Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1908)
- Date
- 1908-04-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Rr. 15. Der MraeM. 9. April 1908: tr fk Wy- £ fr. g, g~ k„ r I Eine Debatte entstand zum Schluß über das Mendelssohn-Denkmal, dessen Modell im Saale des zweiten Gemeindehauses, Nosenstraße 2, ausgestellt ist. Berlin, 7. April. Von Konstantinopel geht dem Hilfsverein der Deutschen Juden nachstehendes Telegramm zu: Konstantinopel, den 4. April 1908. Die Uebergriffe des Kaimakam voll Jaffa haben sehr schnell ihre Sühne gefunden. Die bereits gemeldete Absetzung des schuldigen Kaimakam bestätigt sich. Am Donnerstag erhielt der Chacham Baschi vom Hofe Sr. Maj. des Sultans, die offizielle Mitteilung von der Absetzung. Der Sultan entbietet gleichzeitig den Juden seinen Gruß und drückt ihnen seine Sympathie aus. Dieses gnädige Verhalten des Sultans beweist, daß die Juden in der Türkei und in Palästina des absoluten Schutzes der türkischen Regierung sicher sein können, und daß trotz der beklagenswerten Vorfälle in Jaffa kein Grund zu irgendwelcher Beunruhigung vorliegt. Breslauer 6emein9e(ibera(ismus. (Bon unserem Korrespondenten.) Breslau, 6. April. Die Repräsentanten der Breslauer Synagogengemeinde haben es gut. Ihr Amt nimmt sie nicht sehr in Anspruch. Nur sehr selten finden Sitzungen statt und wenn schon mal eine stattfindet, so ist die Tagesordnung nicht gerade reichhaltig zu ilennen. Und dabei erreicht der Gemeindeetat die stattliche Summe von etwas über einer halben Million .... Am Montag den 30. lvar nach langer Panse wieder einmal eine Sitzung. Finnen weniger Minuten waren 3 Punkte der Tagesordnung, fast debattelos erledigt, 3 Legate von zusammen 1700M. wurden angenommen, eine elektrische Beleuchtungsanlage für einige Sitzungszimmer wurde genehmigt und einige Ersatzwahlen für Kommissionsmitglieder vorgenommen. Punkt 4 der Tagesordnung war die Etatsberatung. Die dauerte schon' etwas länger, aber gründlich konnte sie natürlich auch nicht sein. Die Etatsperiode beginnt bereits am 1. April und da hieß es, möglichst schnell möglichst viel des neuen Etats unter Dach und Fach zu bringen. In rascher Folge wurden die Etats der Gemeindegrundstücke, der Religionsschulen, der Bibliothek und Lesehalle, des Schlachtwesens und des Armenwesens erledigt. Viel Neues gab es dabei allerdings auch nicht zu hören. Allenfalls, daß die Schechitah für Geflügel von jetzt ab unentgeltlich erfolgt, — daß der Vorstand noch immer dem immer dringender werdenden Bedürfnis nach Synagogen-Neubauten in den vom ursprünglichen Ghetto ferner gelegenen Stadtteilen nicht entspricht, — daß Kurse für Erwachsene zum Erlernen des Hebräischen (natürlich nicht etwa nach einer Erwachsenen mehr angepaßten modernen Methode), eingerichtet werden. Eine größere Debatte gab es nur beim Punkte: Badeanstalt. Daß kürzlich die Mikwah 5 Wochen außer Betrieb war, daß der Vorstand nicht energisch genug Abhilfe für diese Kalamität suchte, gab Professor Badt Veranlassung, dem Vorstand sehr mit Recht vorzuhalten, daß er durchaus nicht immer auf der Höhe der Situation sei. Die Erwiderung des Vertreters des Vorstandes, Landgerichtsrat Wollstein, bewies zur Genüge, daß die Vorwürfe sehr berechtigt waren, daß der Vorstand in der Tat keine Ahnung hatte, was die Mikwa für eine jüdische Gemeinde bedeutet. Es ist vorgekommen, daß Frauen, die die Badeanstalt aufsuchten, die Weisung erhielten, nach Ra witsch zu fahren, das dortige Bad sei täglich (auf Veranlassung des Breslauer Vorstandes) geheizt. Als sie dahin kamen, war es nicht geheizt, die Reise war vergebens gewesen. Der zweite Verteidiger des Vorstandes wies den Wunsch Pros. Badt's nach Beschaffung eines Reservekeffels mit der Bemerkung zurück: „Da müßte man ja auch für den Fall eines Brandes Reserve-Synagogen bauen". Er