Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-04-09 · Heft 15 (9.4.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 15 (9.4.1908)
Date
1908-04-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449314--64373-2506961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

entstandenen Missionsschulen fast völlig verdrängten, sowie die von uns früher berichtete Konstituierung eines Schvinre-Schabbos-Bereins gerechnet werden. Möge der rührige Verband, in dem, was er bereits geleistet hat, Ermunterung finden, für sein weiteres Wirken. Die wichtigste Aufgabe des Verbandes wäre unseres Erachtens die Gründung einer rabbinischen Hochschule, in der in alter Weise Thora gelernt und geistige Führer für die Gemeinden herangebildet werden sollten. Weder die vorhandenen Seminare noch die Jeschiboth im Newyorker Ghetto sind geeignet, dem unleugbar vorhandenen Notstand abzuhelfen; doch erfordert dieser Gegenstand eine besondere Erörterung. t.D <*. Mochmnmöschau. Beflrenjies Redit. Seit Jahr und Tag wird über die. unterschiedliche Behandlung deutscher Bürger jüdischen Glaubens in Rußland Klage geführt. Es klagten nicht nur die durch die einschränkenden Paßvorschriften hart betroffenen jüdischen Kaufleute, es klagten auch die in Mitleidenschaft gezogenen Industriellen und Geschäftstreibenden der anderen Konfessionen in den Grenzprovinzen beider Länder. Größte deutsche Import- und Exportfirmen, deren Inhaber jüdischer Religion sind, sahen — wie die Boffische Zeitung erst letzthin feststellte — flch in Folge der obwaltenden Verhältnisse gezwungen, den Ein- und Ausfuhrhandel mit Rußland gänzlich einzustellen. Selbst der einflchtige Teil der russischen Presse hat in letzter Zeit wiederholt daraus hingewiesen, wie sehr Handel und Industrie in Rußland unter jenen beengenden Bestimmungen gegen die deutschen Juden zu leiden haben. Nun hat sich die Hanoelskammer zu Oppeln, — ein Bezirk, der durch seine engen geschäftlichen Beziehungen mit Rußland am meisten an der Sache intereffirt ist — |u einer Tat aufgerafft, von der man mit Sicherheit eine Sanierung des unhaltbaren Zustandes erwartetesie richtete, wie wir an anderer Stelle ausführlich berichteten, eine Eingabe an den Minister für Handel und. Gewerbe, in der sie auf die ungleiche Behandlung von jüdischen und nichtjüdischen deutschen Staatsbürgern eines Feuilleton. Revolutionäre Köpfe. Nach einet wahren Begebenheit Vs» S. Schachnowitz. (Schluß.) Der goldbetreßte Kutscher, der etwas mitleidig die Frau betrachtete, belehrte sie jetzt, daß sie wohl vergebens harre. Ter Gouverneur sei hier eben eingetroffen nnd sie würde jetzt ganz gewiß nicht vorgelassen werden. Aber sic blieb. — Da Mm von der anderen Seite mit schnellen erregten Schritten der Prisiav Mossakow, die rote Quaste seiner Feldmütze bewegte sich rm Winde und seine Hände, mit denen er krampfhaft einen Bündel Akten hielt, zitterten nervös. Das plötzliche Eintreffen des höchsten Borgefetzten der Provinz hatte ihn in große Aufregung versetzt, die seinen Zügen und seinem Tone eine gewisse Weichheit verlieh. „Wer ist die Frau und was will sie?" fragte er vor Lea anhaltend. „Ich mutz hinein" brachte diese mit erstickter Stimme hervor. „Ich bin die Mutter! Oh mein Sind! Es ist unschuldig!" „Mutter!" „Kind!" Es waren Töne, die bei einem Mossakow nicht ohne Widerhall verklangen, und er erwiderte tröstend: in Rußland und die daraus entstehenden Schäden für die Geschäftswelt aufmerksam machte und um Abhilfe bat. Und was antwortete der Herr Minister? Die deutschen Reisenden mosaischer Religion werden in Rußland nicht schlechter behandelt als die Juden anderer Länder, die Rußland besuchen, folglich ist kein Grund zu einem Eintreten seinerseits vorhanden. Daß der ministerielle Bescheid sich nicht an den Wortlaut der Eingabe hält) sondern eine ganz andere, eigens zu dem Zwecke formulierte Frage beantwortet, ist schon an sich sehr befremdlich