Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1908-04-02 · Heft 14 (2.4.1908) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
49 (1908)
Issue
Heft 14 (2.4.1908)
Date
1908-04-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449298-2449313--64340-2506927
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

s April lSV8 „gfrBs 4. Nr. 14 Der ^lSraeltt drin ^->V" KDntt' 'S den eigentlichen Text der Sololow'schen Ausführungen: ist ja die Entfernung des Begriffs der religiösen P f l i ch i und feines Widerspi.ls, der „Sünde", aus der Idee des nationalen Judentums die eigentliche E r r n n genfchaft des modernen Nationalismus'. Wenn „Judentum" kein wesentlich religio- Le r Begriff mehr ist, sonderli ein .p o l i t i s ch - « kultureller-, wie Deutschtum, Franzo sentum, Moskowitertum, dann gibt es für den nationalen Fzuven als solchen keine religiösen Pflichten mehr, und es ist nicht einzusehen, warum Sabbathentweihung und Leug rrUng aller religiösen Grundlehren, soweit nur die Interessen der n a t i o n a l e n Selb sterhaltung nicht gefährdet werden, nicht eben so „jüdisch" sein sollten, wie die religiösen Ideale des überlieferten Judentums. Beweisen zu wollen, daß der T a l m u d die sen in sich vollkommen logischen Stand Punkt nicht eingenommen hat, daß die .Heran ziehung des oben erwähnten Talmudzitats viel mebr eine grobe Perfälschung der historischen Wahrheit darstellt hieße Eulen nach Athen tragen. Dem Talmud war der Sabbathentweiher ein r-tVir rvnnn SrS icio: ein Abgefallener in optima forma — noch Jude allerdings, wie auch der vom T a n s w a f s e r Benetzte, wie auch der Perbrecher in alle Ewig feit Jude bleibt, aber u n f ä h i g zu irgend einer nationalen Würde, verlustig aller nationalen Ehrenrechte, solange, bis das die nationalen ' Schranken durchbrechende Individuum zur Wurzel uttd Bedingung der nationalen Existenz zu rückgekchrt war: z n m G e s e tz e. Der Leitartikel des Herrn Sokolow wäre also bei weiteni erquicklicher, wenn er sein zionistisches Judentum nicht homiletisch in die Tca ditiou „hinemstellen", sondern ehrlich erklären möchte: Hie modernes Nationaljudentum hie überliefertes Nationaljudentunt. Eine solche Erkläruttg, die zwar objektiv in dem Artikel enthalten ist, aber subjektiv von dem Artikclschreiber nicht zugegeben wird, würde zur Klärung der Begriffe i nn e r h a l b und außerhalb des zionistischen Lagers noch mehr beigcrragen haben, als es der Artikel und die Ereignisse ohnedies vermocht haben. Eine moderne „Widerlegung“. Bon Marti« Emmerich (Schluß). 5. Herr Dr. Steckelmacher beschuldigt seinen Gegner (S. 6), daß dieser sich aus Parteimotiven bestimmen lasse, erstens in einem Zitat ans Grätz wichtige Worte wegzulassen, zweitens den Unwillen nicht zu erwähnen, den Grätz — angeblich — gegen die deutsche Predigt bekunde, und drittens das starke Mißfallen zu verschweigen, das Grätz gegen die Orgel zum Ausdruck bringe. Die erste Beschuldigung ist unrichtig, wovon sich jeder überzeugen kann, der das Zitat nachprüft. Die zweite Beschuldigung ist lächerlich und gehört in den Zusammenhang etwa mit demselben Rechte hinein, wie die Verschweigung des Umstandes, daß Grätz nicht in Mannheim, sondern in Lions geboren sei