Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1908)
- Date
- 1908-04-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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m WWW )t 2. April 1906. Der Jsratttt Nr. 14. Seite IS unserm Denken, unserm Trachten, unserm Handeln, unserm Wirken das Ziel gesetzt wäre, wenn wir nicht eine Zukunft uns sichern würden, die das geistige Erbe antreten könnte, das wir ihr übermachen? Und auch für diese Sicherheit in der Zukunft sei der Brauch der Armut das Vorbild für den Erfolg im Reichtum. Der Mann heizt, die Frau backt. Wollt ihr ernstlich, jüdische Väter und jüdische Mütter, daß dereinst in eurer Scheidestunde Kinder euch umstehen, -die Erbe eures größten Schatzes zu werden würdig sind, die euer Judentum zu eurer Ehre und der Tauroh Segen forttragen durch die Zeiten, dann ist gleich strebender Ernst in der Erziehung eure erste Pflicht. Der Vater feuert und die Mutter backt. Am Herde der jüdischen Familie, da das geistige Lebensbrot der Kinder gebacken werden soll, oa hüte dich, daß dies Brot nicht in selbständiger Gährung, sich selbst überlassen, säuert. H^ der Vater das Feuer des Gesetzes unzufachen, liegt ihm die Pflicht ob, zu lehren oder doch zum Lernen zu gewöhnen, dann hat die Mutter unentwegt mit dem aufmerksamsten Auge, dessen die Mutterliebe fähig ist, zu wachen darüber, daß dies Feuer nicht verglimme, daß alle Formen dieses Teiges, der ihrer Kunst ist ,anvertraut, durchgebacken werden am Feuer des Gesetzesauf daß, wenn wiederum der Allbarmherzige in Gnade blicket auf unser „Mühen," auf unser erfolgekröntes Mühen der Erziehung &Ban wir von neuem werden sprechen dürfen iwsi-l. Drum hat er uns erlöst?- Einiges ans der fessach baggadad. Die Haggadah dient der Verherrlichung des Gedankens: „Gott in der Geschichte". Am deutlichsten ist derselbe wohl an der Stelle ausgesprochen, die die beiden Verse II 12, 12 und V 26, 8 erklärt. Es lautet der Vers V 26, 8 folgendermaßen : „Gott führte uns aus Aegypten hinaus mit starker Hand und ausgestrecktem Arm, unter Verbreitung großer Ehrfurcht, unter Wahrzeichen und Offenbarungswundern". Die Wiederholung des Gottesnamens wäre in diesem Satze nicht nötig gewesen, da im ganzen Zusammenhang „Gott" Subjekt ist. Es soll michin durch die Wiederholung der Nachdruck darauf gelegt werden, daß alle die Handlungen, die dort erzählt sind, von Gott selbst vollzogen wurden. Infolge dessen lautet die Erklärung in der Haggadah: Gott (selbst) führte uns aus Aegypten, und nicht durch einen ^K^B, nicht durch einen rptr und nicht durch einen rv*?ty, sondern der Heilige, gelobt sei er, in seiner Herrlichkeit selbst. Es heißt nämlich (2. B. M. 12, 12): „Ich werde durch das Land Aegypten ziehen in dieser Nacht, und ich werde jeden Erstgeborenen im Lande Aegypten schlagen von Mensch bis Vieh, und an allen Göttern Aegyptens werde ich Strafgerichte ausüben— Ich, Gott." Hier ist wieder durch die Hinzusügung: „Ich, Gott" betont, daß Gott selbst bekunden wird, daß keine natürlichen Fügungen und Ursachen die Plagen Aegyptens herbeiführen würden, sondern daß an der Art und Weise der Verhängnisse die ganze Welt die Ungewöhnlichkeit der Vorgänge erkennen und darin die sich offenbarende Gotteshand erblicken würde. Es bezieht sich daher dieses „Ich Gott" am Ende des Satzes auf die einzelnen Teile des Verses, zu denen es jedesmal zu ergänzen ist.' Und so gibt 2. B. M. 12, 12 die Erklärung zu 5. B. M. 26, 8 in der Weise, wie die Haggadah sagt: „Ich werde hindurchziehen durch das Land Aegypten, d. h. Ich und kein 'skVd. Ich werde jeden Erstgeborenen schlagen, Ich und kein rptp, und an allen Göttern Aegyptens werde Ich Strafgerichte vollziehen, Ich und kein n’W, Ich Gott, Ich bin es und kein anderer." Wir haben da drei Ausdrücke, welche eine Mittelperson, einen Boten bezeichnen, rpar, ,n'W. Sie alle entsprechen dem Sinn der Handlungen, in denen Gottes Macht selbst eingreifend sich offenbaren sollte. Dem wojn „Ich werde hini durchziehen" ist "JK^B, dem 'rem „Ich werde schlagen" ist dem D'£3Sir ntryttt „Ich werde Strafgerichte üben" ist jvW gegenübergestellt, und nie Schlußworte yn '28 besiegeln das Ganze. — Das Wort "oy ist in ähnlichem Sinne z. B. III 26, 6 gebraucht: „Ein Schwert soll nicht durch euer Land ziehen". Wenn feindliche Scharen durch ein Land ziehen, die selbst auf neutralem Boden plündern und Verwüstung anrichten, so ist das eine Plage für ein Land. Eine solche wird aber nur als Folge politischer Verhältnisse aufgefaßt, und man erblickt gemeinhin in dem führenden Feldherrn nicht einen “JK*>B strafender Berechtig keitGottes. In dem Sjchwertder Menschheit ofsenbartsich indes das Schwert Gottes. Diese Erkenntnis galt es den Aegyptern beizubringen. — Es. mußte daher das Durchziehen, das Schrecken verbreiten sollte, solcher Gestalt sein, daß man darin Gott als Richter klar erkennen konnte: „ I ch werde hindurchziehen" und kein Bote “JK^B. Sie sollten Gott erkennen, der mit eigener Hand die Geschichte der Menschheit lenkt, in dessen Hand die Menschen auf dem Schachbrett der Welt nur Figuren sind. — Das TOn kommt in III 26, 24 vor. Im V. 25 erhält dasselbe seine Erklärung nicht nur durch die Androhung: „Ich werde über euch das Schwert bringen," sondern auch durch die Warnung: „Ich werde Pest unter euch entsenden?" Pest, Seuche — also Strafen, die nicht durch die Feindschaft der Menschen, sondern durch die Natur die Bewohner des Landes heimsuchen, und welche zusammengefaßt in der Bezeichnung *p;r (eigentlich Brand) „Brandfieber" Verseuchung, Zehrung, verheerendes Wuchern innerer Krankheiten zum Ausdruck kommen. Sprechen wir doch auch im Deutschen von einem Krankheits-„Herd." Solche Epidemien pflegen aber auf ungesunde klimatische Verhältnisse, Mangelhaftigkeit gesundheitlicher Einrichtungen, Unpünktlichkeit in sanitärem Verhalten zurückgeführt zu werden, aber der Gedanke „Ich Gott bin dein Arzt" kommt immer erst dann, wenn die Heilmittel des Arztes versagen. Aegypten sollte aber lernen, auch in den natürlichsten Entwickelungen eine leitende Hand zu erkennen. Es konnte das Hinsterben seiner Söhne nicht die Folge einer um sich greifenden Krankheit sein — denn die Erstgeborenen allein starben. Eine solche Auswahl trifft nicht ein blind waltendes Gift. Das Sterben der Erstgeborenen ist die letzte deutlichste Offenbarung und Plage. Es ist die wörtliche Uebersetzung für K*?i BK — Und endlich: „An allen Göttern Aegyptens werde ich Strafgerichte üben." Strafgerichte an Götzen antiken und modernen Heidentums übt im allgemeinen in der Weltgeschichte das Volk selbst. Eine fortschreitende Erkenntnis lehnt sich gegen althergebrachte Anschauungen auf. Solche Umwälzungen auf dem Gebiete des Geistes wecken Männer, es treten Reformatoren aus, in denen sich die Geistesrichtung ihrer Zeit verkörpert. Sie richten die Gedankengebilde der Vorzeit und lassen neue Wahngeburten an Stelle der alten treten. Sie geben sich aus als „Gesandten" Gottes an die Menschheit, die gekommen sind, sie vom alten Drucke zu erlösen - äußerlich betrachtet sind sie nur die Repräsentanten der Volksseele ihrer Zeit. Ihre Lehren gelten als Weiterentwickeluag des Vorhandenen, man erblickt nicht in ihnen, was sie ganz eigentlich sind: die Verurteilung und Bestrafung aller Versuche des Menschengeistes, seine Gottheit sich selbst zu geben. Ägypten sollte die Nichtigkeit seiner Götzen aber zu seiner Schande empfindenes sollte wissen, daß Gott herrscht und nicht jene, die sich als seine „gottgesandten" Boten verkünden sbi '18. Damit sollte besiegelt sein -inK kVi bk 'n bk. Eine Synngogen-Ordnnng, die leider nicht nur als Purimscherz gelten will gelesen am Purim 5668.Jj Am 18. März jährte sich zum zwanzigsten Male der Tag, seitdem eine erleuchtete Repräsentantenversammlung im Verein mit einem noch erleuchteteren Vorstand eine Synagogen-Ordnung ausgestellt hat, die Paragraphen besitzt — neunzehn an der Zahl — und für