Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1908)
- Date
- 1908-04-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449298-2449314--64382-2506970- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9. April 1908 Der Israelit. Seite 11. No. 15. den Gerechtigkeit. Was geschah aber bis dato zu diesem Antrag? Dasselbe, wie in der Leseöuchfrage. Es wurde eine Kommission gebildet, die sich wieder auflöste. Es soll nicht bei Worten bleiben, Taten will man sehen. Unser vielgerühmter Idealismus wird in dem Augenblicke zum Verbrechen, wenn wir ruhig die Hände in den Schoß legen und zusehen, wie das Schreckgespenst der Not immer näher an uns herantritt. Die geschilderten Gegensätze auszugleichen, kann nur auf gesetzgeberischem Wege geschehen. Sache der berufenen Stellen, wie des bayerischen Rabbinerverbandes, des israelitischen Lehrervereins, des Landesvereins, des pfälzischen Lehrer und Kantorenvereins, ist es, an den Landtag in dieser Angelegenheit zu petitionieren. Man wird hier auf die bereitwillige Hilfe des Staates treffen, umsomehr als kein nennenswerter Zuschuß von nöten wäre, wenn ein anderer gleichmäßiger Steuermodus für alle Gemeinden eingeführt würde. Bis jetzt erhebt jede Gemeinde soviel Steuern, als sie zur Bestreitung ihres alljährlichen Budgets bedarf, und da ist es selbstverständlich, daß die großen Gemeinden, die gewöhnlich auch irr den größeren Städten zu finden sind, einen viel kleineren Steuersatz für ihre Mitglieder habeii als die kleinen Gemeinden. In dem Dörfchen P. war eine Witwe mit 80 Mark Kultussteuern belastet In Nürnberg, wohin dieselbe verzogen ist, ist sie steuerfrei. In S. mußte ein sehr wohlhabender Mann 300 Mark Kultusfteuern zahlen. In Nürnberg entrichtet derselbe jetzt nur ca. 80 Mark. Solche Beispiele könnte man nach Hunderten aufzählen. Auch bezüglich der Anstellung der Religionslehrer und Kultusbeamteu müßte vom Lehrerverein dahin gewirkt werden, daß das Damoklesschwert des Provisoriums vom Haupte des Stelleninhabers nach einer kurz bemessenen bestimmten Zeit entfernt werde. In der nächsten Zeit werden im Landtage die Verhältnisse der Privatkirchengesellschaften zur Sprache kommen und da ist mit Sicherheit anzunehmen, daß auch der jüdische Kulms berührt werden wird, umsomehr als der Rabbinerverband und noch einige Korporationen um Gewährung eines Zuschusses petitionierten. Die Berufenen sollten jetzt alle Hebel, in Bewegung setzen, damit der Landtag das veraltete Edikt vom 10. Juni 1813 einer Revision unterziehe. Klingt es doch wie ein Hohn, wenn vom Rabbiner, Religionslehrer und Kantor verlangt wird „daß sie (§ 27 Abs. c.) ohne Makel des Wuchers oder eines betrüglichen Bankerotts und sonst von einem guten und sittlichen Lebenswandel sind." Wir können mit berechtigtem Optimismus an diese Frage herantreten, nachdem z. Zt. die bayerische Regierung, sowohl, als auch der Landtag zum größten Teil konservativ gesinnt sind, die Rabbiner fast alles?) dieselbe Gesinnung hegen und die Annäherung der feindlichen Brüder in den beiden führenden Gemeinden in letzter Zeit zur Zufriedenheit der Beteiligten sich vollzogen hat, so daß also die Gewähr vorhanden ist, daß eine Neuorganisation auf konservativer Grundlage geschaffen werden kann.