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Der Israelit · 1908-04-09 · Heft 15 (9.4.1908) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 15 (9.4.1908)
Date
1908-04-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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^emlleton-Beilage zu Nr. \5 des „Israelit". Der €nkel. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Da umklammerte der Kuabe die Hand seines Großvaters. „Immer will ich bei euch bleiben — immer! — Papa— Papa! — o mein lieber lieber Papa! —" und plötzlich stürzte ein Strom von Tränen ihm aus den Augen, während die Zuckungen noch immer nicht nachließen. „Um Gott, Edwin, warum weinst du? rief Elementine, die eben mit dem erwähnten Kleidungsstück in's Zimmer trat. „Laß ihn nur weinen" sagte Irma „dann wird ihm leichter werden." „Aber nein, Edwin darf nicht weinen, der Herr Sanitätsrat hat es verboten, er kann sonst wieder krank werden. Ich werde Jean sagen, er soll den Sanitätsrat holen." „Nein! nein!" rief Edwin, „nicht den Sanitätsrat!" Die Eltern aber winkten ihr znstimmend, denn das übermächtige Herzklopfen des erregten Knaben war beängstigend. Es währte auch nicht lange, so hielt der Wagen des Hausarztes vor dem Hause. Gotthold ging ihm bis in's Borzimmer entgegen. „Ergebener Diener, Herr Gotthold! was geht denn vor?" „Edwin hat sich maßlos aufgeregt und sein Herz pocht geradezu unheimlich rasch." „Wenn er sich aufgeregt hat, ist das natürlich. Aber was hat es denn gegeben? worüber hat er sich denn so aufgeregt?" Gotthold zuckte die Achseln. „Genaues weiß ich nicht — er scheint irgend etwas vorgehabt zu haben mit seiner Mutter." „Mit seiner Mutter? ist die Frau denn toll geworden? — Verzeihen Sie, Herr Gotthold, es ist Ihre Schwiegertochter, aber ich habe ihr doch gesagt, daß der Junge herzleidend ist und habe ihr auf die Seele gebunden, daß er beständig mit größter Schonung behandelt werden muß." „Ich Miß" nicht genau, was vorgefallen ist," sagte Gotthold „aber ich möchte sehr bitten, Herr Sanitätsrat, keine diesbezügliche Frage an das Kind richten zu wollen, seine Aufregung würde sich dadurch nur steigern." ' , „Selbverständlich" sagte der Sanitätsrat ^fär die momentane Behandlung ist die Ursache auch gleichgiltig. Das Weitere aber müssen wir morgen besprechen." Die Herren begaben sich in das andere Zimmer, der Arzt sprach freundlich und beruhigend, neigte sich über den noch immer zuckenden Knaben und erklärte das Herzklopfen für unbedeutend, das ganze Unwohlsein vermutlich für eine Folge des unfreundlichen Wetters, weshalb er auch empfahl, den Knaben heute nicht mehr über die Straße zu schicken. Könnten Sie ihn nicht für diese Nacht hier behalten, Frau Gotthold?" „O gewiß," entgegnete Irma „für unfern Edwin haben wir immer Platz." „Schön, schön, dann laffen Sie ihm von ihrem. Jean auf Eis gekühlte Umschläge auf das HetH machen, alle acht bis zehn Minuten einen fischen, der Alte versteht das ausgezeichnet — und geben ihm alle Stunde einen Eßlöffel voll von d« Mixtur, die ich verschreiben werde. Dann wird morgen wieder all in the best condition fein, dafür stehe ich." „Morgen kann ich doch in die Schule gehen," sagte Edwin. „Wenn das Wetter mild und warm ist, habe ich nichts dagegen aber wenn es rauh und stürmisch wäre, wie heute, müßte ich entschieden widerraten. Na, hoffett tvir das Beste, vielleicht weht morgett Frühlingsluft, hitt tmd wieder kommt das auch im November vor. Nur kein solch betrübtes Gesicht! wenn die Witterung das morgen vielleicht auch tticht gestatten sollte, so hat das doch nichts zu sagen, die Schule läuft dir nicht davon. Und wentl du dich morgen noch schottst, hoffe ich, dir übermorgen auch bei ungünstigem Wetter das Ausgehen gestatten zu können. Adieu liebes Kind! — Ergebener Diener, gnädige Frau!" Er entfernte sich grüßend, der Hausherr begleitete ihn ins Vorzimmer. „Wie finden Sie das Kind, Herr Sanitätsrat?" Dieser zuckte die Achseln. „Der arme Junge leidet sehr, doch wenn 'er sich einige Tage ruhig verhält und namentlich vor jeder Gemütserregung behütet nürd, so wird er sich wieder so frisch fühlen, uiie vordem. Aber Herr Gotthold, ich muß Sie aufmerksam machen, daß Sie als Vormund verpflichtet sind, dafür 51t sorgen, daß derartiges nicht wieder vorkommt. Eine ähnliche Aufregung könnte gar leicht verhängnisvoll werden, eine Katastrophe herbeiführen." Gotthold verfärbte sich. „Ich muß überlegen —" Er ward unterbrochen, das Hausmädchen seiner Schwiegertochter war gekommen, um im Namen ihrer Herrin zu fragen, ob Edwin hier wäre, eventuell ihn aufzufordern nach Hause zu kommen zum Abendbrot." „Bestellen Sie Ihrer gnädigen Frau einen Gruß von mir" sagte der Sanitätsrat, „Edwin wäre erkrankt, könnte heute nicht nach Hause kommen, ich hätte es