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Der Israelit · 1908-04-02 · Heft 14 (2.4.1908) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 14 (2.4.1908)
Date
1908-04-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 14. ver JSraeltt. ä April 1908. A * fernen. Da die Erfüllung dieser Pflicht mit der Jahreszeit zusammenfällt, in welcher die Wohnräume ohnedies mit Ablauf des Winters und dem Eintritt der wärmeren Zeit einer gründlichen Reinigung unterzogen werden, so läßt die tortschaffung alles sichtbaren, handgreiflichen homez in der Regel auch in denjenigen Häusern nichts zu wünschen übrig, die sonst nicht mit Aufgebot aller Gewissenhaftigkeit ihre jiidische Lebens,'flicht erfüllen. Aber dieses Verbot verlangt auch die Beseitigung des Chomez ans allen Koch- und Speisegeräten, welche das Jahr hindurch für chomezhaltige Speisen und Getränke benützt wurden, soweit sie nicht durch neue, ausschließlich für den Pessachgebrauch bestimmte Geräte ersetzt werden. Diese Beseitigung geschieht durch Käschern und Glühen der chomezhaltigen Gefäße. Welche Geräte nun gekaschert und welche geglüht werden, welche Gefäße weder durch das eine noch durch das andere Verfahren für den Pessachgebrauch wieder hergestellt werden können, die Art und Weise, in welcher das Glühen und Käschern zu vollziehen ist, diese oft recht komplizierten Bestimmungen sind heute vielfach nicht allen so geläufig wie es eine gewissenhafte Handhabung erfordert. Diese rituelle Instandsetzung der Gefäße, die in gesetzestreuen Gemeinden unter Aufsicht und Anleitung einer kundigen Persönlichkeit erfolgt, ist heute in vielen Fällen Händen überlaßen, die keinerlei Bürgschaft für eine zuverlässige Ausführung bieten. Daß das Chomez, ivelches nicht fortgeschafft werden kann, verkauft werden darf, ist bekannt. Die Art pnd Weise des Verkaufs ist aber vielfach eine so ungenügende, daß sie den Hohn und Spott rechtfertigt, mit dem man diesen Scheinverkauf begleitet. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß dieser Verkauf Täuschung und Selbstbetrug ist, wenn er nicht in rechtlich bindender Form erfolgt. Ist dies aber derart geschehen, daß der Verkäufer tatsächlich nun kein Cyomez an Pessach mehr besitzt, , so ist sein Zweck erreicht, auch wenn das Ehomez nach Peffach von dem Käufer wieder an seinen ursprünglichen Besitzer zurückgeht. Wir leben in einer Zeit, in welcher an der Börse und sonst im geschäftlichen Verkehr viele formale Käufe und Verkäufe abgeschlossen werden, die volle rechtliche Verbindlichkeit haben, und die deshalb jedermann in Ordnung findet. Wenn die geschäftliche Gewissenhaftigkeit aber erst erwacht, wenn es sich um den Verkauf von Chomez handelt, so weiß jeder billig Denkende, was er davdn zu halte» hat und es lohnt sich nicht ein Wort darüber zu verlieren. Um so mehr wäre aber auch hier die rechte Belehrung und Unterweisung am Platze, nicht nur um dem religiösen Leichtsinn keine Veranlaffung zu frivolem Spott zu geben, sondern vor allen Dingen deshalb, damit die hier in Rede stehende gottaegebeue Pflicht nach Vorschrift erfüllt werde. Daß Chomez, welches vorschriftswidriger Weise über Pessach in jüdischem Besitz verbleibt, auch nach Pessach verboten bleibt, ist eine Konsequenz dieser Unachtsamkeit, die auch nicht allgemein bekannt ist. (Schluß folgt.) orrespondenzen und Nachrichten. Deutsche« MeUH. vle öeneralDerfammlung 9es ßttlfsoereins. (Bon unserem Korrespondenten.) 