meinte u. a. auch: „Die Oder ist doch kein Ouellwasser!" Und zum Schluß erhielt der Vorstand noch ein Vertrauensvotum dafür, daß er in dieser Angelegenheit durchaus seine Pflicht erfüllt habe. Mehr kann man wirklich nicht verlangen .... Die restliche Etatsberatung wurde vertagt. Es gab aber nvch einen Punkt 5 auf der Tagesordnung, der hieß „Statutenänderung". Sehr merkwürdig war, daß der Entwurf zu dieser Aenderung den Repräsentanten nicht-mit den anderen Vorlagen zuging, sondern erst verspätet, am Sitzungstage, — obwohl der Antrag das Datum „25. Februar" aufwies. — Das ließ nichts Gutes ahnen. Und richtig, es waren nicht blos, wie vorher verlautete, redaktionelle und stilistische Aenderungen und Fremdwörterausmerzung, sondern die Auferstehung der bereits vor einigen Jahren dem Vorstand abgelehnten Aenderung des Wahlrechts, die nichts anderes bedeutet, als eine noch stärkere Zurückdrängung der schon recht an die Wand gedrückten konservativ-jüdischen Minorität. Der Vorstand scheint es ausnützen zu wollen, daß seit der damaligen Ablehnung der Vorlage die Chancen für ihn dadurch besser geworden sind, daß zwei Gegner dieser Aenderung inzwischen gestorben und an ihre Stelle zwei Herren eingerückt sind, die gegen solche Bestrebungen nichts einzuwenden haben. Die Vorlage wurde zunächst einer Kommission von drei Mitgliedern überwiesen. Ein Versuch Prof. Badt's, die Vorlage bis nach den Ende des Jahres stattsindenben 'Neuwahlen dem Vorstande zurückgeben zu lassen, wurde vom Vorsitzenden schnell unterdrückt. Wir können nun der Dinge harren, die da konimen werden. Aus der neuen Vorlage sei noch eins hervorgehoben. Die Steuern der Gemeinde sollen wieder recht plutokratisch „nach einem für alle gleichen Prozentsatz" vom Einkommen erhoben werden. Das wollen dieselben Herren, die sich immer wieder ihrer hunianen und das Interesse des kleinen Mannes im Auge habenden Gesinnung rühmen, weil sie die Einkommen bis 1050 Mark steuerfrei machten. Allerdings war damit eine Wahlentrechtung verbunden. Da kann man schon a bissel human sein. Nnd das alles unter der Marke „liberal"! München, 7. April. Die Kreisregierung von Oberbayeru hat unter teilweiser Abänderung ihrer früheren Bekanntmachungen hinsichtlich der Sonntagsruhe im Fleischergewerbe folgende Verordnung erlassen: 1. Im Fleischergewerbe (Handwerksbetrieb) dürfen Arbeiter am ersten Weihnachts-, Osternnd Pfingsttage, dann am Fronlerchnamstage nicht beschäftigt werden. 2. Im Betriebe offener Verkaufsstellen für frisches Fleisch dürfen Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter am ersten Weihnächte-, Oster- und Pfingsttage, dann am Frohnleichnamstage nicht beschäftigt werden. Denjenigen Fleischercigeschäsisinhabcrn israelitischer Konfession, weiche a u S s ch l i e tz l i dj ri > ual mäßiges Fleisch f r e i h a l t e n und nachweisbar ihren Geschäftsbetrieb am Sabbat sowie an den israelitischen Feiertagen ruhen lassen, ist es jedoch gestattet im Betriebe ihrer offenen Verlaufs st eilen zum Zweck der Bedienung ihrer israelitischen Kundschaft mit rirualmäßigeni Fleisch hre Angestellten israelitischer Konfession am ersten Oster¬ und Pfingsttage von 6 bis 8 Uhr Vormittags zu beschäftigen So wenig bedeutungsvoll die Verfügung an und für fich erscheint, so ist ihre prinzipielle Seite doch mit hoher Befriedigung hervorzuheben. Es zeigt sich auch bei diesem kleinen Anlaß wieder, welches Verständnis die Bayrische Regierung den Bedürfnissen der gesetzestreueii Jndenheit entgegenbringt und daß in den leitenden Kreisen des Bayrischen Staats noch die gleichen Normen als maßgebend gelten, die bei der Rezipierung der jüdischen Konfession maßgebend waren. Das ist immerhin eine Bürgschaft dafür, daß auch bei der bevorstehenden Neuregelung der gesetzlichen Verhältnisse die Existenzbedingungen der