und mit Vornamen Hirsch geheißen habe. Sie ist aber noch weise und geistreich zu nennen im Vergleich zur dritten Beschuldigung, die ich hiermit charakterisiert habe. 6. Er weist (S. 9) mit Entschiedenheit eine Behauptung zurück, vor der Herr Dr. Hoffmann nicht „zurückschrecke, daß der Oberrat nur aus Rücksicht auf die religiösen Empfindungen der Begüterten und Mächtigen Aenderungen im Gebetbuch vorgenommen habe." Herr Steckelmacher träumt. Er weiß nicht, was er spricht. Weder explizite noch implizite erwähnt Herr Dr. Hoffmann an der betreffenden Stelle den Oberrat. Er registriert dort vielmehr rein historisch, in Berichtigung einer Note der Denkschrift, daß die späteren Sadduzäer, welche „die Begüterten und Mächtigen und sogar Könige und Hohepriester in ihren Reihen zählten", gleich den SamaritanernGlaubenssätze geleugnet hätten. Wo ist da vom Oberrat die Rede? Warum unterschlägt Herr Dr. Steckelmacher die „Könige und Hohepriester"? Er, der seinem Gegner ohne den Schatten einer Berechttgung ständig Arglist vorzuwerfen sich erkühnt, wagt es skrupellos um eines Wahlerfolges willen zu dem unerlaubten Trick zu greifen, seinem Gegner Behauptungen zu unterstellen, die nur in der eigenen zügellosen Phantasie existieren?! Das sind krumme Wege! 7. Er wirft seinem Gegner vor? (S. 11), daß dieser „gelinde gesagt, mangelhaft zitiere", weil er schreibe, daß der von der Denkschrift gebrachte Hinweis auf das „Zeitbedürfnis" stark an das „unfaßbare, luftige Zeitbewußtsein" der berüchtigten braunschweiger Rabbinerversammlung (Grätz XI 567) erinnere, und weil er dabei verschweige, was Grätz außerdem noch von dieser Versammlung sage. Der Vorwurf ist — gelinde gesagt — deplaziert und ohne Sinn. Nach Herrn Dr. Steckelmacher wäre jeder, der z. B. ein Zitat aus Goethe bringt, verpflichtet, alles,was die Literaturgeschichten über Goethe schreiben, mitzuerwähnen. Andernfalls wäre sein Zitat „mangelhaft". 8. Herr Dr. Steckelmacher bewegt sich in einem unerklärlichen, unentwirrbaren Widerspruch. Er nennt (S. 12) die Behauptung seines Gegners, daß die Gebete überhaupt nicht ausgeschrieben worden seien, falsch, giebt einige Zeilen später nicht nur zu, daß sie tatsächlich nicht ausgeschrieben wurden, sondern giebt auch noch einenGrun d an, warum das nach seiner Meinung nicht geschehen ist. Es wird also zuerst etwas bestritten, was gleich drauf als möglich und schließlich als tatsächlich, ja sogar als notwendig zugegeben wird. Man steht vor einem Rätsel'' 9. Er behauptet (S. 16), es sei „eine 11m wisienheit ohne Gleichen", wenn im Sendschreiben: geleugnet werde, daß tatsächlich eine „lebendige Entwickelung" der Gebete stattgesunden Habe- Herr Dr. Steckelmacher scheint zu träumen - denn Herr Dr. Hoffmann sagt genau das Gegenteil von dem, was ihm hier in den Mund gelegt wird. Er leugnet es nicht nur nicht, sondern er setzt es als eine allgemein bekannte Tatsache voraus, daß „unser Siddur nicht auf einmal entstanden ist, sondern nach und nach durch allmähliche Entwickelung". (Sendschreiben S. 11.) Hält Herr Dr. Steckelmacher eine so geartete Kampfesweise für erlaubt? 