Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1908)
- Date
- 1908-04-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Gene 18. fit. 14. Der JSraeltt. zeichnen wir den Haß, den wir tragen mußten, und verzeihen ihn, uns selbst anklagend, unser Verschulden suchend, unseren Feinden. Keine Wohltat, die wir empfangen, vergessen wir ,wi iTOi einem Diener halten wir sein freundliches Wort in dankbarer Erinnerung. Für jedes Recht, das uns nicht verkümmert ward, für jede Pflichttat, die man uns nicht vorenthielt, bewahrten wir nach Jahrtausenden ehrende Anerkennung. Denn jede einzelne dieser Taten ist ein Merkzeichen des Weges, den die Wahrheit machte und das Recht einherschritt, und jedes Ungemach, das uns traf, jeder Schmerz, den wir ertrugen, bedeutet das Aufbäumen der Wildheit im Menschen, die fühlt, daß sie im Kampf gegen das siegende reine Menschentum erliegen muß. Mit uns, dem schwächsten Volk unter den Völkern, ist das Recht verbunden, das e.nzige Mittel unserer Wehr gegen die Macht der Großen. Jede Anerkennung unseres Daseins eine Würdigung des wahren Rechts, der rechten Wahrheit. Je'd - Versagung, jede Höhnung, drum zugleich eine Vergewaltigung der Gerechtigkeit, ein Hohn auf die Menschlichkeit. Unser Geschick so eng drum verknüpft mit jedem Fortschritt in Erkenntnis und Sitte, unsere Teilnahme so lebhaft am Werdegang der Weltgeschichte. Denn wir können erzählen von Weltgerichten, berichten von Glück uno Unglück Mächtiger und Völker und Länder. Wohl ist unser Brot das Brot der Armut, doch Not lehrt nicht nur beten, auch denken und sehen. Wir haben gesehen und gedacht und gebetet und können gar viel erzählen. n. Weil wir das Leben von so ernster Seite kennen gelernt haben, drum setzt es sich uns auch nicht aus Flitter und nichtiger Eitelkeit zusammen. Wir würdigen und schätzen die Güter des Lebens, die dem ernsten Inhalt die würdige Form zu geben geeignet sind, die der inneren Ebre die äußere Ehrung zu schaffen vermögen. Doch wir wiffen zwischen Kern und Schale zu scheiden und verwechseln nicht Schein und Sein. Wirerfassen auch die Pflicht unserer Lebensaufgaben, wenn das Glück uns flieht, und auch bei wirtschaftlichen Mißverhältnissen wissen wir ab und zu zu geben. Sehr lehrreich läßt sich gerade in diesem Punkt der-Midrasch zu Esther (ü.) vernehmen. Die Gelehrten — so erzählt er — gingen einst Geld zu sammeln um Thora-Lehranstalten zu unterstützen, und sie kamen zu einem Manne, Barbuchin mit Namen. Da hörten sie, wie der Sohn den Vater fragte, was sollen wir heute effen? Und der Vater antwortete: „Grünkraut". Der Sohn fragte weiter. „Welche Sorte, von der, von welcher zwei Köpfe eine Monoh kosten oder von der, von welchen der eine Kopf für eine Monoh erhältlich ist?" Der Vater antwortete, „von den billigen". Das Kraut ist welk und kostet darum weniger. Als die Gelehrten diese Unterhaltung hörten, sagten sie sich, ein so armer Mann kann doch nichts geben, wir wollen zunächst die bemittelten Leute besuchen, und, um ihn nicht zu beleidigen, auch zuletzt noch zu ihm hingehen. So taten sie. Wie aber wunderten sie sich, als sie zu ihm kamen. Sofort verwies er sie an seine Gattin und sprach: „sie wird euch einen Scheffel Denare geben." Als sie zur Hausfrau kamen, fragte diese: „Hat mein Mann . gesagt einen Scheffel oder einen vollen Scheffel?" Darüber vermochten die Gelehrten keinen Aufschluß zu geben. So genau hatte der Mann sich nicht ausgedrückt. Was tat die Frau? „Jedenfalls," so sprach sie, „gebe ich euch einen hochvollenScheffel. Hatte mein Mann das nicht beabsichtigt, lege ich die Differenz von meinem Gelbe zu." Sie gingen zurück zum Hausherrn, statteten ihm den Dank ab und segneten ihn, und er versicherte sie, daß seine Frau nach seiner Absicht gehandelt. „Aber," sprach er, bevor er sie entließ, „sagt mir, ihr Gelehrten, warum ginget ihr anfänglich von meiner Türe fort und kommet erst zuletzt wieder zu mir?" Und