und klingt wie ein Ausweichen. Die Frage lautete: „Warum sollen die Deutschen jüdischer Konfession in Rußland schlechter behandelt werden als die deutschen Bürger anderer Konfessionen?" — „Unsere Juden werden in Rußland nicht schlechter behandelt als die Judest anderer Länder!" antwortet der Minister. Es wird also hier von höchster Stelle zugegeben, daß der deutsche Jude in Rußland als deutscher Bürger zweiten Grades betrachtet wird und man findet es ganz in Ordnung, daß er mit dem Ueberschreiten der andesgrenze im Gegensatz zu seinen anderen Landsleuten, auf alle ihm in seiner Heimat gewährleisteten Bürgerrechte zu Gunsten eines allgemeinen internationalen Jüdenrechtes, das je nach Belieben des betreffenden Landes erweitert oder geschmälert werden kann, ' zu verzichten hat. Die Feststellung, daß die deutschen Juden diese Behandlung in Rußland mit ihren Glaubens- und Leidensgenoffen anderer Länder zu teilen haben, mag für das Ministerium des Aeußern von Interesse fein, bedeutet aber für uns einen sehr schwachen Trost. Es ist geradezu unbegreiflich, wie sich die Regierung in solchen Fragen des Rechtsschutzes ihrer Bürger auf Präzedenzfälle anderer Länder berufen kann. Bor einigen Wochen ist ein italienischer Jude namens Lewine in Rußland verhaftet und grausam mißhandelt worden, die italienischen Behörden rührten sich nicht. Ist dies ein Beweis, daß auch deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens in Rußland grundlos verhaftet und mißhandelt werden dürfen? Der Hinweis auf die anderer: Länder karrn an der bestehenden Tatsache, die eine empfindliche Schädigung und Kränkung der deutschen Juden bedeutet, nicht im geringsten ändern. Es will uns im Gegenteil bedünken, als würde diese Kränkung, mit der man sich sonst als mit einer in den russischen Verhältnissen begründeten, hätte leicht abfinden können von der Neuen Kränkung seitens des deutschen Handelsministeriums, das den Ausnahmezustand als stabil und ordnungsmäßig erklärt, noch bei weitem übertroffen Daß die Handelskammer zu Oppeln sich mit diesem Bescheid ohne weiteres zufrieden gibt, zeugt gewiß von rührender Bescheidenheit, wird aber nicht verfehlen, bei denen, die die Kosten der Bescheidenheit zu tragen haben, große Verstimmung hervorzurufen. eine Sfafiftih und ihre IDirhunoen. Wir Juden haben wahrlich keinen Grund, die Zahlen zu fürchten, wenn sie von dem jüdischen Anteil an der Kriminalität, an der Trunksucht, an der durch verkehrte Lebensweise bedingten frühen Sterblichkeit usw., erzählen. Wir dürfen ohne Scham und ohne Scheu die Zahlen sprechen lassen vom Anteil der Juden an der Landesverteidigung, an der Entwicklung des Handels und der Industrie, an der Förderung dir- Staatswohles usw. Die Zahlen werden ünsere heften Wortführer und Verteidiger, — wenn an ihnen nichts gedreht und gedeutelt wird. Der Statistiker aber, der in etwas fahrlässiger Weise mit Zahlen um sich wirst, übernimmt eine große Verantwortung und macht sich ungewollt und unbewußt zum Mitschuldigen der Verdrehungen und böswilligen Mißdeutungendie eine unvollständige öder unzweckmäßige Statistik zur Folge haben muß. Herr Dr. Segall hat jüngst im „Vereine zu^ Statistik der Juden" zu München einen Bortrall über die „Zuwanderung der ausländischen Juden" gehalten. Das wäre gewiß kein Weltereignis, und die jüdischen Zeitungen haben unter vielen anderen auch diese „Vereinsnachricht" mit einigen Worten abgetan. Wie muß es über Herrn Dr. Segall zu Mute gewesen sein, als er sah, was er ungewollt üno unbewußt angerichtet, was die Berichterstatter der antisemitischen Presse, die mit gespitzten Ohren und gespitzten Bleistiften seinem Vortrage lauschten, aus seinen vielleicht gutgemeinten Worten und Zahlen gemacht haben. Die „Kreuzzeitung" sieht eine Invasion der polnischen Juden und ruft auf Grund des im Borttage angeführten authentischen Materials die Staatshilfe gegen das Eindringen der fremden