deren Richttgkeit Unterschriften zeugen. Ruhe ist des Synagogenbürgers erste Pflicht. „Sei ruhig bei deinem Eingang und ruhig bei deinem Ausgang" und für deine Ruhe bei deinem Verweilen in der Synagoge wird der Vorsteher schon sogen — also umgibt mit würdigem Rahmen der erste und letzte Paragraph in wohltättger Ruhe das Bild eines Gedankenganges über Ruhe beim Gottesdienst, wie er in den weisen Häuptern der Väter einer mittelrheinischen Gemeinde sich darstellt. Wir sind nun einmal im Rheinland und es scheint Ironie des Schicksals zu sein, daß der § 11 immer dazu berufen ist, seine Verfasser zu necken und sie der Purimstimmung seiner Leser rücksichtslos preiszugeben. „Auch das Küssen der Sefer Thora ist streng verboten". So lautet er. Vom ethischen Gesichtspunkt aus sind wir allerdings auch gegen Küssen und insbesondere in der Synagoge. Aber wenn es sich, wie im vorliegenden Falle um die bekannte Dame Thora handelt, denken wir etwas toleranter und sind ausnahmsweise zu dieser Konzession an den jugendlichen Uebermut huldigender Gefühle gern bereit. Zudem glauben wir, daß es sich dabei nicht gut um Auslösung von moralisch nicht einwandfreier Gedanken handelt, da, soviel wir wissen, Sefer Thora — ein Herr und gar keine Dame ist. Denn „Sefer" das Buch hat im Hebräischen männliches Geschlecht. Diesem Buch kann aber höchstens unser Kuß gelten, denn die Thora selbst ist zu abstrakt, als daß wir mehr tun könnten, als ihr den Handkuß unseres Lebens zuwersen — natürlich draußen im Leben, beileibe nicht in der Synagoge, wo es der Herr Vorsteher sehen könnte. Also das Küssen ist verboten. Hoffentlich küssen die Gemeinde- Eingesessenen draußen auch nicht — auch auf der Kirmes oder dem Purimball nichtdenn sonst wäre doch die Zweckmäßigkeit dieses Paragraphen vom pädagogischen Gesichtspunkt aus etwas anzuzweifeln. Denn in der Erziehung ist es gescheiter, dem Jezer Horah ein Ventil offen zu lassen. Offenbar hat der gestrenge Verfasser die Kußbereitschast seiner Gemeindemitglieder gekannt und wollte sie mit diesem Paragraphen sittlich beyern. Der Wille mag ja gut gewesen. sein, aber im Mittel dürfte er sich doch etwas vergriffen haben. Und wir geben ihm den wohlgemeinten Rat: Lassen Sie den die das Sefer Thora in der Synagoge nur ruhig küssen, dann wird vielleicht irgendwo anders weniger geküßt, wo es mit dem Küssen doch entschieden ernstere Bedenken haben könnte, als in der Synagoge. Diesem vom Hauch der erhabensten Sittlichkeit durchwehten Paragraphen reiht sich in eigentümlich abergläubischem Gegensatz der ominöse § 13 an, der wunderbarer Weise nicht fehlt — und das wohl mit Vorbedacht. Denn welche Paragraphenziffer könnte kompetenter gegen das Unwesen der Zahl 13 ihre Stimme erheben, als dieser Paragraph selbst? Augenscheinlich hat die Synagoge aus ein Minjan Besucher zu zählen und will es ernstlich vermeiden, daß der Fall einträte, daß Chaß Wescholaum 13 anwesend wären — und verbannt aus diesem Grunde aus der Synagoge die drei Gäste (höret und st a u n e t): Lulow, Eßrog und Hoschanoh. Denn also läßt sich der weise Gesetzgeber ernst verwarnend vernehmen: „Außer dem Vorbeter darf niemand Lulow, Eßrog und Hoschanoh zur Synagoge mitbringen," Es bedürfte des ganzen Aufwandes alles Scharfsinns einer Purimtauroh, um in die Tiefen des Gedankens dieser Gesetzeskoryphäen hinabzusteigen, die diesen Paragraphen verbrochen haben. Daß man sich schämt, in einer Gegend, die an öffentlichen religiösen Emblemen reich ist, jüdischreligiöse Gegenstände über die Straße zu tragen, kann nicht sein, da der Borbeter die vier Arten wohl mitbringen darf. Es wäre möglich, daß der )ohe Rat es vermeiden wollte, daß jemand auch am Sabbath das Lulow trage, aber es hieße »viel Kenntnis des Talmud und Schulchan-Oruch wi den Gesetzmachern voraussetzen, wollte man ie eines solchen Beweggrundes verdächtigen. Dieser Herr Vorsteher kann eben die ältesten Gebräuche außer Kurs fetzen. Er hat mehr Macht als MHi m mm M