Orthodoxie volle Berücksichtigung finden werden. Es kommtnur darauf an, daß wir selbst unsere Interessen mit Nachdruck vertreten und unsere berechtigten Forderungen in klarer Formulierung den maßgebenden Stellen zur Kenntnis bringen. München, 7. April. Mit dem netten Se' mesterbeginne geht das Präsidium des „Bundes jüdischer Akademiker" von München in dieHänd^ des V. I. A. in Straßburg über. Der Bund hat sehr erfreuliche Fortschritte gemacht, waA am besten durch die Gründung von vier neuen V. I. A. gekennzeichnet wird, und zwar in Marburg, Heidelberg, Würzburg und Leipzig, so daß der Bund nach 1^ jährigem Bestehen bereits 7 Vereine umfaßt und an fast allen bedeutendsten Universitäten Deutschlands vertreten ist. Auch hatten wir Gelegenheit, an verschiedenen Gesamtausgaben der deutschen orthodoxenJudenheit, wie an denen der „Freie Vereinigung", am Wahlkampf in Baden k. tätig mitzuarbeiten. Wenn wir trotzdem immer wieder den Appell an die jüdische studierende Jugend richten, sich uns anzuschließen und mit uns zu arbeiten zu ihrem eigenen Wohle, so ist es die Erkenntnis unsererseits, daß unser Ziel, einen Zusammenschluß aller gesetzestreuen Studenten und Akademiker zu erzielen, noch lange nicht erreicht ist und hoffen wir, daß uns die Arbeit der kommenden Semester diesem unserem Ziele näher bringen wird. Auskunft sowohl über die Universitäten als auch über die Verpflegungs- und Wohnungsmöglichkeiten an denselben, als auch speziell über Ziele und Tendenzen des B. I. A. erteilt recht gerne der Schriftführer des Präsidialvereins, Herr cand. med. Heinrich Ellern, Straßburg i. E., Schwendistraße 21, I. München, 0. April. Erfreuliches Zeugnis von dem guten Geist, der in dem relativ nicht sehr großen, aber intellektuell und sozial hochstehenden Kreise der Münchener Orthodoxie herrscht, legte die glänzende Versammlung ab, welche die „F r e i e V e r e i n i g u n g für die I rr t e resse n des.orthodoxenJudentums" gestern Abend im Saale des bayrischen Kunstgewerbevereins veranstaltete. Der Vorsitzende des Münchener Komitees, Herr Sigmund Frankel, wies einleitend darauf hin, daß die Gesetzestreuen in Nürnberg und München einen ihnen ausgedrungenen Kamps ums Recht eben erst zu relativ glücklichem Ende geführt, daß aber das eigentlich entscheidende Ringen um die Rechtsstellung des orthodoxen Judentums in Bayern noch bevorstehe. Da gelte es denn erst recht, das Band mit der Gesamtheit der Orthodoxie jo enge wie möglich zu knüpfen, aus der Kraft der Gesamtheit Stärke zu schöpfen und die eigene Schaffensfähigkeit in sie hineiuzuleben. Bon den beiden Referenten des Abends zeichnete Herr Jacob Rosenheim aus Frankfurt a. M., die allgenieine religiöse und soziale Lage der gesetzestreuen Judenheit und die daraus erwachsenden zahlreichen Aufgaben der „Freien Vereinigung", während der zweite Referent, Herr Distriktsrabbiner Dr. P. K o h n aus Ansbach, wie er sich ausdrückte, den „bajuvarischen Kommentar" zu den Ausführungen seines Vorredners vortrug. Beide Referenten fanden begeisterten Beifall der auf ben zirkulierenden Mitgliederlisten zu ziffermäßigem Ausdruck gelangte. Nach kurzer Diskussion wurde die Versammlung mit einer zündenden Ansprache des Vorsitzenden geschloffen. Karlsruhe, 7. April. Wie bereits gemeldet, ist die Synode auf Freitag, den 10. April einberufen. Die Eröffnungssitzung findet jedoch erst Samstag Abend 8x/a Uhr statt. Der Sonntag ist vollständig für Kommifftonssitzungen reserviert, sodaß die Beratungen nicht vor Montag Vormittag beginnen. Der Andrang des Publikums zu den Verhandlungen dürfte ziemlich stark werden. Ungarn. Swei nildilige €n(fdieiöungen. (Von unserem Korrespondenten). Budapest, 6. April. Wie in Nummer 13 des „Israelit" zu lesen ist, besteht seit längerer Zeit zwischen dem Rabbiner der orthodoxen Gemeinde zu Hodmezö-