sie erklärten ihm den Sachverhalt, wie er sich zugetragen. „Als wir gehört, wie sehr du dich in deinem Haushalt einschränkest, da dachten wir, wir dürften kein Opfer von dir verlangen." Doch der edle Spender entgegnete: „Was für mich ist, da darf ich mich einschränken, aber was zur Ehre meines Gottes ist, da vermag ich, da darf ich nicht kargen." Welch edle Gesinnung eines edlen Spenders! Er verstand die Warnung des Geschickes, wie sie Chagai I. 5, 6 seiner Zeit entgegengerufen: „Ihr säet viel und erntet wenig, effet und werdet nicht satt, trinket und berauschet euch doch nicht, kleidet euch und werdet nicht warm und wer verdient, verdient in einen gelöcherten' Geldsack." Anschauungen und Auffassungen des Verhältnisses der Menschen zu ihrem Gott und der Pflichten den Menschen gegenüber erhalten erst Wert und Bedeutung, wenn sie aus der Theorie in die Praxis übersetzt werden. Wie Recht und Humanität sich nicht abfinden können mit Herz und Gesinnung, so vermag auch der Mensch in seiner Beziehung zum göttlichen Gesetz mit Begriffen von Religiösität und Sympathieen die Aufrechterhaltung des Judentums nicht in der Idee zu fördern, diese geistigen Potenzen müssen durch die Tat eine greifbare Gestalt in der Welt der Tatsachen annehmen. Es ist vom Propheten keine salbungsvolle Pfaffenphrase, wenn er die Menschheit in ihrem täglichen Broterwerb auf Gott hinweist, sein Gott steht ihm nahe und er will, daß alle seine Nähe fühlen und dieser Einwirkung sich nicht entziehen. Und da gibt uns denn jene 2. April 1908 herrliche Gestalt eines wahrhaft jüdisch fühlenden, denkenden und sein Denken und Fühlen betätigenden Mannes die Lehre, wie ein geschäftlicher wirtschaftlicher Druck zu tragen sei. Jener Barbuchin des Midrasch hat seine soziale und jüdische Aufgabe auch in dem Moment nicht vergessen, da er sich selber einschränken mußte. Wenn es heute gilt, zur Lösung der sozialen Frage in ihren vielfachen Einzelheiten einen Beitrag zu liefern, dann gehen die Geschäfte schlecht.- Wenn für MUS O'L'pvl n-nn Geld erforderlich ist, dann gehen die Geschäfte schlecht. Aber ein Blick in die Hausführungen verrät von dem schlechten Geschäft nichts, die Gesellschaften werden mit dem selben Pomp gegeben, die gesamte Repräsentation ist nicht weniger kostspielig. Für den Schein und den Flitter sogenannter sozialer Stellung ist Geld da — als wären es die besten Zeiten. Nur für das Gute und Wahre, das Humane und Jüdische und besonders für das echt Jüdische, für die min, ist der Verdienst nicht groß genug. So hat jene Jdealgestalt im Midrasch nicht gehandelt. Als man seinen Tisch nur ärmlich besetzt sah, da gab er für min noch Denare — scheffelweise. 'Kttn toK Die Anforderungen seines persönlichen Wohllebens durfte er einschränken — aber Gott den Teil zu bestimmen, den Er für Sich und Sein Gesetz zu fordern habe, fordern dürfe — dazu steht dem Menschen nie und nimmermehr das Recht zu. Da haben wir das Verständnis für das „Stück" Mazzoh. Barbuchin lehrt uns den „Bruchteil" unseres Besitzes verwerten. Ist es gleich das Brot „des Armen", das wir genießen: auch mit dem Brot des Armen können wir bekunden und lehren, was die in der Mazzoh verkörperte Vergangenheit unseres Volkes für unsere Gegenwart und alle Zukunft von uns verlangt. III. Von diesem Barbuchin des Midrasch lernen wir noch mehr. Zur Pflege solcher Gesinnung, wie er sie betätigte, lebte im Innern seines Hauses seine Gattin, die sein edles Streben unterstützte. Aus ihrer Tasche wollte sie geben, wenn der Gatte nicht genügend bestimmte. Wo ein gleiches Streben sich gegenseitig unterstützt, da sinden wir das Ideal eines jüdischen Handelns. Mit blutigen Lettern lehrt es die jüdische Geschichte: reich ist Israel nur, wenn es sich arm fühlt vor seinem Gott, wenn das Bewußtsein in ihm lebt, daß aller Glanz und alle Macht nicht erkämpft wird durch die eigene S:ärke, nur als Segen für die Demut enipfangen wird, in