10. Er polemisiert gegen Herrn Dr. Hoffmann (S. 16 f) über die Auffassung zweier Stellen des Mischne Thora in einer Weise die geradezu verblüffend wirkt. Wer Sinn für Humor hat, der kann hier auf seine Kosten kommen. In seinem blinden Eifer plädiert hier nämlich Herr Dr. Steckelmacher, der die Unschuld des Delinquenten — des oberrätlichen Gebetbuches — erweisen will, auf schuldig. Herr Dr. Hoffmann hatte nämlich betont, daß nach Maimonides nicht der Wortlaut, sondern der Inhalt einer Benediktion deren „Prägung" sei, und Herr Dr. Steckelmacher sucht nun zu beweisen, daß nach Maimonides sogar die geringste Veränderung des Wortlauts eine Veränderung der „Prägung" - sei, d. h. daß die Schuld des Delinquenten noch viel evidenter erwiesen ist. In Juriftenkreisen würde man eine Verteidigung, die so argumentiert, einen „mildernden Umstand" nennen. 11. Herr Dr. Steckelmacher bestreitet (S. 18) die von seinem Gegner konstatierte und über allem Zweifel erhabene Tatsache, daß im Badischen i Gebetbuch „nach der übereinstimmenden Ansicht aller Dezisoren gegen die Halacha ven stoßen wird." Er richtet dabei geflissentlich eirr heilloses Tohu-Wowohu an, indem er das Wort „aller", das auf die Dezisoren geht, auf gewisse „neuere Orthodoxe" anwendet und bezieht und über sie Zeter schreit. Scheltend-schlüpft er über eine unzweifelhafte Tatsache hinweg und liefert durch seine Sophisterei den untriiglichen Beweis, wie recht Herr Dr. Hoffmann hat, wenn er in seinem Sendschreiben (S. 14) ftagt: „Warum sagen die Herren nicht die Wahrheit rund heraus: ,,£er Talmud und die Kodizes find fett, verwirrt. — „Er ist mein einziger, mein Ernährer. Ich unglückliche Witwe! . . Der Tuchhändler zuckte mit den Achseln und sagte nur: „Er sei die Polizei nicht!" „Die Polizei!" Ein neues, bluttriefendes Wort. Die Witwe lies in wahnsinniger Verzweiflung zum Pristav. Was wollte sie dort — womit wollte sie die Unschuld ihres Kindes beweisen? Sie wollte ihn nur sehen, sagen, sie sei die Mutter. Sollte man ihren Schmerz nicht begreifen, respektieren? Im Wartezimmer des Pristavs traf sie nur den Polizisten Peter. „Was willst?" fuhr sie dieser barsch an. „Mein Kind, mein Joseph!" konnte die Arme nur herausbringen. „Dein Kind, Dein Joses ist nicht hier! Fort zum T . . . Judenweib!" — schrie Peter und schob sie unsanft zur Tür hinaus. Sie lies weiter. Wohin? Was wollte sie unternehmen? Auf einmal blieb sie stehen. Sie befand sich, sie wußte selber nicht wie, vor dem Palaste oes Höchsten, des Jnspravinks. Ein Galawagen mit livriertem Kutscher, der vor der Freitreppe hielt und ein bewaffneter Wachtposten ließen ans etwas Außerordentlicl)es schließen. Lea sah nichts. Ihre Augen waren bedeckt mit einem Nebel flor, ihre Füße wankten, als sie die Treppe bestieg. „Wohin?" schrie der Soldat, drohend die Waffe bewegend. Als sie, den Ruf unbeachtet lassend, weiter wollte, hatte-sie unversehens einen Kolbenstoß, daß sie die wenigen stein.ruen Stufen hinabtaumelte. Sie erhob sich und blieb stehen, thränenlos, starr, sie wollte geduldig ausharreud, vor d-w Mauern, Hinter denen sich, wie sie vermutete, das Schicksal ihres Kindes entschied, stehen bleiben. Fühl reu fte es da drinnen nicht, daß sie, die es am meisten anging, die Mutier, draußen steht? (Fortsetzung folgt.) (Der Palast Rebukadnezars.) Jahrelang iuhd nun schon in Babylon mit