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Der Israelit · 1908-04-09 · Heft 15 (9.4.1908) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 15 (9.4.1908)
Date
1908-04-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Ler JSraeNt. »t. 15. Seite 5 3 Aprl 1908. - _ Gebieten des öffentlichen Lebens sich geltend machen, haben gerade bei der Verfälschung von Lebensmitteln einen Höhepunkt erreicht, der dem gewissenhaften Juden das ganze Jahr hindurch, aber besonders an Pessach die Möglichkeit eines gotttreuen Lebens ungemein erschweren. Der Wein, der durch chomezhaltige Spirituosen vermischt, das ganze Jahr nur minderwertig ist, führt am Pessach zu einer direkten Uebertretung des Chomez-Genuß-Berbotes gerade in dem Momente, in dem man im Begriffe ist, vierfach die Pokale zur Feier des Festes zu füllen. Bekannt ist die Fälschung des Pfeffers, der durch Beimischung von schwarz gefärbten Teigkügelchen, also richtigen Chomez, bewerkstelligt wird. Weniger bekannt ist die Verfälschung des Kaffees, durch Nachbildung von Kaffeebohnen ans Mehlteig und anderen Stoffen oder durch geschickte Färbung, durch dieden Bohnen das Aussehen von Java-, Ceylon und jeder beliebigen Kaffeesorte gegeben wird. Die hierzu verwendete Farbe ist in hohem Grade giftig, wenn sich die Folgen des Giftes bei dem kleinen Ouantum, in welchem der Kaffee genossen wird, auch nicht Nachweisen lassen. Eine Untersuchung dieses Farbstoffes auf seinen etwaigen Ehomezgehalt scheint noch niemals vorgenommen worden zu sein. Aber jedenfalls erfolgt die Herstellung nicht unter der gewissenhaften Kontrolle, der doch sonst alle für Pessach bestimmten Genußmittet unterstehen. Es sind dies nur einige ans der Praxis herausgegriffene Nahrungsmittel. Aber eine dem Bedürfnis der Zeit an gepaßte Belehrung für Pessach wird jedem, der dem hochwichtigen Gegenstände näher tritt, nahe legen, wie vieles hier noch zu ergänzen ist. Es wäre dringend gebotene Pflicht aller um die Reinheit des jüdischen Haushalts Besorgten, sich mit der Literatur vertraut zu machen, welche die ekel- und grc^renerregeuden Mischungen und Fälschungen der Nahrungsmittel zum Gegenstände hat.*» Noch mehr aber als zur Beseitigung des Chomez ist eine belehrende Aufklärung über die Beschaffung von Mazzos zu wünschen. Ist die Herstellung der Mazzos nicht ganz gellau nach Vorschrift erfolgt, so sind sie es eben nur dem Namen nach, in Wirklichkeit sind sie aber fein ungesäuertes Brot, mit dem daher der vorgeschriebenen Pflicht des Mazzosgenuffes nicht genügt lvird. Ja, man hat dann Tage- und Wochenlang das Hans von der höchsten Giebelfirst bis in die tieffte Kellerlncke untersucht, um *) Aus der hierher gehörigen Literatur sei hier auf folgende Bücher verwieen: 1. Bersch, Die Konservierungsmittel- 2. König, Die menschlichen Nahrungsu d Genußmittel- 3. O. Nammeo, Jllustr. Lexikon der Verfälschungen; 4. Möller, Mikroskopie der N.rhrungs- und Genußmittel- 5. Muspratt, Technische Chemie. paraiso wohnen nngeführ 60 jüdische Familien, znmeift Kauflcutc. Wie erinnerlich, wurde die Stadt vor einigen Jahren von einem heftigen Erdbeben hcimgesucht, dein die halbe Stadt zum Opfer fiel. Sechs jüdische Familien wurden ebenfalls unter den Trümmern begraben. Die Stadt ist bis heute uoch nicht ganz ausgebaut. Die Arbeit geht langsam von statten und es gibt fassen, aus denen noch nicht einmal der Schutt abgetragen wurde. Die große verberge, in welcher man die Emigranten unterznbringcn pflegte, ist anläßlich der Erderschütterung ebenfalls eingestürzt und bis heute nicht lvieder aufgebant worden. Gegenwärtig werden die Emigranten in Rotbarackon beherbergt. Auch, in den übrigen größeren Städten von Chile wohnen Juden in geringerer Zahl. So in Punto Arenas 30, in Eoncepcion 15, tu Anta Panasto 15, in Tenica 10, in An des 10, in Tranien 5 Familien usw. Die Juden von Chile haben gar keine Gelegenheit, ihren Kindern jüdischen Religionsunterricht erteilen zu lassen, da die meisten Schulen in