*) Aus Kessen. In der zweiten Kammer richtete der Vertreter für Worms, Herr Abgeordneter Re in hart, bei dem Titel Volksschule folgende Anfrage an die Regierung: Meine Herren, auf dem 31. Landtage batte der Herr Abg. Backes einen Antrag gestellt betreffend die Ausbildung und Anstellung der israelitischen Religionslehrer im Großherzogtum Hessen. Dieser Antrag wurde von beiden Kammern mit Zustimmung der Großherzoglichen Regierung angenommen. Die Annahme dieses Antrages hat a er nicht dazu geführt, daß die Notlage, in der sich die israelitischen Religivnslehrer der Land- Gemeinden befanden, beseitigt wurde. Man war nun der Meinug, daß die Borlage über die Organisation der israelitischen Religionsgemeinschaften, wenn sie Gesetz werde, die Wege finden würde, um die Lage der israelitischen Bolksschullehrer zu beffern. Nach der Anschauung, wie sie in diesem hohen Hause vorherrschend ist, scheint dieses Gesetz aus diesem Landtage nicht mehr zur Verabschiedung zu gelangen, die Notlage jener Lehrer wird also bestehen bleiben. Ich möchte daher die Großherzogliche Regierung fragen, welche *) Die Uebelstände find zutreffend geschilderteine auf staatlichem Zwange beruhende Zentralkaffe aber perhorreszieren wir als Heilmittel entschieden. Red. d. Jsr.) Wege sie inzwischen aegangen ist, um vielleicht schon alsbald dort, wo Notstände waren, Remedur zu schaffen, und welche Absichten sie für die Zukunft hat, um die Verhältnisse zu beffern, die mißständig sind. Die Antwort des Regierungsvertreters, Geheimrat Dr. Eisenhut, lautete: „Auch für den Fall, taß die Vorlage nicht Gesetz wird, ist die Möglichkeit gegeben, israelitische Religionslehrer mit den Rechten der Bolksschullehrer definitiv anzustellen. Es ist nur notwendig, daß der betreffende Lehrer mindestens 20 Stunden hält, und diese Zahl von 2(1 Stunden kann unter Umständen dadurch erreickt werden, daß mehrere Gemeinden Zusammengehen Wir haben das schon in verschiedenen Fällen fextlg gebracht und werden in dieser Richtung noch weiter gehen." Nachschrift der Redaktion: So erfreulich an und für sich die Tatsache ist, daß Landtag und Regierung nach wie vor reges Interesse für die jüdischen Religionslehrer an den Tag legen, so können wir doch nicht umhin, es aufrichtig zu bedauern, daß das Wohlwollen der Regierung sich in einer Weise äußert, bei der das weit überwiegende Gros der Lehrer leer ausgehen muß. Schon die erste Anforderung, daß nur Lehrer mit 20 Wochensiunden die Rechte der Volksschullehrer erhalten können, schließt einen recht großen Teil der Kollegen davon aus. Dazu kommt aber noch der Umstand, daß die Verleihung des genannten Rechts davon abhängig gemacht wird, daß der Betreffende die nöTiff nicht ausübt. Leider ist nur sehr wertig Aussicht dafür vorhanden, daß die Regiermtg ihren Standpunkt in dieser Frage ändert, trotzdem sie weiß, daß in Bayern, Württemberg und Preußen die jüdischen Bolksschullehrer in vielen Fällen die «iV'uE^rsehen, ohne daß diese Tätigkeit ihrem Anseheü oder ihrer beruflichen Wirksamkeit irgendwie Abtrag tut Hoffen nur, daß die in Aussicht genommene anderweitige Regelung der Verhältnisse der jüdischen Religionslehrer (siehe auch den Konferenzbericht) der Gesamtheit der Lehrer zugute kommt. Zabrezbericdt der Hcbaiva für das Jahr 1907. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man sich des Längeren über die segensreiche Wirksamkeit der Achawa verbreitensie wird von allen Seiten gewürdigt. Sie hat im abgelaufenen Jahre für Pensionen an 118 Unterstützungsberechtlgte 23348,75 Mk., für einmalige Unterstützungen, aus dem Reservefonds 1877 Mt. aufgewandt: für das laufende Jahr kommen 24 030 Mk., also ca. 1600 Mk mehr zur Verteilung. Damit geht die Achawa bis an die Grenze des Zulässigen, denn da ihre Einnahme pro 1907 nur 31498,15 Mk. beträgt, so verausgabt sie — die Berwaltungskosten mit ca. 1200 Mark eingerechnet — ea. 90 Prozent derselben. Ihrer Verwaltung kann man also wahrlich nicht den Bor Wurf machen, daß sie die Gegenwart zugunsten der Zukunft vernachlässige. Die Unterslützungsyuote von 180 Mark entspricht vielmehr ganz genau < en Anforderungen einer zwar vorsichtigen, aber doch äußerst wohlwollenden Kasseführung. Höher kann sie nur dann gehen, wenn alle aktiven Mitglieder der Aufforderung der Verwaltung Nachkommen, „daß jeder in seinem Kreise Ehrenmitglieder und vor allem seinen Gemeindevorstand mit einem Jahresbeitrag für die Achawa zu gewinnen sucht." Wie sehr aber die Achawa aus die Unterstützung wohlhabender Glaubensgenossen angewiesen ist, geht schon aus dem Umstand hervor, daß von den aktiven Mitgliedern nur 3970 Mk. an Jahresbeiträgen und 1146 M. an Einkaufsgeldern, also noch nicht einmal ein Sechstel der Gesamteinnahmen, aufgebracht wurden. Was die Unterstützungsberechtigten anlangt, so sei auch hier wieder vor allem auf die große Zahl der Witwen hingewiesen: acht alleinstehenden dienstunfähigen Lehrern und 34 Ehepaaren stehen 74 Witwen gegenüber. Da das uns zur Verfügung stehende Material zu einer sicheren Beurteilung nicht ausreicht, so sei hier nur der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß von berufener Sette über die Jnvaliditäts- und Mortalitätsverhälwisse der jüdischen Kuitusbeamten einmal gründliche Berechnungen an gestellt werden mögen. Uns scheint, als ob sie recht ungünstig wären: 401 aktiven Mitgliedern des abgelaufenen Jahres stehen 118 Unterstützungsberechtigte — also ca. 30 Prozent — gegenüber. In Wirklichkeit stellt sich dieser Prozentsatz noch viel ungünstiger, da ja nicht die Zahl der gegewärtigen Mitglieder in Rechnung gebracht werden darf, s.ndern derjenigen, die der Achawa vor ca. 25 Jahren angehörten. Diese Er Hebungen find umso notwendiger, da von autoritativer Seite (vergleiche die Artikel von Peritz-Königsberg in Nr. 52 deS „Israelit" vom vergangenen Jahre und in Nr. 3 und 4 d. Js.) gegenüber dm paatltchen Pensionskassen' der Errichtung einer eigenen jüdischm Berficherungskaffe das Wort geredet wird. Ist diese Sette der Angelegenheit genügend beachtet worden? Die Langlebigkeit der Juden ist eine Tatsache, de von dm Versicherungsgesellschaften ausreichend gewürdigt wirdfür die jüdischen Kultusbeamten scheint sie aber leider nicht zu bestehen und eben dm um sind Vereine wie die Achawa ein großer Segen für sie, weil sie ausgleichend wirken. Möge sie auch weiter erstarken und ihre Segnungen zur Ehre des Judentums verbreiten! Deutsche Erziehung Praktisch theoretische Grundlagen einer allgemeinen deutschen Erziehung von Alfred von Salten - Teutonia-Verlag, Leipzig - Preis 3 Mk. Das vorliegende Werk wendet sich in erster Linie an Studierende und angehende Lehrer und will ihnen ein treuer Freund und Ratgeber sein. Bielles ist, da das Buch nur eine Uebersicht bieten will, wirklich eben nur angedeutet, aber aus jeder Zeile, ja oft aus einer hingeworfenen Bemerkung ersieht man, daß man es mit einem Manne zu tun hat, der, obwohl in strengem Wortsinn kein Fachmann, sich doch auf dem Gebiete der Erziehung sehr gründlich umgesehen hat und nicht nur die Werke der zünftigen Pädagogen kennt, sondern auch die zeitgenössische Literatur, so reit sie die Erziehungsstagen str