Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1908)
- Date
- 1908-04-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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4- Jahrgang M 3. üdiöchcr Volhefrcund Monats-Beilage rum „Israelit Terantwortlicbe Redaktion * R, ab bin tl* Di** ß. dolf in Köln. Aas aas Brot des,Elends {erzählt. k Nach Peffachim Mar Samuel meint, unsere Mazzoh lvürde darum 'jy on1? genannt, iveil rvir mit der Mazzoh in der Hand uns und der Welt gar viel zu erzählen wissen. Er leitete die Bezeichnung "Jy von njy „sprechen" ab. Es findet sich eine Boreißoh, die Samuels Ansicht bestätigt. Eine andere Ansicht ist aber die, daß zu übersehen sei: das Brot „des Armen". .Weil wir die mittlere der drei Mazzoth auf der Sederschüssel durchbrechen und nur die eine Hälfte zum Doppelbrote bei der ooSiEn ro*0 nehmen, verleihen wir damit dem Gedanken Ausdruck, daß wir uns arm fühlen und an einem „Bruchteil" unser Genüge haben. Schließlich könnte man, so spricht sich ein anderer aus, darum die nxe „Brot des Armen" nennen, weil sie von der Familie selbst im Hause gebacken wurde. Vater und Mutter des Hauses beschäftigten sich mit ihrer Zubereitung. Wie im Hause des Armen der Mann den Ofen heizt und die Frau backt, so unterhält der Gatte bei der Herstellung der das Feuer und die Frau backt. Was wir tnt großen Familienkreis an der großen die Erde umspannenden Familientafel des jüdischen Volkes in der Sedernacht zu künden wissen, das dürften, ja sollten Fürsten und Völker hören. Die Weltgeschichte hätte einen andern Lauf genommen, wenn die verantwortlichen Leiter der Völker und Staaten auf die Erzählungen unserer Geschichte horchend aufgemerkt hätten. Kaiser und Könige hätten die Erfahrungen nicht zu wiederholen brauchen, die vor ihnen ein gar mächtiger Volksbeherrscher eines starken und kultivierten Volkes gemacht hat. Der Geist des Völkerrechtes tlnd die Anerkennung des Menschenrechtes waren so nachdrücklich durch die offenkundigen Vorgänge in Aegypten gelehrt worden, daß es nur des guten Willens bedurft hätte, um vor Jahrtausenden schon ein Rechtsbewußtsein der Menschheit einzuprägen, wie es als noch immer unerreichtes Ziel in der Tauroh nieöergelegt ist. So lange zerschellt jede Macht am Felsenriff des göttlichen Rechts, so lange die Steuerleute der Staatsschiffe das ihrer Leitung anvertraute § ahrzeug nicht sicher zu den von Gott gewiesenen ielen lenken, die keine anderen sind, als eben dieses Recht selbst und die aus ihm sich ergebende Liebe für die Welt der Geschöpfe, die in vollkommener Ebenbürtigkeit den gleichen Anspruch auf Anerkennung ihres Daseins, ihrer Leistungen und ihres Genießens haben. Hätten nur die Juden selbst die Erzählungen der Sedernacht und die Wiederholung ihrer Erinnerungen im größern und kleinern Maßstab mehr beherzigt, dann hätte an ihrem Beispiel sich schon manche Gesetzgebung gebildet. Mehr als sie denken, werden sie beachtet und beobachtet. Mehr als sie meinen, findet ihr Gesetz Anerkennung in den maßgebenden und einflußreichen Kreisen ihrer Wirtsvölker. Die grundlegende Bedeutung des „Alten Testamentes" wird nicht geleugnet und kann nicht verkannt werden. Die schrille Disharmonie zwischen unserer Lehre und unserem Leben schafft uns die Feinde. Ein Leben, das Abbild der Tauroh wäre, stünde, wie 'sie, himmelhoch über jeder Kritik. Das beobachtet man doch leicht im Leben des Einzelnen, und das gilt auch für die Gesamtheit. Nicht umsonst halten die Haggadahweisen den für lobenswert, der viel erzählt. Wer die einzelnen moralischen und rechtlichen Momente aus der Erlösungszeit herauszuschälen, zu betrachten und auf die Zeiten und die Zeit anzuwenden weiß, und wer diese seine geschichtlich-ethischen Betrachtungen einem größeren Kreis mitzuteilen versteht, der hat die Aufgabe erfaßt, den die Weisheit unserer Vorfahren mit der Einrichtung der Sedernacht jedem Vater zuerteilt hat. Und wie erst haben sie es verstanden, durch die Anregung der Kinderseelen mit so einfachen Mitteln, die sie in pädagogischem Feingefühl den Aenßerungen unserer Kleinen abgelauscht, auch diese unsere zartesten Sprossen zu bewußten, historisch denkenden Menschen schon früh zu erziehen und sie für ein Beobachten des Lebens zu gewinnen, in dem die größten Probleme der Weltgeschichte alltäglich und allstündlich im Mittelpunkt des Denkens stehen. Fragen, mit denen sich in allerdings etwas gelehrter Verkleidung die rößten der Geister beschäftigen und auf die sie isher noch inimer die Antwort schuldig blieben, derweil die einzige Antwort, die es darauf