den Händen der katholischen Geistlichkeit sind und die Eltern Verhalten sich leider der Sache gegenüber vollkommen indifferent. In ganz Chile findet sich kein Rabbiner oder zuverlässiger Schachet. Gewiß keine Erscheinung, um Juden, die auf Religion halten, nach diesem Lande zu locken. <AnSgrab««ge» in Palästina.) In der lohten Versammlung der „Orientalischen Gesellschaft" gab Professor Dr. Lind! in einem spannenden Vortrag ein außerordentlich fesselndes Bild der neuen Ausgrabungen in Palästina. Diese Ausgrabungen haben allerdings — das ist im vornherein zu bemerken — die Erwartungen nicht erfüllt, mit denen man ihnen entgegenfah. Namentlich werfen die neuen Funde alles Chomez aus dem Besitz zu räumen, und am Pessach Abend hat man auf der Sederschüffel richtiges Chomez in Form von Mazzos liegen, dessen Genuß von der Thora mit derselben schweren Strafe — rvo — belegt wird, die auch denjenigen trifft, der den Jom Kippur durch Essen und Trinken entweiht. Die richtige Herstellung der Mazzos erfordert eine große Gewissenhaftigkeit, Gewandtheit und genaue Kenntnis der einschlägigen Vorschriften, sowie vor allem den redlichen Willen, sie auch praktisch auszuführen, eine Vereinigung von Anforderungen, welcher nicht allzuhänsig gebührend Rechnung getragen wird. Die Mazzos muffen alls dem Mehl von Getreideartell hergestellt werden, das auch durch die Verbindung mit Wasser in Gährnng übergehen kann, aber niemals,zum Gähren kommen darf. Deshalb ist schon auf das zu verwendende Getreide, das Mahlen zu Niehl und seinen Transport besondere Sorgfalt zu verwenden. Es darf nicht mehr Mehl zu einem Teige verwendet werden, als die Meldung jedes Gtthrungsprozeffes bedingt, der Teig darf nie unbearbeitet daliezen, weil er sonst in kurzer Zeit zu gähren beginnt. An die Fertigstellung des Teiges, an das Backen, selbst an die bereits gebackenen Mazzos, knüpfen sich eine Reihe von Vorschriften, deren Anßerachtlassung sie zu Chomez macht. Die gewissenhafte Umsicht, welche für die Herstellung von richtigen Mazzos unerläßlich ist, hat in früherer Zeit alle Familien veranlaßt, selber ihren Bedarf zu backen. Die neuere Zeit, deren charakteristische Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie keine Zeit hat, läßt nur die besonders um das Kafchrus ihrer Mazzos Besorgten persönlich ihre Herstellung in die Hand nehmen. Die Herstellung der Mazzos ist infolgedessen eine Industrie geworden, bei der naturgemäß das Geschäftsinteresse in erster Reihe maßgebend ist, während die Rücksicht ans die Anforderungen des Religionsgesetzes erst in zweiter oder in noch späterer Linie folgt,' falls sie nicht gänzlich vermißt wird. Daß es Mazzosbäckereien gibt, die in religionsgesetzlicher Hinsicht allen Ansprüchen genügen, soll hier ausdrücklich betont werden. Bei diesen bedarf es um: einer fortwährenden Beaufsichtigung durch eigens hierzu angestellte Kontrolleure, welche die einschlägigen Vorschriften kennen und auf deren Erfüllung bedacht sind. Ohne diese Aufsicht ist der Bezug von Mazzos aus Bäckereien, die also keine genügende Garantie für die religionsgesetzliche Zulässigkeit ihres Fabrikates bieten, so vollständig verböte:!,, wie das Fleisch von Metzgern und der Wein von Weinhändlern, die nicht von einem gesetzestreuen Rabbiner als "lrrr anerkannt sind. Die Mißstände bei der Herstellung von nur ein spärliches Licht ans die Glanzzeit der Nultur Palästinas, ans die Tage eines Königs David oder Salomo. Was die Ausgrabungen zutage gefördert haben, gehört einer weit älteren Periode, etwa dem Zeitraum um das Jahr 1500 u. Ehr., an. Besonders charakteristisch ist es nun, daß man nirgends auf die Spuren von Grabinschriften gestoßen ist. Trog dieser Lücken in der Kenntnis der Kultur des alten Israel, die diese Ausgrabungen nicht anszufüllen vernivchten, hat uns dach die mühevolle Forscherarbeit neue und gewaltige Eindrücke zu vermitteln gewußt. Der Boden der heiligen ^tadt selbst ist freilich noch unberührt, aber die Zinnen