8. B. Berlin, 29. Mäitz. Eine imposante und illustre Versammlung, Damen und Herren, hatte sich heute, der Einladung des „Hilfsvereins der deutschen Juden" folgend, m dessen Generalversammlung in der „Ressource" zusonnm «gefunden. Neben den Mitgliedern, hiesigen und auswärtigen, die sich in ansehnlicher Zahl cingefunden, erhielt die Ver j sammlung durch Gäste, die aus allen Himmels i strichen hergekommen waren, einen iuternatio nalen, ihrem Wirken entsprechenden Anstrich. Der Vorsitzende, Herr I a m c s S i m v n eröffnete pünktlich die Versammlung und gab einen kurzen Ueberbliä über die Geschäftstätigteit und die Erfolge des „Hilssvereins", als deren letzten er der Versammlung die ersrenliche Mitteilung er össnete, daß Herr Wisotzki Moskau, der bekannte russische Philanthrop, seinen zahlreichen Edeltaten eine neue angesngt habe durch eine hochherzige Spende von 100.001) Rbl. für technische Nnterrichtszwecke im Orient. Nachdem der Vorsitzende sodann noch der im Berichtsjahre dahin geschiedenen Freunde und Förderer des Vereins gedacht, erteilte er Herrn Tr. P a u l N a t h a n das Wort zum Geschäftsbericht. Dieser Vortrag brachte eine kleine Enttäuschung. Man war in der Erwartung gekommen, daß der verehrte Manu, der man darf es wohl ruhig sagen - wie taum eilt Zweiter heute in allen Lagern wohlverdienten Sympathieen begegnet, aus der reichen Fülle des auf seiner Reise int Orient Erschauten recht viel erzählen und berichten werde: namentlich erhoffte man mit Spannung von ihm, deni inan allseits Objektivität und Undoreingenommenheit zuerkennt, ein sachgemäßes Urteil über Land und Leute, über Leben und Zustand der palästinensischen, speziell der Juden in Jerusalem und den Kolonien. Aber mochte der Rahmen des Geschäftsberichts diese Ausführlichkeit auch nicht gestatten, so boten die Ausführungen des Herrn Dr. Nathan doch auch so genug des Anregenden und Beachtenswerten. Er wies zuvörderst darauf, daß, wenn die jüdische Auswanderung, die jetzt seit Jahren aus Rußland attdauert, trotzdem sie den Anfang der Emigration von 1882 wesentlich übertrifft, dennoch nicht den krisenhaften Zug von damals aufweise, dies an der unter Leitung des „Hilfsvereins" geschaffenen Grenzorganisaiion läge. Dadurch vollzieht sich die Durchpassage der Auswanderung so lautlos und prompt, daß die Oeffentlichkeit kaum etwas davon zu hören bekommt; die Auswanderer werden nicht nur humaner behandelt, sondern auch vor Ausbeutung aller Art geschützt: die Segnungen des Hilfswerks kommen also ebenso ihnen wie den deutschen Juden zu Nutze. Man müsse sich aber hüten, die Auswanderung der russischen Inden anzuregen. Vielmehr müsse danach gestrebt werden, in Rußland selbst ihnen ein nrenschenwürdiges Los zu schaffen und sie wirtschaftlich wie kulturell?u heben und zu fördern. Tiefer noch als Rußland rangiere Ruinänien, dessen Regierung ungleich verlogener und brutaler gegen ihre jüdischen Untertanen vorgehe. Das Lügengewebe, welches die Machthaber so lange spannen, als richte sich der Haß der Landbevölkerung gegen die Juden, sei durch den vorjährigen Aufstand in der Moldau gründlich zerstört worden; nicht gegen die Juden, sondern gegen ihre Anssauger, die Bojaren, richtete sich jene Bewegung. Die Folge davon aber sei, daß die Juden noch mehr als bisher in die Städte gepreßt werden und das Elend vergrößern helfen. Es sei der tatkräftigen, zielbewußten Initiative Jakob H. Schiffs in Newyork zu danken, daß oie Auswanderung von dort, wo sie eine Kalamität werden mußte, abgelenkt und, soweit es die augenblicklichen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse gestatten, nach den Südftaaten (Galvestone) dirigiert wird. Uebergehend zu dem Bericht über das Schulwesen, stellte der Herr Redner seine Ueberzeugung voran, daß trotz der jetzigen, wenig befriedigenden Situation, späterhin der Orient in weitestem Maße berufen sein werde, Juden auszunehmen. Dazu müsse aber dort eine jüdische, einheimische Bevölkerung geschaffen werden, welche als Pioniere wirken können; dafür wiederum sind gute Schulen Vorbedingung. , Aus wohlerwogenen Gründen habe Man sich entschlossen, schon in frühester Jugend das Erziehungswerk zu beginnen; das Fundament des dortigen Schulwesens müßte daher der K indergart e it werden, von dem aus die Liebe zur Ordnung, Reinlichkeit u. s. w. auf die Großen übertragen wird. Eine europäische Sprache wird in beit ländlichen Schulen nicht gelehrt, weil sie, ant Orte wertlos, lediglich den . Anreiz zur Landflucht böte. Welche Sprache also sollte der Schulverfassung zu Grunde gelegt wer! den? Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß nur die hebräische Sprache zu wäh len sei. Nicht nur aus religiösen Gesichtspunkten, die bei der Treue, mit der die Bevölkerung fast ausnahmslos an der alten Tradition festhält, ein sehr gewichtiges Momeitt ist: sondern auch aus pädagogischen, denn bei der Vielsprachigkeit, die entsprechend ihrer Abkunft unter den Juden selbst herrscht, müßte vor Allen eine Universalsprache, welche allen diesen polyglotten Elementen verständlich ist, für den Unterricht gesucht werden, und dafür bot sich naturgemäß keine geeignetere als das Hebräische. „Eines steht fest: die orientalischen Juden sind fast durchgängig strengreligiös, strenggläubig: und. wenn wir nicht Gegensätze, die anderwärts bestehen, dorthin übertragen und verschärfen wollen, so muß atr der hebräischen Sprache sestgehalten werden." Daneben mußte durch eine mvderne Sprache der Anschluß an den Weltverkehr gesucht werden. Dafür wurde die deutsche Sprache gewählt: nicht aus Chauvinismus, sondern nur weil und wo es im Interesse der Sache liegt. Es kommen daneben Gegenden in Betracht, wo Englisch oder Italienisch als wichtigere und vorteilhaftere Verkehrssprache er scheinen können. Der „.Hilfsverein" wird dann nicht zögern, diesen Sprachen den ihnen gebührenden Platz einzuräumen. Für die Ausbildung zu Kaufleuten sorgen die Handelsschule u, und so vorzüglich sind deren Resultate, daß die Nachfrage nach dort ausgcbildeten Zöglingen seitens der Kaufleute zu groß ist, um befriedigt werden zu können. Die wichtigste Aufgabe der Zukunft aber werde die Erziehung der geeigneten Elemente zu tüchtigen Technikern sein. Wer im Orient je gereist, kann die. Wahrnehmung machen, daß den Schienenweg entlang Kultur und Wohlstand, anderwärts Wüstenei und Elend herrsche. Die Nationalität, welche die Ingenieure stellt, wird daher am meisten zur Erschließung des Landes, zur Hebung vott dessen Wohlstand und damit des eigenen beitragen. Die Amerikaner haben in Konstantinopel und Beyrut Colleges errichtet; aber so vorzügliches dieselben in der klassischen Bildung, für das Studium der Medizin u. A. leisten, so lassen sie die Technik unberücksicht. U n s e r e Ingenieure werden vor Anderen voraus haben, daß sie akklimatisiert sind, und was das sagen will, wisse jeder, der die Gefahren des Klimas für den Neuankömntling kennt, zu würdigen. Sie seien zweitens, landeskundig und beherrschten Sprache und Verkehrsformen besser als jeder Andere. Drittens aber brauchten sie nicht mit dem berechtigten Mißtrauen zu rechnen, welches die ottomanische Regierung dem Landeshunger der fremden Gndringlinge entgegenstellt. Es sei daher mit Freude zu begrüßen, daß die hochherzige Gabe des Herrn Wisotzki erlaube, dem Plan einer technischen Hochschule, die eine Mittelschule als Unterbau erhalten solle, näher zu treten. Als erfreuliches Ergebnis der Wirksamkeit des „Hilfsvereins" - richtiger hätte es heißen müsen: seiner Wirksamkeit" Gezeichnete der Herr Redner den Erfolg, daß die führenden Männer im Orient, d. h. die angesehensten und verehrtesten Rabbiner derselben Vertrauen entgegenbringen und ihre Mitarbeit nicht versagen. Auf diesem Wege, im Einvernehmen und gemeinsam mit diesen gekehrten Männern dürfe man hoffen, die Almosenempfänger zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen. Wer wirklich Gutes auf diesem Gebiet schaffen wolle, der dürfen ichtentgegen,sondernmitden geistigen und religiösen Führern der dortigen Juden arbeiten. Dank dem Vertrauen, das der „Hrlfsverein" bei diesen Männern bereits erwarb, hat er schon jetzt die

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