gibt und die mancher — man merkt es so manchen Worten an —gern gegeben hätte, aber nicht auszusprechen wagt, damit es nicht in den Augen der Welt um sein „wissenschaftliches Gelehrtentum" geschehen ist- Fragen, in deren Tiefen alle Welträtsel verborgen liegen, verhandelt da in schlichtem, kindlichem, faßlichen Ton und Wort der Vater mit seinem jüngsten Kind und nennt ihm das Losungswort aus allem Leid und weiht seinem Schöpfer und Herrn, dem Gott der Menschen und der Welt, aus vollen! stolzen und frohen Sinn, in gehobener Stimmung und erhebender Weihe den Pokal der vierfachen Erlösung. Wir Juden haben freilich etwas zu erzählen. Denn „Reisen" haben wir genug gemacht. Viele Länder haben wir geschaut, manche Flur ward kaum gegrüßt, gemieden. Völker gingen an uns vorüber, wir an ihnen. Dynastien sahen wir den Thron besteigen und verlieren — wir gehorchten, doch wir blieben stehen. Als Gottesgeißel ver- Sonne und Mond. Der Mond spricht zum Schöpfer: „Du hast, o Herr, zwei große Lichter geschaffen, die Sonne und den Mond; warum zwei gleiche?" „So seiest Du verkleinert, Mond," antwortet der Herr der Welt. „Weil ich so einsichtsvoll bin, werde ich verkleinert?" fragt klagend der Mond. „Dafür herrschst Du bei Tag und Nacht." „Beim strahlenden Licht der Sonne wer achtet da des Mondes?" „So seiest Du ein Vorbild alles geistig sittlichen Strebens, das bescheiden zurücktritt vor dem strahlenden Glanze materieller Größe, die wie die Sonne wirken kann,schaffend und fördernd, aller Augen auf sich ziehend, und blendend — und nachts in das Dunkel verschwindend. Geistig-sittliche Größe wirkt bescheiden zurücktretend vor dem Glanze des Tages, nur sichtbar dem suchenden Auge des Forschers; kommt aber die Nacht, dann leuchtet uns der Strahl, milde und wohltuend, der uns nie verläßt, dann ist er unser Führer durch das Dunkel und zeigt, daß der Glanz erblassen, materielle Größe zerfallen kann, daß das Streben nach sittlicher und geistiger Höhe aber unsterblich ist. So gehe hin, o Mond, und? sei das Vorbild Israels!"- Es war am Tage der Schlußprüfung im Gymnasium. „Uff, das wäre nun überstanden," ruft fröhlich ein Jüngling, der nun als freier Mann die Treppe von seiner Klasse hinabspringt. „Ein schöner Augenblick", antwortet sein Freund - „na, Straußberg," hängst Du nun wirklich die Wissenschaft an den Nagel?" „Ja, lieber Markus - was soll man auch studieren als Jude?" antwortet Straußberg. „Arzt mag ich nicht werden, als Philologe sind die Aussichten nicht gerade glänzend, Chemiker oder Techniker, die Juden sind, haben auch keine glänzende Aussichten auf gute Anstellung oder gar auf Universitätskarriere und Jurist? Rechtsanwälte gibt's mehr als genug, und Staatsanstellung als Jude?!" „Ja, macht Dir denn das Lernen an sich keine Freude? Die Verhältnisse Deines Vaters würden Dir doch gestatten zu Deiner weiteren Ausbildung auch ohne praktischen Zweck die Universität zu beziehen?" meinte Markus. „Der Vater hätte nichts dagegen, aber ich will nicht. Ich will ans Ziel, erst lerne ich bei meinem Vater auf dem Kontor, dann geht es ein paar Jahre ins Ausland, und dann bringe ich neuen Zug ins Geschäft, wie es die Zeit mit sich bringt. Ich will ihnen dann schon zeigen, daß wir die Ueberlegnen sind trotz all ihrer Gegenarbeir!" setzte Straußberg plötzlich heftig aufbrausend hinzu. Markus erschrack förmlich bei diesen! jähen Ausbruch. „Aber ich bitte Dich, Freund, ist das ein Grund für einen Lebensplan, ist das ein Ideal?" „Ach was, Ideal," versetzte der andere unwirsch, „mit dem Idealismus lockst Du heute keinen Hund mehr hinter dem Ofen fort. Was hat Dein Vater mit all seinem selbstlosen Streben erreicht? Seit mehr als 20 Jahren ärgert er sich hier als Rabbiner mit seinem Vorstand ab, und goldene Berge har er trotz seines Arbeitend von morgens bis in die Nacht nicht aufgehäuft. „Nimm mir's nicht übel", setzte er gutmütig hinzu, als er einen schmerzlichen Ausdruck in des Freundes Gesicht gewahrte, „ich möchte Dich blos davon abbringen, denselben undankbaren Beruf zu ergreifen". „Dos wird Dir nicht gelingen. Mehr als alles Goto der Erde ist meinem Vater das Bewußtsein wert, unseren kostbarsten Besitz, die Tauroh, zu bewahren und weiter zu verbreiten. In wie manchen! jüdischen Herzen hat er die echte Menschlichkeit erhalten, und wenn es manchmal nur ein Funken wahren Judentums ist, so kann und wird es unverloren sein, vielleicht in den Kindern wieder aufflacker.!!" „Ja, was hat er denn aber davon? Die Wenigsten ahnen, was sie ihm verdanken- und wenn Dein Vater heute bei Juden und Christen