entsagungsvollem Eifer an der überaus schwierigen und zeitraubenden Freilegung des riesigen Palastes gearbeitet, von dem aus einst Nebukadnezar (605—568 v. Ehr.) sein gewaltiges vorderasiatisches Reich beherrschte^ — jener Nebukadnezar, der 586 v. Ehr. die Stadt Jerusalem zerstörte und ihre Beivohner in die babylonische Gefangenschaft führte. Je mehr uns nun der Spaten der Deutschen Orient-Gesellschaft ausdeckt, um so deutlicher erkennen wir, daß der Palast Nebutadnezars eine dieses Eroberers würdige imponierende Gestalt besessen hat. Sein südlicher Flügel, die sogenannte „Südburg", ist jetzt bis auf einen ganz kleinen Teil freigelegt. Es hat sich gezeigt, daß der Palast von einer doppelten. Ziegelmauer von 7 bezw. 1% Meter Stärke umgeben war. Beide Mauern lagen etwa 12V2 Meter auseinander, und der äußeren >var dann noch eine kleinere 3,5 Meter dicke dritte Mauer vorgelagrt. So war die Residenz des Königs mit einer gewaltigen Festungsanlage umgeben, und ein regelmäßiger, wohlgeordneter Wachdienst auf den Türmen der Jnnenmauer, die von ca. 10 zu 40 Meter einander folgten, und von denen aus man weithin das Land überschaute, wird gegen alte von außen drohende Gefahr für die Sick)erheit des Herrschers und seines Hofes gesorgt haben. Die Ziegel dieser Mauern sind mir dein Namen König Nebukadnezars gestempelt. Auch im Innern der Stadt sind die Grabungen fortgesetzt und stellenweise bis zum Grundwasser durchgeführt worden. Man sar,d meist zwei Schichten von Privathäusern nebeneinander, jede etwa 2 Meter hoch. Darunter lag eine 6 Meter starke Schuttschicht, und unter dieser, unmittelbar über dem Grundwasser stieß man wieder auf Hausruinen. In allen diesen Schichten fanden sich Gräber, die aber stets einer späteren Zeit angehörten als die Häuser. Unter den Särgen sind eine Anzahl von kurzen Tonsarkophagen merkwürdig, in denen die Leichen — zum Teil sicher aus Nebutadnezars Zeit stammend — in hockender Stellung, mit ungezogenen Knien, beigesetzt waren,, eine Bestattungsart, die wir an anderen Orten, z. B in Aegypten nur aus sehr viel älterer Zeit kennen.. Den Leichen waren stets einige oder mehrere Tontöpfe und Schalen mit in den Sarg gelegt. Daneben . fanden sich auch größere, zum Teil glasierte Gefäße. Einige sind mit einer schönen milchweißen, mit bunten Ornamenten reich verzierten Emaille überzogen, und auch die Reste einer Emaille-Schmelzwerkstätte, die einst diese Waren produzierte, sind zutage gefördert worden. Die weiblichen Leichen tragen gewöhnlich goldene Ohrringe und 4—6 bronzene Fußringe, die zum Teil noch an den Gelenken saßen. In dem Grabe emer jungen Frau fand man eine große Anzahl kleiner schöner Glasperlen und ein Halsband aus 15 goldenen, mit kleinen Buckeln verzierten Knöpfen. An die Unterseite dieser Knöpfe sind zierliche Oesen angelötet, die offenbar zum Festmachen auf einem Bande bestimmt waren. In den untersten Schichten stieß man aus Leichen ohne Särge, die zum Teil wie gewaltsam Getötete dazuliegen schienen. Professor Koldewey erkennt darin wohl mit Recht die Spuren der furchtbaren Zerstörung, die Babylon fast ein Jahrhundert vor Nebukadnezar durch den Assyrerkönig Sanherib erlitten hatte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.