verboten." „Hergott! was ist denn dein jungen Herrn passiert? er war doch heute Mittag ganz frisch und munter." „Ja, ja, so geht's, heute rot, morgen tod." „Um Gott, Herr Sanitätsrat, so arg ist's doch nicht?" „Nein, Gottlob, so arg ist es jetzt nicht, aber damit es nicht so arg wird, darum muß Ihr junger Herr hier bleiben, bei seinen Großeltern. Das sagen Sie Ihrer gnädigen Frau." „Sagen Sie, ich würde sofort hinüberkommen," fügte Gotthold hinzu. „Das ist allerdings notwendig" bemerkte der Arzt, als das Mädchen sich entfernt hatte, „die Frau ist so entsetzlich unvernünftig, so lieb sie ihr Kind vermutlich hat, sie wäre imstande, gleich jetzt herüberzukommen und hier zu schreien und zu lärmen ohne Rücksicht auf den armen kranken Jungen." „Ich werde dem Vorbeugen" versetzte Gotthold, nach seinem Hute greifend. Er begleitete den Sanitätsrat die Stiege hinunter, dann begab er sich hinüber in die Wohnung seiner Schiviegertochter. Er traf Malwine bereits in Regenmantel und Kapuze, um ihren Sohn aufzusuchen. „Guten Abend Papachen! — Eben bin ich im Begriff zu euch zu kommen, um mich nach Edwin umzusehen. Was hat er denn angestellt, daß er so plötzlich erkrankt ist? —Das Mädchen war ganz konsternrrt über die sonderbare Ausdrucksweise des Sanitätsrates." „Laß' uns in das Zimmer gehen, drinnen werde ich dir alles mitteilen, was der Arzt gesagt hat." „Wenn eS dir recht ist, Papachen, so gehe ich mit dir zu euch, ich muß doch nach meinem Jungen sehen." Ihr Schwiegervater schüttelte. den Kops. „Für heute geht das nicht, der Sanirätsrat hat ausdrücklich verboten, außer unserm Bedienten, der ihm Eisumschläge macht, irgend jemanden zu ihm zu lassen." „Aber dieses Verbot kann sich doch nicht auch auf mich erstrecken, arrs seine Mutter." „Laß uns hineingehen, ich teile dir drinnen eingehend alles mit." „Nun, wenn Ihr mich durchaus nicht drüben haben wollt — meinethalben — ich kann zu Hause bleiben." Aergerlich riß sie sich Mantel und Kopfbedeckung herunter und warf beides auf die Erde. „Also komm hinein!" Sie ging voraus, er folgte ihr in das Zimmer und drückte die Tür hinter sich in's Schloß. Sie deutete auf einen der um den Tisch stehenden Sessel. „Setz' dich!" sagte sie und ließ sich ihm gegenüber nieder. Schwer aufatmend entsprach er der Aufforderung. Die bevorstehende Unterredung war ihm überaus peinlich, doch sie war unvermeidlich. Malwine trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte. „Nun, werde ich endlich erfahren, lvas für eine Bewandtnis es mit der Krankheit meines Kindes hat, die sogar die Gegenwart der Mutter verbietet?" „Ich bin gekommen, es dir mitzuteilen" erwiderte Gotthold gepreßt. „Nun, denn schon einmal heraus damit! — Du scheinst plötzlich heiser geworden zu sein," fuhr sie spöttelnd fort, als er statt zu antworten sich räusperte. „Es wird mir in der Tat nicht leicht." „Das sehe ich, aber ich muß doch wissen —" „Selbstverständlich, du mußt alles wissen. — Baron Brandow war heute Nachmittag bei dir —" Sie errötete leicht. Was hat des Barons Besuch mit Edwins Erkrankung zu tun?" „Er ist die Ursache derselben." „Was ist das für ein Blödsinn! ich weiß nicht, ob der Baron heute auch nur ein einziges Wort mit dem Jungen gesprochen hat." „Das weiß ich auch nicht. Aber Edwin öffnete die Tür deines Budoirs um dich irgend etwas zu fragen, und da —" „Nun, was und da? — warum stockst du?" „Da hat er seine Mutter in den Armen eines fremden Mannes gesehen, der sie geküßt und dessen Küsse sie erwidert hat." „Verfluchter Fratz!" schrie Malwine aufspringend, während dunkle Glut ihr Antlitz überzog „unverschämter Lügner! — ich werd' dich lehren! —" „Ich werde ihn vor deinen Lehren zu schützen wissen" entgegnete Gotthold gleichfalls ausstehend „er kommt sobald nicht zurück in dein Haus." Noch am selben Abend empfing Malwine den Besuch ihres Vaters, dem sie unumwunden erklärte, daß sie sich taufen laffen und den Baron Brandow heiraten werde. Schröder war empört und drohte, sie zu enterben. — Es war am folgenden Tage, Malwine hatte um ersten Mal statt der tiefschwarzen Trauerleidung s. g. Halbtrauer angelegt. Sie erwartete den Baron. Jetzt vernahm sie einen elastischen Schritt auf der Stiege, das mußte er sein. Rasch griff sie nach einem Buche) es war ein Roman von Zola, und warf sich auf die Causeuse. Gleich darauf klopfte es an ihre Thür, Baron Brandow brauchte nicht erst gemeldet zu werden, auf ihr einladendes „herein" trat er mit höflichem Gruße in das Zimmer. Sie sprang auf und ging ihm mit ausgestreckter Hand einige Schritte entgegen. Er aber, wie geblendet, wie sprachlos vor Staunen blieb mitten im Zimmer stehen. „Malwine, sind Sie's wirklich?" »Gefalle ich Ihnen, lieber Freund?" Da sank er, wie bezwungen durch die Zauber

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