von Jericho haben vor allem der Gegenwart viel von dem erschlossen, was die Jahrtausende als kostbaren Schatz gehütet. Rächst Jericho sind es die uralten Hügel von Megiddo, unter denen prächtige Felsaltäre, Ruinen von Tempeln und Grabstätten mit reichem Inhalt gefunden wurden. Und aus diesen stummen Zeugen einer uralten Vergangenheit spricht ein dem jüdischen Volk besonders eigentümlicher Zug: die geflissentliche Iernhaltnng alles Fremden, jenes unbeugsame Festhalten an der Tradition, das für die späteren Geschicke Israels von so einschneidender Bedeutung gewesen ist. — Ter mit Lichtbildern reich belebte Vortrag, dem u. a. auch Prinz Ludwig anwohnte, fand den vollen Beifall des zahlreichen Auditoriums. Mazzos sind nicht neu. Es wird schon in früherer Zeit darüber Klage geführt und auf ihre Abstellung entschieden gedrängt. Aber in dieser früheren Zeit waren diese Fälle die Regel bestätigende Ausnahmen, während in unseren Tagen diese Kalamität eine Ausdehnung angenommen hat, die man früher nicht für möglich gehalten hätte. Dazu kommt, daß selbst die vereinzelten Mißstände jener früheren Zeit allenthalben die erforderliche Rüge gefunden und dadurch vieles von ihrer Schärfe verloren haben. Die Fahrlässigkeit und offenkundige Täuschung des Publikums bei Herstellung der Mazzos seitens gewissenloser Bäckereien wäre unmöglich, wenn die Konsumenten mit den religionsgesetzlichen Bestimmungen vertraut wären, und so in der Lage, das hier aus Kosten der heiligsten Anliegen verübte Unrecht selber zu kontrollieren. Dieser Unwissenheit, die überall so betrübende Folgen hat, könnte in unserem Falle entgegengetreten oder doch einigermaßen gesteuert werden wenn unsere berufenen Wortführer wieder das belehrende Wort sprechen wollten, das der alte sinnige Brauch unmittelbar vor Pessach an die Einzelnen und die Gemeinden alljährlich richtete. Daß dieses Wort nicht länger unterdrückt, daß es mit der alten Geradheit und Schlichtheit allenthalben wieder gesprochen und so durch Verbreitung von rechter Gesinnung und Gesetzeskunde der alle Ahnengeist wieder in unseren Reihen belebt werde, das ist der sehnliche Wunsch, zu dessen Erfüllung diese bescheidenen Zeilen anregen mögen. LD-Q »orrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Ueich. E. R. Berlin, 29. März 1908. Der Borsitzende eröffnete die heutige Repräsentantensitzung der jüdischen Gemeinde mit einem tiefempfundenen Nachruf für Herrn -Julius Eduard Sachs. Derselbe ist über Z0 Jahre im Dienste der Gemeinde als Vorsteher der Altersversorgungsanstalt und des Krankenhauses tätig gewesen. Er war auch Repräsentantenstellvertreter und hat nie versagt, wenn er ein Amt in der Gemeinde übernehmen sollte. Sein Andenken wird unvergeßlich sein. Während der Rede des Vorsitzenden hatte sich die Versammlung erhoben. — Der Testamentsvollstrecker des Öskar Hahn'scheu Nachlasses hat dem II. Waisenhause in Pankow 2000 Mk. zugewendet. — Der Bericht der Fürsorge-Konimission zu dem Rechnungsabschluß pro 1006/7 wird entgegengenommen. — Herr Adolph Lewinski verliest den Rechnungsabschluß der jüdischen Gemeinde pro 1906/7 und sagt dem Vorstand für seine außerordentliche angestrengte Tätigkeit herzlichen Dank. Die Gemeinde ist gewachsen, auch die Einnahmen haben eine erfreuliche Zunahme erhalten. Eine Revision der Steuer-Einziehungs-Stelle wird in Aussicht gestelltebenso soll eine Umwandlung der freien Kommission zur Auswahl von Ehrenbeamten in eine ständige Deputation vollzogen werden. In die Kommission zur Beratung des Antrages aus Erwerb des Restgrundstücks in der Schulstraße zur Erweiterung des Krankenhaus - Neubaues werden die Herren: Geheimrat Senator, Blumenthal, Stadtrat Weigert und Handelsrichter Weinberg gewählt. Es erfolgen Mietungen von Sälen zu den Festgottesdiensten. Im vergangenen Jahre standen für die Fest- Sottesdienste 27000 Plätze zur Verfügung, 800 ügentumsplätze in der alten und neuen Synagoge.

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