der wir, Pflichttreue übend, unfern Lebenspfad wandeln. Doch wie arm wir wären bei allem Segen, wenn mit der kurzen Spanne unseres Hierseins in gleich großer Achtling steht, dann ist es hauptsächlich wegen feiner unbegrenzten Wohltätigkeit." „So", rief Markus, „und meinst Du nun, wenn eine jüdische Finanzgröße von den Christen vielleicht bewundert, aber sicher noch mehr beneidet und gefürchtet wird, daß dieses die Achtung vor den Juden im allgemeinen so steigert wie das selbstlose Wirken meines Vaters? Ich muß oft lachen, wenn ich einen Christen meinen Vater danken höre für die wahrhaft „christliche" Liebe, mit der ihnen geholfen ist. Du mußt nicht denken, daß bieie Hilfe immer in Geldunterstützung besieht, im Gegenteil, fast noch mehr sind es gute Ratschläge der Vermittlung bei anderen. Und daß meines Vaters Wirksamkeit oft unerkannt bleibt? O, lieber Freund, wie wenig begreifst Du das reine Streben nach dem Idealen, das für sich nichts verlangt als die Möglichkeit des ftiUen Wirkens, um andere demselben hohen Ziele zuzuführen."- Jahre vergingen. Der junge Straußberg hatte sein glänzendes Ziel erreicht, das väterliche Geschäft war bedeutend erweitert, er hatte auch eine Fabrik eingerichtet, in der mehrere hundert Arbeiter halfen, den Ruhm der Firma zu vergrößern und an der Börse sprach man mit Achtung von dem Unternehmungsgeist des jungen Chefs. GMe schöne und stattliche Frau verstand es, arH-kseine Häuslichkeit mit dem Glanze auszuii statten, wie es der Glanz des Geschäftes verlangtedie geschmackvolle Eleganz seiner Gesellschaften machten die Einladungen in seinem Hause begehrt. Schon in den jungen Jahren wurde der tüchtige, umsichtige Geschäftsmann in die Handelskammer gewählt, auch zu den Stadtverordneten der Vaterstadt gehörte er bald. Seinem früheren Schulkamerad Markus war ein bescheidener Lebensweg bestimmt. Er war Rabbiner wie sein Vater geworden, und bekleidete nach dessen frühem Tode auch dieselbe Stellung in seiner Vaterstadt. Er strebte in jeder Weise ein würdiger Sohn und Nachfolger zu seindas Glück ließ ihn eine passende Lebensgefährtin finden, die ihn in jeder Weise unterstützte und eine wahre Mutter aller Armen war. Eine Schar blühender Kinder vollendeten sein Glück. Seine Häuslichkeit war das Musterbild eines ächten jüdischen Hauses und schaffte so seiner Wirksamkeit den schönsten Hintergrund. Goldne Berge aufzuhäufen war ihm nicht gegeben, auch ja nicht sein Streben. Mit seinem zu so hohen Ansichten gelangten früheren Genoffen Straußberg stand er nur in losen Beziehungen; der reiche Handelsherr war natürlich auch im Vorstande der jüdischen Gemeinde und bemühte sich stets, seinen Einfluß zugunsten des Rabbiners geltend zu machen. Doch wie wenig. verstanden sich die beiden eigentlich- und oft genug mußte Straußberg es .. erleben, daß der Jugendfreund seine gutgemeinten Vorschläge zur Besserung der materiellen Lage des Rabbiners als unvereinbar mit der Stellung eines solchen abtehnte. Nur wenn es sich um andere handelte, machte Markus gern Gebrauch von der Großmut des Freundes. Besonders wenn es sich darum handelte, Arbeitslosen Beschäftigung zu schaffen, wußte der Rabbiner den sonst nur auf seinen Vorteil bedachten Kaufmann zum Helfen zu veranlassen und niemand war froher als er, wenn auf diese Weise eine Existenz zu retten war. Doch zu einem direkten Verkehr der Familie wollte es nicht kommen. Dem einfachen geraden Sinn der Rabbinerin widerstand die Art der eleganten Kaufmannsfrau, die zwar in geistreicher Weise über „soziale Pflichten" sprechen konnte, Vorträge zur Hebung alles Möglichen und Unmöglichen anhörte, Kinderkrippen, Ferienkolonien, Wöchnerinnenheime u. s.w. reichlich unterstützte, ja sogar dem Vorstände vieler Anstalten angehörte, die aber die Pflicht der jüdischen Frau Gemiluß Chessed zu üben, den Armen und Kranken als Schwester mit eigener Hand zu helfen, nicht verstehen wollte. (Schluß folgt.)