht die nackte rohe Wirklichkeit vor dem armen Schulem. Warum konnte er öen schonen Traum "mchk fertig träumen? Dieses grausame Erwachen! Bei schönem Wetter trifft man keinen daheim, bei schlechtem kann er, vom Rheumatismus gelähmt, nicht hinaus. Was soll daraus werden? Das Fest rückt immer näher heran. Noch keine Mazaus . . . Noch nichts . . . lind die Bögelchen sitzen auch über dem Fenster der Dachkammer und singeii, so süß und so traurig... Hoch erhaben über den Mensche, ihren Leiden, So»- gen, Gedanken und Plänen zlvitschern und flattern sie. Zwei Sperlinge sahen sich lange an, berühren sich mit ihren weißen Schnäbelchen, als tauschten sie ein Geheimnis aus, und fliegen dann in Reih und Glied singend zum Binenbauine, der ihnen freund lich zunickt und sie in seine inneren trocken gebliebenen Aeste aufnimmt. ' Nun war der Rüsttag des Pessachfestes da. Der Himmel hatte ein Einsehen. Am nordöstlichen Horizonte heiterte es auf. Erst eine kleine, blaue Insel mitten im grauen Nebelmeere, die immer größer rmncke. Dann verschwamme» nach und nach die grauen Massen und die Sonne schaute in voller Pracht vom blauen Himmel herunter, überall, auf Feld und Flur, sogar auf die zahlreichen Misthaufen goldene warme Strahle« werfend. An den Felsenhecko^ wo der Wasserstrahl mit mächtigsm Wmm& dÜMühle treibt, war ein Jauchzen und Jubeln. Die Abhänge waren von duftenden blauen Veilchen bedeckt und auf der Wiese strotzten im goldenen Sonnenschein tausend Blümelein, weiße, gelbe und rote. Hunderte von Kindern hüpften lustig und wanden Kränze. Und hoch oben saßen die Vögelchen und sangen im Chore. Vom Lohhofberg ertönte auch die Stimme des Kuckuck. Doch es war me Prophetrnstimme in der ^Wüste; keinem siel es heute ein, ihn zu fragen, wie lange man noch zu leben hatte. Lange, recht lange, und immer jung, immer frohgemut. Immer der Sonne nach, Blumen pflücken und Kränze winden. Auch Frau Goldherz, die im Salon noch die letzten Vorbereitungen für die Sedertafel traf, war es gar wohlig zu Mute. Was doch das Wetter einen Einfluß auf's Gemüt hat, dachte sie. Dankbar schaute sie nach dem klaren Himmel und dann auch nach dem Toilettenschrank. Der prächtige Hut wird morgen zu Ehre kommen. Die breite, schiesliegende Feder, die ganze chicke Fasson — er wird Sensation erregen! — Der Himmel ist barmherzig und gönnt der Frau nach den sorgen- und mühevollen Tagen auch wahre und echte Festfreude. — Da huscht Klein Benno ins Haus, in der Harrd einen niä>üch«n Beilchenkranz und den Hut mit bunten Wiesenblumen umkränzt. Aber seine Augen schauen traurig. „Woher? Warum?" wollte Frau Goldherz ihren Liebling fragen. Aber er kam mit der Frage zuvor: „Mama, kannst du auch K'ho lachmo übersetzen?" „Ja! Ich denke — aber »parum mein Kmd?" Doch Benno fragt weiter: „Weißt du auch, liebe Mama, warum dieses Gebet nicht wie die anderen der Hagadah hebräisch, sonder» Maldässch -chhriebev ist?" „Das weiß ich allerdings nicht. Warum?" „K'ho lachmo ist eine Einladung an die Armen, an die Hungrigen und Dürftigen, die mit uns das Fest feiern sotten. Die Einladung muß in der Sprache ergehen, die auch die Aermsten verstehen, diese war damals chaldäisch. Jetzt aber, erklärte der Herr Lehrer in der Religionsschute, sollte zwar das Gebet chaldäisch gesprochen werden, aher sein Sinn muß zu nutzen der Armen betätigt werden. Nnb zwar nicht exft am Sederabend, sondern schon Tage vorher. Auch die Armen sollen rechtzeitig alles fürs Fest richten können." Ter Kleine sprach es so natürlich, so lieb, daß es auch der Mutter weich ums Herz wurde. Sie sah ihn etwas verlegen an. „Wo hast du denn jetzt diese Weisheit aufgelesen? Doch nicht auf der Wiese?" „Doch, liebe Mama! Auf der Wiese! Und das ging so zu. Wir sammelten munter Berlchen an der Felsenheck?. Da sah ich den alten Schulem den Bergweg hinnnterkommen. Er hatte den schweren Pack auf den Rücken und ging ganz gebückt. Seine Kinder, die erst lustig mit uns spielten, liefen ihm jubelnd entgegen. Doch er schaute sie still und traurig an, da wurden fie auch traurig und still, und traurig gingen fie zusammen nach Hause. Auch ich hatte gar keine Lust mehr Blmnen zu lesen. Es fiel mir ein, daß die Kinder von Schulem mir vorgestern sagten, sie hätten noch keine Mazzoh, es fiel mir das K'ho lachmo in der Hagodoh etit und das, was der Herr Lehrer erklärt hat. Es fiel mir so manches Traurige ein und so verließ ich die Blumenwiese und die Beilchenhecke und lief zu dir, lieb Muttchen." — — In den Augen der Frau Goldherz perlte eine heiße Träne. Was wir doch nicht alles von unsere»