ist, in den Kreis seiner Betrachtung einbezieh;. Trotz seiner sehr großen Belesenheit vermeidet er aber mit gutem Geschmack das gerade bei pädagogischen Schriftstellern so beliebte Verfahren, ihre Ansichten durch möglichst zahlreiche Zitate zu unterstützen. Salten gehört nun zu den jugendlichen Stürmern, denen man nicht überall folgen kann. Insbesondere sind seine Ansichten über die Bedeutung der Religion für die Erziehung für uns unannehmbarer nähert sich darin dem Standpunkt Scherers. Wenn er sich nur für die Verbannung des zwangsmäßigen Religionsunterrichts aus der Schule — wie auf Seite 105 — aussprecheu würde, so könnten wir ihm ja aus vollem Herzen zustimmen und auch daß er den in Frankreich eingesührten Moralunterricht verwirft, findet unfern sollen Beifall, denn auch dieser wird stets eine „!onfe!sionelle" — lies christliche — Färbung annehnien, aber er will beide durch einen „gesunden germanischen 00 Kulturunterricht" ersetzt wissen, den er folgendermaßen charakteristerr: „Buddha und Jesus, Konfuzius und Mahomet, Apollo und Balder müssen — gleichviel ob historische oder mythische Gestalten — nebeneinander betrachtet werden und der gereifte Zögling wll ein eigenes Urteil über die Wahrheiten und Schönheiten der morgen!ändischen wie der abendländischen Religionen sich zu bilden vermögen." Die „gerei ten Zöglinge" sind selbst in der Prima des humanistischen Gymnasiums recht dünn gcsgr und in der Regel werden sie sich das auch „konfessionell getrübte" Urteil ihres Lehrers zu eigen machen. Da mag es doch vorläufig bei dem bisherigen Verfahren sein Bewenden haben. Seine übrigen Forderungen kann man bis auf einige wenige ruhig unterschreiben, teilweise sind sie sogar schon an vielen Schulen durchgeführt, wie der Wegfall des wissenschaftlichen Nachmittagsunterrichts, gemeinsamer Unterricht für beide Geschlechter (Koedukation) u. a. m. Insbesondere aber ist es ein Gebiet, auf dem er unsere vollste Beachtung verdient, nämlich in bezug auf die Erziehung des weiblichen Geschlechts. Was er auf Seite 77 darüber sagt, dürsten auch unsere jüdischen Frauenrechtkerinnen, die sich nur dann gebildet Vorkommen, wenn sie die extremsten chlagwörter im Munde führen, ein wenig beherzigen. Er warnt nämlich davor, das Bestreben nach wi'senschaftlicher Ausbildung in weitere weibliche Kreise zn tragen. Wenn hervorragend begabte Mädchen sich dem Studium widmen, mögen sie es immerhin tun, wenn sie Befriedigung darin findenmittelmäßige Kräfte werden aber dauernd Schaden dabei leiden. „Daß die angestrengte Kopfarbeit, die gerstige Anspannung, die der Besuch einer Mittelschule in den Jahren der Entwicklung mit sich bringt, der gesunden körperlichen Entwicklung zur Mutter höchst hinderlich ist, kann keinem Zweifel unterliegen." Wir empfehlen das flottgeschriebene und doch recht gediegene Werk all denjenigen, die sich für Erziehungsstagen intereffieren, zu aufmerksamer Lektüre. Briefkasten. F. in B Trotz des offiziellen Protokolls erlauben wir uns daran zu zweifeln, daß sich R. in Hannover so ausgedrückt hat, wie dort angegeben. Er kennt die hervorragenden Verdienste Lebermanns und des früheren Obmanns Backes zu genau, um beide so ganz mit Stillschweigen übergehen zu können. Bon einer „Tättgkeit" in der angedeuteten Richtung hat aber bisher noch kein Mensch etwas erfahren. Einer Richttgstellmig bedarf die Sache nichtwir in Hesien sind ja genügend orientiert und für die Außenwelt hat sie doch zu wenig Bedeutung.