schädlichen Elemente an. Die „Staatsbürgerzeitung" widmet dem Vortrage sogar einen Leitartikel, in dem den Zahlen des Dr. Segall noch generös ein paar Nullen angefügt werden, so daß die Ziffer der „Gäste" die resptttable Höhe von 100000 erreicht. Nun ist die Zahl groß genug, um die Gefahr deutlich zü beweisen und die Staatsgewalt zum Einschreiten zu bewegen. Selbst im Reichstage fand der Vorttag seinen Widerhall, wo die Latt- und Liebermänner in der Sitzung vom 26. März sich über die Beute stürzten und aus dem Segallschen Material «nett Gesetzentwurf gegen die „steigende Einwanderung der Juden aus dem Osten" zu formen „Gehe heim Alte! Wird sich schon finden! Kannst nicht vor, das geht jetzt absolut nicht an, solange der Gouverneur darin ist. Wer sei nur ruhig, wir bestrafen keine Unschuldigen. Geh' nur heim!" empfahl er noch einmal, als er die Treppe hinaufging. Mer sie blieb da. — Da sah sie bewaffnete Soldaten ankommen. Waren es lauter Soldaten? Nein! In der Mitte, von ihnen einbeschlossen, bewegten sich gestoßen und geschoben bret aneinander gefesselte Gestalten. Wie ein Blitz traf es die Alte. Mitten ging Joses, blaß, verzerrt, wie ein Schatten dahinwankend. Sie wollte den Kordon durchbrechen, auf ihn zueilen. Doch mit heftigem Stoße wurde sie zurückgeschleudcrt. „Werrn Du jetzt nicht von dannen gehst, schieße ich Dich über den Haufen!" schrie der Wachtposten, als die Gefangenen hinauf gebracht wurden. Mer sie grub ihr Gesicht in die kalte Mauer ein und rührte sich nicht. Ihr Mann war tot. Von all ihrem früheren Glücke und all den Kindern blieb ihr nur der Joseph, für den sie lebte nnd sich Plagte. Sie vergaß ihr schwaches Witwendasein und arbeitete mit hundertfacher Kraft und Ausdauer für ihr Kind. Er hat es ihr nicht ganz vergolten. Jetzt, wo sic schwach und gebrechlich, er aber zum kraftvollen, tüchtigen Jüngling geworden, da gab es manche Widerlmirtigkeit, manche bittere Enttäuschung für das so lange von den schönsten Hoffnungen erfüllte Muttsrherz. Er war gut, ibr Joseph, auch hilfreich, so gut es ging. Aber eine von Kindheit auf verwöhnte und verhätschelte Natur, zeigte er als Jüngling ein Uebermaß von Lust und Lebensfreude, das die Mutter mit tiefer Sorge erfüllte. Er nahm das Leben leicht. Fleißig beim Tageswerke, ließ er bei nächtlichem Trank und Spiel, und oft in zweifelhafter Gesellschaft, seiner Lebenslust freien Lauf. Wie oft hatte sie ihn die bösen Folgen praphe- 'zeiet? Wie oft an den verstorbenen frommen Vater erinnert!; Aber was soll das jetzt? Sie erschrak vlötzlich über sich selber. War sie denn hergekvmmen, um ihren Sohn anzuklagen? Steht sie nicht da als Mutter, als geknickte, verzweifelte Mutter, alles verzeihend, alles vergessend? —! Und als könnten ihre Gedanken durch die dicken Mauern gedrungen sein, um als Ankläger, als Verräter, gegen ihren Einzigen aufzntreten, wandte sie sich rasch und erschrocken um. Da stand gerade der wachhabende Soldat vor ihr Und wollte sie gewaltsam davonjagen, als der Pristav atemlos die Treppe hinuntergestürzt kam. „Sie, Frau! Kommen Sie mit herauf. Seine Exzellenz, der Gouverneur wünschen Sie zu sprechen?" Sie hatte es erwartet. Sie wußte, daß. man eine Mutter nicht unerhört lassen kann. Der Wachtposten markte jetzt Platz und ruhig, unerschrocken ging sie hinter Mossakow her. Sie sah nochuri' die Gefangenen durch den langen Korridor in ein anderes Zimmer abgesührt wurden. Und nun stand sie vor dem Gewaltigen. Der Mann, der über Leben und Tod befiehlt, der Mutterherzen brechen nnd beglücken kann, er saß da, gemütlich, eine Zigarre rauchend und lächelte mild, während der Jnspravnik und der Pristav fast ebenso gebrochen wie die alte Obsthändlerin neben ihm saßen oder standen. „Sind Sie die Mutter von Joseph Abramotv?" fragte der Gouverneur ganz ohne Strenge. „Ich. bin die Mutter nnd Joseph ist mein braves, gutes Kind!" -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.